Kapitel 35 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
Hell brach der Tag der Wintersonnenwende an, und Terlu sprang förmlich aus dem Bett, kaum dass sie die Augen aufgeschlagen hatte. Yarrow tat es ihr nach. Am Abend zuvor hatte sie ihm mit dem Brotteig geholfen, und inzwischen hatte sie genug übers Backen gelernt, um zu wissen, was als Nächstes zu tun war. Während er ins Bad ging, formte sie die Laibe, die anschließend noch einmal ruhen mussten. Er kam zurück und bereitete Zuckerguss vor. Sie schlüpfte ebenfalls ins Bad, wusch sich und zog sich an. Ambrel hatte ihr für die Gelegenheit ein hübsches buntes Kleid aus Alyssium geliehen. Auch Yarrow hatte sich fein gemacht: Er trug eine weiche Wollhose, die an den Seiten mit Blätterranken bestickt war, und ein weißes Hemd, das seine breite Brust zur Geltung brachte. Frisch rasiert hatte er sich auch, und sein gold-schwarz gesträhntes Haar schimmerte im Licht. Sie bewunderte ihn, während er den Tisch für sie beide deckte. Er merkte es, lächelte und bewunderte sie seinerseits. Sein Blick verweilte auf ihren Lippen, als hinge er einer schönen Erinnerung nach.
Sie aßen übrig gebliebenen Honigkuchen zum Frühstück, und Terlu briet zwei Eier dazu. Die Neuankömmlinge hatten in Marins Frachtraum ein paar Hühner mitgebracht, und nun wurden Pläne geschmiedet. Sollten sie mehr Hühner auf die Insel holen? Eine Ziege? Vielleicht sogar eine Kuh? (Marin hatte es strikt abgelehnt, größeres Vieh zu transportieren, aber es gab Handelsschiffer, die damit kein Problem haben würden.) Die kleine Gemeinschaft wuchs, und niemand wollte die ansässigen Vögel überjagen oder ihnen zu viele Eier stehlen. Sie hatten jetzt mehr Leute satt zu kriegen. Es bedeutet aber auch: mehr Ideen und Träume. Sie fand, dass die Vorteile deutlich überwogen.
»Hast du mit Ambrel über die Dekoration gesprochen?« Yarrow hatte sein Ei aufgegessen und werkelte schon wieder an seinem süßen Beitrag für das Festessen. Mit dem Spritzbeutel stellte er kunstvolle Zuckergussblüten her, die auf Tellern aushärteten.
»Sie hat gesagt, Rowan wolle ihr helfen.«
Yarrow unterbrach seine Arbeit an einer Rose. »Bloß nicht!«
»Sie freut sich wohl schon wahnsinnig drauf.«
Er seufzte schwer. »Rowan hat Augen für die sprechenden Pflanzen gehäkelt. Das hält sie für witzig.«
Terlu grinste. »Es ist witzig! Solange die Pflanzen einverstanden sind …«
»Es war Lottis Idee.«
»Was stört dich dann?«
Er schnaubte. »Es ist albern.«
»Ja und? Das Wintersonnenwendfest soll doch keine ernste Sache sein! Wir feiern das Licht in der Finsternis, unsere Freunde und Familien. Lachen gemeinsam gegen die dunkle Einsamkeit an. Ich finde, gehäkelte Augen passen sehr gut dazu.«
Wieder seufzte er, aber sie kaufte ihm seinen Unwillen nicht recht ab. Solange niemand versuchte, ihm gehäkelte Augen aufzuschwatzen, würde er bestimmt nichts sagen.
»Es wird lustig«, versprach sie.
Er schnaubte, lächelte dann aber und streckte ihr die halbfertige Zuckergussrose hin. »Willst du probieren?«
»Aber die sind doch für das Festessen. Da kann ich unmöglich …«
Er steckte ihr die Rose in den Mund.
Der Zuckergoss schmolz auf ihrer Zunge, und sie schmeckte … Erdbeeren und Vanille. Den Frühling. »Oh! Wie hast du das gemacht?«
»Jede Farbe ist eine andere Geschmacksrichtung.«
»Du bist brillant!«
Er errötete. »Schön, dass du sie magst. Ich will sie über das Zuckerglas verteilen: Sie stehen für die Sprünge, die die Pflanzen geheilt haben.«
»Das wird ja ein Kunstwerk!«
Wieder schnaubte er. »Schöner als gehäkelte Augen.«
Terlu stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf die Wange. Zuckerspuren blieben dort zurück. »Du willst bloß grummeln! Gib’s zu: Du bist froh, deine Schwester zu Hause zu haben.«
»Das ist schon in Ordnung.«
Im Grunde lag sie also rundum richtig. Sie strahlte. »Ich drehe eine kurze Runde, bin aber bald wieder da. Rijes versucht sich am Kochen, und ich hab versprochen, nach ihr zu sehen. Offenbar hat sie Angst, dass sie den Turm niederbrennt.« Terlu konnte sich nicht vorstellen, dass der obersten Bibliothekarin etwas nicht auf Anhieb gelang.
Sie schlüpfte in ihren Mantel und öffnete die Tür.
»Terlu?«
Sie drehte sich nach ihm um.
»Zur Sommersonnenwende laden wir deine Familie ein: deine Eltern, deine Schwester, deine kleine Nichte … Dein Pflanzenfreund kann auch kommen, wenn du willst.«
Ein solches Angebot von Yarrow bedeutete viel. Noch mehr Leute auf seiner Insel? Fremde obendrein? Er klang, als meinte er es wirklich ernst. Es war ein Geschenk, und so nahm sie es auch. »Das wäre schön.«
Sie lächelte noch immer, als sie in den eisigen Wintermorgen hinaustrat, gut eingepackt in ihren Mantel und einen leuchtend roten Schal. Trotz der frühen Stunde waren alle schon munter und liefen geschäftig zwischen den Gewächshäusern und den Cottages hin und her. Terlu winkte allen zu, die ihr begegneten, und sie grüßten zurück.
Sie stapfte durch den Schnee zum Turm des Zauberers. Marin öffnete ihr, als sie klopfte. Rauch waberte ihr entgegen.
Prompt stiegen ihr Tränen in die Augen, und sie wich einen Schritt zurück. Flammen sah sie keine; es bestand also die Hoffnung, dass die Katastrophe bereits abgewendet war. »Geht es euch gut?«
»Wie’s aussieht«, sagte Marin, »bringen wir nichts zu essen mit.«
Rijes rief von drinnen: »Ich habe beschlossen, dass mein Beitrag zum Fest Geschichten sein werden. Ich kenne viele, die auf Belde bestimmt noch niemand gehört hat.«
»Das ist eine wunderbare Idee«, entgegnete Terlu. »Geschichten lieben alle.« Sie kniff die Augen schmal zusammen, krauste die Nase und ging in die Werkstatt, wo sie die Fenster öffnete, damit der dichte Qualm abziehen konnte. Auf dem Herd stand eine Pfanne mit … Es war schwer zu sagen, was der verkohlte Haufen einmal gewesen sein mochte. Essbar war das definitiv nicht. Der durchdringende Gestank verschmorter Zwiebel hing in der Luft. Terlu fragte nicht nach. Vermutlich stießen selbst oberste Bibliothekarinnen manchmal an ihre Grenzen. »Zur Mittagsstunde geht’s los, ja?«
»Das klingt prima.«
Sie ließ die beiden Frauen mit ihrem Kochunfall allein. Auf dem Rückweg schaute sie in allen Cottages vorbei. Sie waren nun ausnahmslos bewohnt und beinahe fertig renoviert. Offenbar wussten alle, dass die Feierlichkeiten mittags beginnen sollten. Terlu kam ihnen jedoch gerade recht – ob sie rasch kosten könne? Zu ihrer Freude stieß sie auf nichts Verbranntes mehr. Yarrow hatte sein Talent fürs Kochen offenbar geerbt. Das Festessen versprach phänomenal zu werden.
Lotti und Dendy traf sie im Fliederhaus. Beide trugen Rowans gehäkelte Augen: Dendy je eins an den beiden größten Blättern, Lotti zwei winzige in der Mitte ihrer Blüte.
»Ihr seht beide …« Terlu suchte vergebens nach einem Adjektiv.
»Großartig aus?«, schlug Lotti vor.
»Ja, großartig«, stimmte Terlu zu.
»Ich hatte es auf absuuurd angelegt«, meinte Dendy.
»Das auch«, gab Terlu zu.
Zusammen schlenderten sie zum Rosenhaus weiter, das gerade in einen großen Festsaal verwandelt wurde. Birch und Rorick gaben Anweisungen, und die Jüngeren bauten eine lange Reihe von Tischen auf, die sie in der letzten Woche aus übrig gebliebenen Brettern gezimmert hatten. Ubri und Pipa schleppten die verschiedenartigsten Stühle an. Flick, der Mann mit dem gelbbraunen Fell und dem Geweih, verteilte Servietten, und Tante Rin stellte in Abständen Vasen mit Blumensträußen hin. Mehrere sprechende Pflanzen, Seefahrer Ree eingeschlossen, kletterten in den Dachsparren herum, hängten Bänder auf und drapierten sie zu großen Schleifen. Ganz in der Nähe hatte sich ein Schwarm kleiner Drachen niedergelassen. Sie knabberten an den Bändern und beobachteten das rege Treiben.
In einer Ecke beaufsichtigte Tante Harvena den Aufbau einer kleinen »Bühne«. Während des Festmahls sollte ein Chor singender Blumen für Hintergrundmusik sorgen, aber vorher und hinterher durfte jeder etwas darbieten, der Lust dazu hatte. Terlu hatte sich erboten, auch ein wenig zu spielen; Cousin Vix, der so gern fischte, hatte eine Gitarre, die sie leihen durfte. Sie hatte zwar nicht mehr geübt, seit sie auf Belde lebte (und natürlich auch nicht in den sechs Jahren davor), aber es schien keine Voraussetzung zu sein, dass die Musik gut war. Sie sollte bloß nicht aufhören.
Als Terlu ganz allein im kalten Schnee erwacht war, hätte sie nicht im Traum daran gedacht, dass sie noch im selben Winter an einem richtigen Sonnenwendfest teilnehmen könnte. Oder irgendetwas von dem erleben würde, was seither geschehen war. Vermutlich bedeutete ihr der heutige Tag deshalb so viel: Er bot Gelegenheit, das Licht zu feiern, das so unverhofft in der unerbittlichen Finsternis erstrahlt war.
Lotti hüpfte an ihr vorbei, und ein Band flatterte hinter ihr her.
Und die Pflanzen, dachte sie und lächelte. Es gibt ziemlich viele Pflanzen zu feiern!
Mittags ging es los!
Alle drängten ins Rosenhaus, und das Stimmengewirr und Gelächter stieg bis zu den Dachsparren auf, wo Emeral und die kleinen Drachen ihre liebsten Leckereien verzehrten. Zwischen Kater, Drachen und Laubmäusen schien Waffenruhe zu herrschen, denn auch von ihnen kam niemand zu kurz. Die beiden Kinder auf der Insel, der kleine Epu und der Junge mit den Hörnern, hatten sich bereits angefreundet und jagten einander durchs Rosenhaus. Rowan hatte eine Flöte aus der Tasche gezaubert und spielte eine muntere Melodie, zu der Ambrel mit Birch tanzte.
Yarrow saß neben Terlu, und wie durch ein Wunder schien er sich trotz der vielen Leute und der Lautstärke gut zu amüsieren. Auf Terlus anderer Seite hatte Rijes Platz genommen und klatschte im Takt. Schmetterlinge und Libellen schwirrten über ihre Köpfe hinweg.
Alle, die kochen konnten, hatten etwas zu essen beigesteuert.
Es gab Karotten, die wie Süßigkeiten schmeckten. Spargel in cremiger gelber Sauce. Kartoffeln, auf ganz verschiedene Arten zubereitet: gegrillt, gebraten, gebacken, doppelt gebacken, mit Käse und Rahm gekocht. Fisch, mit aromatischen Kräutern verfeinert; Terlu kannte ihre Namen immer noch nicht alle, aber das Resultat war köstlich. Sie mochte nicht alles gleich gern; die Muscheln in Butter etwa, die Yarrow ganz hervorragend fand, erinnerten sie zu sehr an Schnecken. Sie war jedoch ganz entzückt von einem Nudelgericht mit Kürbis und nussiger Sauce sowie einem süßen Karottenbrot, das einer der Onkel gebacken hatte. Und Yarrow hatte ihr neues Leibgericht gemacht, die Zucchini-Kürbis-Tomatenpfanne, die er noch perfektioniert hatte.
Sie aßen, redeten, lachten, sangen, erzählten Geschichten und tanzten.
Während Schnee sanft aufs gläserne Kuppeldach fiel, neigte sich der kürzeste Tag des Jahres langsam seinem Ende zu, und Dunkelheit brach herein. Alle riefen »Oh!« und »Ah!«, als die Süßspeisen aufgetischt wurden. Yarrows Zuckerglas mit den Rosen in verschiedenen Geschmacksrichtungen fand am meisten Anklang, aber man sprach auch fleißig dem übrigen Naschwerk zu: Obstkuchen aller Art (Terlu hatte eine Blaubeertorte gebacken), Gugelhupfe, Apfelaufläufe und eine hervorragende Pfirsichtorte (nach dem Rezept von Yarrows Großvater). Und natürlich fehlten auch die Orangenspalten mit Schokoladenüberzug nicht.
Schließlich saßen alle zusammengesackt da und erklärten ein ums andere Mal, dass sie nie wieder auch nur einen einzigen Bissen zu sich nehmen könnten. Terlu tippte Yarrow an und raunte ihm ins Ohr: »Was hältst du von dem Fest?«
»Es ist wunderbar«, raunte er zurück.
»Sollen wir so langsam gehen?«
»Ich liebe dich«, sagte er.
Sie lächelte. »Das hatte ich schon vermutet.«
Sie hielt ihm die Hand hin, und er ergriff sie. Sie verabschiedeten sich, wünschten allen eine glückliche Sonnenwende und bedankten sich. Es dauerte eine Weile, sich loszueisen, aber endlich spazierten sie Hand in Hand durch die Gewächshäuser. Der zarte Duft von Frühlingsblumen hing in der Luft.
»War dir das heute wirklich alles recht?«, erkundigte sie sich behutsam. »Das Fest, die vielen krakeelenden Leute und Pflanzen in deinen ruhigen Gewächshäusern …« Die Musik und die Stimmen waren zu einem angenehmen Summen in der Ferne abgeklungen. »Und bist du einverstanden damit, uns alle dauerhaft hier zu haben?« Bisher hatte ihn niemand gefragt, auch sie nicht. Sein zurückgezogenes Leben war auf den Kopf gestellt worden, ohne dass er etwas dagegen hatte tun können. In ihren Augen mochte sich Belde zum Besseren gewandelt haben – aber sah er das auch so?
»Ist schon in Ordnung.«
»Wirklich? Oder sagst du das bloß so?«
Er blieb neben einem Fliederbusch stehen und ergriff auch noch ihre andere Hand. »Seit du in mein Leben getreten bist …« Er schluckte, und kurz glaubte sie, er würde keine Worte finden, doch dann sprach er weiter. »Ich dachte, ich hätte meinen Frieden damit gemacht, allein auf Belde alt zu werden. Hier wurde ich gebraucht, und ich dachte, das sei genug. Aber du … kamst unerwartet.«
Terlu biss sich auf die Zunge, um nicht zu fragen, ob »unerwartet« gut oder schlecht war.
»Du hast alles verändert.«
Sie schluckte. Ja, das stimmte wohl.
»Du hast mich verändert.«
»Das wollte ich aber nicht! Ich finde dich nämlich großartig, so wie du bist.«
Yarrow schüttelte den Kopf. »Was ich sagen will: Du bereicherst meine Welt. Jeden Tag, auf tausend verschiedene Arten. Du hast mich zum Leben erweckt.«
»Dann … findest du alles gut so? Auch das mit uns?«
»Sehr gut! Aber was ist mit dir? Du hattest doch auch ganz andere Pläne. Bist nicht freiwillig hergekommen, sondern einfach in der Fremde aufgewacht, in Eis und Schnee … Und keine Menschenseele in der Nähe. Falls ich das nie gesagt habe: Es tut mir furchtbar leid, dass das so gelaufen ist. Ich hätte gar nicht weggehen dürfen. Nachdem ich den Zauber gesprochen hatte, ist lange nichts passiert. Eine Weile hab ich schon gewartet, aber irgendwann war ich überzeugt, dass es schiefgegangen war.«
Nach den vielen missglückten Experimenten verstand sie das gut. Immerhin hatte er sie nicht beide in einer luftundurchlässigen Blase eingeschlossen oder Fensterglas in Wasser verwandelt! Solche Katastrophen hatte sie zum Glück nicht mehr verschuldet, und mittlerweile wusste sie wohl wenigstens genug, um zukünftig vorsichtiger zu sein. »Ist schon in Ordnung.«
»Bist du glücklich?«, fragte er.
Sie gab ihm dieselbe Antwort wie Rijes. »Ja, das bin ich!«
Wie hätte sie sich das hier auch nur wünschen können? Sie hatte die erfüllende Aufgabe, die Zauber eines verstorbenen Magiers zu übersetzen; dazu die Insel, die magischen Gewächshäuser, die entstehende Dorfgemeinschaft, die sprechenden Pflanzen, die kleinen Drachen, den geflügelten Kater – und Yarrow. Sie hatte nicht geahnt, dass dieses Leben auf sie wartete. Doch nun wollte sie nichts anderes mehr.
»Ich bin endlich zu Hause«, sagte sie.
Da zog er sie an sich, um sie zu küssen, und sie erwiderte seinen Kuss. Noch immer schwebten Schneeflocken auf die Gewächshäuser herab, doch überall um sie herum blühten die Blumen.