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Readers Treasury

Kapitel 2: Kapitel Zwei - Secrets of the Sea - Erinnerungsdiebin

By B.E. Pfeiffer

Mit tief gebeugtem Kopf saß ich auf dem wackligen Stuhl an meinem angestammten Platz im Safe House. Eigentlich hieß die Schenke, in der ich mich befand, ja Zum lächelnden Seepferd. Allerdings war das nur eine Tarnung. Betrat man das Haus, sah alles aus wie in einer normalen Schenke. Heruntergekommen zwar, weil die Gegend zu den ärmeren Vierteln Varuns gehörte, aber harmlos. Nur wer dem Wirt eine bestimmte Parole nennen konnte, wurde in einen Nebenraum geführt. Der sah ebenfalls aus wie eine gewöhnliche Gaststube, allerdings konnte der Wirt eine versteckte Wand mittels eines versteckten Schalters öffnen. Dahinter befand sich das Safe House. Obwohl, so sicher, wie der Name einem vorgaukelte, war es hier nicht.

Immer wieder brachen Schlägereien unter den Gästen aus, weil man sich nicht über einen Preis einigen konnte oder die erbrachte Leistung nicht den Erwartungen entsprach. Außerdem befand sich ein Teil des Raums unter dem Meeresspiegel. Jedes Mal, wenn die Flut die Wasserstadt erreichte, tropfte es aus den Wänden. Manchmal fragte ich mich, wie lange sie dem Meer noch trotzen würden.

Dennoch war dies der sicherste Ort, um Geschäfte abzuschließen, die alles andere als legal waren. Jeder hier hatte seine eigenen Geheimnisse, weswegen man andere in Ruhe ließ, um sich nicht selbst in Gefahr zu bringen. Wirklich wohl fühlte ich mich dennoch nicht, weil mein Geheimnis vermutlich das größte von allen war.

Bedächtig hob ich den Bierkrug, den mir eine der Schankdamen gebracht hatte. Da mein Gesicht wie das vieler anderer vermummt war, konnte ich nicht trinken, doch es hätte zu viel Aufmerksamkeit erregt, nur stumm dazusitzen.

Ich vermied es, mich umzusehen. Trotz der Kapuze, die ich trug, und des Tuchs über Nase und Mund fürchtete ich, jemand könnte mich erkennen. Unsichtbar zu sein, wäre eine brauchbare Gabe. Allerdings würde das wohl die Kommunikation mit Auftraggebern erschweren. Und so lang keiner auf die Idee kam, an meinen Haaren zu reißen, würde auch niemand erkennen, dass ich eine Taryna war.

»Immer noch nichts?«, nuschelte Pearl unter meinem Umhang. Ich gab ein Brummen von mir, hoffte, sie würde schweigen. Sie tat es nicht. »Wo bleibt der Kerl so lange? Ich will endlich mein Mylan-Eis.«

»Still«, wisperte ich.

War ihr nicht klar, dass jeder, der sie bemerkte, versuchen würde, sie gefangen zu nehmen? Familiare waren selten geworden, weil die Menschen sie zu stark gejagt hatten. Außerdem waren die Menschen zu gierig gewesen, hatten die Kräfte der Familiare zu stark genutzt, woran viele gestorben waren. Pearl war wertvoller als das halbe Viertel, in dem wir uns befanden. Jeder bei klarem Verstand würde sie also einfangen, um sie gewinnbringend zu verkaufen. Das käme für mich niemals in Frage, da Pearl meine Familie war. Aber jeder andere in diesem Raum würde in ihr nur schnellen Reichtum sehen.

Pearl gab quietschende Laute von sich, was sie immer tat, wenn sie wütend war. Es passte ihr nicht, dass wir hier warten mussten. Mir passte es auch nicht, aber was sollte ich tun?

Meine Gedanken verstummten, als sich jemand mir gegenüber auf den Sessel warf und pfeifend atmete. Ich legte den Kopf nur minimal schief, um zu prüfen, ob es sich um meinen Auftraggeber handelte. Als ich das gerötete, pausbackige Gesicht erkannte, wusste ich: Er war es.

»Ihr seid spät dran«, sagte ich mit absichtlich viel zu tiefer Stimme.

»Es ist kein Vergnügen, morgens durch die Straßen zu laufen, die von Ratten gesäumt sind«, erwiderte er gereizt. »Wieso treffen wir uns hier?«

Weil das der Ort ist, an dem diese Art von Geschäften abgewickelt werden, dachte ich. Du hast mich auch hier aufgesucht, als du mich beauftragt hast. Denkst du, ich riskiere mein Leben, nur damit du nicht aus deinem schicken Stadthaus hinaus musst?

Statt die Worte auszusprechen, spielte ich mit dem Krug in meiner Hand. Das quittierte er mit einem Schnaufen.

»Erzählt mir nicht, Ihr hättet versagt«, brummte er. »Wenn ich nur hier bin, damit Ihr mir …«

»Wir haben die Erinnerung an uns genommen, die Ihr wolltet«, unterbrach ich ihn. Er sprach viel zu laut und seine Stimme war nervtötend nasal. »Meine Partner und ich erwarten den Rest der Zahlung für den Auftrag.«

Ich sprach nicht im Plural, weil ich ihm vermitteln wollte, dass ich wertvoller war als andere. Händler sprachen oft von sich selbst im Plural, ich jedoch tat es, damit dieser Kerl nicht wusste, dass ich selbst die Person mit den magischen Kräften war. Er sollte denken, ich wäre nur eine Mittelsfrau, die Nachrichten überbrachte. Das war besser, als Pearl und mich in Gefahr zu bringen. In dieser Schenke kannte niemand meinen echten Namen, nur jenen, den ich nutzte: die Flüsterin. Nur mit diesem Namen konnte man dem Wirt Nachrichten übergeben, die er für mich aufbewahrte. Dafür verlangte er natürlich eine Provision, aber das war es mir wert, um meine Spuren bestmöglich zu verwischen.

Mein Auftraggeber grunzte. »Ihr denkt doch nicht, ich hätte so viel Geld bei mir, oder?«

»Und Ihr denkt doch nicht, ich hätte die Erinnerung bei mir, oder?« Lautlos stellte ich den Krug auf den Tisch, griff in meine Manteltasche und holte ein Stück Pergament heraus, das ich ihm hinschob. »Hier findet Ihr die Anweisungen sowie eine Erinnerung an die noch offene Summe. Bringt den Betrag morgen zu dem Ort, der Euch genannt wird. Ihr habt bis Mitternacht Zeit. Sollte bis dahin keine Zahlung eingegangen sein, werden wir die Erinnerung zurückbringen, sowie einen Hinweis, wer uns beauftragt hat, sie zu stehlen.«

Viel zu laut lachte er los, erregte damit die Aufmerksamkeit der Tische um uns. Sollte er doch, wenn er den Wunsch verspürte, hier zu sterben.

»Ihr wisst nicht einmal, wer ich bin«, kicherte er. Er, ein erwachsener Mann mit einem Körperumfang eines Weinfasses, kicherte tatsächlich wie ein Mädchen.

»Denkt Ihr, Lord Zoran von …«

»Still«, zischte er und sah sich mit einem Mal panisch um. Dann neigte er sich nach vorn und sein nach Wurst und Wein stinkender Atem schlug mir entgegen, selbst durch mein Tuch. »Woher wisst Ihr, wer ich bin?«

Ich musste mich zusammenreißen, um mich nicht angewidert zurückzulehnen. Pearl gab ein leises Würgen unter dem Umhang von sich. Wieso fraßen oder soffen sich diese Händler alle zu Tode?

»Meine Partner und ich prüfen jeden potenziellen Auftraggeber, bevor wir uns mit ihm treffen. Es dient zu unserer Absicherung.«

»Ihr habt mich also beschattet.« Er ballte die Hände zu Fäusten. »Wie könnt Ihr es wagen?«

»Das ist eine grausame Stadt, mein Lord. Wir gehen kein Risiko ein.«

Zoran atmete ein paar Mal wie ein kaputter Heizofen ein und aus. Offensichtlich gefiel es ihm nicht, dass ich auch in seinen Angelegenheiten herumgeschnüffelt hatte. Doch wie ich es ihm gesagt hatte, diente es meiner Absicherung. Erstens musste ich wissen, ob mein Auftraggeber in der Lage war, mich zu bezahlen, und zweitens musste ich etwas gegen ihn in der Hand haben, falls er auf die Idee kam, mich zu hintergehen. Zu oft hatte ich bereits erlebt, dass Menschen noch abscheulicher werden konnten, wenn sie sich einen Vorteil versprachen. Ich vertraute niemandem. Niemals. Von Pearl abgesehen.

Mit seinen geschwollenen Fingern griff er nach dem Pergament vor ihm, überflog es und grunzte erneut.

»Viel Geld für eine Erinnerung, von der ich nicht einmal weiß, ob sie die richtige ist«, sagte er missmutig.

»Wir haben die Erinnerung entfernt, die Ihr uns genannt habt. Sobald Ihr bezahlt habt, gehört sie Euch und Ihr könnt sie zerstören oder aufbewahren.«

Er hob den Blick, als wollte er meinen suchen. Mein Gesicht war jedoch im Schatten der Kapuze verborgen und ich war ziemlich sicher, Zoran erkannte nichts von meinen Augen.

»Und Ihr habt alles von der Erinnerung entfernt? Jedes Detail?«, wollte er wissen.

»Die gesamte Erinnerung ist fort. Schatten davon verbleiben in den Gedanken der Menschen, aber es sind eben nur Schatten. Nichts Greifbares, das die Erinnerung zurückbringen könnte. Euer Konkurrent wird also nicht mehr wissen, zu welchem Vertrag er Euch gedrängt hat und warum. Wir haben alle Stränge dazu gelöst und entfernt.«

Einen Moment zögerte Zoran, dann stopfte er das Pergament in die Tasche.

»Wehe, Ihr hintergeht mich und bringt die Erinnerung zurück«, drohte er mir.

Ich lachte kehlig. »So etwas wäre schlecht für unser Geschäft. Also keine Sorge, unser Ruf ist uns wichtiger, als Euch zu schaden.«

Zoran erhob sich schnaufend, starrte mich finster an, als würde er hoffen, ich würde unter seinem Blick blutend zusammenbrechen. Dann wandte er sich ab und humpelte auf den Ausgang zu.

»Bei den Totengöttern, endlich ist er fort«, wisperte Pearl. »Der Kerl stinkt noch schlimmer als der gestern – und das will etwas heißen.«

Ich verkniff mir ein Schmunzeln, griff schweigend nach meinem Krug und wollte aufstehen.

Da warf sich jemand schwungvoll auf den Stuhl mir gegenüber. Das Holz knarrte und ich wartete nur darauf, dass die Person mitsamt den Überresten des Möbelstücks zu Boden ging. Doch das geschah nicht. Wie durch ein Wunder hielt der Stuhl dem Mann stand.

Nur minimal hob ich den Kopf, um den Kerl zu betrachten. Auch er trug eine Kapuze, allerdings verhüllte sie sein Gesicht nicht wirklich. Unter dem dunkelblauen Stoff lugten ebenholzbraune Haare hervor, die bis zu seinen Schultern reichten. Ein Bartschatten bedeckte das kantige Gesicht mit einer geraden Nase und dunkeln Augenbrauen. Das Hellblau seiner Augen erinnerte mich an das Meer, wenn die Sonne darauf traf. An seinem Hals entdeckte ich schwarze Tätowierungen, die wie Ranken aussahen. Vermutlich waren es die Ausläufer eines größeren Bildes.

Ein schiefes Schmunzeln breitete sich auf seinen Lippen aus. »Es ist schon ein wenig ungerecht, dass du mich so eindringlich mustern kannst, während ich nicht einmal deine Nasenspitze erkenne.«

»Ist es das?«, fragte ich, darum bemüht, meine Stimme noch tiefer als vorhin klingen zu lassen. »Dann kannst du ja Beschwerde beim Amt für die Diebesgilde einlegen. Soweit ich weiß, haben sie in zehn Jahreszyklen wieder Termine.«

Er lachte und löste damit einen Schauer in mir aus. Verdammt, er sah nicht nur gut aus, seine Stimme klang auch verführerisch wie das köstlichste in Zucker getränkte Gebäck, das man auf dem Markt bekam. Im Gegensatz zu den Naschereien konnte mir dieser Mann jedoch gefährlich werden, wenn ich nicht aufpasste. Ich musste ihn loswerden.

»Wenn du nicht mein Drei-Uhr-Termin bist, verschwindest du jetzt besser«, sagte ich harsch. »Sonst könnte es passieren, dass du deinen Kopf verlierst.«

Immer noch schmunzelnd beugte er sich nach vorn, also senkte ich den Blick, damit es ihm nicht gelang, unter meine Kapuze zu schauen.

»Ich suche nach der Flüsterin«, raunte er. »Man hat mir gesagt, das bist du.«

»Kommt darauf an, wer das wissen will.« Verstohlen griff ich an meine Hüfte.

Waffen waren im Safe House verboten, weil der Wirt Tote in seiner Schenke vermeiden wollte. Dennoch trug jeder etwas bei sich, um sich zu verteidigen. In meinem Fall war es ein Fläschchen mit brennender Säure, die bei der richtigen Menge einen Menschen töten konnte. Für gewöhnlich wurden mir von neuen Auftraggebern nur schriftliche Anfragen vom Wirt überreicht, die ich prüfte und dann entschied, ob und wen ich treffen wollte. Für heute hatte ich nur Zoran auf meinem Plan gehabt. Wieso saß dieser Kerl dann vor mir? Was wollte er? Und wie hatte er den Wirt – einen Mann, dem seine Ehre als Unterhändler fast genauso wichtig war, wie sein Profit – dazu gebracht, ihm zu sagen, wer ich war?

»Du bist misstrauisch, oder?« Sein Schmunzeln wurde zu einem Grinsen. »Nur Personen, die etwas zu verbergen haben, sind so auf der Hut wie du.«

»Oder Personen, die genug Erfahrungen mit Leuten wie dir gemacht haben«, hielt ich dagegen. »Also, wer fragt nach der Flüsterin?«

»Wenn ich dir meinen Namen sage, wirst du damit etwas anfangen können?«

»Name?«

Der Kerl besaß doch tatsächlich die Frechheit, noch einmal zu lachen. Und mein Körper war so naiv, mit Gänsehaut darauf zu reagieren. Das sollte mir schon Warnung genug sein, um mich auf keinen Handel mit diesem Mann einzulassen.

»Caspian«, sagte er mit seiner melodischen Stimme. »Caspian, Pirat der sieben Reiche, zu deinen Diensten, Flüsterin.«

In meinem Kopf ratterte es. Irgendwie kam mir der Name Caspian in Verbindung mit Piraten bekannt vor. Hatte ich von ihm gehört? Vermutlich. Das hieß jedoch weder, dass dieser Caspian tatsächlich vor mir saß, noch, dass ich mit ihm Geschäfte machen wollte.

»Und was will Caspian, Pirat der sieben Reiche, von der Flüsterin? Nur für den Fall, dass ich sie sehe und gewillt bin, ihr etwas auszurichten.«

»Natürlich.« Er zwinkerte und neigte den Kopf, sodass ich seinen Ohrring bemerkte: ein Schwert, das das Ohrläppchen durchstieß. Es sah verrucht und gefährlich aus, und es gefiel mir mehr, als ich zugeben wollte.

»Ich habe einen Auftrag für die Flüsterin.« Caspian klang mit einem Mal ernst. »Und ich würde es vorziehen, wenn wir darüber unter vier Augen sprechen könnten.«

»Nun, ich kann nur für mich sprechen, nicht für die Flüsterin. Aber ich würde mit dir ungern an einen Ort gehen, wo wir allein sind.«

Ein Funkeln glitzerte in seinen Augen. »Wirklich nicht? Das ist schade, du könntest etwas verpassen.«

»Unwahrscheinlich. Wenn das jetzt alles ist …«

Ich kramte in meiner Tasche nach ein paar Kupfermünzen und legte sie auf den Tisch. Ehe ich meine Hand zurückziehen konnte, umfasste Caspian meine Finger. Mein Atem stolperte. Wie konnte er es wagen?

»Lass mich los«, zischte ich und griff an meine Hüfte.

»Ganz ruhig«, sagte er und lehnte sich weiter nach vorn. Statt mir unter die Kapuze zu schauen, brachte er seinen Mund an den Stoff über meinem Ohr. »Ich will dir nichts tun«, raunte er. »Aber es geht um Leben und Tod und ich brauche eine fähige Taryna an meiner Seite.«

»Meine Partner werden nicht …«

Sein leises Lachen ließ mich verstummen. »Du hast keine Partner, Flüsterin«, sagte er so leise, dass selbst ich seine Worte kaum vernahm, und fügte zu meinem Entsetzen hinzu: »Du bist die Taryna, nach der ich suche.«

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