Kapitel 34 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
Schneeflocken tanzten über dem Meer.
Fünf Tage waren seit den Schokoladenorangen vergangen, und Terlu ging gerade in der Werkstatt Laikens Tagebücher durch, als sie zufällig den Blick hob und durchs Fenster die Seeschlange sah. Sie lächelte, zog ihren Mantel an und eilte die Stufen zum Anleger hinunter.
Marin und Ree konnten nicht weit sein!
Sie winkte, als das Schiff in Sichtweite kam, und schaute dann zu, wie Marin es auf den Anleger zusteuerte. Wachsmyrte Ree kletterte in der Takelage herum, als hätte er sein ganzes Leben lang nichts anderes getan.
»Willkommen zurück!«, rief Terlu, als Marin ein Tau um einen der Poller warf. Die Kapitänin sprang auf den Steg, um das Schiff ordentlich festzumachen.
Sie lächelte breit, als Terlu ihr entgegenkam.
»Hast du Post dabei?«
»In der Tat.« Marin zog einen Brief aus dem Beutel an ihrer Hüfte. »Aber ach … Kurz dachte ich, du freust dich so, mich zu sehen.«
»Und mich!«, brüllte Ree.
»Das tu ich auch! Es ist wunderbar, dass ihr da seid!« Doch Terlus Blick hing an dem Brief. Ein mehrfarbiges Band war darumgebunden. Rot, Gelb und Orange – in ebendiesen Farben war ihr Elternhaus gestrichen. Sie nahm den Brief entgegen, hob ihn an die Nase und schnupperte. Das Papier roch schwach nach Zitrusfrüchten und Salzwasser. Nach zu Hause. Sie wollte das Band lösen und den Brief an Ort und Stelle lesen – aber nein. Sie würde warten, bis sie alleine war. Es war schon so viel Zeit vergangen, da konnte sie noch ein bisschen länger aushalten. »Danke dir!« Sie drückte den Brief an die Brust.
»Gern geschehen. Ich war sowieso auf dem Weg nach Belde.«
»Ach ja?«
»Ich hab doch gesagt, dass ich vor der Wintersonnenwende noch mal vorbeischaue. Und ich halte meine Versprechen – insbesondere dann, wenn man mich mit Rubinen bezahlt. Ich bringe die üblichen Vorräte deines Gärtners … Und noch ein bisschen Zuwachs.« Sie trat beiseite, und an Deck erschienen ein paar Leute: ein Pärchen mit einem kleinen Jungen, alle mit gelbbraunem Fell und Geweih, und eine ältere Dame mit silbernen Schuppen. »Flüchtlinge aus Alyssium. Ihr habt doch noch Platz hier, oder?«
»Aber ja!« Die Worte waren heraus, bevor sie darüber nachdenken konnte. Aber wie hätte sie auch nein sagen sollen? Die Neuankömmlinge schauten sie so ängstlich und erschöpft an, gleichzeitig aber so hoffnungsvoll … Und sie waren nur zu viert. Vier Leute konnten sie doch bestimmt noch auf der Insel unterbringen? Dreieinhalb eigentlich, wenn man es genau nahm. Sie begrüßte sie herzlich und schickte sie die Straße hinunter zu den Cottages. Hoffentlich hatten Birch, Rowan und die anderen nichts dagegen. »Geht zum dritten Häuschen auf der rechten Seite«, sagte sie. »Da hilft euch ganz bestimmt jemand, eine Bleibe zu finden.«
Belde konnte noch ein paar Einwohner vertragen, oder etwa nicht?
Zumindest wenn sie keinen Anstoß an der ganzen Zauberei nahmen. Terlu war längst nicht mehr die Einzige, die sich dem Verbot widersetzte. Alle sprechenden Pflanzen waren involviert, einige von Yarrows Cousins und Cousinen sowie seine Tante Rin.
Terlu wartete, bis das Grüppchen den Steg verlassen hatte, dann sagte sie leise: »Ich frage mich bloß, ob die Leute in der Nähe verzauberter Gewächshäuser leben mögen. Hier hängt immer Magie in der Luft …« Sie sprach nicht weiter, weil sie keinesfalls einen Hinweis darauf geben wollte, warum das so war.
Marin schüttelte den Kopf. »Ich glaub nicht, dass das ein Problem sein wird. Die Gesetze ändern sich, musst du wissen. Niemand zuckt mehr mit der Wimper, wenn auf einer schwach besiedelten Insel hin und wieder gezaubert wird, solange niemand zu Schaden kommt. Leuten Schaden zuzufügen, ist immer noch verboten. Aber das Gesetz, nach dem du verurteilt worden bist …«
Terlu wich einen Schritt zurück. »Du weißt Bescheid? Über … mich?«
»Was meinst du denn, wer dich hergebracht hat?«
»Ich …« Sie hatte keinen Schimmer gehabt. Aber wenn Marin sie als Statue in ihrem Frachtraum transportiert hatte, dann musste sie die lebendige Terlu, das Ebenbild jener Statue, doch sofort erkannt haben. Sie hat nur nichts gesagt. Terlu wusste nicht, was sie davon halten sollte. Sie starrte die Seefahrerin an. »Du wusstest die ganze Zeit, wer ich bin?«
»Klar.« Marin zuckte mit den Schultern, als ginge es um eine unwichtige Kleinigkeit, nicht um das wichtigste (und schrecklichste) Erlebnis in Terlus ganzem bisherigen Leben. »Ich nehme nicht einfach irgendwelche verurteilten Straftäter an Bord, von denen ich nicht weiß, was sie angestellt haben. Bei dir wusste ich es, und ich hatte Verständnis. Wie dem auch sei, das Gesetz, nach dem man dich verurteilt hat, wurde aufgehoben. Ich dachte bloß, das wüsstest du vielleicht gern.«
Es war … Was?
Sie hatte sich so gesorgt. Solche Angst gehabt.
Das Gesetz war aufgehoben? Einfach so? Hätte sie nicht mit Marin gesprochen, hätte sie vielleicht nie davon erfahren! Sie hätte immer weiter gefürchtet, dass früher oder später ein kaiserlicher Ermittler nach Belde kommen und sie verhaften würde. Dass sie alles verlieren würde. »Und die kaiserlichen Ermittler …«
»Das Ermittlungsbüro wurde aufgelöst«, erklärte Marin.
»Aber wer … Wie …«
Marin gestikulierte vage in Richtung Alyssium. »Noch ist nichts fix; die Übergangsregierung steht auf wackeligen Füßen. Aber das Inselreich ist Geschichte, und das bedeutet, dass nun alles im Umbruch ist. Wohin genau wir steuern, wird man sehen, aber ich vermute stark, dass dies eine Wendung zum Besseren ist, die Bestand haben wird. Von den magischen Stürmen, die die abseitigen Inseln heimsuchen, hast du gehört? Oder vielleicht doch nicht? Du warst ja ziemlich abgeschirmt, erst in der Bibliothek, dann auf Belde …« Marin wartete auf eine Antwort, aber Terlu war viel zu durcheinander und konnte Marin bloß anstarren.
»Na, also, es hat sich rausgestellt, dass die schlimmen Unwetter das Resultat eines Ungleichgewichts sind. Magie durfte ja fast nur noch in Alyssium gewirkt werden … Deshalb sind jetzt alle ziemlich froh, dass sich das ändert. Weniger Tod und Verderben, weißt du?«
Sie hatte ja keine Ahnung gehabt, dass Tod und Verderben über die abseitigen Inseln gekommen waren, während sie jahrein, jahraus auf ihrem Sockel gestanden hatte – aber weniger davon klang auf jeden Fall gut. Ihre Gedanken drehten sich im Kreis. Marin hatte also die ganze Zeit gewusst, dass Terlu eine verurteilte Verbrecherin in Statuenform gewesen war? Und dennoch war sie damit einverstanden gewesen, dass man sie zurückverwandelte? »Und du warst bereit, dich solcher Gefahr auszusetzen? Meinetwegen?«
»Na ja, was bringt’s, frei der Nase nach zu segeln und über sich selbst zu bestimmen, wenn man immer bloß den einfachen Weg geht und sich nie fragt, was richtig ist?« Kurz verblasste Marins Lächeln, und ihr Blick wanderte zum Horizont.
Terlu öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte.
Ree packte ein Seil mit den Zweigen, schwang sich Erdball voran über Bord und landete mit einem dumpfen Bums auf dem Steg. »He, Marin, hast du das gesehen? Ich hab’s geschafft!«
Marin applaudierte. »Tadellos, wie immer.« Leise sagte sie zu Terlu: »Die ersten paar Male ist er zu weit gesprungen.« Sie stellte mit der Hand dar, wie die Wachsmyrthe über den Steg segelte und im Wasser landete.
»Zum Glück bin ich …«
»… ein Halophyt!«, fiel Marin ein. In ihrer Stimme lag Zuneigung. »Ja, das wissen wir.«
»Willkommen zurück, Ree!«, sagte Terlu. »Wo ist denn der andere Seefahrer, den ihr letztes Mal dabeihattet?« Seinen Namen wusste sie nicht mehr, aber sie erinnerte sich noch gut an seine diamantenen Hörner. Ihrem Eindruck nach hatte er sich auf dem Schiff gut ausgekannt, daher war sie davon ausgegangen, dass Marin ihn in die Mannschaft aufgenommen hatte.
Die zuckte mit den Schultern. »Wieder an Land. Nicht jeder ist so sehr für die Seefahrerei geschaffen wie Ree hier.« Sie lächelte den Strauch warm an.
Ree sträubte die Blätter wie ein Vogel, der sich aufplustert.
»Deine Freunde werden sich freuen, dich zu sehen«, meinte Terlu. »Schön, dass du es rechtzeitig zum Winterfest hergeschafft hast!«
»Oh, da fällt mir ein …« Marin fischte in ihrem Beutel herum und zog ein dünnes Buch mit grünem Einband daraus hervor. »Ich hab dir ein Geschenk mitgebracht. Frohe Sonnenwende!«
Noch ein Geschenk? Terlu war, als hätte sie bereits eins bekommen, und zwar das wertvollste, das man sich vorstellen konnte: ein Leben ohne Angst. Und dazu einen Brief von ihrer Familie, den sie noch immer ans Herz hielt. »Aber ich hab gar nichts für dich!«
»Du hast mir einen echt großen Rubin gegeben, weißt du noch?« Marin rollte mit den Augen und drückte Terlu das Buch in die Hand. »Es ist ein neues Zauberbuch, das sich großer Beliebtheit erfreut – geschrieben für ganz gewöhnliche Leute. Es geht wohl vor allem um Pflanzen, Gärten und so was, und weil ihr hier ja diese ganzen Gewächshäuser habt … Na, ich dachte, es könnte nützlich sein. Hab’s in einem ganz reizenden Marmeladengeschäft entdeckt und konnte nicht nein sagen.«
»So sehr hat sich die Gesetzeslage schon geändert?« Ungläubig drehte Terlu das Buch in der Hand. Es hieß schlicht: Zauber von Caltrey. Sie wusste nicht, wo Caltrey lag – von der Insel hatte sie noch nie gehört.
»Jau«, sagte Marin.
Ein Zauberbuch für gewöhnliche Leute. Das sprach eine deutliche Sprache.
»Die Welt da draußen ist funkelnagelneu! Sie bietet vielen eine zweite Chance, nicht nur dir.«
»Oh …« Sie konnte es kaum fassen. Sie hatte solche Angst gehabt, in eine Statue zurückverwandelt zu werden, doch diese Gefahr war nun gebannt. Und dafür hatte bloß eine Regierung gestürzt werden müssen, die seit einem Jahrtausend über das Mondsichel-Archipel geherrscht hatte! Bloß – ha! Sie musste lächeln. Das Buch belegte zweifelsfrei, dass Marin die Wahrheit sagte. Wäre das kaiserliche Gesetz noch in Kraft, wäre es nie gedruckt worden. Sie hielt es zusammen mit dem Brief ihrer Familie ganz fest. Zwei wahre Kostbarkeiten. »Was für ein wunderbares Sonnenwendgeschenk!«
»Freut mich, wenn’s dir gefällt. Bin ich zum Festessen eingeladen?«
»Oh ja!«
»Ich auch?« Diese Stimme kannte Terlu! Sie hatte es kaum gedacht, da stieg aus der Luke zum Unterdeck die oberste Bibliothekarin der großen Bibliothek von Alyssium – jene Frau, die erfolglos um sie gekämpft und sie am Ende doch noch gerettet hatte.
»Rijes Velk!«, jubelte Terlu. Dann verneigte sie sich. »Ich … ähm … Ach, Wahnsinn!« Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie blinzelte und schaute wieder Marin an. Es war unbegreiflich: Erst der Brief, dann ihre Freiheit und nun auch noch das? Die Knie zitterten ihr. »Du hast sie gefunden? Wie? Wahnsinn, das ist echt … Wahnsinn!«
»Es war wirklich ein großer Rubin. Und ich wusste ja, wo sie war – das hat auch geholfen.«
Ree raschelte mit den Blättern. »Ich hab doch gesagt, sie wird ganz aus dem Häuschen sein! Juhu, das haben wir toll gemacht!«
Terlu war gar nicht auf den Gedanken gekommen, dass Marin Rijes kennen könnte. Aber Rijes hatte ja den Auftrag gegeben, Terlu aus Alyssium fortzubringen, also mussten sie in Verbindung gestanden haben. Terlu kam es trotzdem wie ein Wunder vor. »Ich dachte, ich bitte Marin um etwas Unmögliches, aber hier bist du nun. Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll. Ich … Vielen, vielen Dank!«
»Gut siehst du aus«, bemerkte Rijes.
Sie hingegen … sah ganz anders aus als früher. Terlu wusste noch gut, wie die oberste Bibliothekarin bei der Verhandlung aufgetreten war: in bestickten Seidengewändern, das Haar aufwendig geflochten, auf den Wangen die Symbole ihres Amts. Nun trug sie ein schlichtes Kittelkleid, ihr onyxschwarzes, von Fältchen durchzogenes Gesicht war ungeschminkt, und das dünne silbergraue Haar fiel ihr offen über die Schultern. Aus ihren blauschwarzen Augen blickte sie Terlu müde an. Sie wirkte wie eine ältere Frau, die eine lange Reise hinter sich hatte, nicht wie die Verkörperung ihres Amts. »Du auch«, erwiderte Terlu. »Ganz wunderbar sogar.«
Rijes lächelte. »Du warst immer schon zu gutherzig für diese Welt. Zu hören, dass du hier so aufblühst, hat mich sehr gefreut.«
Plötzlich wurde Terlu bewusst, dass sie alle im eisigen Wind auf dem Anlieger herumstanden. »Ich bringe euch besser ins Warme! Bestimmt seid ihr hungrig und erschöpft.«
»Ich ja«, meldete Marin sich zu Wort.
»Mir geht’s prima!«, verkündete Ree.
»Hast du Gepäck, Rijes? Ich kann deine Sachen tragen.« Sie dachte kurz nach. »Das Heim des verstorbenen Zauberers ist noch unbewohnt. Vor kurzem hat es dort noch gespukt, aber wir konnten den Geist erlösen. Dort könntest du unterkommen, wenn du magst … Solange du willst.« Vermutlich hätte sie erst mit den anderen sprechen sollen, ehe sie mehr und mehr Leute auf Belde ansiedelte. Aber sie bezweifelte, dass jemand dagegen sein würde. Am allerwenigsten Yarrow; er wusste ja, was Rijes ihr bedeutete. Und über Marins und Rees Besuch würde sich die ganze Insel freuen – immerhin waren die beiden die Retter in der Not, die beinahe alle hier nach Belde gebracht hatten.
Marin verschwand unter Deck und kam mit zwei großen Taschen zurück, die sie auf den Steg wuchtete. »Ich schlafe lieber auf dem Schiff. Aber danke für das Angebot.«
»Ich ebenso«, erklärte Ree.
»Wie lange könnt ihr denn bleiben?«, fragte Terlu.
»Bloß bis der Wind sich dreht«, erwiderte Marin.
»Aha«, sagte Terlu, obwohl sie keine Ahnung hatte, was das heißen sollte; mit einem konkreten Datum hätte sie mehr anfangen können. Aber das konnten sie natürlich halten, wie sie wollten. Willkommen waren sie in jedem Fall. Hoffentlich würde Rijes nicht gleich wieder aufbrechen … Terlu hob eine der Taschen auf und wankte unter ihrem Gewicht. »Bücher?«
»Ein paar«, gab Rijes zu.
»Dann ist Laikens Turm auf jeden Fall die richtige Wahl. Dort gibt es Regale. Oh, und außerdem wohnt da schon eine sprechende Auferstehungsrose namens Lotti! Im Augenblick ist sie im Gewächshaus, aber sie wird sich über die Gesellschaft riesig freuen. Sie ist sehr lieb.« Terlu schwankte mit den Taschen der obersten Bibliothekarin los, und Marin folgte ihr mit einem Bündel sowie einer Kiste, in der Terlu weitere Bücher vermutete. »Ich habe mit den Tagebüchern des Zauberers gearbeitet …« Sie führte sie zum Turm hoch und öffnete die Tür zur Werkstatt.
Als Rijes die Bücherregale sah, stieß sie einen kleinen Freudenschrei aus. Es klang, als könnte sie ihr Glück kaum fassen. Das Gefühl kannte Terlu gut.
»Das ist ja herrlich!«, rief Rijes.
Die Werkstatt wirkte nicht mehr verlassen und ungepflegt, sondern gemütlich und ein bisschen wie eine Bibliothek. »Es ist viel sauberer als am Anfang.« Wie dankbar sie Yarrow war, dass er so viel geputzt hatte! Sie hatte ja nicht geahnt, dass sie einmal die oberste Bibliothekarin der prächtigsten Bibliothek auf allen Mondsichel-Inseln herführen würde. Terlu stellte die schweren Taschen ab, während Rijes zu einem Regal ging und ein Buch herauszog.
Stirnrunzelnd blätterte sie darin. »Merkwürdig!«
»Er hat alles verschlüsselt. Ich kann dir meine Übersetzungen zeigen …«
»Ja, das wäre großartig!«
»Vielleicht nach dem Essen?«, jammerte Marin.
Terlu lachte. »Ja, danach! Macht es euch gemütlich. Ich bringe euch dann was Leckeres … und das Codebuch.« Rijes interessierte sich für die Tagebücher … Das könnte wirklich eine große Hilfe sein. Niemand hier auf der Insel besaß ihr Fachwissen.
»Das klingt wunderbar«, sagte Rijes. Terlu wollte zur Tür gehen, aber Rijes hielt sie auf. »Terlu? Ich wollte, ich hätte mehr für dich tun können. Und nun falle ich dir noch zur Last …«
»Überhaupt nicht«, erwiderte Terlu. »Dich hier zu haben, ist eine Ehre!« Es kam von Herzen.
»Alyssium war jahrzehntelang meine Heimat. Mein Leben habe ich all dem Wissen und der Weisheit des Kaiserreichs gewidmet, angesammelt in Jahrhunderten. Ich war überzeugt, einst in der großen Bibliothek zu sterben.« Sie seufzte schwer. »Doch nun ist dort kein Platz mehr für mich.«
»Dann bleib bei uns!«, rief Terlu. »Solange du willst … Für immer, wenn du möchtest!« Konnte sie für Rijes tun, was die für sie getan hatte? »Diese Insel ist ein wunderbarer Ort für Neuanfänge.«
Marin grinste und stieß Rijes mit dem Ellenbogen an. »Hab ich’s nicht gesagt?«
»Das hast du. Aber es ist viel verlangt.«
Terlu konnte sich nicht einmal vorstellen, Rijes abzuweisen, und würde von niemandem Einspruch dulden. Aber wer sollte auch etwas dagegen haben, wenn sie blieb? Belde war längst mehr als nur eine Zuflucht für Pflanzen. »Du hast mir das Leben gerettet.«
»Indem ich dich ganz allein in die Fremde geschickt habe. Unter den gegebenen Umständen konnte ich nicht mehr für dich tun, aber ich fürchte, ich habe dir eine große Last auferlegt, ohne dir auch nur zu sagen, was ich mir von deiner Anwesenheit hier erhoffte. Bist du … Bist du glücklich hier, meine Liebe?«
Die Frage war leicht zu beantworten. Terlu lächelte. »Ja, das bin ich.«
»Dann bin ich froh.«
»Du hast dich solcher Gefahr ausgesetzt … Und dabei kanntest du mich kaum!«
»Ich habe nur getan, was ich für das Richtige hielt. Es ist eines jeden Menschen Pflicht, sich gegen ungerechte Gesetze aufzulehnen, und das gilt besonders für alle, die Macht besitzen. An uns ist es, Güte und Mitgefühl walten zu lassen, wann immer wir können.«
»Ich weiß wirklich nicht, wie ich dir danken soll.«
»Das hast du längst.« Sie machte eine schweifende Geste durch den Turm, die die ganze Insel mit einschloss.
Terlu lächelte. Dann zog sie sich zurück, damit die oberste Bibliothekarin sich mit Marins Hilfe häuslich einrichten konnte. Bestimmt würde Yarrow zusätzliches Brot backen, wenn sie ihn darum bat. Sie ist tatsächlich hier! Terlu hatte geglaubt, dass Marin sie bestenfalls finden und ihr Terlus Grüße und Erkenntlichkeit übermitteln würde. Aber dass Terlu ihr ihrerseits eine Chance auf einen Neuanfang bieten könnte? Das hätte sie nicht einmal zu hoffen gewagt.
Als sie an den Cottages vorbeikam, sah sie die anderen Neuankömmlinge mit Birch und Ambrel zusammenstehen. Sie winkte ihnen, und alle winkten zurück. Ihre Gesichter strahlten. Der kleine Junge hatte Mütze und Handschuhe bekommen und tobte im Schnee. Bestimmt haben sie gesagt bekommen, dass sie bleiben können. Darüber war Terlu froh, wenn auch nicht überrascht; Yarrows Verwandte wussten ja, wie es war, wenn man alles verlor und auf die Freundlichkeit anderer angewiesen war. Sie würden auch Rijes in ihrer Mitte aufnehmen. Sie werden sich hier alle wohlfühlen.
Die Gemeinschaft auf Belde wuchs verblüffend schnell. Hier entstand ein richtiges Dorf, und das war etwas Gutes. Laiken hatte sich getäuscht: Belde musste nicht von allem abgeschirmt sein. Seine geliebten Pflanzen brauchten Menschen, und Menschen brauchten einander. Wenn sie nur alle zusammenhielten, würde es ihnen hier blendend gehen.
Der Gedanke gefiel ihr sehr.
Sie eilte weiter und platzte bald ins Cottage. Yarrow, der gerade mit seinem Zuckerglas zugange war, schaute auf, und da lächelte sie ihn so breit an, dass ihr beinahe die Wangen weh taten. »Ich hab dir so viel zu erzählen!«
»Warmer Tee steht schon bereit.«
»Ich liebe dich!«
Sie hatte nicht erwartet, dass gerade diese Worte aus ihrem Mund kommen würden, aber da waren sie nun.
»Das hatte ich schon vermutet«, sagte er.
Ihr war, als wäre sie in die Sonne getreten. Die Worte waren heraus – und wahr. Und er stand da und lächelte sie an, als spürte er ebenfalls den warmen Sonnenschein.
»Aber jetzt erzähl mir erst mal alles«, bat er. »Ich bin ganz Ohr.«
Und so berichtete sie ihm von den Neuankömmlingen, die Marin gebracht hatte: von den Flüchtlingen, vor allem aber von Rijes, ihrer Retterin. »Ich dachte, sie könnte in Laikens Turm ziehen …«
»Soll sie ruhig machen«, sagte Yarrow. »Alle werden froh sein, wenn jemand die schlechten Erinnerungen verdrängt. Glaubst du, sie kann dir mit den Zaubern helfen?«
»Sie wirkt interessiert. Ich habe versprochen, ihr das Codebuch mitzubringen.«
Er betrachtete sie einen Moment. »Das war aber noch nicht alles.«
»Stimmt!« Sie lachte und zeigte ihm den Brief. »Schau, ich hab Post von meiner Familie! Gerade male ich mir aus, dass in dem Brief alles steht, was ich mir wünsche: dass sie mir verzeihen, mich verstehen, vielleicht sogar stolz auf mich sind …«
»Du hast ihn noch nicht gelesen?«
»Ich hab gehofft, das könntest du machen.«
Sie zog Mantel und Stiefel aus und ließ sich mit ihrem neuen Zauberbuch aufs Bett fallen. Emeral, der auf der Decke lag, quäkte missfallend. »Schlaf ruhig weiter, Katerchen!«
Er streckte die Vorderpfoten, zuckte mit den Flügeln und machte die Augen wieder zu.
»Hast du schon mal von der Insel Caltrey gehört?«, fragte sie Yarrow.
Er schüttelte den Kopf. »Liegt sie nördlich von hier?«
»Könnte sein.«
»Und du bist sicher, dass ich den Brief aufmachen soll?«
Sie nickte, und er löste das Band. Prompt schoss Emeral hinüber, schnappte es sich und verschwand damit in den Dachsparren.
»Soll ich vorlesen?«
»Nein, lies leise … Und sag mir hinterher, ob der Brief mich fröhlich oder traurig machen wird.«
Yarrow überflog die Seiten. »Es sind drei Briefe. Einer von deiner Mutter, einer von deinem Vater und einer von Cerri … Das ist deine Schwester, stimmt’s?« Sie traute ihrer Stimme nicht und nickte lieber nur. Er las weiter. Dann lächelte er.
Sie stieß den angehaltenen Atem aus – es klang, als platzte eine Blase.
»Sie verzeihen dir, verstehen dich und sind stolz auf dich.« Er reichte ihr die drei Briefe. »Aber sieh selbst.«
Sie nahm sie ihm ab und las sie im Schneidersitz auf dem Bett.
Zuerst den Brief ihrer Mutter. Sie schimpfte ein wenig, weil Terlu sich nicht eher gemeldet hatte. Sie hätten sich so gesorgt und seien unendlich froh, dass es ihr gut ging. Dann war ihr Vater an der Reihe. Er sprach über die Gezeiten und die Sterne, die ihm verraten hätten, dass sie ihr Glück finden würde. Sie fehlte ihnen, schrieb er. »Mein Vater sagt, er wusste, dass ich mich wieder aufrappeln würde. Und meine Schwester …« Sie vertiefte sich in Cerris Brief. »Oh! Sie hat ein Kind bekommen! Ich bin Tante! Sie wollen, dass ich meine Nichte kennenlerne!«
Sie drückte die Briefe an die Brust, als könnte sie die Worte so direkt in ihr Herz aufnehmen. Sie hatte sechs Jahre verloren, aber jetzt war sie keine Statue mehr. Ihre Eltern und ihre Schwester liebten sie noch immer. Sie waren nicht wütend auf sie, sondern vermissten sie. Vielleicht verstanden sie nicht alles, aber Terlu war ihnen wichtig. Falls sie je zu Besuch kamen … Wenn sie kamen, berichtigte sie sich, dann würde sie es ihnen erklären. Sie hatte Eano verlassen, um ihre Bestimmung zu finden – die Suche hatte nur ein wenig länger gedauert als gedacht.
Alles würde in Ordnung kommen.
Ich habe eine Nichte! Und ihr Vater war davon überzeugt, dass sie glücklich werden würde.
Noch dreimal las sie die Briefe, während Yarrow Brotteig knete und ihn dann abgedeckt vor den Kamin stellte, damit er gehen konnte. Erst als sie wirklich sicher war, dass es ihrer Familie gut ging, legte sie die Briefe beiseite und öffnete das neue Zauberbuch.
Sie riss die Augen auf.
Auf der Titelseite standen in schöner geschwungener Schrift die Namen der Autoren: Kiela und Caz von Caltrey. Terlu stockte der Atem. Sie wusste nicht, wer Kiela war, aber Caz …
Es könnte Zufall sein.
Vielleicht handelte es sich gar nicht um ihren Caz, das sprechende Spinnenkraut, das sie vor so vielen Jahren erschaffen hatte. Caz war zwar kein geläufiger Name, aber auch nicht vollkommen unbekannt. Er könnte es sein. Aber er sollte mit jemandem ein Grimoire zusammengestellt haben? Wie war das möglich? Und wo lag Caltrey? Er war doch in Alyssium gewesen! Wenn er es ist, dann ist er nicht in der brennenden Bibliothek umgekommen. Wie sie doch hoffte, dass er es war!
»Terlu?«, fragte Yarrow besorgt.
Sie blätterte durch das Buch. Es enthielt Zaubersprüche in Lautschrift, komplett mit Zutatenlisten. Die meisten unterstützten Pflanzen beim Wachsen oder heilten kranke Bäume, aber es gab auch ein paar gewöhnliche Rezepte: eins für Himbeermarmelade und eins für Zimtschnecken, das offenbar eine örtliche Bäckerin namens Bryn beigesteuert hatte.
Aber was war nun mit Caz? War das ihr Caz?
Sie schlug die letzte Seite auf und fand ein paar Zeilen über die beiden Autoren: Kiela und Caz führten gemeinsam ein Marmeladengeschäft auf der Insel Caltrey. Kiela war früher Bibliothekarin in der großen Bibliothek von Alyssium gewesen, und Caz, ein sprechendes Spinnenkraut mit Bewusstsein, ihr Gehilfe. Kiela dankte ihrem Ehemann Larran und einigen Freundinnen und Freunden. Caz dankte seinem Partner Miep.
Yarrow nahm sie in den Arm.
Da merkte sie erst, dass sie weinte.
»Es geht ihm gut«, schluchzte sie. »Ich hab das Richtige getan.«