Kapitel 32 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
Die drei kleinen Drachen tauschten ihren Fund bereitwillig gegen die Honiggläser. Laiken hatte alles sorgsam angeordnet. Auf dem Felsenaltar lag umgedreht der Schildkrötenpanzer; wie eine große Schale sah er aus. Die übrigen Zauberzutaten bildeten darin eine Spirale. Sie überlappten einander wie Schindeln. Das perlmutterne Innere der Muschelschalen schimmerte im Licht der Laterne. So viel Zeit war verstrichen, und doch war alles gut erhalten. Kein Wunder, dass der Zauber noch immer wirkte. Wenn ihn niemand aufhob, würde er jedes einzelne Gewächshaus zerstören, und von den wundersamen Blumen, Bäumen und Lianen bliebe nichts zurück.
Yarrow stellte die Laterne hin und holte ein Bündel vertrockneter Pflanzen aus der Tasche. »Aus einem der toten Gewächshäuser. Kam mir richtig vor.« Er legte das Bündel in den Schildkrötenpanzer.
»Mir ist, als sollten wir irgendwas Feierliches sagen«, meinte Terlu.
Yarrow brummte, zog den Funkenschläger hervor und steckte die vertrockneten Pflanzen an. Er hatte noch mehr Brennmaterial dabei und fütterte das Feuer damit. Rauch stieg zur Höhlendecke auf.
Sie wichen alle zurück. Die Drachen zwitscherten. Aus dem Schildkrötenpanzer qualmte es heftig, und immer wenn die Flammen kleiner wurden, trat Yarrow vor und legte nach.
Erst nach einer ganzen Weile ließ er das Feuer ausgehen.
Terlu hielt sich einen Ärmel vor Mund und Nase und trat an den Altar, um in den Schildkrötenpanzer zu schauen. Von den Nussschalen, Muscheln und Chitinpanzern war nur noch Asche übrig.
Yarrow hob den schwelenden Panzer auf. »Ich glaube, das war’s.«
»Streuen wir die Asche ins Meer«, schlug Terlu vor. »Die Strömungen werden sie forttragen.«
Sie folgten den Markierungen zurück zum Ende der Schur. Terlu hob es auf. Beim Gehen wickelte sie die Schnur auf. Die drei Drachen machten es sich wieder auf ihren Schultern und ihrem Kopf gemütlich. Einer kaute direkt neben ihrem Ohr auf einer Honigwabe herum und schlürfte dabei ganz entzückend.
»Haben wir die Gewächshäuser wirklich gerettet?«, fragte Yarrow.
»Ich weiß es nicht. Aber ich glaub schon …« Sie fühlte sich an ihre eigene Situation erinnert. Da sie von der erfolgreichen Revolution wusste, glaubte sie, dass sie gerettet war – aber konnte sie wirklich sicher sein? Einen Rest Ungewissheit musste sie wohl ertragen. Soweit sie sagen konnte, waren die Gewächshäuser Beldes mit ihrer Pflanzenvielfalt außer Gefahr. Und das Gleiche galt für sie. Vielleicht war das im Leben einfach so. Man konnte immer nur das Beste hoffen.
Als sie schon einen richtigen Ball aus der Schnur gewickelt hatte, hörte sie vor ihnen im Tunnel Stimmen. Der Drache auf ihrem Kopf schlug mit den Schwingen und krähte. Die Stimmen wurden lauter und sprachen aufgeregt durcheinander.
Licht huschte über die Wände. Jemand rief:
»Terlu? Yarrow? Seid ihr das?«
»Hier sind wir!«, rief Terlu zurück.
Sie kamen um eine Biegung und sahen, dass ihnen ein ganzer Trupp entgegenkam. Birch und Rowan marschierten an der Spitze. Lotti thronte auf Rowans Schulter. Dendy hüpfte neben ihnen her. Weiter hinten erspähte Terlu Onkel Rorick und Ambrel, und die übrigen sprechenden Pflanzen wuselten ihnen um die Beine. Yarrow sog scharf den Atem ein, und da begriff Terlu etwas. Es hatten ja alle gewusst, dass sie hier unten waren, und es war auch abgesprochen gewesen, dass man sie notfalls holen kommen würde. Doch obwohl so viele Jahre vergangen waren, seit Yarrow als kleiner Junge allein durch die Finsternis geirrt war, hatte er offenbar nicht daran geglaubt, dass seine Familie nach ihm suchen würde.
Rowan grinste, als sie ihn sah. »Ah, ihr seid weder tot noch verschollen. Super!«
»Schön, dass du dich darüber freust«, bemerkte Yarrow.
»Klar freu ich mich … Moment mal! Bist du etwa gut gelaunt? Du lächelst ja!« Sie drehte sich zu ihrer Frau um. »Ambrel, siehst du das? Liegt da ein Lächeln auf dem Gesicht meines Bruders?«
»Ich bin durchaus dazu in der Lage.«
»Hätte ich nicht drauf gewettet.«
Birch warf einen Blick auf den verkohlten Schildkrötenpanzer voller Asche. »Also habt ihr die Zutaten gefunden?«
»Und verbrannt«, bestätigte Yarrow. »Die Überreste werfen wir ins Meer.«
Birch seufzte tief. »Die ganze Zeit war die Lösung aller Probleme hier unten … Und ich habe einfach aufgegeben. Es tut mir wirklich leid. Ich dachte … so einiges, was sich als falsch herausgestellt hat. Trotzdem hätte ich unserer Heimat nie den Rücken kehren dürfen – und schon gar nicht dir.«
Das war eine richtige Entschuldigung.
Terlu schaute Yarrow an: Offenbar war er derselben Ansicht. Anders als Birchs vorige Versuche schien dieser von Herzen zu kommen. Birch wollte sich nicht mehr nur mit Yarrow aussöhnen, er hatte auch endlich verstanden, was überhaupt schiefgegangen war.
Rowan verdrehte die Augen. »Das kannst du dir nun wirklich nicht vorwerfen. Keiner von uns wäre je auf den Gedanken gekommen, dass Laiken … He, sind das Drachen? Aus dem Labyrinth?«
Die drei Tierchen schnatterten fröhlich.
Rowan gurrte. Einer der Drachen schwang sich in die Lüfte, landete auf ihrer Schulter und begann sofort, mit den Vordertatzen ihre Zöpfe zu bearbeiten wie eine Katze, die die Bettdecke knetet. Sie lachte. »Das kitzelt!«
Die anderen beiden Drachen blieben bei Terlu. Einer legte den Schwanz um ihren Nacken wie eine warme Kette. Der andere rollte sich auf ihrem Kopf zusammen.
Alle zusammen folgten sie der Schnur. Unterwegs berichtete Dendy Terlu und Yarrow, wie die sprechenden Pflanzen mit den Sprüngen vorangekommen waren. Sie wollten allen Interessierten den Spruch beibringen. Lotti hatte Laikens Geist besucht und ihm erzählt, dass sie nach den Zutaten für seinen missglückten Zauber suchten. Sie glaubte, dass er sich darüber freute. Allerdings war es schwer zu sagen, denn es war nicht mehr viel von ihm übrig. Der geisterhafte Wind roch nun eher nach Lavendel, was Stinkkohl Lottis Meinung nach vorzuziehen war.
Als sie ins Freie kamen, war das Meer näher gekommen. Die Wellen leckten an den Kieseln nicht weit vom Eingang der Höhle. »Wir sollten die Asche vom Anleger aus ins Wasser kippen«, schlug Yarrow vor. »Da ist es tiefer.«
»Werfen«, korrigierte Terlu. »Wir werfen sie.«
»Das ist doch dasselbe.«
»Aber es klingt viel dramatischer. Worte sind von Bedeutung.« Die richtigen konnten zersprungenes Glas heilen. Herzen. Familien. Zerstörte Leben.
»Ein Jammer«, brummte Yarrow. »Mit Worten bin ich nicht so gut.«
»Doch, bist du. Wenn es drauf ankommt.« Sie lächelte ihn an und hakte sich bei ihm ein. Die Laterne gab er seinem Vater, aber den Schildkrötenpanzer behielt er. Gemeinsam stiegen sie den Hang hoch und folgten den vielen Fußspuren durch den Wald zur Straße. Dann bewegte sich der kleine Festzug auf den Anleger zu.
Yarrow und Terlu gingen allein zum Ende des Stegs, während die anderen am Ufer warteten.
»Machst du’s?«, fragte Yarrow.
»Das solltest du übernehmen. Du hast am meisten unter dem Zauber gelitten.«
»Aber du hast das Problem gelöst.«
»Wir beide?«, fragte sie.
»Wir beide!«
Gemeinsam warfen sie die Asche in die Wellen. Den Schildkrötenpanzer ließen sie folgen. Zuerst dümpelte er auf dem Wasser, aber dann lief er langsam voll.
»Vermutlich wird er an den Strand gespült«, sagte Yarrow.
»Nicht weiter schlimm. Das hier war eher symbolisch. Das Feuer hätte gereicht.«
»Gut.«
Schweigend sahen sie zu, wie der Schildkrötenpanzer versank.
Sie machten sich alle zusammen auf den Rückweg.
Am Turm des Zauberers bat Lotti, dass man sie hineinließ. Sie wollte Laiken sagen, dass seinen Pflanzen nun nichts mehr geschehen konnte, bekam jedoch allein die Tür nicht auf. Rowan setzte ihren Drachen wieder auf Terlus Schulter und ging dann mit Ambrel und Lotti zum Turm.
Birch und Rorick verabschiedeten sich bei den Cottages, um bei der Arbeit an Dächern, Fenstern und Kaminen zu helfen. In zweien konnte man bereits leben: dem blauen und dem, das in den Farben des Sonnenaufgangs gestrichen war. Nun war das nächste an der Reihe. Es gab noch viel zu tun, aber immerhin mussten nicht mehr alle dicht an dicht in der Werkstatt schlafen.
Die Pflanzen kamen mit in die Gewächshäuser, sausten dann aber davon, um weiter Sprünge im Glas zu heilen. Terlu und Yarrow brachten die kleinen Drachen zurück ins Sonnenblumenlabyrinth.
Kaum war die Chrysanthementür offen, flogen sie auf. Sie trillerten und gurrten fröhlich, und die anderen Drachen begrüßten sie lautstark. Das Nordlicht tanzte grün und golden über den Himmel.
»Danke für eure Hilfe!«, rief Yarrow ihnen nach.
Terlu stellte die Honiggläser auf die Schwelle, wo die kleinen Drachen sie leicht erreichen konnten. »Von jetzt an lassen wir die Tür offen.« Sie schaute Yarrow fragend an, und er nickte. Sie mussten es nicht so halten wie Laiken, der sowohl den Pflanzen mit Bewusstsein als auch den anderen magischen Bewohnern Beldes so enge Grenzen gesetzt hatte. Höchste Zeit, dass sich die Dinge hier ändern. »Lasst uns wissen, wenn ihr mehr Honig wollt!«
Die drei Drachen flitzten zurück ins Labyrinth. Terlu und Yarrow schauten noch eine Weile zu, wie sie über den Sonnenblumen herumtollten. Ob sie wohl gerade den anderen Drachen erzählten, was sie erlebt hatten? Ach, ganz sicher.
»Glaubst du, wenn die Tür offen steht, verlassen sie das Labyrinth?«, fragte Yarrow besorgt.
»Ja. Aber sie kommen auch wieder zurück. Ihre Angehörigen und Freunde sind ja alle hier.«
»Hmm. Und ihr Hort.«
»Stimmt.«
»Ob sie den Honigkuchen mochten?«, überlegte Yarrow. »Nächstes Mal könnte ich vielleicht kleinere Küchlein backen, die sie besser tragen können …«
»Das würde ihnen bestimmt gefallen.«
Schließlich brachen sie auf und spazierten durch die Gewächshäuser zurück. Terlu erwartete, dass er jeden Moment davonstürzen würde, um Unkraut zu jäten, Sträucher zu beschneiden oder Blumen umzutopfen, aber das tat er nicht. Vielleicht empfand er keinen so großen Druck mehr, weil das Wohl der unzähligen Pflanzen nun nicht mehr nur an ihm hing. Wie dachte er wohl darüber, dass Birch in die unterirdischen Höhlen herabgestiegen war, um ihn zu suchen? Natürlich war er kein Kind mehr und hätte keine Hilfe gebraucht. Aber es war immerhin ein Anfang, oder? Fragen würde sie ihn nicht. Er sollte ungestört darüber nachdenken können.
»Jetzt heißt es abwarten«, sagte er. »Ob noch weitere Gewächshäuser versagen, meine ich.«
»Was anderes bleibt uns wohl nicht übrig.« Die Zeit würde erweisen, ob sie Erfolg gehabt hatten. Aber sie war zuversichtlich. Sie vertraute ihrer Übersetzung von Laikens letztem Notizbuch.
»Hmmm.«
Als sie im Rosenhaus unter den umrankten Bögen voller rosa, roter und weißer Blüten hindurchgingen, schlang Yarrow einen Arm um ihre Taille. »Nun, da du alles gerettet hast, was mir im Leben etwas bedeutet – was möchtest du als Nächstes machen?« Sie lehnte sich an ihn und atmete zusammen mit dem Rosenduft seinen Geruch ein: eine Mischung aus Honig und Meer, süß und salzig.
Sie überlegte. »Ich glaube, ich … möchte einen Brief schreiben.«
»Oh. Ach ja?«
Je länger sie darüber nachdachte, desto sicherer war sie sich.
»Mit der Antwort habe ich nicht gerechnet«, gab er zu.
»Ich will meine Familie wissen lassen, dass ich am Leben bin. Und glücklich.« Jetzt war sie dazu bereit. So vieles hatte sich verändert. Sie war nicht mehr dieselbe Frau, die einsam und frierend im verschneiten Wald aufgewacht war. Belde war nicht mehr dieselbe Insel wie bei ihrer Ankunft. Und die Welt? Sogar die hatte sich gewandelt. Es ist Zeit.
»Ah«, sagte Yarrow. »Gut. Dann mache ich uns so lange was zum Mittagessen. Ich hab da ein Quiche-Rezept, das ich schon lange ausprobieren will …« Er erzählte ihr mit derselben liebenswerten Begeisterung von der Quiche, mit der er über Knoblauch gesprochen hatte.
Es begann wieder zu schneien. Die Flocken schwebten auf die Gewächshäuser, die Bäume und das Cottage herab. Der geflügelte Kater traf sie an der Tür, und sie gingen zu dritt hinein.
Yarrow schlug mehrere Eier in eine Schale und verquirlte sie, während Terlu sich an den Schreibtisch setzte und ein leeres Blatt aus der Schublade nahm. Sie tauchte die Feder ins Tintenfässchen.
Liebe …
Sie zauderte.
Sollte sie ihren Eltern und ihrer Schwester je einen eigenen Brief schreiben? Und was war mit ihren Cousins und Cousinen? Ihren Tanten, Onkeln und Großeltern?
Liebe Familie, schrieb sie.
Dann wusste sie wieder nicht weiter.
»Sag ihnen, dass es dir gut geht«, riet Yarrow.
Das schrieb sie hin. Und nun, da der Anfang einmal geschafft war, machte sie einfach weiter. Sie erzählte, wie sie nach Alyssium gekommen war, so hoffnungsvoll und ängstlich. Von ihrem Stolz, nach ihrem Studium gleich die Stelle in der Bibliothek gefunden zu haben – und der Enttäuschung, weil die Arbeit dort nicht so gewesen war, wie sie es sich erträumt hatte. Auch von ihrem Heimweh schrieb sie und darüber, wie sehr ihr alle gefehlt hatten. Und sie erklärte, weshalb sie trotzdem nicht zurückgekommen war: Sie hatte herausfinden wollen, wohin sie gehörte und wo sie wahrhaft von Nutzen sein konnte. Und sosehr sie ihre Familie auch liebte, Eano war nicht der richtige Ort für sie gewesen. Und Alyssium auch nicht. Wie sich herausgestellt hatte, war es Belde.
Diese Insel. Bei diesem Mann.
Sie lächelte, als sie von Yarrow und ihrem Leben hier berichtete.
Ich habe eine neue Heimat gefunden, die Zukunft, die ich mir wünsche. Ich bin glücklich, und ich hoffe, ihr seid es auch. Bitte schreibt mir zurück.
Ich vermisse euch.
Alles Liebe
Eure Terlu