Kapitel 15: Kapitel Fünfzehn - Secrets of the Sea - Erinnerungsdiebin
By B.E. Pfeiffer
Noch während ich mich an Caspians Handschellen zu schaffen machte, knirschte die Wand vor der Kellertür. Panisch rüttelte ich heftiger an den Ketten. Ich hatte keine Ahnung, mit wie vielen Leuten Crook zurückkehren würde, aber allein würde ich nicht fünf bewaffnete Männer ausschalten können.
»Nektaria«, flüsterte Caspian und mein verräterischer Körper reagierte mit Gänsehaut auf den Klang. »Versteck dich neben der Tür. Wenn sich die Möglichkeit bietet, lauf hinaus. Diese Männer sind so lahm, die bemerken erst, dass du fort bist, wenn du längst in Sicherheit bist.«
»Ich will gar nicht wissen, was sie dann mit dir machen«, erwiderte ich gereizt. »Wieso klemmt das blöde Ding?«
»Hey«, forderte Caspian erneut meine Aufmerksamkeit ein. »Du willst Teil meiner Crew sein, dann musst du auch anfangen, Befehle zu befolgen.«
»Ach, das war ein Befehl?« Ich klimperte trotz meiner Anspannung mit den Wimpern. »Ich dachte, es wäre ein Vorschlag, den ich ablehnen kann.«
»Nein. Bring dich in Sicherheit, ich komme schon klar.«
Ich schnaubte. »Muss ich jetzt aye sagen?«
»Wäre schön.« Er lächelte, doch es erreichte seine Augen nicht. »Also?«
»Aye, Captain«, murrte ich, zog die Hände von den Ketten und huschte neben die Tür. Zum Glück befand sich dort ein kleiner Vorsprung, der mich vermutlich genug verdeckte, sodass die Piraten mich nicht bemerkten, wenn sie den Raum betraten.
Ich hatte nicht vor, Caspian hier zu lassen, aber wenn nur Crook zurückkehrte, gelang es mir vielleicht, ihn auszuschalten. Dann konnte ich Caspian immer noch befreien – und die Schelte für die Befehlsverweigerung über mich ergehen lassen. Denn allein die Vorstellung, dass Crook seinen Zorn an Caspian ausließ, bereitete mir Übelkeit. Ich hatte nämlich das Gefühl, dass dieser Pirat es genoss, andere zu quälen.
Als die Tür knarrend aufschwang, hielt ich den Atem an. Ich vermied es, zu Caspian zu sehen, nahm nur die Leute wahr, die den Raum betraten. Sieben Männer brachte Crook mit und ihr Gestank verpestete die Luft. Einer von ihnen blieb in der Tür stehen, schnitt mir also den Fluchtweg ab. Mit offenem Mund kratzte er sich am Ohr.
»Sollten da nicht zwei Leute sein?«, fragte er lallend.
»Natürlich sollten da zwei sein, bei den Totengöttern!«, fluchte Crook und bewegte sich auf Caspian zu. Grob packte er seinen Hals, zog einen Dolch und hielt ihn vor Caspians Auge. »Wo ist das Mädchen?«
»Hat ihre Magie benutzt und ist abgehauen«, antwortete Caspian ruhig.
Auch er vermied es, mich anzusehen. Aus dem Keller kam ich immer noch nicht unbemerkt hinaus, allein konnte ich mich unmöglich allen sieben Männern stellen. Zwei brachte ich leicht zu Fall, der Rest würde mich aber überwältigen oder töten. Einmal mehr wünschte ich, ich hätte wirklich eine dritte Gabe, die ich im Kampf einsetzen könnte. Hätte Crook nur die Armbrust nicht und ich könnte sie benutzen. Aber so …
»Hast ihr wohl zu wenig für ihre Gesellschaft bezahlt, wenn sie dich hier sitzen lässt«, ätzte Crook. »Tja, da sie nicht mehr da ist, muss ich eben dich verstümmeln, um Genugtuung für das zu bekommen, was du mir angetan hast.«
Er hob die Klinge an, bis die Spitze beinah Caspians Lid berührte. Ich biss mir auf die Unterlippe, während Caspian nicht einmal mit der Wimper zuckte. Meine Achtung vor ihm war gerade noch angestiegen.
»Was meinst du, ob deine Leute schneller bezahlen, wenn ich ihnen deinen Augapfel schicke?«, stichelte Crook. »Oder soll es dein Ohr sein?« Er ließ den Dolch über Caspians Wange gleiten, riss ihm dabei die Haut auf. »Ich fand diesen Ohrring schon immer fürchterlich.«
»Und ich finde deine Frisur fürchterlich«, erwiderte Caspian ruhig.
Crook lachte viel zu laut. »Dass du nie weißt, wann du die Schnauze halten sollst.«
Er holte aus und rammte Caspian die Faust ins Gesicht. Ein grauenhaftes Knirschen erklang und Caspian krümmte sich leise stöhnend. Keinen Atemzug später richtete er sich wieder auf. Blut lief aus seiner Nase, das linke Auge würde sicher bald zuschwellen. Ich musste mir auf die Lippe beißen, um nicht zu schreien. Irgendetwas musste ich unternehmen; ich konnte nicht einfach nur zusehen.
»So, dann ist es entschieden«, meinte Crook zufrieden. »Ich steche dir das rechte Auge aus.«
Als er den Dolch hob, vibrierte mein Körper vor Anspannung. Aber da war noch etwas. Ein Gefühl, das mich schon einmal überkommen hatte, kurz bevor ich im Meer ohnmächtig geworden war. Meine Haare schimmerten und schwebten um mich, als würde ich wieder im Wasser treiben.
Natürlich erregte das die Aufmerksamkeit der Männer in meiner Nähe. Sie sagten etwas, das ich nicht verstand, weil es in meinen Ohren rauschte, wie Wellen, die gegen den Schiffsrumpf klatschten.
Mein Verstand versank in der Magie, die mich erfüllte. Alles lief ab wie in einem Traum. Während die Piraten ihre Waffen zückten, hob ich seelenruhig die Arme. Kälte kroch über meine Finger, tropfte von meinen Händen in türkis schimmerndem Milchweiß. Das Rauschen in meinen Ohren schwoll zu einem Tosen an und im nächsten Moment quoll Wasser aus den Wänden.
Die Piraten schrien auf, als eine Sintflut aus eiskalter Flüssigkeit sie umriss. Mit den Köpfen krachten sie gegen die Wände und blieben regungslos liegen. Nur Crook hielt sich tapfer. Er fluchte und griff an seine Hüfte. Als mir klar wurde, dass er nach der Armbrust tastete – meiner Armbrust – klärte mein Verstand wie nach einem Traum auf. Die Magie floss immer noch durch mich, doch die Erkenntnis, gleich von einem Bolzen durchbohrt zu werden, ließ sie langsam zurückschwappen.
Crook zielte, löste die Sicherung und … schrie auf, als Caspian hochsprang, die Beine um den Piraten schlang und ihn mit den Oberschenkeln festhielt. Crook schlug um sich, versuchte, sich zu befreien. Ich zögerte nicht länger, packte eines der Schwerter am Boden und rannte auf Crook zu.
Der versuchte, die Armbrust auf mich zu richten, doch Caspian zerrte ihn herum. Der Bolzen löste sich zwar, traf aber die Tür statt mir.
Ich hasste es, zu töten, aber ich fürchtete, hier hatte ich keine Wahl. Im Laufen holte ich aus und rammte Crook das Schwert in den Bauch. Keuchend riss der Pirat die Augen auf und bewegte den Mund. Mehr als ein Ächzen kam nicht heraus. Er hob die Hände, als wollte er nach mir greifen, doch da brach bereits das Licht in seinen Augen und er sackte in sich zusammen.
Hastig sprang ich zurück und starrte auf den leblosen Körper zu meinen Füßen. Die Magie hatte sich vollkommen aufgelöst, ließ mich kraftlos zurück. Übelkeit und eine seltsame Bitterkeit krochen meine Kehle hoch. Ich trauerte nicht um Crook, aber es tat mir dennoch leid, ein Leben ausgelöscht zu haben. Stumm malte ich das Zeichen der Totengötter in die Luft und sprach in Gedanken ein Gebet für Crooks Seele.
»Nektaria«, sagte Caspian sanft.
Ich konnte ihn nicht ansehen. Es war mir unangenehm, dass ich mich so verhielt. Crook war ein schlechter Mensch und Caspian – so edel er auch sein mochte – hatte sicher schon unzählige Leben beendet, wenn es notwendig war. Das hier war notwendig gewesen. Dennoch nagte es an mir. Außerdem hatte ich Magie gewirkt, die ich nicht verstand. War das meine dritte Kraft? Wieso hatte ich sie einsetzen können? Ich wollte das jetzt ganz sicher nicht mit Caspian besprechen.
Schnell sank ich auf die Knie und griff nach dem Schlüsselbund an Crooks Gürtel, riss ihn ab und befreite Caspian. Immer noch vermied ich es, ihm in die Augen zu schauen, wandte mich dem toten Piraten zu, der meine Armbrust in der Hand hielt. Ich nahm sie ihm ab und griff nach dem Beutel mit den zusätzlichen Bolzen.
Als Caspian eine Hand auf meine Schulter legte, zuckte ich zusammen.
»Geht es dir gut?«, fragte er unerträglich sanft.
»Klar geht es mir gut. Wieso auch nicht?«
»Es ist nur ein Gefühl, aber du wirkst … mitgenommen.«
»Pff.« Ich schüttelte den Kopf. »Weswegen denn?«
»Lass mal überlegen.« Er umrundete mich, legte die Hand an mein Kinn und hob es an. »Möglicherweise, weil du ein Leben genommen hast?«
»Das war nicht mein erstes und vermutlich nicht mein letztes.«
Er verzog den Mund. »Mir musst du nicht vormachen, dass dir das nichts ausmacht. Ich halte dich nicht für schwächer, nur weil du ungern tötest.«
Schweigend hielt ich seinem Blick stand, sprach die Worte nicht aus. Caspian drängte mich zu nichts, er sah mich lediglich mitfühlend an.
Als einer der Piraten ein Stöhnen von sich gab, fuhr Caspian herum.
»Wir sollten hier raus, bevor sie wieder zu sich kommen«, meinte er und wandte sich erneut mir zu. »Denkst du, du könntest ihre Erinnerungen an diesen Tag stehlen?«
»Ich kann ihnen die Erinnerung an dich nehmen, wenn du das willst«, erwiderte ich schwach. »Dann werden sie dich nie wieder entführen.«
»Ohne Crook werden sie wohl ohnehin nicht viel anstellen können, aber … wenn das ginge …«
Ich nickte und wollte mich in Bewegung setzen, da ergriff Caspian mein Handgelenk.
»Nektaria, was war das vorhin für eine Magie?«, flüsterte er.
»Können wir das klären, wenn wir sicher sind?«, fragte ich, um Zeit zu gewinnen.
Caspian würde nicht vergessen, was gerade geschehen war, aber vielleicht hatte ich mich nachher besser im Griff. Jetzt kam es mir unerträglich vor, über das, was geschehen war, auch nur zu reden.
Er gab mich frei und ich bewegte mich über den nassen Boden auf die Piraten zu. Zum Glück hatte einer von ihnen eine Flasche mit bitter riechendem Alkohol bei sich. Ich kippte den Inhalt aus und hielt das Gefäß bereit.
Bei jedem Piraten sank ich in die Hocke, berührte die Schläfe und suchte nach der Erinnerung an Caspian. Ich vermied es, mir die Gedanken dieser Männer zu genau anzusehen, zerrte nur an dem Faden, der mit Caspian verwoben war, riss ihn hinaus und ließ ihn in die Flasche gleiten. Diese Magie zu wirken, kostete mich Kraft. Sie fraß sich durch meine Adern, brannte heiß und alles einnehmend zugleich. Mit jedem Atemzug wurde die Luft dünner, meine Finger zitterten, als könnte die Macht darin zerbrechen. Doch ich hörte nicht auf; etwas in mir weigerte sich, loszulassen.
Als ich dem letzten Piraten die Erinnerung genommen hatte, zitterte meine Hand vor Anstrengung. Die Wassermagie vorhin hatte mich mehr Kraft gekostet, als ich gedacht hatte, und so vielen Leuten Erinnerungen zu stehlen, war ebenfalls ungewohnt für mich.
Kurz wurde mir schwarz vor Augen und meine Beine gaben nach. Doch Caspian fing mich auf.
»Hätte ich gewusst, dass es dich so anstrengt, hätte ich nicht darum gebeten«, raunte er mir ins Ohr.
»Es war nur zu viel auf einmal«, flüsterte ich und schloss die Augen einen Moment. »Ich bin gleich wieder auf den Beinen.«
Er gab ein Brummen von sich und hob mich wie eine Braut hoch. Schnell umfasste ich die Flasche, damit sie nicht hinunterfiel und zerbrach, tastete nach der Armbrust an meinem Gürtel und atmete durch.
»Was, wenn hier noch mehr Piraten sind?«, fragte ich schwach.
»Unwahrscheinlich. Crook hätte sie nämlich mitgebracht, um uns einzuschüchtern. Falls doch jemand hier ist, kämpfe ich diesmal für uns.«
Ich antwortete mit einem tiefen Seufzen und lehnte die Stirn an Caspians Schulter.
Von dem Gebäude nahm ich kaum etwas wahr, nur den Geruch nach Urin und Erbrochenem, der in meiner Nase biss. Als Caspian aus der Tür trat, atmete ich auf, obwohl sich die Hitze Scullas sofort drückend auf mich legte.
»Captain!«, rief ein Mann erleichtert.
Keinen Wimpernschlag später schmiegte sich Pearl an mein Gesicht und rieb ihre Wange über meine.
»Euch geht es gut«, flüsterte sie und sog den Atem ein, kaum, dass sie Caspian anschaute. »Zumindest größtenteils. Soll ich das heilen?«
Ehe Caspian etwas sagen konnte, schwebte Pearl vor mich und wirkte ihre Magie. Die Nase hörte auf zu bluten und knirschte noch einmal, während sie sich zusammensetze. Die Rötung am Auge verschwand, ebenso wie der Schnitt an der Wange.
Blinzelnd sah Caspian von Pearl zu mir und wieder zurück.
»Ihre Kräfte sind viel nützlicher als meine«, erklärte ich heiterer, als ich mich fühlte. »Mit Pearl in der Crew hast du einen guten Fang gemacht.«
»Nicht nur mit ihr«, meinte Caspian.
Mehr konnte er nicht mehr sagen, denn die Piraten hatten uns erreicht und stellten alle möglichen Fragen. Ich bedeutete Caspian, mich loszulassen, war aber froh, dass er an meiner Seite blieb, weil ich meinen Knien, nun da ich auf eigenen Beinen stand, nicht mehr so recht traute.
»Die Kurzfassung«, unterbrach Caspian den Redeschwall der anderen. »Wir wurden entführt, aber dank der Flüsterin konnten wir uns befreien.« Sein Blick nahm meinen gefangen, während er weitersprach. »Wir können auf dem Schiff weiterreden, denn ich für meinen Teil möchte diese Gegend so schnell wie möglich verlassen.« Er wandte sich wieder seinen Leuten zu. »Habt ihr alle Besorgungen erledigt?«
»Aye, Captain«, sagte die Piratin.
Caspian nickte. »Dann brechen wir auf, bevor die Stadtwache noch einmal auftaucht.«
Mit einem Nicken bedeutete er den anderen, voranzugehen. Caspian blieb bei mir, schlüpfte aus seinem Gehrock und breitete ihn über meinem Kopf aus.
»Nur zur Sicherheit«, raunte er mir zu und legte einen Arm um meine Schulter. »Taryna sollte hier nichts geschehen, aber es gibt eben Banden wie Crook, die versuchen könnten, dich gefangen zu nehmen. Das will ich vermeiden.«
Ich nickte und tätschelte Pearl, die auf meiner Schulter saß. »Bei dir ist alles in Ordnung?«, fragte ich sie.
»Es war ein wenig eng gegen Ende des Luftschachts, aber kein Problem für mich.« Pearl gurrte. »Bekomme ich dafür heute deinen Nachtisch?«
»Natürlich, den hast du dir verdient.«
»Meinen kannst du auch haben«, murmelte Caspian.
Vergnügt quietschte Pearl, während wir durch die Straßen Scullas liefen. Als wir den Hafen erreicht hatten, räusperte sich Caspian.
»Können wir nachher reden?«, fragte er leise. »Allein?«
»Ich muss Maya ohnehin alles erzählen«, meinte Pearl grinsend. »Ihr habt also alle Zeit der Welt.«
Da Caspian mich abwartend ansah, nickte ich und beließ es dabei. Wir sollten reden und klären, wie es jetzt weiterging. Aber ich fürchtete, dass wir zuerst etwas anderes besprechen würden; nämlich meine Magie und wieso sie sich erneut selbstständig gemacht hatte.