Kapitel 12: Kapitel Zwölf - Secrets of the Sea - Erinnerungsdiebin
By B.E. Pfeiffer
Ich hätte mir denken können, dass Caspian mir keine spaßigen Aufgaben geben würde. Aber das …
»Igitt, wie kann Seetang so stinken?«, ächzte Pearl und kräuselte dabei die Nase. »In manchen Ländern soll das eine Delikatesse sein … Hoffentlich setzen wir nie einen Fuß in so ein Land.«
Ich lachte in mich hinein. Seit einer gefühlten Ewigkeit säuberten Pearl und ich das Deck von den Algen, die während des Sturms scheinbar in jede Ritze des Schiffs geraten waren. Es ergab Sinn, solche Aufgaben zu übernehmen. Der Brummbär und der Kerl, der offensichtlich in Maya verliebt war, arbeiteten an dem angeknacksten Mast. Die zweite Frau prüfte die Takelage und tauschte gemeinsam mit Caspian angerissene Seile aus. Maya und ein weiterer Pirat arbeiteten inzwischen an dem zerfetzten Segel. So, wie ich Caspian verstanden hatte, hatte das Schiff erstaunlich wenig Schaden davongetragen. Wir waren seetüchtig, würden aber dennoch bald einen Hafen ansteuern, um Material zu besorgen.
»So, das war wohl das letzte eklige Teil«, kommentierte Pearl, während sie einen kleinen Eimer Seetang über die Reling kippte. »Wir sollten fertig sein. Wollen wir Maya fragen, ob wir ihr helfen können?«
Ich nickte, da ich mich nützlich machen wollte. Nähen konnte ich zumindest ein wenig, vielleicht war ich also in der Lage, das Segel zu flicken.
Als ich auf Maya zuschritt, hob sie lächelnd den Kopf. Der Mann neben ihr musterte mich mit einer Mischung aus Neugierde und Misstrauen. Zumindest fühlten sich seine Blicke so an.
»Braucht ihr noch zwei helfende Hände?«, fragte ich.
»Und zwei Pfoten!«, rief Pearl. »Wobei ich nicht nähen kann, aber im Anfeuern bin ich wahnsinnig gut.«
Maya kicherte. »Setzt euch, nehmt euch Flickzeug.«
Wortlos ließ ich mich nieder, schnappte mir Nadel und Faden und betrachtete das Stück Stoff, das mit Heftnadeln befestigt worden war.
»Bevor du fragst, es ist wirklich ein alter Rock«, sagte Maya mit schiefem Grinsen.
»Dadurch ist das Segel sehr bunt«, antwortete ich verlegen.
»Viel zu bunt«, brummte der Mann. Er besaß die sonnengeküsste Haut eines Seemanns und ich nahm an, er stammte wie Maya wohl aus Dwarka. »Ich bin froh, wenn wir es in einen Hafen schaffen«, fuhr er fort, »und wieder ein vorzeigbares Segel besitzen. Sonst sind wir schnell das Gespött der Sieben Reiche.«
»Die Tempest Rage wird niemals zum Gespött – nicht einmal mit knallbunten Segeln«, widersprach Maya.
Der Pirat nuschelte etwas, das ich nicht richtig verstand, und nähte weiter. Auch ich begann mit meiner Arbeit. So schnell wie Maya und der Pirat war ich nicht, aber ich kam gut voran, den tomatenroten Rock mit schwarzen Tupfen inmitten des zerrissenen Segels anzubringen.
»Wer ist heute für den Kochdienst eingeteilt?«, fragte der Mann nach einer Weile.
»Ich glaube … ähm …« Maya sah mich verlegen an. »Unser wortkarger Kamerad«, stammelte sie schließlich.
Sie vermied es, die Namen der Leute zu nennen, die ich noch nicht kannte. Ich verstand, wieso, schließlich hatte ich meinen Namen ebenfalls noch nicht genannt. Von Maya und Caspian abgesehen hatte sich mir kein Mannschaftsmitglied vorgestellt. Das war in Ordnung, denn wieso sollten sie mir etwas verraten, wenn ich mich so bedeckt hielt?
»Brummbär kocht also?«, fragte ich und schielte zu dem Mast.
»Brummbär.« Maya gluckste. »Ein erstaunlich passender Spitzname für ihn. Er gibt wirklich nur brummende Laute von sich.«
»Und du weißt, wieso«, murmelte der Mann.
Maya räusperte ich und erwiderte meinen fragenden Blick. »Jeder von uns hat eine traurige Geschichte«, sagte sie. »Wenn du bei uns bleibst, wirst du sie vielleicht erfahren. Sofern du das natürlich willst.«
Da ich nicht wusste, was ich darauf antworten sollte, nickte ich und konzentrierte mich wieder aufs Nähen.
Die Sonne sank bereits, als sich Brummbär in die Kombüse zurückzog. Mein Rücken und die Hände schmerzten schon vom Nähen, fertig waren wir aber noch nicht. Da es langsam dämmerte, verkündete Maya, dass sie den Rest später bei Kerzenschein in ihrer Kajüte erledigen würde, und entließ uns.
Dankbar stand ich auf, streckte mich und sah zu Caspian, der seinen Platz am Steuer eingenommen hatte. Obwohl uns ein Segel fehlte, hatte der Wind ausgereicht, um das Schiff in Bewegung zu setzen. Mit einem Kompass in der Hand steuerte Caspian die Fleute durch das ruhige Meer.
Als hätten sie sich abgesprochen, waren sämtliche Besatzungsmitglieder unter Deck verschwunden. Nur Caspian, Pearl und ich waren noch hier.
»Du solltest mit ihm reden«, flüsterte meine Freundin mir ins Ohr.
»Worüber?«, flüsterte ich zurück.
»Ich weiß nicht. Vielleicht darüber, wie ihr es wieder an Bord des Schiffs geschafft habt, nachdem ihr ins Meer gefallen seid?«
»Du hast doch gehört, dass weder er noch ich wissen, wie das möglich ist.«
»Dann rede eben mit ihm darüber, wie gut er ohne Kleidung aussieht.«
Meine Wangen wurden heiß. »Das weiß ich doch gar nicht.«
»Schwindlerin«, zog Pearl mich auf. »Du hast ihn betrachtet. Viel zu kurz, wenn du mich fragst, aber du hast ihn angesehen. Das könnte das Eis zwischen euch brechen.«
»Versuchst du, mich mit ihm zu verkuppeln?«, fragte ich entrüstet.
»Und wenn es so wäre? Er scheint nett zu sein.«
Ich schnaubte. »Wir kennen ihn nicht.«
»Lern ihn kennen. Im Moment hast du ohnehin nichts Besseres zu tun, oder?«
Ich verdrehte die Augen. »Ehrlich gesagt halte ich das für keine gute Idee.«
»Wieso?« Pearl musterte mich mit großen Augen. »Weil du immer noch davon überzeugt bist, dass wir nicht hier bleiben sollten?«
Ich musste gestehen, seit meinem Beinahtod und Caspians Entschlossenheit, mich nicht meinem Schicksal zu überlassen, bröckelte mein Widerstand gegen diese Idee. Mehr als gut für mich war. Die Wahrheit jedoch war, dass ich Caspian bereits viel zu interessant fand. Unsere gegenseitigen Sticheleien gefielen mir, seine Nähe war mir längst nicht so zuwider, wie sie sein sollte. Allerdings würde Caspian – sollte ich mich entscheiden, Teil seiner Mannschaft zu werden – mein Captain sein. Ich hielt es für problematisch, mit dem Mann zu schlafen, der mir Befehle erteilen konnte. Und wenn wir so weitermachten, würde ich vermutlich mit ihm schlafen wollen. Denn ja, Caspian war verflucht attraktiv.
»Lass uns sehen, ob wir etwas zu essen für dich finden«, sagte ich, statt auf Pearls Fragen einzugehen.
»Versuchst du, mich mit Essen abzulenken?«, nuschelte sie, während ich auf die Stufen unter Deck zuschritt.
»Ja, und es klappt jedes Mal«, neckte ich sie.
Pearl plusterte die Backen auf, erwiderte jedoch nichts, immerhin wusste sie, wie recht ich damit hatte.
Beim Abendessen herrschte trotz des anstrengenden Tages ausgelassene Stimmung. Pearl hatte mich überredet, Mayas Einladung anzunehmen, mit der gesamten Crew zu essen. Erst wollte ich nicht, aber dann hatte ich zugestimmt. Und jetzt saß ich neben Brummbär, der genau wie ich wortkarg blieb, und aß den Eintopf, der zwar sehr würzig war, aber hervorragend schmeckte.
Caspian erzählte die Geschichte, wie er und ich uns dem Kraken gestellt hatten. Offensichtlich hatte er sie bisher für sich behalten, denn er schmückte die Erzählung aus und fuchtelte dabei mit den Händen herum. Dabei sah er selbst wie ein Krake aus. Erst als Pearl mich anstupste und mir frech zuzwinkerte, wurde mir bewusst, dass ich bei seinem Anblick vermutlich gelächelt hatte.
»Wie kam es überhaupt, dass der Krake euer Boot zerschmettert hat?«, fragte der Mann, mit dem ich das Segel geflickt hatte. »Ich habe drei Schüsse gehört. Bei zwei Augen hätten zwei gereicht. Ist einer danebengegangen?«
»Unglücklicherweise ja.« Caspian sah mich herausfordernd an. »Das erinnert mich daran, dass wir ja einen kleinen Wettbewerb am Laufen haben.«
»Ein Wettbewerb?« Maya grinste. »Welcher Art?«
»Unsere Flüsterin behauptet, sie könne besser schießen als ich.« Caspian hob die Mundwinkel. »Ihr Schuss hat nämlich gesessen, während meiner ein wenig fehlgeleitet war.«
»Oho, der Captain hat daneben geschossen?« Die Piratin, mit der Caspian die Takelage bearbeitet hatte, prustete los. Sie war etwas älter als ich, besaß ein schmales Gesicht mit den typischen hellen Augen der Menschen Lovrils. Ihre goldenen Haare hatte sie geflochten und ihre Haltung war so tadellos wie die vornehmer Damen. »Du musst abgelenkt gewesen sein«, fügte sie hinzu und sah mich dann an. »Der Captain schießt normalerweise nie daneben.«
»Auch eine deiner magischen Begabungen?«, zog ich Caspian auf.
Der lachte und das Geräusch löste ein seltsames Kribbeln in mir aus, das ich nicht gebrauchen konnte.
»Ich habe viele Begabungen«, meinte er und bewegte dabei die Augenbrauen. »Die wenigsten sind echte Magie. Ich ziele nur verdammt gut.«
»Außer, wenn es drauf ankommt«, erwiderte ich.
Er legte schmunzelnd den Kopf schief. »Also sollen wir unseren Wettbewerb jetzt austragen? Damit wir das ein für alle Mal aus der Welt schaffen?«
»Du willst dich vor deiner Mannschaft blamieren?«, fragte ich herausfordernd.
»Da ist aber jemand überzeugt, dass sie mich bezwingen wird.« Caspian schmunzelte breiter. »Sollen wir eine Wette daraus machen?«
»Uuuuh, eine Wette!«, tönte es durch den Raum.
Ich reckte das Kinn. »Nur aus Interesse, welche Einsätze forderst du?«
Caspians Augen funkelten. »Ich bin sicher, du hast ein paar Vorschläge dafür.«
Ich hatte keine Ahnung, worauf er hinauswollte, denn ich hatte nicht die geringste Idee, was ich fordern sollte.
»Wie wäre es, wenn du dem Captain deinen Namen verrätst, wenn er gewinnt?«, schlug die zweite Piratin vor.
Mir wurde flau im Magen. Nicht, dass ich glaubte, Caspian würde den Wettbewerb gewinnen. Aber wenn doch …
»Und was würde ich im Gegenzug bekommen?«, fragte ich, so locker ich konnte. »Seinen Namen kenne ich ja. Oder hat er einen anderen?«
Immer noch lächelnd musterte mich Caspian. Allerdings erreichte das Lächeln seine Augen nicht mehr.
»Was hältst du davon, wenn ich dir im Hafen von Sculla, in den wir demnächst einlaufen, etwas kaufe, wenn du gewinnst?«, schlug er vor. »Dort gibt es begnadete Schmiede, die dir Waffen anfertigen können, von denen du in Varun lediglich träumen kannst.«
»So, ich soll dir meinen Namen verraten und du kaufst mir ein Schwert?« Geräuschvoll stieß ich den Atem aus. »Das klingt nach einem schlechten Geschäft.«
»Nur, wenn du verlierst. Die Waffen sind nämlich wirklich ein guter Preis«, meinte Caspian.
Mit einem Mal war es vollkommen still im Raum. Alle schienen auf meine Entscheidung zu warten. Ich überlegte fieberhaft, ob ich Caspian etwas anderes bieten konnte, ohne mein Gesicht zu verlieren. Doch in Wahrheit war mein Name alles, was ich als Einsatz bringen konnte.
»Schön, dann zähl schon mal dein Gold«, sagte ich selbstsicherer, als ich mich fühlte. »Denn du wirst mir demnächst eine teure Waffe kaufen.«
»Wir werden sehen.« Caspian erhob sich in einer geschmeidigen Bewegung. »Maya, würdest du bitte die Ziele vorbereiten?«
»Jetzt?«, entfuhr es ihr. »Aber es ist dunkel, und …«
»Wir werden ein paar Fackeln entzünden. Die Flüsterin ist die Dunkelheit schließlich gewohnt, also sollte sie kein Problem damit haben. Oder?«
Maya betrachtete mich, als würde sie auf meine Zustimmung warten. Also nickte ich und sie sprang auf, um sich um alles zu kümmern.
Auch ich stand auf und hielt dabei Caspians Blick stand. Ganz wohl fühlte ich mich nicht mit meinem Einsatz, aber jetzt konnte ich es nicht zurücknehmen. Aber ich würde mich von Caspian nicht besiegen lassen.
Die anderen Piraten tuschelten miteinander, bis Maya zurückkehrte. Sie brachte uns an Deck und deutete auf die Zielscheiben, die sie am Bug aufgestellt hatte. Es lagen gut dreißig Schritt zwischen den Zielen und dem Punkt, von wo aus wir schießen sollten. Auf einem roten Samtkissen lagen zwei Pistolen, die so poliert aussahen, als hätte man sie entweder noch nie abgefeuert oder stundenlang geputzt. Vermutlich wurden sie nur für solche Angelegenheiten benutzt. Maya ließ mir den Vortritt und ich wählte die Waffe zuerst aus.
»Möchtest du den ersten Schuss oder soll ich?«, fragte Caspian.
»Ich schieße zuerst.«
Seine Mundwinkel zuckten. »Damit habe ich gerechnet.« Mit einer ausladenden Geste deutete er auf die Zielscheibe. »Dann bitte, Flüsterin, zeig uns, was du kannst.«
Die gesamte Mannschaft befand sich jetzt an Deck. Auch der Geist war hier, zumindest nahm ich sein blaues Leuchten aus dem Augenwinkel wahr. Das Schiff trieb geräuschlos im Meer und der Wellengang war fast so sanft, als wären wir bereits an Land. Also würde ich keinen Nachteil haben.
Tief atmete ich ein, verdrängte das Gefühl, von den Piraten beobachtet zu werden, und hob die Hand mit der Waffe. Pearl schwebte hinter mir, um mich nicht abzulenken. Ich schloss ein Auge, zielte und feuerte eine Kugel ab. Zischend glitt sie durch die kühle Luft und traf die Zielscheibe beinah in der Mitte.
Applaus brandete auf und einer der Piraten pfiff sogar anerkennend. Erleichtert ließ ich den Atem entweichen, senkte die Waffe und wandte mich Caspian zu. Seine Miene war unerwartet ernst.
Ohne ein Wort zu sagen, trat er auf die Markierung, auf der ich gerade noch gestanden hatte, hob die Waffe und zielte. Mein Puls beschleunigte sich, raste eine Sekunde später so schnell, dass ich kaum noch Luft bekam. Und Caspian ließ sich Zeit, als wollte er sichergehen, dass er nicht unterlag.
Gedanklich betete ich zu den Totengöttern, dass sie mir den Sieg schenken mögen. Nicht, weil ich unbedingt eine neue Waffe von Caspian wollte, sondern weil ich ihm unter gar keinen Umständen meinen Namen verraten wollte.
Es kam mir vor, als würde Caspian drei Tage lang zielen. Als er schoss, setzte mein Herz einen Schlag aus. Unendlich langsam flog die Kugel auf die Zielscheibe zu. Ich presste meine Zähne so fest zusammen, dass sie knirschten. Mit einem Schmatzen bohrte sich das Geschoss in die Zielscheibe – deutlich weiter von der Mitte entfernt als meine.
Einen Moment war es vollkommen still, sogar das Rauschen der Wellen verstummte. Dann grölten die Piraten los und jemand klopfte mir auf die Schulter. Ich nahm alles wie in Trance wahr, sah zu Caspian, der die Lider schloss und den Kopf sinken ließ, ehe er sich mir zuwandte. Ein schwaches Lächeln umspielte seine Lippen – und wieder erreichte es seine Augen nicht.
»Sieht so aus, als wärst du die bessere Schützin«, meinte er. »Morgen laufen wir in Sculla ein, dann bekommst du deinen Preis.«
Er legte die Waffe zurück auf das Kissen, klopfte mir auf die Schulter und schlenderte zum Steuerrad. Die anderen Piraten beglückwünschten mich, aber ich nahm es kaum noch wahr.
Eigentlich sollte ich erleichtert sein, doch das Gefühl blieb aus. Mein Sieg fühlte sich schal an, wie ein Applaus, der zu spät kam. Nicht verdient, sondern mir hingeworfen, als wollte jemand mich trösten statt mir gratulieren. Dieses Empfinden ließ sich auch nicht abschütteln, als ich mich für die Nacht in Caspians Quartier zurückzog. Kaum hatte ich die Tür geschlossen, leuchtete blaues Geisterlicht auf und der Pirat stand auf seine Krücken gestützt vor mir.
»Dir ist klar, dass er absichtlich daneben geschossen hat, oder?«, fragte er ohne Umschweife.
Ich verzog den Mund. »Sagst du das, weil du ihn lieber magst als mich?«
»Nein, weil es die Wahrheit ist. Der Junge schießt nie daneben.«
»Außer beim Kraken.«
»Wieso er da nicht getroffen hat, weiß ich nicht, aber ich sage dir, ich habe ihn oft schießen sehen. Er hätte die Mitte mit geschlossenen Augen getroffen.«
»Dass er mich gewinnen lässt, ergibt keinen Sinn«, erwiderte ich schroff.
Pearl brummte vor sich hin. Nicht, weil sie sich fragte, ob ich Selbstgespräche führte, denn sie wusste ja, dass ich Geister sah. Sondern vermutlich, weil sie ihre eigene Meinung hatte, die sie zurückhielt. Offensichtlich dachte sie auch, dass Caspian mich hatte gewinnen lassen. Dann hatte ich mir das also doch nicht eingebildet.
»Wirklich nicht?«, fragte der Geist herausfordernd. »Vielleicht wollte er dich nicht dazu zwingen, ihm deinen Namen zu verraten?«
»Dann hätte er diesen Preis erst gar nicht fordern sollen«, blaffte ich den Kerl an.
»Was hätte er sonst fordern sollen? Eine Nacht mit dir?«, schoss der zurück. »Abgesehen davon hat jemand anderes deinen Namen als Preis verlangt, Caspian hat diesen angenommen, um sein Gesicht zu wahren. Und um Rücksicht auf dich zu nehmen, hat er absichtlich verloren.«
»Das klingt jetzt fast zu perfekt für einen Piraten, meinst du nicht?«
Der Geist schnaubte. »Denkst du, alle Piraten sind skrupellose Banditen, die für ein wenig Gold Bäuche aufschlitzen und Leute ausweiden? Nicht alle sind so. Ich war nicht so und mein Schiff hat den Jungen als Captain angenommen, weil er ebenfalls nicht so ist. Irgendwann wirst du das schon erkennen.«
Bevor ich noch etwas sagen konnte, löste sich der Geist auf. Seufzend ließ ich mich auf das Bett sinken. Pearl legte sich über meinen Oberschenkel und sah mich aus großen Knopfaugen an.
»Denkst du auch, dass mich Caspian vorhin hat gewinnen lassen?«, fragte ich leise.
Sie wiegte den Kopf. »Ich kenne ihn nicht. Aber etwas an seiner Haltung wirkte seltsam. Viel zu verkrampft für jemanden, der viel Zeit auf diesem Schiff verbringt. Entweder wollte er den Sieg zu sehr oder er wollte ihn um jeden Preis verhindern.«
Mit einem Grunzen ließ ich mich auf die Matratze zurückfallen. Das ergab alles keinen Sinn. Caspian wollte meinen Namen erfahren und ließ mich doch vom Haken? So, wie er sich angeblich nicht mehr erinnern konnte, dass ich Teil seiner Mannschaft werden wollte, wenn wir den Sturm überlebten?
Vielleicht nahm er wirklich Rücksicht auf mich. Oder es war Teil seines Plans, mich in die Falle zu locken. Ich würde noch mehr über ihn herausfinden müssen, bevor ich meine Entscheidung traf. Aber erst würde ich dieses Bett genießen, solange es noch meins war. Denn ich wusste nicht, wann ich je wieder in so einem Bett schlafen würde.