Kapitel 31 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
Yarrow ging nicht schon vor, um zu beweisen, dass er ganz allein zurechtkam – eine angenehme Überraschung. Stattdessen nahm er seinem Vater die Schnurrolle ab, brummte dazu (es klang beinahe wie ein Dankeschön) und begleitete Terlu zum Sonnenblumenlabyrinth. Das Puzzle an der Tür stellte keine Schwierigkeit mehr dar. Yarrow löste es rasch. »Nach dir!«
Terlu trat ein und hielt das Honigbuttertöpfchen hoch. »Hallo, kleine Drachen!«, rief sie.
Am Himmel schimmerte das nachgeahmte Nordlicht, und zwischen den Sonnenblumen schwirrten wie Honigbienen die Drachen herum. Einer, er hatte glänzende rote Schuppen, zwitscherte eine Begrüßung. Vielleicht war es auch eine Warnung … Unfreundlich klang es jedenfalls nicht.
Sie hielt das Töpfchen höher. »Habt ihr Lust, uns zu begleiten? Wir gehen auf Schatzsuche!«
»Ich glaub wirklich nicht, dass sie uns verstehen …«
Da kamen drei Drachen angeflogen: der rote, ein gold-schwarz gefleckter und ein schillernder smaragdgrüner. Sie flatterten heftig mit ihren schmetterlingszarten Flügeln und ließen sich auf Terlu nieder, auf jeder Schulter einer, und der rote kuschelte sich in ihre Locken. »Siehst du? Sie wollen mit!«
»Mögen dich denn wirklich alle?«, fragte Yarrow indigniert.
Sie lachte. »Ich kann dir eine ganze Liste mit Leuten geben, die mich nicht leiden können.«
»Also eine Liste voller Trottel.«
Wieder strahlte sie ihn an.
Gemeinsam verließen sie die Gewächshäuser und gingen auf den Anleger zu. Der Himmel war nun wolkenlos blau, und der frisch gefallene Schnee glitzerte in der Sonne wie Diamanten. Sie erzählte den kleinen Drachen, wohin sie wollten und was sie dort zu finden hofften. Natürlich hatte sie keine Ahnung, wie viel bei ihnen ankam, aber immerhin setzten sie sich nicht ab, um selbst im Wald nach Schätzen zu jagen. Vielleicht konnten sie ihre Worte ja wirklich deuten? Oder sie ließen sich bloß gern von ihr herumtragen.
Hinter dem letzten Cottage, aber noch vor dem Turm des Zauberers, bog Yarrow von der Straße ab und führte sie in den Wald. Der Schnee war verharscht. Yarrow brach mit jedem Schritt ein, und Terlu machte große Schritte, um ihre Füße in seine Spuren setzen zu können. Es war kälter geworden. Alles war von Eis umhüllt, auf dem die Sonne gleißte. Den Drachen schien die Kälte nichts auszumachen. Sie tschilpten fröhlich, und die Vögel antworteten ihnen mit ihren eigenen Gesängen. Das Ganze klang wie ein Orchester, das noch übte.
Yarrow führte sie zur Küste. Das Gelände fiel zum Strand ab. »Pass gut auf.« Er hielt ihr die Hand hin, um ihr den Hang hinabzuhelfen.
Der smaragdgrüne Drache gurrte ihr ins Ohr.
Schäumend rollten die Wellen über den nassen Sand. Terlu folgte Yarrow zum Eingang der Höhlen. Er wirkte wie ein Tor in die Finsternis, und das war er sicher auch. Es gab ja keinen Grund, wieso Höhlen beleuchtet sein sollten. Unheimlich waren sie deswegen noch lange nicht. Wovor sollte sie sich auch fürchten? Im Gegensatz zu Yarrow hatte sie schließlich als Kind nichts Schlimmes hier erlebt.
Es ist bloß dunkel da drin, sagte sie sich. Und ich muss ja nicht alleine rein. Er auch nicht. Nur für den Fall, dass er das hören musste, sagte sie ihm das. »Diesmal bist du nicht allein.«
»Ich hab keine Angst.«
»Ich aber! Da drin ist es schwarz wie die Nacht und bestimmt so richtig höhlig …«
Er lächelte. »Willst du Händchen halten?«
»Immer, gruselige Höhlen hin oder her.« Hand in Hand tauchten sie ins Halbdunkel. Als das Tageslicht hinter ihnen zurückblieb, ließ er sie los, um die Laterne anzuzünden – aber nur kurz. Die Drachen quieksten, als das Licht in die dunklen Winkel drang. Der rote flog von Terlus Kopf auf und kreiste um die Laterne.
»Die Höhlen hier sind ein Labyrinth«, erklärte Yarrow ihm, »und wir suchen nach einem verborgenen Schatz. Würdet ihr uns helfen? Dafür bekommt ihr so viel Honig, wie ihr nur wollt!«
»Der Schatz besteht ganz aus Schalen wie dieser hier.« Terlu hob eine Muschel auf, die zusammen mit Sand in die Höhlen gelangt war. Sie hatte ihnen unterwegs ja schon alles erklärt, aber nun wiederholte sie es, in der Hoffnung, es ihnen begreiflich zu machen. »Ein ganzer Haufen Schalen und Panzer ganz verschiedener Art muss es sein: Vogeleierschalen, Schildkrötenpanzer, Nuss- und Muschelschalen …« Wieder hielt sie ihnen das Honigbuttertöpfchen hin.
Der rote Drache packte es, krächzte und flog damit in die Finsternis.
»Ihm nach?«, fragte Yarrow.
Sie hatte keine Ahnung. »Ich versteh sie ja auch nicht. Glaub schon …«
Er band das Ende der Schnur um einen Felsen. »Also gut. Dann mal los!« Gemeinsam gingen sie tiefer in die Höhlen. Der Drache auf Terlus rechter Schulter schwang sich in die Lüfte. Einen Moment sahen sie seine Schuppen noch im Lampenlicht glitzern, dann verschwand er vor ihnen in der Dunkelheit.
Als es um eine Biegung ging, flog der dritte Drache davon.
Terlu vermisste das Gewicht auf den Schultern. Sie hatte die Drachen ja selbst darum gebeten, und dennoch … Sie drückte Yarrows Hand. »Alles in Ordnung?«
»Ja. Dieses Mal ist alles anders.«
»Gut. Ich war noch nie in einer Höhle! Wie’s scheint, fühle ich mich im Dunkeln nicht allzu wohl. Das war mir gar nicht klar. Bevor wir hier reingegangen sind, meine ich. Nachdem sie mich in eine Statue verwandelt hatten …« Sie brach ab, schluckte. »Eine Weile stand ich in einer Abstellkammer. Da haben sie mich gelassen und den Sockel im nördlichen Lesesaal gebaut. Wie einen Stuhl, den man wegräumt und vergisst. Ja, ich dachte, sie hätten mich vergessen. Und eine Zeitlang … habe ich mich wohl selbst vergessen.« Sie hatte nicht erwartet, dass die Höhlen gerade diese Erinnerung wachrufen würden. Darauf hätte sie lieber verzichtet.
»Es tut mir leid, dass dir das zugestoßen ist.« Seine Stimme war beinahe so warm wie eine Umarmung.
»Dann holten sie mich aus der Kammer, und das Licht brachte mich ein bisschen zu mir. Sie stellten mich im nördlichen Lesesaal auf. Und ich …« Ihre Stimme schwankte. »Ich habe ihnen gedankt. Gedankt! Im Kopf, meine ich, sprechen konnte ich ja nicht. Aber ich war ihnen wirklich und wahrhaftig dankbar für diese kleine Gnade – für das Sonnenlicht und die Gesellschaft. So konnte ich die Leute anschauen, die kamen, um mich anzustarren. Konnte meiner eigenen Geschichte lauschen, auch wenn sie sie nicht richtig erzählt haben … Natürlich nicht. Irgendwann habe ich nicht mehr zugehört. Und schließlich verloren sie das Interesse an mir. Sie hatten sich an mich gewöhnt und sahen mich nicht mehr als jemanden, der einmal ein Mensch gewesen war. Ich kann es ihnen nicht einmal vorwerfen, denn ich stand ja wirklich jahrelang dort.« Sechs Jahre.
»Darf ich sie an deiner Stelle hassen? Diejenigen, die dir das angetan haben.«
»Ich war selbst schuld. Ich habe das Gesetz gebrochen und mich erwischen lassen.«
»Deine Strafe war viel zu hart.«
»Das fand der Richter nicht.«
»Ich werde nicht zulassen, dass dir noch einmal so etwas angetan wird!«
Wieder ging es um eine Kurve. Sie wickelten die Rolle immer weiter ab. Wo waren wohl die Drachen? Sie hörte ihren Flügelschlag nicht mehr, nur noch das Knirschen von Kieselsteinen unter Yarrows und ihren Stiefeln.
»Du kannst es möglicherweise nicht verhindern.«
»Vielleicht haben meine Verwandten recht, und die Gefahr ist längst gebannt. Während du und ich … mit anderen Dingen beschäftigt waren, hat sich die Welt da draußen verändert. Und dort bist du auch nicht mehr. Du bist jetzt auf Belde. Hier ist alles anders.«
Er mochte recht haben. Sie war nicht in Alyssium, und das Inselreich war untergegangen. Es war durchaus möglich, dass sie und ihr Verbrechen in Vergessenheit geraten waren. Aber falls nicht … Ihretwegen durfte niemandem etwas passieren. Das durfte sie nicht zulassen. Die Zauber hatte sie entschlüsselt und gewirkt. Sollte ein kaiserlicher Ermittler nach Belde kommen, würde sie die volle Verantwortung übernehmen. Wenn es sein musste, würde sie behaupten, sie habe die sprechenden Pflanzen dazu gezwungen, das Glas zu reparieren.
»Außerdem haben die Pflanzen auch noch ein Wörtchen mitzureden.« Es war, als hätte er ihre Gedanken gelesen. »Sie werden nicht dulden, dass du ihnen weggenommen wirst.« Er drückte ihre Hand. »Auch du bist nicht mehr allein.«
Diese Worte erschütterten sie. Wie oft hatte sie zu ihm gesagt, er sei nicht allein, müsse nicht allein sein, und es sei besser, nicht allein zu sein? Aber sie hatte nicht darüber nachgedacht, was das für sie selbst bedeutete. Dabei hatte auch er so etwas schon gesagt. Dieses Mal ließ sie zu, dass ihr die Botschaft ins Bewusstsein drang. Und es waren nicht bloß Worte gewesen, sondern er hatte es ihr auch gezeigt: mit jedem Honigkuchen, den er ihr gebacken, jedem Gewächshaus, das er ihr gezeigt, jedem Nachmittag, den er mit ihr und den Zauberexperimenten verbracht hatte.
Ich bin nicht mehr allein.
Sie hatte ihren Platz gefunden. Eine Gemeinschaft. Und sie bestand nicht nur aus ihnen beiden – es gehörten auch Emeral, die sprechenden Pflanzen, die kleinen Drachen und nun sogar Yarrows Familie dazu.
Wunderbarerweise hatte diese verlassene Insel sich mit Leben gefüllt.
Schließlich mündete der Tunnel in eine Höhle so groß wie eine Konzerthalle. Yarrow blieb stehen. »Hieran erinnere ich mich.« Er hob die Laterne, aber es war gar nicht so dunkel: Von weit oben fiel ein Sonnenstrahl herein und verwandelte die Finsternis in Dämmerdunkel. Tropfsteine wuchsen aus Decke und Boden aufeinander zu, manche zu Säulen zusammengewachsen. Das wenige Sonnenlicht ließ die nassen Oberflächen glänzen und brachte die zarten Farben des Gesteins zur Geltung.
Terlu staunte mit weit aufgerissenen Augen. »Wie bezaubernd!«
Auf einer Seite tropfte Wasser an elfenbeinweißem Stein herab und färbte ihn grün und kupferrot. Sie hatte ja nicht geahnt, wie viel Schönheit unter der Insel verborgen lag.
»Komm mit«, sagte er.
Er führte sie unter geschwungenen Kalkbögen hindurch. Sie blickte zu den Steinspitzen auf, an denen Wassertropfen glitzerten. Wer wusste wohl sonst noch von alldem? War Laiken hier gewesen? Was hatte er bei diesem Anblick gedacht und empfunden? Hatte ihn Ehrfurcht erfüllt, oder hatte er in seinem Wahn gar nichts gesehen?
Yarrow zwängte sich geduckt durch eine Öffnung, und Terlu folgte ihm in eine Felsnische, in die das Licht des einzelnen Sonnenstrahls nicht vordrang. Yarrow hob die Laterne. Hier hatten Wasser und Stein zarte Vorhänge gebildet, die an Spitze erinnerten. »Ich war noch einmal in den Höhlen«, erzählte er. »Nur ein einziges Mal, Jahre später. Ich wollte mir selbst beweisen, dass … Tja, das ist wohl einerlei, denn es hat nicht geklappt. Eine Stunde lang hab ich durchgehalten, dann bin ich wieder rausgerannt. Aber an diese Höhle erinnere ich mich noch gut.«
»Ich finde sie wunderbar.«
Er lächelte.
Sie hatte nicht gewusst, dass Gestein so aussehen konnte. Als wäre es durch Magie geformt worden, nicht durch Wasser und Zeit. Aber vielleicht waren Wasser und Zeit auf ihre Weise ja auch Magie.
»Ich wollte es noch einmal mit dir zusammen sehen«, sagte er. »Um zu schauen, ob es anders ist, wenn du dabei bist. Und das ist es. Du veränderst alles.«
»Wahnsinn«, hauchte sie. Dann zuckte sie innerlich zusammen. Das war ihre Antwort? Der Mann, den sie liebte, sagte etwas derartig Romantisches, und sie … Den sie liebte? Der Gedanke war ihr nun schon zum zweiten Mal gekommen, als wäre es die natürlichste Sache der Welt. Liebe ich ihn denn? Sie kannte ihn doch erst seit ein paar Wochen. Noch nicht einmal eine Jahreszeit. Und doch war ihr, als bestünde eine tiefe Verbindung zwischen ihnen, als gehörte er zu ihr wie ihr eigener Atem.
Sie hörte Flügelschlag. »Ich glaube, das sind …«
»Entweder Fledermäuse oder Drachen.«
»Fledermäuse sind leiser.« Sie schlüpfte wieder in die Felsenhalle hinaus. An der Decke beschrieb der rote Drache Achten zwischen den Stalaktiten. Er hatte etwas in den Vordertatzen.
Yarrow hielt die Laterne hoch, damit der kleine Drache sie sah.
Er kam herabgestoßen und ließ seine Beute in Terlus Hände fallen.
Es war eine Muschelschale.
Ihr Herz schlug schneller. Yarrow legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Ist das …«
»Kannst du uns zeigen, wo du das gefunden hast?«, fragte Terlu den Drachen.
Er flog voran, führte sie wieder in die Finsternis. Yarrow leuchtete ihnen mit der Laterne. Nach etwa einer Stunde war die Rolle Bindfaden beinahe ganz abgewickelt. Terlu hatte einen Kohlestift in der Tasche. Vielleicht konnte sie damit den Rest des Wegs markieren? Das sollte gehen.
Sie beschwerte das letzte Stück Schnur mit einem Stein und ging dazu über, Pfeile an die Felswand zu malen. »Wie weit erstrecken sich diese Tunnel?«
»Bis in die Unendlichkeit«, brummte er.
»Unwahrscheinlich.«
»Keine Ahnung. Unter der ganzen Insel hindurch?«
»Das klingt schon wahrscheinlicher. Geht’s dir gut?«
Er zögerte kurz. »Die Pfeile sind eine gute Idee.«
»Leider hab ich nur den einen Stift.«
»Wenn er alle ist, kehren wir um.« Yarrow hob die Laterne höher. Licht flackerte über den Kalkstein, und am Boden wanden sich Schatten. Terlu stellte fest, dass sie das Meer nicht mehr roch. Die Luft hier unten war feucht und muffig und hinterließ einen schwachen Kupfergeschmack auf der Zunge. »Nichts ist es wert, dass wir uns hier unten verirren.«
»Aber die Drachen haben eine Muschel gefunden!«
»Trotzdem.«
»Wenn wir die Zutaten nicht vernichten …«
Er blieb stehen. Seine Hand war feucht von Schweiß, aber er drückte ihre ganz fest. »Dann soll es so sein. Wir lassen die verzauberten Gewächshäuser sterben und bauen eigene. Retten so viele Pflanzen, wie wir nur können. Ich riskiere ganz bestimmt nicht dein Leben für den Traum eines toten Zauberers!«
»Aber du liebst die Gewächshäuser!«
»Dich liebe ich mehr«, sagte er.
»Oh!« Mit einem Mal klang ihre Stimme hoch und dünn.
Yarrow blickte an ihr vorbei, und seine Augen wurden groß. »Allerdings glaube ich nicht, dass es so weit kommen wird. Schau nur!« Er gestikulierte mit der Laterne, und sie drehte sich um. In der Mitte der nächsten Höhle kreisten die drei Drachen um einen Altar aus Stein.
Darauf lag ein riesiger Schildkrötenpanzer, gefüllt mit hunderten Muscheln und Panzern.