Kapitel 9 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
Das war die einzig logische Erklärung.
Yarrow starrte sie an. »Was sagst du da?«
Lotti schüttelte einen der Töpfe und schrie: »Wach auf, wach auf, wach auf!«
Terlu schlang die Arme um sich. Sie fühlte sich schutzlos. Exponiert. Ihr war schleierhaft, wie Rijes Velk ihre Statue aus der großen Bibliothek geschafft und den ganzen Weg nach Belde gebracht hatte – aber gedurft hatte sie das bestimmt nicht. Terlu hätte sie nur zu gern ausgefragt. Wie schleppte man eine menschengroße Statue unbemerkt aus dem berühmten und gut bewachten nördlichen Lesesaal? Sie konnte sich nicht vorstellen, wie die oberste Bibliothekarin das angestellt hatte. Hoffentlich hatte sie sich nicht Terlus wegen in Gefahr begeben! Aber das Wie einmal außer Acht gelassen …
Lottis stumme Freunde schienen eindeutig der Grund zu sein, weshalb Rijes sie hergeschickt hatte. Ein Zufall war ausgeschlossen. Terlu hatte einst verbotene Pflanzenmagie gewirkt, und hier war sie nun: auf einer Insel voller verzauberter Gewächshäuser, deren Magie dahinschwand.
»Rijes Velk glaubt, dass ich euch helfen kann.«
»Stimmt das denn?«, fragte er.
Ihr zog sich die Kehle zusammen. Sie brachte kein Wort heraus, also schüttelte sie bloß den Kopf. Unmöglich konnte sie noch einmal zaubern! Sie würde wieder auf ihrem Sockel enden. Wüsste Yarrow, was sie getan hatte, dass sie eine verurteilte Verbrecherin war, dann würde er …
Er blickte sie aus großen, unergründlichen Augen an. Und da begriff sie.
Gar nichts würde er tun, denn ihn würden sie auch verhaften!
Er hatte den Bann von ihr genommen, obwohl er kein Zauberer war. Um Terlu auszuliefern, müsste er den Ermittlern sagen, wer sie war – und dann würde alles ganz schnell ans Licht kommen. Er hatte Rijes Anweisungen befolgt und sich mitschuldig gemacht. Nein, er würde sie nicht melden.
Darauf kann ich vertrauen.
Vielleicht konnte sie sogar ihm vertrauen. Der obersten Bibliothekarin vertraute sie blind, und die hatte sie zu ihm geschickt.
Yarrow holte Luft. »Aber warum hast du dann gesagt …«
»Weil ich schon mal etwas Ähnliches getan habe. Ich habe einen Zauber gesprochen.« Rasch senkte sie den Kopf. Sie wollte nicht in seinem Gesicht lesen, hatte zu viel Angst, Missbilligung darin zu finden, Enttäuschung oder Mitleid. »Geplant hatte ich das nicht. Ich bin über den Spruch gestolpert, als ich die Tagebücher aus dem Nachlass eines Zauberers sortiert habe …« Erst als sie zufällig in einem Antiquitätenladen eine seltene Zutat entdeckt hatte, war sie ins Träumen geraten. »Zuerst war es wie ein Spiel: Bekomme ich die Zutaten zusammen? Nein, kein Spiel – eine intellektuelle Herausforderung! Ich dachte, ich könnte später vielleicht eine Abhandlung schreiben über die Schwierigkeiten, einen derart komplizierten Zauber zu wirken. Nicht dass sie jemand herausgegeben hätte … Ich bin ja weder Magierin noch Professorin. Aber die ganze Sache war wirklich faszinierend. Der Spruch selbst ist sprachlich schwierig und enthält einige unbekannte Worte, die man keinesfalls falsch aussprechen möchte …«
Wie viele Geschichten gab es, die sich um fehlgeschlagene Zauber drehten! Sie wurden stets als Begründung dafür bemüht, weshalb scharfe Gesetze gegen unbefugte Zauberei unerlässlich waren. Es hieß, einst habe ein Zauberer ein Feuer entfachen wollen und sich dabei selbst in Brand gesteckt. Eine junge Magierin hatte wohl ein Wasserpferd beschwören wollen, um auf seinem Rücken über den Ozean zu reiten; dabei hatte sie versehentlich eine ganze Herde herbeigerufen und so ihr Heimatdorf zerstört. Ein Mädchen hatte mit einem Spruch experimentiert – und war einfach verschwunden. Zehn Jahre lang war es verschollen geblieben, bis seine Eltern es schließlich gefunden hatten: versteinert und voller Moos.
»Aber nach einer Weile glaubte ich, dass ich es schaffen könnte. Ich recherchierte die Geschichte der Worte in dem Spruch, machte mich mit ihrer Herkunft vertraut, bis ich jedes gut kannte und aussprechen konnte. Und im Lauf mehrerer Monate trieb ich alle Zutaten auf.«
Lotti hatte aufgehört, an den Töpfen zu rütteln. Sie war näher herangehüpft und hockte nun neben Yarrows Fuß. Stumm lauschten die Rose und der Mann. Terlu spürte das Gewicht ihres Schweigens auf sich lasten wie eine dicke Schneedecke. Sie machte sich klein und drückte Rijes Brief an die Brust.
Diese Geschichte erzählte sie nicht gern vor Publikum. Einmal war sie schon dazu genötigt worden, und sie würde nie die Verachtung in den Augen des Richters oder die grausame Genugtuung in denen des Ermittlers vergessen. Aber nun gab es längst kein Zurück mehr. »Caz habe ich ihn genannt. Er ist ein Spinnenkraut. Und er ist freundlich, klug und lustig. Ein Bibliotheksbesucher hat ihn gesehen, und da haben sie ihn mir weggenommen.« Verstohlen warf sie Yarrow einen Blick zu.
Er stand reglos und betrachtete sie, als wäre sie ein Vögelchen, das er nicht verscheuchen wollte. Seine Miene war nachdenklich, aber sie sah ihm weder Ablehnung noch Bedauern an. Am ehesten glaubte sie, Hoffnung in seinem Blick zu erkennen.
»Sie wollten ein Exempel an mir statuieren. Deshalb beschlossen sie, mich in eine Statue zu verwandeln. Eine Begnadigung war ausgeschlossen.« Ihr war, als hörte sie erneut die Trommeln, die nach der Urteilsverkündung geschlagen worden waren. Vermutlich würden sie für den Rest ihres Lebens in ihrem Kopf widerhallen.
»Warum hat man mir dann den Zauber geschickt, um den Fluch von dir zu heben?«
»Zu meinem Glück waren nicht alle einverstanden mit dem Urteil.« Sie erhob sich vom Boden und zeigte ihm das Wappen und die Unterschrift. Lotti hüpfte auf und ab, bis Yarrow ihr den Brief hinhielt. »Die oberste Bibliothekarin hat mich bei der Verhandlung verteidigt. Irgendwie muss dein Gesuch in ihre Hände gelangt sein, und sie dachte wohl …«
»›Ich hoffe, auf diese Weise gleich mehrere Probleme auf einmal zu lösen‹«, las Yarrow vor.
Lotti stieß einen durchdringenden Schrei aus. »Du kennst den Zauber, um sie wieder aufzuwecken!«
Terlu schüttelte den Kopf. »Das nicht.« Sie hatte einer gewöhnlichen Pflanze ein Bewusstsein gegeben, nicht eine wieder zu sich gebracht, die bereits eins hatte. »Und selbst wenn, könnte ich ihn unmöglich wirken. Es ist zu gefährlich. Ich kann das nicht noch einmal durchmachen! Ihr wisst ja nicht, wie das war … Die Stille. Die Hilflosigkeit. Die Einsamkeit.« Bittet mich nicht darum!
Nur war sie bereits gebeten worden, oder? Zumindest indirekt. Und zwar von der Einzigen, die ihr damals in der Not beigestanden hatte. Ihrer Retterin.
»Wir würden dich nie zu etwas zwingen«, sagte Yarrow.
»Du vielleicht nicht«, knurrte Lotti. »Ich schon!«
Indem sie ihnen von Caz erzählt hatte, hatte sie gewissermaßen ihre Hilfe angeboten, das wusste sie selbst. Aber … Ein faustgroßer Kloß schien in ihrem Hals zu stecken. Sie konnte kaum schlucken, kaum atmen. Die Trommeln in ihrem Kopf dröhnten.
»Du könntest sie retten«, sagte Lotti vorwurfsvoll, »aber du willst nicht! Feigling! Das sind unschuldige Pflanzen!«
Unwillkürlich zog Terlu den Kopf ein. Es war nicht so, dass sie nicht helfen wollte! Es war nur … »Wenn ich erwischt werde …« Sie schloss die Augen. Wie klar die Erinnerung war! Ohne Atem zu sein, ohne Herzschlag, ohne Stimme. Ich hoffe, auf diese Weise gleich mehrere Probleme auf einmal zu lösen. Die Worte klangen in ihr wider.
»Wirst du nicht«, sagte Yarrow. Seine Stimme schien aus unmittelbarer Nähe zu kommen.
»Da kannst du nicht sicher sein.« Sie öffnete die Augen. Er war vor sie getreten, und sie musste den Kopf zurückneigen, um ihn anzuschauen. Sein Blick war ernst, sein Mund weich. Sie sah ihm Anteilnahme an, Verständnis, vielleicht Entschlossenheit – aber kein Mitleid. Was für ein freundliches Gesicht, dachte sie.
»Doch, kann ich.« Er hob halb die Hände, als wollte er Terlu an den Schultern fassen, ließ sie jedoch rasch wieder sinken. »Es ist sonst niemand hier. Nur ich. Und Lotti. Auf Belde leben nur wir drei. Du bist hier sicher.«
»Und wir würden dich nicht verraten!«, rief Lotti. »Niemals! Selbst mit einer Handschaufel könnten sie die Wahrheit nicht aus mir herausholen! Nicht einmal mit einer Gartenschere! Ich flehe dich an, Terlu Perna. Laiken ist ja nicht mehr …« Ihre Stimme brach. »Bitte. Diese Pflanzen sind alles, was ich noch habe. Sie sind meine Freunde. Meine Geschwister. Bitte, weck sie auf.«
Terlu schluckte schwer. Sie schaute Lotti an, dann Yarrow und schließlich den Brief ihrer Mentorin, auf die sie sich immer hatte verlassen können und die sie tief bewunderte. Was Rijes wollte, stand außer Frage.
»Bitte, Terlu!«, wisperte Lotti. »Ohne sie bin ich ganz allein.«
Terlu ließ den Blick über die Topfpflanzen in den Regalen wandern, so reglos und still. Wie ihnen war es auch ihr ergangen. Vermutlich trieben auch sie steuerlos irgendwo zwischen dem Hier und dem Jetzt dahin. Terlu wusste, wie es war, im eigenen Körper gefangen zu sein – lebendig, aber nicht imstande zu leben.
»Ich kenne den richtigen Zauber nicht. Der Spruch, mit dem ich Caz erschaffen habe, nützt uns in diesem Fall nichts. Wir brauchen einen anderen. Wie er lauten muss, weiß ich nicht … Aber ich würde ihn erkennen, wenn ich ihn sähe, beispielsweise in der Werkstatt eines Zauberers.«
»Und wenn du ihn findest?«, fragte Yarrow.
Sie blickte ihm in die Augen. »Dann kann ich ihn auch wirken.«
Die Sonne war untergegangen, als sie den Turm des verstorbenen Zauberers erreichten. Im Innern war es kalt und dunkel. Yarrow entzündete die Laternen, die an der Wand hingen, und auch auf den langen Arbeitstisch stellte er ein paar. Bald war alles in weiches bernsteingelbes Licht getaucht. Die Kälte vertrieb es natürlich nicht, aber es war schön, dass man etwas sehen konnte.
»Wo fangen wir an?«, fragte Yarrow.
Kurz war Terlu sprachlos. Die Frage an sich überraschte sie nicht, aber dass er solches Vertrauen in ihr Urteil setzte … Er glaubt an mich!
»Wie wär’s, wenn du mich erst mal absetzt?«, piepste Lotti in Terlus Händen.
»Oh ja, natürlich.« Terlu brachte Lotti zum Arbeitstisch.
Die kleine Rose trippelte zu dem einzigen sauberen Becherglas hinüber (dem, das Terlu abgewaschen hatte) und betrachtete ihr Spiegelbild darin. »Ach, was habe ich mich wunderbar entrollt!« Sie drehte sich, um ihre gefiederten Blätter aus einem anderen Winkel zu betrachten.
»Bildhübsch bist du«, sagte Terlu.
Lotti schniefte. »Seh ich selbst.«
Im Gegensatz zu Lottis Erscheinung ließ der Zustand der Werkstatt einiges zu wünschen übrig.
Terlu legte ihren Schal ab und knöpfte den Mantel auf. Prompt fröstelte sie. Es war nicht ganz so eisig wie draußen, aber doch nahe daran. Als sie sich umschaute, sah sie, dass eins der Fenster einen Spaltbreit offen stand. Lotti musste es aufgedrückt haben, um aus der Werkstatt zu entkommen. Vermutlich hatte sie immer wieder dagegen springen müssen. Leise und schuldbewusst machte Terlu es zu.
Nun gut … Wo sollten sie mit der Suche beginnen? Schauten sie sich die Papiere auf dem Schreibtisch näher an, oder gingen sie lieber erst die Regale durch? Auf dem Arbeitstisch waren bestimmt die letzten Experimente des Zauberers zu finden … Und vielleicht lagen noch weitere Aufzeichnungen in seinen Wohnräumen?
Vielleicht sollte ich doch lieber die Finger davon lassen. Wir könnten uns alle drei in große Gefahr bringen! »Nur noch ein letztes Mal, bevor es zu spät ist: Ihr glaubt nicht, dass wir einen Fehler machen?«
Lotti flatterte mit ihren Blütenblättern. »Himmel! Wie kann es ein Fehler sein, Leben zu retten?«
»Keine Sorge, du wirst nicht wieder …«, Yarrow brach ab. »Statuiert? Statufiziert?«
Sag ich doch. Es gibt einfach kein richtiges Wort dafür! »Ich hab schon mal geglaubt, dass mir nichts Schlimmes passieren würde. Ich schade ja niemandem, habe ich gedacht, und wen sollte es groß stören? Aber da habe ich mir was eingeredet. Was ist dieses Mal anders als damals?«
»Dieses Mal bist du nicht allein«, sagte er schlicht.
Konnte es eine vollkommenere Antwort geben?
Dennoch …
Sie nahm eine Laterne vom Tisch. »Ich schaue zuerst oben nach. Vielleicht wollte er seine wichtigsten Aufzeichnungen nicht aus den Augen lassen.« Sie durchquerte die Werkstatt betont langsam, damit es nicht aussah, als wäre sie auf der Flucht.
Lotti hüpfte über den Arbeitstisch auf den Herd zu. »Wie steht’s um den Schornstein? Können wir ein Feuerchen anzünden? Und wenn ich ›wir‹ sage, meine ich dich, Gärtnerbursche, denn das ist offensichtlich nicht so mein Ding!« Sie wedelte mit den Blättern. »Ich will nicht als Zunder enden.«
Yarrow steckte den Kopf in den Herd. »Es gibt ein paar verlassene Nester und Spinnweben … Der Rauch sollte aber abziehen.« Er tauchte wieder auf. »Könnte ein bisschen müffeln.«
Terlu überließ die beiden sich selbst und stieg die schmale, gewundene Stiege hinauf, eine Hand an der Wand. Die Stufen ächzten. Auf halber Höhe blieb sie stehen – die Trommeln dröhnten wieder laut in ihren Ohren. Vielleicht war es auch bloß ihr Herzschlag.
Dieses Mal ist alles anders, redete sie sich zu.
Denn dieses Mal tat sie es nicht für sich – sie tat es für Lotti. Für Yarrow. Für die schlafenden Pflanzen. Und so kratzte sie all ihre Bedenken und ihre Furcht zusammen, formte einen Ball daraus, warf ihn in eine dunkle Kammer ihres Geistes und schlug die Tür zu. Dann stieg sie weiter hinauf. Sie brauchen mich!
Entschlossen atmete sie durch. Die Luft war so staubig, dass sie husten musste.
Das Obergeschoss war deprimierend, trist und großenteils leer. Es gab nur ein großes Zimmer (unten bei der Stiege hatte sie ein winziges Bad gesehen). Mittendrin stand ein Bett mit staubigen Laken und Decken. An einer Wand hing ein schmutziger Spiegel. Die Fenster waren verhängt; selbst bei Tag wäre es hier oben dunkel gewesen. Terlu war froh, dass sie die Laterne mitgebracht hatte, auch wenn ihr Licht die Schatten in den Winkeln umso mehr hervorhob. Sie hob sie höher. Es gab weder einen Schreibtisch noch Regale. Nur zwei Truhen voller staubiger Kleider und einen Nachtschrank mit einem einsamen Notizbuch darauf.
Terlu stellte die Laterne hin und hob es auf. Sofort fühlten sich ihre Hände klebrig an. Sie blies den Staub von dem grünen Ledereinband und blätterte durch die Seiten. Das Buch war ungefähr bis zur Hälfte gefüllt. Waren das die letzten Notizen des Zauberers? Falls ja, würde das Buch ihr nicht viel nutzen, denn sie brauchte einen Zauber aus seiner frühen Schaffensperiode – aus der Zeit, als er sich mit den sprechenden Pflanzen beschäftigt hatte. Was würde er selbst wohl davon halten, dass sie sich mit seinen Aufzeichnungen beschäftigte? Wäre er empört? Würde er sie verurteilen? Immerhin wollte sie seinen Pflanzen helfen. Vielleicht wäre er ja einverstanden.
Aus den Augenwinkeln sah sie sich verschwommen selbst im Spiegel: ungebändigte braune Locken, rundes lavendelblaues Gesicht, ängstliche violette Augen. Dann zog ein Schatten über das trübe Glas.
Erschrocken blickte sie sich um – aber hinter ihr war nichts und niemand.
Sie schauderte. Das verlassene Schlafgemach hatte etwas Unheimliches. Der Zauberer war schon lange tot, und doch konnte sie das Gefühl nicht abschütteln, aus der Dunkelheit heraus beobachtet zu werden … Als spukte es hier oben.
»Entschuldigung!«, sagte sie. »Ich wollte nicht stören.«
Niemand antwortete.
Es ist ja auch niemand hier. Ich bilde mir das bloß ein.
Selbst hatte sie noch nie einen Geist gesehen, aber sie hatte schon viele Geschichten gehört. Im sechsten Stock der großen Bibliothek ging angeblich der Geist einer Bibliothekarin um, die nicht ruhen würde, bis sie alle Bücher in ihrem ehemaligen Bereich gelesen hatte. Ihre Nachfolgerin ließ jede Woche ein neues Buch aufgeschlagen liegen und blätterte hin und wieder um.
Terlu hätte sich an der Gesellschaft eines solchen Geistes nicht gestört, aber sie war nicht lange genug im Dienst gewesen, um den sechsten Stock betreten zu dürfen.
Wie dem auch sei, im Schlafgemach des verstorbenen Zauberers gab es nichts weiter zu entdecken.
Mit der Laterne und dem ledergebundenen Buch ging sie wieder nach unten. »Sieht so aus, als hätte er alle seine Aufzeichnungen hier unten aufbewahrt.« Sie stellte die Laterne zurück auf den Arbeitstisch und legte das Buch daneben. Erfreulicherweise war es in der Werkstatt bereits etwas wärmer: Im Herd brannte nun ein Feuer. »Nur dieses Notizbuch habe ich gefunden. Es wird uns allerdings nicht viel nützen, dafür ist es zu neu.«
»Oben hat er wirklich nur geschlafen«, sagte Lotti. »Kein Wunder also. Aber es war gut, vorsichtshalber nachzuschauen.«
Yarrow blickte zur Stiege hinüber. »In seinem Zimmer gibt’s bloß noch Erinnerungen … Es sei denn, die Fledermäuse sind zurück. Mit denen musste ich mich nämlich im ersten Winter nach seinem Tod rumschlagen. Hab die Viecher in die Höhlen umgesiedelt. Du hast doch hoffentlich keine gesehen?«
»Keine einzige. Nur Staub und gruselige Schatten.«
»Ich hatte Wichtigeres zu tun, als verlassene Gebäude sauber zu halten …« Er klang defensiv.
»So hab ich es nicht gemeint!«, sagte sie schnell. »Ich finde es unheimlich toll, wie du das alles gestemmt hast. Wenn man bedenkt, dass du dich ganz allein um die vielen Gewächshäuser kümmerst …«
Ungeduldig peitschte Lotti mit den Blättern auf den Tisch. »Jaja, er ist wundervoll, aber meine Freunde sind besinnungslos! Können wir vielleicht darauf zurückkommen, und zwar möglichst, bevor du am Ende doch noch die Nerven verlierst? Was würde dann aus mir? Der Mann, der wie ein Vater für mich war, ist schon lange tot … Und meine Freunde und Geschwister sind bloß noch einen Schritt davon entfernt!«
»Tut mir leid. Ja, selbstverständlich!« Ich verliere die Nerven nicht. Ich packe das! Terlu wandte sich den spröden Papieren zu, die über den Arbeitstisch verstreut lagen. Es mussten Hunderte sein, alle unter Staub begraben. »Zuerst müssen wir rausfinden, wie er seine Aufzeichnungen organisiert hat.«
Lotti sprang auf ein dickes, staubiges Buch und schnaubte durch die Blüte. »Laiken war brillant. Ein revolutionärer Geist, unglaublich kreativ. Er hatte Einfälle, von denen andere Magier bloß träumen konnten! Aber organisiert war er nicht. Ständig hat er seine Socken verloren …« Sie schluchzte leise auf. »Ach, Laiken.«
»Wie verliert man denn seine Socken?« Terlu bemühte sich, einen leichten Ton anzuschlagen. Ach, könnte sie die kleine Rose doch in den Arm nehmen! »Behält man sie nicht einfach an den Füßen?«
»Die Zehen haben ihm gejuckt«, erklärte Lotti.
Yarrow, der am Herd herumwerkelte, brummte. »So viel wollte ich eigentlich gar nicht über ihn wissen.«
»Wahrscheinlich Fußpilz«, mutmaßte Lotti.
»Das wird ja immer schlimmer …«
Terlu hielt ein beschriebenes Blatt Papier ins Licht und betrachtete es stirnrunzelnd. »Was ist denn das?« Sie hielt es quer, dann über Kopf. »Hm. Das ist ja merkwürdig.«
»Stimmt was nicht?«, fragte Yarrow besorgt.
»Ich kann kein Wort lesen.«
»Lass mich mal sehen«, piepste Lotti. »Ah, das ist die erste Sprache. Du hast einen Zauber gefunden!«
Terlu starrte wieder das Blatt an. »Nein, die erste Sprache beherrsche ich!« Es war ein ungewöhnliches Erlebnis für sie, über einen Text zu stolpern, mit dem sie gar nichts anfangen konnte. Wenigstens die Wortstämme hätte sie erkennen müssen! Aber die Etymologie der Wörter blieb ihr verborgen, als wären sie nicht einmal …
»Du kannst die erste Sprache lesen?«, fragte Lotti ehrfürchtig.
»Ja, flüssig. Das hier ist was anderes. Wie alt war Laiken?«
Vielleicht hatte er sich einer anderen toten Sprache bedient? In allen war sie nicht bewandert, auch wenn sie im Laufe ihres Studiums viele zumindest kennengelernt hatte. Als der erste Kaiser das Mondsichel-Archipel zu seinem Reich erklärt hatte, waren große Anstrengungen unternommen worden, eine Einheitssprache auf den Inseln zu etablieren. Das hatte natürlich praktische Vorteile, doch die häufig brutale Durchsetzung hatte dazu geführt, dass allzu viele schöne Sprachen und Dialekte in Vergessenheit geraten waren. Terlu beklagte ihren Verlust.
»Genaueres hat er nie verraten.« Yarrow kam zu ihnen an den Arbeitstisch. »Aber er war wirklich uralt. Er hat weit über die gewöhnliche Lebensspanne eines Menschen hinaus überdauert. Wie kann ich dir zur Hand gehen?«
»Kennst du dich mit Sprachen aus?«
»Gar nicht. Aber ich könnte wenigstens den Tisch sauber machen.« Er fing damit an, alles aus Glas und Keramik abzuräumen: Messbecher, Röhren, Rundkolben, Krüge, Kannen, Tassen, Teller, Untertassen, Schälchen. Terlu sah zu, wie er die Spüle mit Seifenwasser füllte, dann wandte sie sich wieder den Schriften des Zauberers zu.
Lotti hüpfte heran und hockte sich direkt vor ihr hin. »Ich will helfen und verlange, dass du mich lässt!« Ihre Blüte hatte sich zusammengeballt wie eine kleine Faust.
»Klar«, erwiderte Terlu abgelenkt, schon wieder in die Worte vertieft. Sie kamen ihr vage vertraut vor, als teilten sie einige linguistische Eigenheiten mit der ersten Sprache, aber darüber hinaus ging es nicht. Sie legte das Blatt erst einmal beiseite und griff nach einem anderen. Die Handschrift war dieselbe, aber in diesem Fall hatte der Zauberer die Standardvarietät der Inseln verwendet. Es handelte sich um eine Vorratsliste für die Gewächshäuser.
»Ich halte es für das Klügste, erst mal drei Stapel anzulegen. Alltägliches hat Laiken vermutlich in der allgemeinen Verkehrssprache festgehalten; das kommt alles auf den ersten Stapel. Zaubersprüche müssen ja in der ersten Sprache stehen, die kommen auf den zweiten. Und der dritte ist für Texte in der unbekannten Sprache … Mit denen können wir uns später beschäftigen.« Sie überflog das nächste Blatt. Es war ein Rezept für eine Kartoffelsuppe, für die man zwölf verschiedene Kartoffelsorten und Fäuste voll geröstetem Knoblauch brauchte. »Lotti, könntest du vorsortieren und mir die interessanten Sachen zuschieben?«
Wieder hob sie das Blatt mit der fremden Sprache auf. Es ließ sie einfach nicht los, dass sie keine Vokabel erkannte. Sie hatte doch so viele Sprachen studiert! Der Text war erkennbar in Wörter und Sätze strukturiert, aber die Buchstaben … So sollten sie nicht zusammengestellt sein! Erst nach einer Weile merkte sie, dass Lotti sich nicht gerührt hatte.
»Ach, entschuldige … Selbstverständlich kannst du auch was anderes machen, wenn du darauf keine Lust hast!« Sie hatte die Rose nicht herumkommandieren wollen.
»Du … Du willst, dass ich …«
Terlu warf Yarrow einen fragenden Blick zu. Weshalb war Lotti so aufgestört? Hatte sie etwas Falsches gesagt?
»Du traust mir zu …« Lotti schniefte. »Ich hab nicht erwartet, dass du ja sagen würdest! Er hat mich nie helfen lassen. Hat immer gesagt, ich sei zu klein, ich solle mich im Hintergrund halten und einfach hübsch aussehen …« Sie schien zu weinen, obwohl sie weder Augen noch Tränenkanäle hatte. Wassertropfen hingen an den Rändern ihrer violetten Blütenblätter. »Sooft ich auch gefragt hab, er hat immer nein gesagt.«
Verlegen tupfte Yarrow ihre Blüte mit einem Geschirrhandtuch ab.
»Danke schön«, schluchzte sie.
»Als ich noch klein war«, erzählte er, »wollte ich einem meiner Onkel helfen, Feuerholz zu hacken. Das war im Winter immer seine Aufgabe, und ich wusste, wie wichtig sie war. Ohne Holz konnten wir nicht überleben. Aber mein Vater sagte, ich sei noch zu klein und könne die Axt nicht heben. Ich würde mich nur verletzen. Das habe ich gar nicht gern gehört.«
»Und dann?«, fragte Lotti. »Hast du es trotzdem versucht?«
Er zuckte mit den Schultern. »Mein Onkel hat mir gezeigt, wie man Holz richtig stapelt, so dass es nicht verrottet. Ich hab stattdessen das gemacht.« Ohne noch etwas hinzuzufügen, ging er zurück zu seinem Abwasch.
»Was für eine unbefriedigende Geschichte!«, schimpfte Lotti. Sie wandte sich Terlu zu. »Wollte er mir damit was sagen? Ich glaube doch wohl schon.« Sie hob die Stimme. »Heda, Gärtnerbursche! Und die Moral von der Geschicht’? Soll ich jetzt Holz stapeln? Ach, weißt du was, vergiss es! Es ist mir egal. Ich wollte nur sagen, dass ich überhaupt nie helfen durfte. Ich war immer bloß zur Zierde da.«
Wie gemein, jemandem so etwas einzureden! »So ein Quatsch.« Terlu war entschlossener denn je, Lottis Freunde zu wecken. Sie sollte sie um sich haben, gerade jetzt, in ihrer Trauer.
»Allerdings!« Die Rose beugte sich über ein zusammengekrumpeltes Papier. Mit den Blättern strich sie es glatt und schob es dann beiseite. »Nein, das ist nichts.« Sie hob das nächste auf. »Nö, langweilig. Ha, hier ist wieder eins, das keiner lesen kann!« Sie reichte es weiter.
Terlu ordnete die Papiere, während Yarrow um sie herum putzte. Er hob nacheinander ihre drei Stapel an und wischte darunter den Arbeitstisch ab, dann säuberte er einen Hocker für sie. Sie ließ sich darauf sinken und ging weiter die Seiten durch, die Lotti ihr zuschob.
Yarrow begann zu summen, was sie ehrlich überraschte. Sie hätte nicht gedacht, dass er bei der Arbeit sang! Aber es gefiel ihr. Die Werkstatt kam ihr gleich viel gemütlicher vor. Auch das Herdfeuer trug dazu bei, das jetzt tüchtig Wärme abstrahlte. Nach einer Weile schlüpfte sie aus ihrem Mantel, faltete ihn zu einem Kissen zusammen und setzte sich darauf.
Mehr und mehr bekam sie das Gefühl, dass sie eine gute Entscheidung getroffen hatte. Sie beging keinen furchtbaren Fehler, dessentwegen sie erneut statuisiert werden würde. Es ist das Richtige.
Draußen frischte der Wind auf und rauschte in den Kiefern. Sie war dankbar für das knisternde Feuer im Herd und das Licht der Laternen. Lotti fand immer neue Seiten in der unbekannten Sprache, und nach einer Weile erkannte Terlu ein Muster. Es war nicht so, dass sie die Sprache zuordnen konnte. Aber …
»Es ist ein Code!«, rief sie.
Yarrow schaute sich nach ihr um. Er war damit beschäftigt, die Folianten und Tagebücher in einem der Regale zurechtzurücken. Lotti hatte ein Papier mit Erde beschmiert und wischte daran herum. »Ein Code?«, wiederholte sie. »Oh ja, das kann sein! Er hat sich immer so gesorgt, dass die Leute Schindluder mit seinen Zaubern treiben könnten. Keine Ahnung, was er sich genau darunter vorgestellt hat … Oder wer ›die Leute‹ eigentlich sein sollten. Aber es war seine liebste Schimpftirade.«
Nun, da Terlu wusste, womit sie es zu tun hatte, kam ihr die Anordnung der Buchstaben nicht mehr so willkürlich vor. Natürlich konnte sie nach wie vor nichts lesen, aber nun wusste sie, wieso nicht. »Er hat seine Zaubersprüche und Aufzeichnungen chiffriert.«
Sie warf einen Blick auf das Aschehäufchen beim Herd: die verbrannten Seiten, die ihr beim letzten Besuch schon aufgefallen waren. Bestimmt hatte Laiken neue Zauber zunächst in der ersten Sprache notiert. Dann hatte er sie verschlüsselt und die Entwürfe verbrannt. Wie unglaublich … vorsichtig von ihm. Sie dachte daran, was Lotti über ihn erzählt hatte. Früher hatte er seine Arbeit bestimmt nicht verschlüsselt. Doch aus irgendeinem Grund hatte er sich verändert, und jetzt war die Werkstatt ein Spiegel seiner Angst.
»Kannst du den Code knacken?«, fragte Yarrow.
Das war eine gute Frage. »Es hängt davon ab, was es für einer ist. Hätte er ein Geheimalphabet erstellt, also bloß die einzelnen Buchstaben verschoben, käme ich schnell dahinter. Aber ich bezweifle, dass es so einfach ist. Fände ich einen Text, den ich wiedererkenne …« Vielleicht einen kleineren Zauberspruch, der ihr in der Bibliothek begegnet war, oder sogar nur eine Redewendung. Das könnte schon reichen. »Der Schlüssel könnte aber auch hier irgendwo versteckt sein. Ein Codebuch.« Hatte Laiken seine Methode niedergeschrieben oder sich darauf verlassen, dass er sie im Kopf behalten würde? »Lotti, du hast ihn gekannt. Glaubst du, Laiken hat ein Codebuch angefertigt?«
Lotti dachte darüber nach. »Ich hab nie eins gesehen. Wenn er eins gehabt hätte, hätte er es dann nicht hin und wieder konsultiert?«
Das stimmte! »Dann muss es ein Code sein, den er sich merken konnte. Und was sich merken lässt, lässt sich auch dekryptieren.« Ihre Begeisterung wuchs. Wie lange hatte sie kein solches Rätsel mehr gelöst? Mindestens sechs Jahre jedenfalls. »Ich brauche noch mehr Beispiele!« Wenn sie genug Texte hatte, die sie vergleichen konnte, musste es möglich sein!
Gemeinsam machten sie sich ans Werk.
Yarrow häufte Papiere und Tagebücher auf den Arbeitstisch und durchsuchte die Werkstatt nach weiteren Schriftstücken. Lotti überflog alles. Das meiste warf sie auf den Stapel für nutzlosen Kram, aber immer wieder fand sie auch vielversprechende Texte. Terlu saß gebeugt über der wachsenden Sammlung chiffrierter Schriften.
Draußen schimmerte Mondlicht auf dem Schnee, und die Fenster spiegelten den blassblauen Widerschein. Das Knistern des Feuers übertönte den Wind. Die Bibliothek mochte fern sein, doch so hatte sich Terlu ihren Beruf eigentlich vorgestellt: gemeinsam Texte durchkämmen, alle mit derselben Leidenschaft bei der Sache.
Als Lotti dann noch zu singen begann, so hell und klar wie ein Bach, da war Terlus Glück vollkommen. Yarrow summte dazu, tief wie die unergründliche See. Das Feuer brannte munter, und Terlu arbeitete bis tief in die Nacht weiter.