Kapitel 6 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
Mit dem geflügelten Kater auf den Schultern folgte Terlu Yarrow durch den Gewächshauskomplex. »Komm mit«, hatte er geknurrt, seither aber kein Wort mehr gesagt. Ab und an blieb er stehen, um einen Busch oder eine Blume näher in Augenschein zu nehmen, und dann machte er: »Hmmm.« Er führte sie über einen Weg, den sie noch nicht kannte: Im Rosenhaus ging er nicht geradeaus, sondern nach links, und sie reckte den Hals, um in den neuen Gewächshäusern nichts zu verpassen.
Eins war Miniaturbäumen gewidmet. Durch die zarten Zweige sah sie kleine Waldgeschöpfe: drei Fingerbreit große Rehe, klitzekleine Hasen und noch winzigere Backenhörnchen.
Im nächsten gab es ausschließlich Moose und schillernde Schmetterlinge.
Wieder das nächste beherbergte Gemüse: Tomatenpflanzen wuchsen so hoch wie Bäume, Gurken und Kürbisse hingen an umrankten Gittern unter der Decke, und in Beeten sprossen in säuberlichen Reihen Karotten und Salate. Alles war mit großer Sorgfalt organisiert – fast wie in Yarrows Cottage. Sie war überzeugt, dass er dieses Gewächshaus nicht nur pflegte, sondern selbst bepflanzt hatte. Gern hätte sie ihn danach gefragt – und auch nach den winzigen Waldtieren! –, aber er war bereits weitergegangen.
An der nächsten Tür wartete er auf sie. Durch das Glas sah sie Schnee und Kiefern. Es war nicht die Tür, die auf sein Cottage hinausging, aber sie sah ganz ähnlich aus. Daneben gab es auch wieder Garderobenhaken, und er reichte ihr einen roten Mantel. Er hatte bereits einen sandfarbenen übergezogen. Erneut bemerkte sie, wie gut er aussah – auf eine ganz und gar uneitle Art und Weise. Er war sich dessen nicht einmal bewusst. So war es auch nicht die klassische Schönheit eines Edelmanns, der sich penibel zurechtgemacht hatte und dahinschritt wie ein Pfau. Nein, er glich einem wunderbar ebenmäßigen Baum! Sie stellte sich vor, wie sie zu ihm sagte, er sei so schön wie ein Baum, die Rinde golden, das Laub schwarz-golden gemustert, die Blüten smaragdgrün … Es wäre wohl besser, wenn ich mich nie als Dichterin versuche! Emeral schwang sich in die Lüfte, als sie den Mantel nahm. Sie schlüpfte hinein und freute sich darüber, dass er ihr viel besser passte als der andere. Hatte Yarrow ihn eigens für sie ausgesucht? Unsinn, das ist sicher nur Zufall. Weshalb sollte er über so etwas nachdenken? Ihm wäre der rote Mantel allerdings viel zu klein. Er könnte nie seine breiten Schultern hineinzwängen! Sie merkte, dass sie ihn anstarrte, und prompt schoss ihr das Blut in die Wangen. Rasch schaute sie zu Emeral auf.
Der Kater hatte sich auf einer Dachsparre niedergelassen und putzte hingebungsvoll eins seiner Hinterbeine.
»Kommst du nicht mit?«, fragte sie ihn.
»Er tut, wie ihm beliebt«, brummte Yarrow.
Selbstverständlich. Gefiederte Schwingen hin oder her: Er war ein Kater! Lieber hätte sie ihn dabeigehabt, aber sie ließ ihn in Ruhe und folgte Yarrow nach draußen.
Die Sonne war weitergewandert und hing nun über den Spitzen der Kiefern. Terlus Atem verwandelte sich vor ihrem Gesicht in weißen Dampf. Und wie gut es hier roch! Nach Meersalz, Kiefern und Eiseskälte. Yarrow führte sie zwischen zwei Bäumen hindurch, und sie kniff die Augen zusammen: War das eine Straße? Der Schnee hatte sie so tief unter sich begraben, dass man höchstens zu Fuß, mit einem Schlitten oder auf Skiern weiterkam. Wie ein breiter weißer Fluss schlängelte sie sich durch den Wald. Weit und breit gab es keine anderen Spuren als Yarrows und ihre.
»Mein Cottage steht am dichtesten bei den Gewächshäusern, aber die Straße runter Richtung Hafen gibt es noch mehr.« Er zeigte nach Westen. »Such dir eins aus! Du musst es dir aber selbst herrichten, ich kann die Zeit nicht erübrigen.«
»Aber …«
»Du kannst dir alles nehmen, was du brauchst.«
Zwischen den Bäumen an der Straße konnte sie das erste Cottage ausmachen. Das Dach war eingestürzt. »Meine Schwester Cerri kann einfach alles reparieren. Einmal ist die Wasserpumpe an der Küchenspüle kaputtgegangen, und sie hat alle Rohrleitungen freigelegt und auseinandergenommen. Als sie fertig war, ging nicht bloß die Pumpe wieder, sie hatte außerdem eine Dusche gebaut. Man konnte heiße Kohlen in ein Behältnis aus Metall füllen, und dann wurde das Wasser sogar warm. Leider habe ich nicht ihre Fähigkeiten.«
Er zuckte mit den Schultern. »Dann nimm ein Cottage, in dem die Pumpe in Ordnung ist.«
Sie wusste auch nicht, wie man Dächer flickte, Fensterscheiben ersetzte oder Kamine kehrte. »Aber ich bin wirklich nicht …«
»Im Schuppen hinter meinem Cottage findest du Werkzeuge. Bring sie zurück, wenn du fertig bist.«
Damit wandte er sich ab und stapfte durch den Schnee zurück zu den Gewächshäusern. Perplex stand sie da. Ständig ließ er sie so stehen! Sie wusste kaum, wie ihr geschah. Er verwirrte sie so – aber nicht auf eine gute Art und Weise! Im Kopf ging sie das Gespräch noch einmal durch. Hatte sie etwas Falsches gesagt? Oder einfach mal wieder zu viel geplappert?
Immerhin hat er mich nicht fortgejagt. Sie konnte bleiben, bis sie … Ja, was? Das wusste sie selbst nicht. Bis sie so weit war? Sich endlich überlegt hatte, was sie mit ihrem Leben anfangen wollte? Auf seiner Insel nicht mehr willkommen war? Aber es brachte nichts, jetzt ewig darüber zu brüten. Lieber wandte sie sich den drängenden Entscheidungen zu.
Sie durfte sich also ein Cottage aussuchen, ja? Das mit dem eingestürzten Dach würde sie nicht nehmen. Sie würde sich nach einem umschauen, das noch nicht hoffnungslos verfallen war. Kurz sah sie sich neben einem schlafenden Bären in einer Ruine kauern, dann rief sie sich zur Ordnung. Sie sollte wirklich versuchen, die Sache nicht so schwarz zu sehen. Vielleicht war eins der Cottages ja in tadellosem Zustand!
Sie zog den Mantel fester um sich und watete in den tiefen Schnee. Wieder war sie dankbar für die Stiefel. Die Sonne schien durch die Kiefernzweige und glitzerte auf dem gewundenen weißen Band der Straße. Der Himmel war so blau, als wäre er gemalt.
Das nächste Cottage hatte ein gewölbtes Dach, das über große, runde Fenster kragte. Die Tür war rund und der Schornstein ebenso. Das Haus erinnerte ein wenig an einen Pilz, zumal es rot gestrichen war. Die Rahmen der Fenster und der Tür sowie die Klappläden waren weiß. Charmant sah es aus, und was noch wichtiger war: Es schien nicht einsturzgefährdet zu sein.
Hier könnte ich leben.
Oder?
Ich meine … Ganz allein?
Sie schauderte, ermahnte sich dann aber, nicht albern zu sein. Viele Leute lebten allein und waren trotzdem guter Dinge. Hervorragend ging es ihnen! Sie arbeitete sich durch den Schnee zur Vordertür. Natürlich wäre es möglich, dass sie abgeschlossen war … Sie drückte die Klinke hinunter. Knarrend schwang die Tür auf, und sie steckte den Kopf durch den Spalt.
Aus dem dämmrigen Inneren blinzelten ihr viele verschlafene Greifen entgegen. Groß wie ausgewachsene Waschbären waren sie! Aus der Nähe waren sie wirklich eindrucksvoll mit ihren starken, berglöwenhaften Leibern, den schnabelbewehrten Adlerköpfen und mächtigen Schwingen. Über den gesamten Boden lagen die Knochen von Nagetieren verstreut. Eindeutig ein wild lebender Schwarm … Waren sie wohl mit dem Greifen verwandt, den sie im Kakteenhaus gesehen hatte?
Ein Greif zischte sie an.
Eilig zog sie die Tür zu und trat den Rückzug an.
Allein? Da drinnen? Wohl eher nicht!
Also weiter zum nächsten Cottage.
Sie stapfte die verschneite Straße entlang. Das nächste Cottage kuschelte sich zwischen zwei hohe Kiefern, deren Zweige das Dach großenteils abgeschirmt hatten. Nur wenig Schnee überzuckerte die korallenroten Schindeln. Das Häuschen war niedrig und breit, und Terlu gefiel, dass es wie ein Sonnenaufgang gestrichen war, in Gelb-, Violett- und Rosarottönen. Die Farbe blätterte an einigen Stellen ab, aber das Cottage sah trotzdem fröhlich aus. Ein Fenster war zerbrochen, sonst sah sie keine Schäden. In Ordnung, Versuch Nummer zwei! Sie öffnete die zitronengelbe Tür (behutsamer als die letzte) und spähte ins Innere.
Keine verärgerten Greifen. Keine Bären, die sie aus dem Winterschlaf hätte aufschrecken können. Sie wagte sich hinein. Durch die schmutzigen Fenster drang ein wenig Sonnenlicht, so dass es keine dunklen Winkel gab, nur verschiedene Graustufen. In einer Ecke stand ein Bett mit einer Kuhle in der Mitte. Das Netz unter der Matratze musste gerissen sein. Terlu strich mit dem Ärmel über die eingestaubte Platte eines Esstisches: Sie war mit Blumen bemalt. Dann kroch sie halb in den offenen Kamin, um in den Abzug zu schauen. Sie sah eine Menge Blätter und Zweige. Bevor sie ein Feuer entzündete, würde sie den Kamin kehren müssen, und das war keine leichte Aufgabe. Er schien wirklich verstopft zu sein.
Ob die Pumpe an der Küchenspüle noch ihren Dienst tat? Der Schwengel ließ sich nur schwer bewegen. Sie schaffte es schließlich, aber es kam kein Wasser.
Das Problem mit dem Kamin konnte sie vielleicht lösen – zumindest war klar, was zu tun war. Aber kein Wasser? Sie hatte Yarrow die Wahrheit gesagt: Eine geschickte Klempnerin wie ihre Schwester war sie nicht. Eigentlich konnte sie gar nichts besonders gut, wie Cerri gern bei jeder Gelegenheit erwähnt hatte. Trotzdem. Wäre sie doch jetzt hier! Cerri bräuchte bloß einen Nachmittag, um eins dieser Cottages herzurichten. Nach zwei Tagen hätte sie es in einen Palast verwandelt. Terlu dagegen hatte nicht das Talent dazu.
Jetzt wünschte sie, sie hätte ihrer Familie von ihren Schwierigkeiten erzählt. Aber ihr war so elend zumute gewesen, und das hatte sie niemandem gestehen wollen. Was hätten ihre Eltern aus der Ferne auch tun sollen? Ihre Tanten und Onkel? Sie hätten sich bloß gesorgt, und Terlu hätte sich erst recht gefühlt wie eine Versagerin. Dennoch bedauerte sie es. Vielleicht wäre alles anders gekommen, hätte sie sich ihnen anvertraut.
Das nächste Cottage sah aus wie eine prächtige Buttercrèmetorte, bloß dass die Rüschen nicht aus Fondant modelliert, sondern aus Holz geschnitzt waren. Leider waren alle Fensterscheiben gesprungen und manche sogar aus den Rahmen gefallen. Die Dielen waren schneebedeckt. Terlu mühte sich weiter. Wem hatten die Häuschen wohl einst gehört? Jedes einzelne war offenbar geliebt worden. In einem entdeckte Terlu einen Schaukelstuhl, der wie ein Bär aussah, und eine einäugige Puppe. In einem anderen hing noch die gerahmte Zeichnung eines Paars an der Wand. Die beiden hatten die Arme umeinander gelegt und lächelten den Künstler an.
Weshalb hatten die Besitzer ihre Häuser aufgegeben? Wo waren sie jetzt? Und warum war Yarrow noch da? Eine stille Traurigkeit hing über den verlassenen Cottages. Antworten auf ihre Fragen schien es hier keine zu geben.
Endlich kam sie zu einem Cottage, das man allem Anschein nach mit weniger Aufwand wieder herrichten konnte: Die Außenwände waren blassblau wie ein Mittagshimmel, die Türen und Fensterläden dunkler, wie die Dämmerung. Spinnen hatten in den Dachsparren ihre Netze gesponnen, aber sonst schien niemand eingezogen zu sein. Von einem Dachbalken hing ein hängemattenähnliches Bett, dem sie nicht recht traute – sie wusste ja nicht, wie lange die Seile schon vor sich hin rotteten. Aber sie konnte ein Bett aus einem der anderen Cottages herholen. Und nicht nur das: Sie konnte die schönsten Stücke zusammensammeln und sich damit einrichten.
Es könnte hübsch werden.
Richtig schön sogar. Sie stellte sich alles sauber, ordentlich und voller Blumen vor. Hoffentlich würde Yarrow ihr erlauben, Blumen zu pflücken, um ihr Cottage damit zu schmücken. Mein Cottage. Das klang doch gut, nicht wahr?
Nicht wahr?
Ich bin kein kleines Kind mehr. Ich komme allein zurecht! In der Bibliothek hatte sie doch auch ein eigenes Zimmer gehabt. Zugegeben, es war ziemlich abgelegen und still gewesen, und sie hatte es verabscheut. Aber damit war sie fertig geworden! Mehr oder weniger. Bis sie statuisiert worden war.
Na schön, vielleicht kam sie allein zurecht, aber nicht besonders gut.
»Du schaffst das!«, redete sie sich zu. Sie könnte versuchen, Emeral zu sich zu locken … Dann hätte sie ein bisschen Gesellschaft. Und sein Schnurren konnte einen bestimmt in jeder Lebenslage trösten.
Sie verschränkte die Arme und versuchte sich an einer sachlichen Beurteilung. Das Cottage war natürlich nicht so gemütlich und reizend wie Yarrows. Es würde viel Arbeit erfordern, es in Schuss zu bringen. Wenn sie ehrlich sein sollte, schüchterte sie das ganz gewaltig ein … Am liebsten wäre sie geflohen und hätte sich in Yarrows Heim verkrochen. Aber das stand außer Frage. Sie würde den Kamin kehren müssen und auch sonst alles putzen. Außerdem gab es hier und da ein paar Löcher, um die sie sich würde kümmern müssen, damit an stürmischen Tagen nicht der Wind durchs Cottage fuhr. Ob es wohl durchs Dach regnete? Beim nächsten Wolkenbruch würde sie es wohl herausfinden. Sie legte den Kopf zurück. Es war keine Decke eingezogen, so dass sie durch die Sparren freien Blick auf die Dachschrägen hatte. Sie sah keine Schäden, aber an der Wand unter den Fenstern waren Flecken.
Als Nächstes probierte sie die Pumpe aus. Und tatsächlich kam Wasser aus dem Hahn! Zunächst war es braun, wurde aber bald klar. Wenn das nichts ist!
Ihr wurde leichter ums Herz. Beinahe glaubte sie, einen kurzen Blick auf ihre Zukunft hier zu erhaschen – zumindest auf die unmittelbare. Von einem langfristigen Plan war sie noch weit entfernt.
Es war gut, dass sie harte Arbeit nicht scheute, denn es gab viel zu tun. Womit sollte sie nur anfangen?
Wärme war das Wichtigste – also mit dem Kamin! Sie brauchte … ja was eigentlich? Eine Art Bürste? Mit einem langen Stiel und harten Borsten? Und einen Besen, um den Ruß nach draußen zu kehren, wenn sie ihn nach unten befördert hatte. Vielleicht eine Leiter, damit sie aufs Dach kam.
Oh weh. Noch nie in ihrem Leben war sie auf einem Dach herumgeklettert. Wie glatt würde es da oben wohl sein bei all dem Schnee und Eis? Sie sah sich schon abstürzen. Wie stellte sich Yarrow das wohl vor? Erwartete er, dass sie auch ihre gebrochenen Knochen selbst richtete mit den Werkzeugen im Schuppen hinter seinem Cottage? Und was, wenn sie ihre neue Bleibe nicht vor Einbruch der Nacht bewohnbar machen konnte? Ob er sie dann noch einmal bei sich übernachten ließ? Natürlich würde sie ihm nicht wieder sein Bett streitig machen, aber sie könnte sich wie Emeral am Feuer zusammenrollen. Eine Decke würde er ihr doch bestimmt leihen. So würde sie wenigstens nicht erfrieren.
Im Kopf stellte sie eine Liste auf, was alles getan werden musste. Dann ging sie weiter, auch wenn sie nicht glaubte, dass sie noch etwas Besseres finden würde als das blaue Cottage. Außerdem gefiel ihr die Farbe. Das mochte oberflächlich sein, aber das Blau erinnerte sie an den Sommerhimmel über Eano, wenn die Wellen einem die Füße umschmeichelten und Delfine nah der Küste spielten. Vielleicht war das ein gutes Omen. Vielleicht konnte sie wirklich hier leben! Solange Yarrow sie duldete. Oder solange sie wollte … Je nachdem.
Die Straße endete an der Westküste der Insel. Wie hatte Yarrow sie genannt? Belde? Terlu vergrub die Hände in den Manteltaschen und schaute übers Meer. Diese Weite war sie nicht gewohnt! Von Alyssium aus sah man stets die umgebenden Inseln sowie unzählige Frachtschiffe und Segelboote, die kamen und gingen. Rund um Eano sprenkelten die Paddelboote der Fischersleute den Ozean, und manchmal tollten Delfine durchs Wasser. Doch hier sah sie nichts als endloses Blau. Einen Sandstrand gab es nicht; Felsen brachen die Wogen. Weiß spritzte die Gischt auf. In der Ferne sah sie schattenhafte Umrisse, Flecken graueren Blaus – möglicherweise andere Inseln, vielleicht aber auch bloß Wolken.
Der Hafen schien aus einem einzigen Schiffsanleger zu bestehen, zu dem eine kurze Treppe hinabführte. Es handelte sich um einen breiten Holzsteg, der ein gutes Stück ins Meer hinausragte. Boote lagen nicht daran vertäut. Am Ende des Anlegers erhob sich ein Flaggenmast, neben dem eine festgezurrte Kiste stand. Terlu fiel Yarrows Angebot wieder ein: ein Handelsschiff herbeizurufen, das sie von hier fortbrachte.
Das konnte sie natürlich tun. Zum Ende des Anlegers laufen, die Flagge hissen und sich abholen lassen. Aber was sollte sie sagen, wenn die Kapitänin sie fragte, wohin sie wollte?
Nach Hause? Wollte sie wirklich als verurteilte Verbrecherin heimkehren? Das mochte sie ihren Lieben nicht antun. Es ging ja nicht nur darum, dass sie sich genierte und niemanden enttäuschen wollte (auch wenn beides zutraf). Schlimmer war: Wenn sie sich bei ihnen meldete oder sogar auftauchte, brachte sie unter Umständen alle in Gefahr. War es möglich, dass sie als Flüchtige galt? Gesucht wurde? Gern hätte sie ihre Eltern und ihre Schwester wissen lassen, dass sie am Leben war. Aber wie konnte sie das Risiko eingehen, solange sie nicht wusste, ob man sie begnadigt hatte?
Immer noch hatte sie keine Ahnung, weshalb sie hier war. Yarrow hatte die Beamten des Kaisers gebeten, einen Zauberer zu schicken. Wieso hatten sie stattdessen Terlus Statue auf ein Schiff geladen? Die Plakette an ihrem Sockel hatte sie doch als ehemalige Bibliothekarin ausgewiesen. Es musste ein Irrtum passiert sein – der verantwortliche Beamte steckte zweifellos bis zum Hals in Schwierigkeiten. Sobald herauskam, was geschehen war, würde man sie zurückholen und wieder im nördlichen Lesesaal ausstellen wollen … Nein, sie konnte ihre Familie unmöglich bitten, sie zu verstecken!
Es war besser, keinen Staub aufzuwirbeln. Vielleicht wusste ja niemand, dass sie auf Belde gelandet war? Bevor sie überlegte, wie es weiterging, musste sie erst einmal mehr herausfinden.
Wie es weiterging … Sie seufzte. Das war seit jeher ihr Problem: Sie hatte keine Ahnung, was sie mit ihrem Leben anfangen sollte. Bibliothekarin war sie geworden, weil es einer ihrer Professoren vorgeschlagen hatte und sie sich gut dazu eignete. Aber wahre Begeisterung hatte sie für die Arbeit nie empfunden – nicht wie ihr Cousin Mer für die Schifffahrt, ihre Tante Siva für die Kunstschnitzerei und Cerri fürs Renovieren. Dabei hatte sie deshalb ihre Heimat verlassen: Ihr hatte eine Aufgabe gefehlt – eine Leidenschaft! –, und sie war es müde gewesen, die Einzige in ihrer Familie zu sein, die ihre Bestimmung noch nicht gefunden hatte.
Sie war keinen Schritt weitergekommen. Gab es für sie überhaupt einen Platz in der Welt?
Vielleicht würde es ihr ja guttun, eine Weile auf dieser Insel zu bleiben. Sie konnte zur Ruhe kommen und darüber nachdenken, wie sie diese zweite Chance nutzen konnte, die ihr so unerwartet geschenkt worden war.
Ja, das ist es: eine zweite Chance. Und vielleicht braucht es Abgeschiedenheit, um sich darüber klarzuwerden, was man will. Vielleicht muss man dafür allein sein.
Möglich. Oder sie würde die Stimmen anderer Menschen bald so sehr vermissen, dass sie anfing, mit den Bäumen zu reden.
Sie wandte den Blick vom Meer und sah nicht weit entfernt ein Steingebäude. Es war eher ein gedrungener Turm als ein Cottage. Ein Leuchtturm? Aber unter dem verschneiten, konischen Dach konnte sie keine Laterne erkennen. Dann vielleicht ein Getreidespeicher? Neugierig bahnte sie sich einen Weg durch den Schnee.
Neben der Tür hing ein Schlüssel an einem Haken. Sie nahm ihn ab und schob ihn ins Schloss. Er ließ sich leicht drehen. Sie schob die Tür auf und steckte den Kopf hindurch. »Hallo?«
Langsam wurde sie es wirklich überdrüssig, ständig ins Leere hinein zu grüßen – aber sie konnte ja auch nicht uneingeladen in ein geheimnisvolles Gebäude stürzen, das gerade noch verschlossen gewesen war!
Durch die trüben Scheiben drang Sonnenlicht. Staub schwebte golden schimmernd über dem langen Arbeitstisch, der mitten im Zimmer stand. Allerlei Krimskrams türmte sich darauf. Terlu trat ein. An den Wänden zogen sich Regale entlang, unordentlich vollgestopft mit Folianten, Notizbüchern und Papieren … Bei dem Anblick krampfte sich ihr Bibliothekarinnenherz zusammen. In einer Ecke stapelten sich leere Blumentöpfe in verschiedenen Größen. Einige Gartenhandschuhe lagen darum verstreut. Vor einem der schmutzigen Fenster stand ein Schreibtisch, auf dem sich ebenfalls Papiere häuften. Durch das Fenster konnte man den Schiffsanleger und das Meer sehen.
Dieses heillose Durcheinander war das genaue Gegenteil von Yarrows penibler Ordnung. Sie betrachtete die Ansammlung staubiger Rundkolben und Bechergläser auf dem Arbeitstisch. War sie in ein altes Laboratorium gestolpert? Eine Werkstatt? Jedenfalls schien hier niemand zu Hause zu sein. In einer Ecke entdeckte sie eine enge Stiege – vielleicht führte sie ja zu den Wohnräumen hoch? Dieser Tage lebte bestimmt niemand mehr darin. Der Staub lag wie eine Decke über allem, ein deutliches Zeichen, dass nie jemand herkam. Der kalte Holzherd auf der anderen Seite des Zimmers hing voller Spinnweben. Terlu fröstelte es bei dem Anblick. Der Turm war seit Jahren verlassen.
Sie berührte ein Blatt Papier auf dem nächsten Regal. Es fühlte sich steif an, war aber nicht so brüchig, dass es unter ihren Fingern zu Staub zerfiel. Hier hat eindeutig jemand gearbeitet, dachte sie. Die vielen Notizen, die Glaskolben, die an Experimente denken ließen, und der übervolle Schreibtisch … Terlu beugte sich darüber. Inmitten der Papierstapel stand ein Blumentopf mit einem vielleicht faustgroßen vertrockneten Ball darin. Eine Pflanze! Sie hatte sich eingerollt, als hätte sie sich schützen wollen.
»Ach, du armes Ding!«
Sie nahm den Topf vom Schreibtisch und klemmte ihn sich in die Armbeuge. Dann strich sie umher wie eine Ermittlerin, die nach Hinweisen suchte. Neben dem Herd lag ein Häufchen ausgekehrter Asche. Waren das die Überreste von Papieren? Sie ging davor in die Hocke und fischte einen Fetzen heraus.
Wieso sollte ein Gelehrter seine Arbeit verbrennen?
Nur sehr wenige Worte waren noch zu entziffern, aber das reichte: Terlu erkannte die tote erste Sprache, die Zunge der Zauberer.
Aha! Eine Magierwerkstatt!
Hatte hier der Schöpfer der Gewächshäuser seine Forschung betrieben? Bestimmt! Wer sonst? Vielleicht gab es ja in diesem Turm einen Anhaltspunkt dafür, wer er gewesen war und was er bezweckt hatte … »Oder ich ziehe bloß voreilige Schlüsse«, sagte sie zu der toten Topfpflanze.
Würde Yarrow doch nicht immer wegrennen! Noch immer schwirrten ihr so viele Fragen durch den Kopf, und ständig schienen weitere hinzuzukommen.
Yarrow hatte gesagt, der Zauberer sei verstorben. Aber wieso war niemand geschickt worden, um ihn zu ersetzen, auch nicht auf Yarrows Bittgesuch hin? Und was war aus den Leuten geworden, die offenbar hier gelebt hatten? Wieso waren alle außer Yarrow fortgegangen?
Und die Frage aller Fragen: Was hatte es zu bedeuten, dass man sie nach Belde entsandt hatte?
Sie räumte ein Plätzchen auf dem Arbeitstisch frei, stellte die Topfpflanze hin und betrachtete sie eingehend. In der Werkstatt gab es keine anderen toten Gewächse, nur die leeren Blumentöpfe. Und die trockene kleine Knolle hatte auf dem Schreibtisch des Zauberers gestanden … An ihr musste etwas Besonderes sein. War sie sein letztes Experiment? Vielleicht gar sein Vermächtnis? Wenn sie herausfinden konnte, um was für eine Pflanze es sich handelte, wäre sie schon ein wenig klüger. Behutsam strich sie über eins der länglichen braunen Blätter, die die Pflanze um sich geschlungen hatte. Es fühlte sich so trocken und brüchig an wie welkes Herbstlaub. Die Struktur war ein bisschen wie Spitze, erinnerte an Farnwedel. Aber die kleine Pflanze war so zusammengeschrumpft, dass Terlu wirklich nicht viel erkennen konnte. Wenn sie ihr Wasser gab, würden die Blätter dann ein wenig voller werden? Das könnte dabei helfen, sie zu entrollen. »Was bist du bloß?«, murmelte sie. »Verrat mir dein Geheimnis!«
Es gab ein Spülbecken, und Terlu musste nicht lange pumpen, bis Wasser aus dem Hahn floss. Sie wusch ein Becherglas aus und trug es gefüllt zum Arbeitstisch. Vermutlich hätte sie sich die Mühe sparen können. Selbst wenn sich die Blätter lockerten, war die Wahrscheinlichkeit äußerst gering, dass sie die Pflanze identifizieren konnte. Ihr fehlte das Fachwissen. Aber jetzt kannte sie einen Gärtner! Er musste ihr nur über den Weg laufen. Gut möglich, dass sie mehr aus ihm herausbekam, wenn sie sich nach einer Pflanze erkundigte und ihm die existenziellen Fragen ersparte (etwa: »Weshalb bin ich hier, und was ist der Sinn meines Lebens?«).
Sie goss das Wasser über den trockenen Ball, wartete ein Weilchen, damit die Feuchtigkeit einziehen konnte, und stupste die verkümmerte Pflanze dann vorsichtig an. War sie weicher geworden?
Mit einem Mal gähnte die Pflanze und breitete die Blätter weit aus. Sie wurden immer grüner … und dann kam eine dunkelviolette Knospe zum Vorschein.
»Wahnsinn!«, hauchte Terlu.
Die Knospe öffnete sich, und violette Blütenblätter kamen zum Vorschein. Terlu bestaunte sie. Sie wollte gerade eines berühren, da …
»Untersteh dich!«, fauchte das Gewächs.
Terlu blieb der Mund offen stehen. Wortlos starrte sie die kleine Rose an, die es unmöglich geben konnte.