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Readers Treasury

Kapitel 10: Kapitel Zehn - Secrets of the Sea - Erinnerungsdiebin

By B.E. Pfeiffer

Noch ehe ich wusste, wie mir geschah, bäumte sich das Wasser zu gewaltigen Wellen auf, die mit Wucht gegen das Schiff schlugen.

»Segel einbringen! Sofort!«, rief Caspian.

Maya und die anderen reagierten blitzschnell und zogen an den Seilen, damit die Segel nicht vom Sturm zerfetzt wurden. Pearl war bei ihnen, klammerte sich an Mayas Tunika fest und kroch darunter, als der Wind noch heftiger wurde.

»Was war dieser … dieser Blitz?«, brüllte ich gegen das Rauschen des Sturms zu Caspian.

Der hatte das Ruder mit beiden Händen gepackt und stemmte sich dagegen.

»Keine Ahnung«, erwiderte er laut. »Wir können darüber reden, wenn wir diesen Sturm überstanden haben, einverstanden?«

Noch eine Welle schlug gegen das Schiff. Das Holz knarzte und Caspian fluchte, während er sich gegen das Steuerrad presste.

»Was soll ich tun?«, fragte ich, ehe ich darüber nachdenken konnte. Aber einfach herumstehen und zu hoffen, dass die Piraten diesen Sturm überstanden, konnte ich nicht.

Einen Moment zögerte Caspian – oder vielleicht versuchte er auch nur, zu Atem zu kommen, ehe er sprach.

»Hilf mir, das Schiff zu steuern«, rang er sich schließlich ab.

»Ich dachte, nicht jeder kann das«, erwiderte ich, setzte mich aber in Bewegung.

»Wenn du es nicht kannst, muss ich mir etwas überlegen. Aber vielleicht erkennt die Tempest Rage ja, dass ich sie alleine nicht steuern kann bei dem Sturm.«

Er trat einen Schritt zur Seite, ohne das Steuerrad loszulassen. Zögerlich legte ich meine Hände auf das Holz und klammerte mich daran fest. Von der Wucht, mit der das Steuer an mir zog, wurde ich fast von den Füßen gerissen. Ich verdankte es nur Caspian, der sich erneut gegen das Steuer stemmte, dass ich nicht stolperte und mir die Zähne ausschlug.

Ein reißendes Geräusch ließ mich zusammenzucken. Eines der Segel flatterte in zwei Teilen am Mast. Maya rief Befehle, doch die Crew konnte das Segel nicht mehr einbringen. Es wurde fortgerissen und flog an uns vorbei, verschwand aus meinem Blickfeld.

Blitze zuckten über den nachtschwarzen Himmel, ließen ihn einen Herzschlag gespenstisch hell erstrahlen. Im nächsten Moment schien das Meer noch wütender zu werden. Wasser peitschte über das Deck hinweg, spülte die Seile über die Reling. Die zweite Piratin schrie auf, als noch eine Welle über das Schiff hinweg schwappte und sie mit sich riss.

Maya reagierte sofort, packte eines der Seile, die um den Mast geschlungen waren, und sprintete der Frau hinterher. Noch ehe sie über Bord ging, griff Maya nach ihr und zog sie an sich.

»Du musst dich sichern!«, brüllte Caspian mir ins Ohr. »Wenn dich eine Welle fortreißt, bist du verloren.«

»Was ist mit dir?«, brüllte ich zurück.

Trotz der Anspannung, unter der sein ganzer Körper stand, blitzte Schalk in seinen Augen auf. »Ich halte mich am Steuer fest.«

»Ja, wahnsinnig klug. Hältst du dich für übermenschlich stark? Sag mir, wie ich dich sichern kann.«

»Erst du.« Er deutete nach unten. »Da sind Seile. Schling eines um deine Hüfte und binde es fest. Dann machst du dasselbe bei mir.«

Ich verkniff mir einen Kommentar. Das war nicht der Moment für dumme Sprüche. Ich hatte keine Ahnung, was diesen Sturm ausgelöst hatte, aber er schien nicht einfach abzuflachen. Wenn ich überleben wollte, musste ich den Piraten helfen.

So schnell ich konnte, griff ich mir ein Seil, band es um mich und sicherte es mit einem doppelten Knoten. Dann schnappte ich mir das zweite Seil, wickelte es um Caspians Taille und sicherte es ebenfalls.

Fauchend zerrte der Wind an meinen Haaren, peitschte die Wellen weiter auf. Als eine weitere Welle die Bordwand traf, kippte das Schiff bedrohlich. Ich stemmte meine Füße in den Boden und klammerte mich am Steuerrad fest. Ob ich Caspian wirklich half, das Schiff auf Kurs zu halten, wusste ich nicht, aber ich gab mein Bestes.

Die Fleute wirbelte herum, schaukelte, schwankte. Das Holz knarrte, als würde das Schiff wimmern. Die Blitze wurden größer und bedrohlicher, schlugen rund um uns in das Wasser, peitschten es weiter auf. Die nächste Welle war so hoch, dass sie über die Masten ragte.

»Festhalten!«, schrie mir Caspian zu, ließ das Steuerrad einen Wimpernschlag los, schlang seinen Arm um mich und packte das Holz erneut.

Eiskalt prasselte das Wasser auf uns herab und das Schiff neigte sich bedrohlich zur Backbordseite. In meinen Ohren rauschte es. Panik ließ meinen Puls rasen, meinen Atem stocken. Wir würden sterben. Dieser Sturm würde das Schiff versenken und uns alle mit sich reißen.

Als sich eine weitere Welle aufbaute, spürte ich das leichte Beben in Caspians Körper.

»Maya!«, rief Caspian. »Alle unter Deck!«

»Aber Captain …«

»Unter Deck!«, befahl er.

Was auch immer Maya hatte sagen wollen, sie schluckte es hinunter, nickte und stolperte zu uns. Bei mir blieb sie stehen und machte sich daran, das Seil um meine Taille zu lösen.

»Was tust du?«, fragte ich alarmiert.

»Du kommst mit uns unter Deck«, antwortete sie. »Da bist du sicher.«

»Aber das Steuer …«

»Ich halte es allein«, sagte Caspian.

Ich fuhr zu ihm herum. »Wir können es zu zweit kaum noch halten.«

»Schon mal davon gehört, dass der Captain mit seinem Schiff untergeht? Ich steuere es bis zum bitteren Ende.«

»Caspian, das ist Selbstmord!«

»Wenn ich das Steuer nicht halte, kentern wir«, fuhr er mich an. »Dann sind wir alle verloren. Ich schaffe das. Etwas mehr Vertrauen, bitte.«

Ich wusste selbst nicht, wieso, aber ich schüttelte den Kopf. »Ich bleibe hier«, verkündete ich entschlossen. »Wenn du deine Kraft nämlich genauso überschätzt wie deinen Charme, werden wir untergehen. Du brauchst mich hier, denn offensichtlich erlaubt das Schiff mir wirklich, es zu steuern.«

Als wollte es zustimmen, gab das Holz einen tiefen Laut von sich.

Von dem Sog, den die Welle erzeugte, wurde das Schiff herumgestoßen. Maya kämpfte um ihr Gleichgewicht, wartete auf Caspians Befehle. Der sah mich durchdringend an, während wir beide das Steuer hielten.

»Du kannst nicht schwimmen«, sagte er schließlich.

»Dann sorg besser dafür, dass ich es nicht muss«, erwiderte ich herausfordernd.

Seine Mundwinkel zuckten und in seinen Augen blitzte etwas auf. »Aye«, meinte er und wandte sich Maya zu. »Bring dich in Sicherheit und beruhig die anderen.«

»Aye, Captain«, antwortete sie.

Pearl blickte unter ihrer Tunika hervor und es sah aus, als wollte sie herausschlüpfen.

»Bleib bei Maya«, presste ich hervor. »Bitte.«

Kurz glaubte ich, sie würde etwas erwidern, ließ es jedoch und nickte nur.

»Ich passe auf sie auf«, versprach Maya. »Kümmert euch umeinander.«

Damit sprang sie die Stufen hinunter, scheuchte die restliche Crew unter Deck und verschwand ebenfalls.

Vielleicht bildete ich es mir nur ein, aber der Wind kam mir noch frostiger vor als vorhin und die sich auftürmenden Wellen wie eine unüberwindbare, meterhohe Mauer.

»Wie viele solcher Stürme hast du schon erlebt?«, fragte ich ächzend.

»Einen magischen wie diesen? Keinen«, gestand Caspian.

»Wieso denkst du, dass er magisch ist?«

Er schnaubte. »Weil etwas aus dem Wasser geschossen kam und das Wetter binnen einer Sekunde verändert hat?«

»Guter Punkt«, gab ich zu und hielt den Atem an, als ich mich erneut gegen das Ruder stemmen musste. »Irgendeine Idee, wie wir diesen Sturm überstehen?«

Caspian schwieg und das versetzte mich in schiere Panik. Waren wir chancenlos, das hier zu überleben?

»Mach dich bereit«, sagte Caspian heiser und deutete auf das Meer.

Mein Herz setzte mehrere Schläge aus, als sich die Wellen auftürmten und auf uns zurollten. Nein, das war ganz gewiss kein gewöhnlicher Sturm. Solche Wellen konnte es nicht wirklich geben.

Diesmal war das Wasser höher als die Masten, schlug peitschend auf dem Deck auf. Caspian drängte sich an mich, schirmte mich mit seinem Körper ab, während wir beide verzweifelt versuchten, das Steuerrad festzuhalten. Wieder rauschte es in meinen Ohren und ich schrie auf, als die eisige Kälte des Meeres an mir zerrte.

Das Schiff gab ein Ächzen von sich, genau wie Caspian. Der Sturm hatte das Steuerrad übernommen und machte es beinahe unmöglich, es zu halten. Als hätte es ein Eigenleben entwickelt, riss es an uns und obwohl ich alles gab, was ich hatte, rutschten meine Finger vom Holz. Im nächsten Moment wirbelte das Ruder umher, denn auch Caspian hatte es losgelassen.

Diesmal kippte die Fleute noch mehr zur Backbordseite. Ich verlor den Halt auf dem Boden und schlitterte über die Planken. Caspian packte mich, zog mich an sich, doch auch er konnte sich nicht halten. Durch den Fall spannten sich die Seile an, Schmerz schoss mir durch die Taille, doch ich war froh, dass sie uns sicherten.

Im nächsten Moment rissen sie.

Schreiend klammerte ich mich an Caspian fest, der nach allem griff, was er erreichen konnte, doch nichts zu fassen bekam. Wie in einem Albtraum rutschten wir über das Achterschiff, krachten gegen die Reling und gingen über Bord.

Ich hatte keine Zeit mehr, den Schrei zu beenden und Luft zu holen. Mein Mund füllte sich mit Wasser, als wir untergingen. Würgend strampelte ich um mein Leben, obwohl ich von den Wellen herumgewirbelt wurde und meine Orientierung vollkommen verloren hatte. Ohne Caspian wäre ich sicher ertrunken, aber er schaffte es, mich an die Wasseroberfläche zu bringen.

Gierig atmete ich ein, hustete, weil ich immer noch Wasser im Mund gehabt hatte, und spuckte aus.

»Wir müssen zum Schiff zurück, sonst sind wir verloren!«, brüllte Caspian gegen das Tosen der Wellen an.

»Ich kann nicht … schwimmen«, stammelte ich. »Lass mich … lass mich hier. Du kannst es ohne mich schaffen.«

»Vergiss es. Ich lasse dich hier ganz sicher nicht zurück«, widersprach er heftig und drehte mich herum.

Ein Arm lag jetzt über meiner Brust, mit dem anderen kämpfte er gegen die Wellen an. Aber uns beiden musste klar sein, wie aussichtlos dieser Kampf war. Das Meer hatte sich nicht beruhigt, im Gegenteil, es schien noch stürmischer geworden zu sein. Irgendwann würde Caspian die Kraft ausgehen. Dann waren wir beide verloren.

Hätte ich nur irgendeine brauchbare Fähigkeit gehabt, die uns helfen konnte. Aber selbst, wenn hier irgendwo Geister herumschwirrten, sie konnten uns nicht retten, da sie keine Körper besaßen. Und eine Erinnerung zu stehlen, würde unsere Leben auch nicht bewahren.

»Caspian«, röchelte ich. »Es … tut mir leid. Falls wir das überleben, wäre es mir eine Ehre … Teil deiner Crew zu werden.«

»Hör auf!«, blaffte er mich an. »Wir sterben nicht, das lasse ich nicht zu. Also rede nicht so, als wäre unser Leben gleich vorbei.«

»Tue ich nicht.«

»Doch. Solche Worte von dir bedeuten nämlich nur eines: Du hast mit deinem Leben abgeschlossen. Auf diese Weise will ich nicht, dass du Teil meiner Crew wirst. Wir überleben das und dann denkst du ernsthaft darüber nach.« Er rang um Atem. »Jetzt hol tief Luft, wir gehen gleich unter.«

Als ich hörte, wie er den Atem einsog, tat ich es ihm gleich. Im nächsten Moment drückte uns eine Welle hinunter. Caspians Griff wurde lockerer, doch er ließ mich nicht los.

Ich hasste es, nichts als eine Belastung zu sein. Noch nie in meinem Leben hatte ich mir so sehr gewünscht, etwas tun zu können wie jetzt.

Als meine Lunge wie Feuer brannte, durchbrach Caspian die Wasseroberfläche und ich atmete gierig ein.

Das Schiff war nicht weit weg und doch so fern. Gegen diese Wellen konnten wir nicht bestehen. Und Caspians Bewegungen wurden immer kraftloser.

»Du hättest … unter Deck gehen sollen«, keuchte er. »Dann wärst du … du wärst … sicher gewesen.«

Ich kniff die Augen zu. »Es tut mir leid. Ich wollte nur helfen.«

Er antwortete nicht mehr. Sein Griff lockerte sich und im nächsten Moment glitt sein Arm von mir. Panisch griff ich nach ihm, hielt ihn fest und wusste doch nicht, was ich tun sollte. Caspian schien das Bewusstsein verloren zu haben und ich konnte nicht schwimmen. Verdammt.

»Bei den Totengöttern«, wisperte ich, während ich versuchte, Caspian und mich über Wasser zu halten. »Ich könnte jetzt wirklich ein Wunder gebrauchen. Irgendeines. Bitte.« Nichts geschah. Natürlich nicht, wieso sollten die Totengötter auch nur ein einziges Mal Gnade mit mir kennen? Bisher hatten sie mich auch im Stich gelassen, wenn ich zu ihnen gebetet hatte.

Als eine weitere Welle über uns hinwegschwappte, presste ich Caspian an mich und ging mit ihm unter. Wir beide würden sterben, weil er mich hatte retten wollen.

Luftblasen stiegen vor meinen Augen auf, als ich den Atem entweichen lassen musste. Es war, als würde mein Körper gegen mich selbst kämpfen, als hätte ich vergessen, wie Bewegung funktionierte. Die Angst in mir brannte wie Feuer. Ich spürte Druck in den Ohren, das Herz hämmerte in meiner Brust. Und inmitten all dessen, als die Kälte in mir aufstieg, wusste ich nur eines: Wenn ich losließ, verlor ich Caspian.

Sterben. Wir würden beide sterben. Weil ich eine Taryna ohne wahre Macht war und nichts tun konnte, um uns zu retten.

Während mein Bewusstsein schwächer wurde, leuchtete etwas um mich auf. In zartem Türkis erstrahlte ein Licht direkt neben mir, umspielte mich und ein leises Flüstern, anders als jenes, das ich im Hafen Varuns gehört hatte, erhob sich. Wärme breitete sich um mich aus und mein Körper wurde leichter.

Trotz des Wissens, dass ich gerade starb, lächelte ich. Zumindest im Tod waren mir die Götter wohl gnädig.

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