Kapitel 33 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
Ein paar Wochen später versiegelten die sprechenden Pflanzen den allerletzten Sprung.
Terlu, die gewusst hatte, wie weit sie schon gekommen waren, hatte an dem Tag sogar ihr morgendliches Bad mit dem Schildkröterich abgekürzt, um den Augenblick miterleben zu können. Deshalb wusste sie auch gleich, was der Jubel in der Ferne zu bedeuten hatte. Sie war in ihrem ›Übungshaus‹ – das, in dem sie am Anfang beinahe mit Yarrow zusammen erstickt wäre – und arbeitete an Zauberspruchvarianten.
Kurz darauf kam Lotti hereingewirbelt, um ihr die Neuigkeit zu überbringen. »Wir haben’s geschafft!«, jubilierte sie. »Das ganze Glas ist wieder heil!«
»Wie wunderbar!«
Die kleine Rose tanzte um sie herum und schwenkte die Blüte, und Terlu drehte sich fröhlich mit ihr. Es war wirklich eine ungeheure Leistung. Unzählige Sprünge hatten die Pflanzen mit dem Zauber besprochen, und nun konnten nach und nach alle Häuser des Riesenkomplexes wieder bepflanzt werden.
»Wir brauchen einen neuen Zauber.«
Terlu lachte.
»Ich mein’s ernst!« Die kleine Rose öffnete ihre Blüte weit, als wollte sie so ihre Ernsthaftigkeit unterstreichen. »Es ist großartig, dass das Glas wieder ganz ist, aber es gibt noch viel zu tun!«
»Leider bin ich noch nicht so weit.« Terlu ging in die Hocke und zeigte Lotti ihre Aufzeichnungen. Sie hatte Unmengen von Notizen gemacht und ein Experiment nach dem anderen durchgeführt – bisher ohne Erfolg.
Lotti hüpfte näher heran. »Was macht dieser Zauber denn?«
»Wenn alles klappt, erschafft er einen Schutzschild direkt am Glas. Dann ist es möglich, manche Häuser heiß und feucht zu halten, so dass sich tropische Pflanzen dort wohlfühlen, und in anderen mitten im Winter Gemüse zu ziehen.«
»Aber er tut noch nicht, was er soll?«
Bislang war ihr eine Blase gelungen, die sich durchqueren ließ, ohne dass sie dabei zersprang. Aus Sicherheitsgründen beschwor Terlu sie stets von außerhalb des Zutatenrings. Noch hielt die Blase keine Wärme im Inneren, was ja ihre Aufgabe sein sollte, aber Terlu war zuversichtlich, dass sie es irgendwann richtig hinbekommen würde. Sie verstand ja schon viel besser, wie die einzelnen Worte zusammenspielten. Doch bisher … »Irgendwann« war das entscheidende Wort.
»Noch nicht«, bestätigte sie. »Wie wär’s, wenn du dir von Birch und den anderen Gärtnern beibringen lässt, wie man Setzlinge pflanzt?«
Lotti stieß einen entzückten Schrei aus. »Glaubst du denn, das könnte ich?«
»Klar! Ich glaube, du kannst alles erreichen, was du willst.« Zumindest alles, was eine kleine Blume mit fedrigen Blättern stemmen konnte. Aber Terlu traute der kleinen Rose allerhand zu. »Ich wüsste nicht, wieso du und die anderen Pflanzen keine Gärtner sein solltet! Dass ihr Zauberer sein könnt, habt ihr ja schon bewiesen.«
»Nichts für ungut, aber ich wäre lieber Gärtnerin. Das ist wichtiger.«
Terlu grinste. »Da hast du vollkommen recht.«
Zufrieden hüpfte Lotti davon.
Terlu notierte sich die Resultate ihres letzten Experiments und sammelte dann schon einmal die Zutaten für das nächste im Mörser. Es war ein Jammer, dass sie niemanden hatte, mit dem sie die Texte zusammen studieren konnte! Sie mochte allesdecodiert haben, aber die erste Sprache war berüchtigt dafür, wie schwer sie zu verstehen war. Aber nun ja … Sie würde eben etwas länger brauchen. Was machte das schon? Sie hatte alle Zeit der Welt.
Seit sie die Schalen und Panzer verbrannt hatten, war kein Gewächshaus mehr untergegangen. Mittlerweile wagte Terlu zu hoffen, dass es wirklich vorbei war. Denn auch Laikens Geist war verschwunden, nachdem Lotti ihm alles erzählt hatte – ein weiterer Beweis, dass sie das Richtige getan hatten.
Laiken musste geahnt haben, dass er seine geliebten Pflanzen zum Tode verdammt hatte – deshalb hatte sein Geist keine Ruhe gefunden. Nun war sein Fehler wiedergutgemacht und er erlöst. Terlu freute sich darüber. Doch obwohl das Schlafgemach im Turm nun nicht mehr zugig war, wollte niemand dort einziehen. Nur Lotti schlief in einem Blumentopf auf Laikens Nachttisch. Yarrows Verwandte verbanden wohl zu viele unangenehme Erinnerungen mit dem alten Zauberer, und die Freundin mit dem Kleinkind wollte kein Heim mit Treppen oder Zauberwerkstätten.
Terlu verstaute den abgedeckten Mörser und ihre restlichen Zutaten im Korb und verließ das Übungshaus. Bei den Rosen flitzte ein Drachenweibchen von einem blühenden Busch zum nächsten. Seit die Türen offen standen, halfen die kleinen Drachen überall mit der Bestäubung, kehrten abends allerdings stets ins Sonnenblumenlabyrinth zurück.
Das Drachenweibchen, golden mit saphirblauen Augen, sah Terlu und zwitscherte.
»Komm später beim Cottage vorbei, dann gebe ich dir Honig mit!«
Zufrieden flog das Drachenweibchen weiter, landete auf einer Rose und balanciere auf dem Stängel. Die schwere Blüte neigte sich. Das Drachenweibchen steckte die Schnauze hinein.
Terlu verließ die Gewächshäuser und stapfte durch den Schnee die Straße entlang. Sie fand Yarrow auf dem Dach des Cottage, das einst die wilden Greifen beheimatet hatte. Man hatte ihr berichtet, dass der Schwarm in einen unbenutzten Schuppen auf der anderen Seite der Insel umgesiedelt worden war. Glücklicherweise war sie an dieser Maßnahme nicht beteiligt gewesen. Yarrow und sein Vater waren gerade damit beschäftigt, beschädigte Dachziegel zu ersetzen. Ihr fiel auf, dass Yarrow auf einer Höhe mit Birch arbeitete, aber eine niedrigere Position auf der Schräge gewählt hatte: Sollte sein Vater abrutschen, konnte er ihn festhalten. War das Absicht? Oder Instinkt? Er weiß nicht einmal, was für ein großes Herz er hat.
»Habt ihr schon gehört?«, rief sie hinauf. »In den Gewächshäusern gibt es keinen einzigen Sprung mehr im Glas!«
»Das ist ja toll!«, rief Yarrow zurück.
Es würde noch eine Weile dauern, bis sie in der Lage war, aus den ehemals zerstörten Gewächshäusern wieder richtig verzauberte zu machen, aber auch so war schon viel gewonnen, denn wie ganz gewöhnliche Gewächshäuser ließen sie sich schon nutzen. Einige waren bereits wieder bepflanzt: Die Gärtner hatten Setzlinge ausgesucht, die entweder keine besonders warmen Temperaturen brauchten oder den tatsächlichen Zyklus der Jahreszeiten aushielten. In anderen Häusern würde der Anbau erst im Frühjahr beginnen. Aus einem wollte Yarrow eine Heimat für Kräuter von den südlichen Inseln machen. Er hatte Samen gehortet und überlegte schon seit langem, wo er sie ausbringen sollte.
Alle Gärtner schmiedeten Pläne. Der Winter war die richtige Zeit für Träume.
»Ich dachte, wir könnten uns eine besondere Würdigung einfallen lassen. Irgendwas im Rahmen des Winterfests, um diesen Meilenstein zu feiern.« Die Sonne gleißte so auf dem frischen Schnee, dass Terlu die tränenden Augen mit einer Hand abschirmen musste.
Yarrow half seinem Vater übers Dach, kletterte aber vor ihm nach unten. Das letzte Stück sprang er. »Wie wär’s mit Konfekt aus Zuckerglas?«
Sie hatte an eine kleine Rede oder so etwas gedacht, aber das war eine viel bessere Idee. »Ich weiß zwar nicht, was das ist, aber es klingt köstlich!«
Er hielt die Leiter fest und stützte seinen Vater, als er unten ankam. Birch lachte. »Ich bin wohl doch schon zu alt, um auf Dächern herumzuklettern!«
»Hab ich dir doch gesagt«, meinte Yarrow milde.
»Es klingt aber besser, wenn ich’s selbst sage.«
Yarrow brummte.
Birch griff nach seinem Stock, der an der Hauswand lehnte. »Esst ihr heute Abend mit uns? Rorick hat geangelt und will die Fische zubereiten, solange sie noch frisch sind.«
»Du meinst, er will damit angeben, wie viele er gefangen hat«, sagte Yarrow.
»Genau.«
Er hob fragend die Brauen.
Sie zuckte mit den Schultern. Sie richtete sich da ganz nach ihm.
»Nicht heute Abend«, sagte Yarrow. »Aber falls was übrig bleibt, hebt es für Emeral auf, ja?« Sie verabschiedeten sich noch und gingen dann Hand in Hand zu ihrem Cottage weiter.
»Du hast schon Pläne für heute Abend?«, fragte sie.
»Zucchini, Kürbis und Tomate in feinen Scheiben, gewürzt mit Thymian, Salz und Pfeffer. Und vor dem Ofen ruhen zwei Brotlaibe. Die können wir backen und einen frisch dazu essen.«
»Wenn du das alles schon vorbereitet hast, wieso haben wir dann die Einladung überhaupt in Erwägung gezogen?«
Er zuckte mit den Schultern. »Ich dachte, du hättest vielleicht Lust.«
»Nicht wenn Brote vor dem Ofen ruhen!« Sie verbrachte gern Zeit mit vielen Leuten auf einmal – ganz besonders dann, wenn sie einander so gern hatten wie Yarrows Verwandte und Familienfreunde. Mit ihnen um einen langen Tisch zu sitzen, war immer lustig. Aber Yarrows frisch gebackenes Brot? Und ein Abend nur mit ihm? Dazu würde sie nie nein sagen. »Ich hab heute eine neue Variante des Zaubers ausprobiert.«
»Und?«
Sie erzählte ihm, was sie versucht hatte und was dabei herausgekommen war, und während sie hineingingen, schilderte sie ihm ihre Ideen für das nächste Experiment. Drinnen hängten sie ihre Mäntel auf. Er ging zur Anrichte, schnitt das Gemüse und schichtete es in eine Bratpfanne. Sie fachte das Feuer an und hängte den Teekessel über die Flammen.
Dann setzte sie sich an den Tisch und ergänzte ihre Aufzeichnungen. Sie hatte ein eigenes Tagebuch begonnen, das sie allerdings nicht codierte. Sie wollte klar und nachvollziehbar darstellen, was sie über die Gewächshauszauber herausfand – und das war mehr, als man vermutet hätte, wenn man nur von ihrer Arbeit mit dem Schutzschild wusste.
Sie hatte erfolgreich mehrere von Laikens Zaubern extrahiert, beispielsweise den für das Sonnenblumenlabyrinth und den für die singenden Pflanzen. Außerdem hätte sie nun auch wieder Pflanzen ein Bewusstsein schenken können, hatte sich allerdings geschworen, dass sie das nur tun würde, wenn die anderen sprechenden Pflanzen sie darum baten. Der schwierigste Zauber war und blieb der komplizierte Spruch, mit dem Laiken die Gewächshäuser erschaffen hatte, da er aus so vielen verschiedenen Elementen zusammengewebt war. Sie verstand zwar immer besser, wie die Fäden zusammenliefen, würde aber vielleicht noch Jahrzehnte brauchen, bis sie nachahmen konnte, was Laiken vollbracht hatte. Aber selbst wenn es ihr nie gelang – sie würde wenigstens schlüssige Aufzeichnungen hinterlassen! Dann konnte nach ihr jemand anderes weiterforschen. Derweil hatte sie einen Spruch entdeckt, der es ihr ermöglichen würde, länger mit dem Schildkröterich unter Wasser zu bleiben.
Es gab so viel zu lernen, so viel zu tun und darüber hinaus so viel zu empfinden, zu denken, zu kosten und zu sein! Noch immer stockte ihr manchmal der Atem, wenn ihr einfiel, was sie um ein Haar alles verpasst hätte.
Yarrow schob die Brote in den gemauerten Backofen und briet dann das Gemüse. Das Aroma der Gewürze und der gekochten Tomaten hing in der Luft. Terlu schnupperte. »Riecht köstlich!«
»Es ist ein Experiment. Bin gespannt, wie du es findest.«
»Ich mag deine Experimente. Sie schmecken deutlich besser als meine!« Terlu deckte den Tisch, goss Wasser in die Gläser und fügte ein frisches Pfefferminzblatt sowie Eiszapfen zum Umrühren hinzu.
Als das Gemüse fertig war, bereitete er zwei Teller vor und füllte den Rest in eine Schüssel. Die Pfanne stellte er zum Einweichen in die Spüle.
Er brachte ihr einen Teller. »Probier schon mal.«
Sie lud ihre Gabel voll, pustete, steckte sich das Gemüse in den Mund – und riss die Augen auf. Bisher hatte ihr das Wort »Geschmackssymphonie« nicht viel gesagt. Aber das hier … »Das schmeckt nach Sommer!«
»Das hatte ich gehofft.«
Sie nahm noch eine Gabel voll, während er nach den Broten schaute. Er holte sie aus dem Ofen und klopfte auf ihren Boden. Zufrieden stellte er sie auf ein Kühlrost und setzte sich zu ihr.
Sie redeten ein bisschen, schwiegen aber auch gemeinsam. Als das Brot ein wenig abgekühlt war, schnitt er einen Laib auf und servierte die Scheiben mit seiner von Drachen hochgelobten Honigbutter.
»Das solltest du fürs Winterfest machen«, sagte sie.
»Da habe ich schon an eine andere Spezialität gedacht.«
»Tatsächlich?«
»Warte auf den Nachtisch. Der ist auch ein Experiment.«
Sie lächelte. »Ich freue mich schon mal drauf!«
Nachdem sie aufgegessen und abgeräumt hatten, holte er einen Teller aus dem Eiskasten. Darüber war eine Stoffserviette gebreitet, bestickt mit rosaroten und violetten Blumen – ein Geschenk seines Vaters. Birch hatte wenigstens seine Hände beschäftigen wollen, während er sich in Alyssium unter Aufsicht eines fachkundigen Heilers von seiner Herzschwäche erholt hatte. Die Blumen waren ziemlich schief geraten, aber die Serviette war trotzdem schön.
Yarrow stellte den Teller mitten auf den Tisch und zog mit großer Geste die Serviette fort.
»Du bist wirklich gern ein bisschen drama…« Sie brach ab.
Auf dem Teller standen zu einem Stern angeordnet Orangenspalten. Jedes Segment war leuchtend orange, so vollkommen wie ein Juwel und halb mit seidig glatter Schokolade überzogen. Terlu hatte einen Kloß im Hals. Ihr war gar nicht klar gewesen, dass er ihr zugehört hatte, als sie ihm von den Orangen erzählt hatte. Wochen musste das her sein. Damals hatte er sie kaum gekannt! Sie war ziemlich sicher, dass er sie auch noch nicht besonders gemocht hatte.
Plötzlich war es, als wäre ihre Familie bei ihr, obwohl sie noch keine Antwort auf ihren Brief erhalten hatte – ein Seefahrer hatte ihn vor einer ganzen Weile mitgenommen, aber bisher war noch kein Schiff wieder nach Belde gekommen. Und doch sah sie nun ein Stück ihrer alten Heimat vor sich.
Sie blinzelte heftig.
»Gefallen sie dir nicht? Du hast zwar von den kandierten Orangen erzählt, die es bei euch zum Winterfest gab, aber dann ist mir die Geschichte vom Orangenbaum deiner Großmutter eingefallen …«
»Sie sind wunderbar. Du bist wunderbar!«
Yarrow schnaubte.
Sie stand auf, ging zu ihm herum, nahm sein Gesicht in die Hände und küsste ihn. Er zog sie an sich. Wie warm er war! Sie bekam nicht genug davon. Er küsste ihren Hals und ihr Ohr und flüsterte ihren Namen.
Die Orangenspalten aßen sie viel später.
Sie waren wirklich wunderbar.