Kapitel 21: Kapitel Einundzwanzig - Secrets of the Sea - Erinnerungsdiebin
By B.E. Pfeiffer
Dass mich ein Tag bei einer Schneiderin so erschöpfen würde, hätte ich nie für möglich gehalten. Doch nach dem Vermessen und dem Anprobieren unzähliger Kleidungsstücke fühlte ich mich wie nach einer Nacht auf dem Dach – bei strömendem Regen und eisigen Temperaturen. Jeder Muskel in meinem Körper schmerzte und das ungewohnte Gesicht, das mir aus dem Spiegel entgegenblickte, wenn ich mich selbst betrachtete, machte es nicht besser.
Mayas Magie war wirklich beeindruckend. Sie hatte eine Illusion von mir mit langen schwarzen Haaren erzeugt, meine Augen in ein tiefes Braun gefärbt und mein Gesicht noch blasser und rundlicher gemacht. Ich hatte mich vor mir selbst erschreckt, als ich mich zum ersten Mal gesehen hatte. So würde mich sicher niemand erkennen.
»Dann haben wir alles«, meinte Madam Narzisse nach einem letzten prüfenden Blick auf ihre Unterlagen. »Ich werde die ausgewählten Sachen so schnell wie möglich abändern und das Ballkleid entwerfen.« Sie schenkte mir ein Lächeln. »Ihr werdet in dem tiefen Blau so bezaubernd aussehen, Lady Sussura.«
Auch ich rang mir ein Lächeln ab. Farah hatte mir geholfen, einen Stoff für das Ballkleid auszusuchen, da sie sich mit so etwas eindeutig besser auskannte als ich. Bei dem Preis für einen Stoffballen wäre ich beinah in Ohnmacht gefallen, Farah hatte aber nicht einmal mit der Wimper gezuckt – obwohl wir drei Ballen für das Kleid brauchen würden. Es war ein luftiger Stoff, der im Licht die Farbe wechselte, einmal dunkelblau wirkte, dann so türkis wie meine Haare schimmerte. Ich hatte mich sofort darin verliebt, weil sich der Stoff kühl und weich auf meiner Haut angefühlt hatte. Etwas so Edles hatte ich noch nie besessen. Auch wenn ich mir nichts aus Kleidern machte, freute ich mich darauf, zu sehen, wie dieses Kleid aussehen würde. Bei dem Modell hatte ich es Farah und der Madam überlassen, für mich zu wählen. Die Schneiderin hatte ein gewagtes Vorführkleid gezeigt, das laut ihrer Aussage nach der diesjährigen Mode geschnitten war. Farah hatte ein paar Änderungen vorgeschlagen, etwa den Ausschnitt höher anzusetzen, dafür den Beinschlitz zu verlängern. Ich nahm an, sie schlug es vor, damit ich Waffen oder andere Dinge besser verstecken konnte. Madam Narzisse hatte alle Änderungswünsche notiert und nicht nachgefragt.
»In drei Tagen könnt Ihr zur Anprobe kommen«, meinte die Madam. »Bis dahin sind auch alle Änderungen fertiggestellt.«
Verstohlen sah ich zu Farah, die nickte. »Vielen Dank, dass Ihr das so schnell ermöglicht.«
»Für Euch immer.« Die Madam verneigte sich. »Soll ich das kleine Schmuckstück, das Ihr gewählt habt, bereits einpacken?«
Schnell nickte ich. Für Pearl hatte ich ein Armband aus schimmernden Perlen gefunden, das ihr hoffentlich Freude bereiten würde. Die Madam steckte es in einen Stoffbeutel und reichte ihn mir.
»Wir sehen uns in drei Tagen, Lady Sussura«, sagte sie zum Abschied.
»Vielen Dank, ich freue mich«, erwiderte ich, weil ich nicht wusste, was ich sonst sagen sollte.
Farah und ich verließen den Laden und gingen zum Boot, an dem der kleine Junge wartete und uns freudestrahlend entgegensah.
»Niemand hat es gewagt, das Boot zu stehlen«, verkündete er stolz.
Lächelnd verwuschelte Farah seine Haare und reichte ihm noch eine Münze. »Gute Arbeit.«
Mit vor Stolz geschwollener Brust nickte uns der Junge zu, wartete, bis wir in das Boot gestiegen waren und löste das Seil. Wir winkten ihm kurz zu und schlugen den Weg zurück zum Hafen ein.
Die Gerüche der Stadt kitzelten in meiner Nase. In den Schenken des Händlerviertels wurde bereits für den Abend gekocht und die würzigen Düfte von Braten und Schmoreintopf erfüllten die Luft. Als wir die Gegend verließen und in die Nähe meines alten Unterschlupfs gelangten, veränderten sich die Gerüche, es roch sauer und erdrückend. Ich war froh, dass wir bald den Hafen erreichten. Die Luft dort klärte auf, war viel frischer, salziger, und ein seltsames Gefühl überkam mich. So lange hatte ich mich vom Wasser ferngehalten, aber nun fühlte es sich an, als wäre das Meer ein Teil von mir.
Kopfschüttelnd vertrieb ich den Gedanken. Vermutlich war dieses Gefühl einfach den Piraten geschuldet, die mich so offen in ihrer Mitte aufgenommen hatten. Das Meer machte mir immer noch Angst, denn die Stimme meiner Mutter geisterte in meinen Träumen durch meine verschwommenen Erinnerungen. Ob wirklich jemand mein Gedächtnis verändert hatte? Mir einen Teil meiner eigenen Erinnerungen gestohlen hatte? Aber wer? Und wieso?
Fast bemerkte ich nicht, wie uns die Illusion rund um das Schiff einhüllte. Erst, als der süße Geruch von Magie in mein Bewusstsein drang, nahm ich den Nebel um uns wahr, der immer dichter wurde, ehe er das Schiff preisgab, das nur wir sehen konnten.
Aram holte das Boot ein und wir kletterten an Deck. Ich hatte noch nicht einmal geblinzelt, da schoss Pearl auf mich zu und umarmte mich.
»Du bist wieder da«, jauchzte sie.
Wärme breitete sich in meiner Brust aus, während ich den Otter tätschelte. »Ja, und ich habe dir etwas mitgebracht.« Ich kramte das Säckchen aus meiner Tasche und reichte es Pearl.
Schnell öffnete sie es, griff hinein und quietschte vergnügt. »Perlen«, sagte sie strahlend. »Du hast mir Perlen mitgebracht.« Gurrend schlüpfte sie in das Armband und trug es wie einen Gürtel. »Wie sehe ich aus?«
»Wie eine Königin«, antwortete ich lächelnd.
Ich sah mich auf dem fast leeren Schiff um. Es wirkte verloren, nun, da wir nur so wenige Leute waren. Maya und Alek waren noch bei ihrer Mission, von Caspian fehlte jede Spur. Ceto bat uns zum Essen und ich hegte die Hoffnung, dass Caspian spätestens dann erscheinen würde.
Doch auch am Ende des Mahls war der Captain nicht zurück an Bord und die Gespräche drehten sich ausschließlich um Essen und welche Vorräte wir in Varun besorgen sollten.
»Aram und ich werden gleich aufbrechen«, erklärte Ceto, während wir aßen. »War in der Stadt soweit alles ruhig?«
»Alles wie immer«, meinte Farah. »Es gibt nichts, auf das ihr besonders achten müsst.«
»Gut.« Ceto schlang seinen Eintopf hinunter. »Dann wünscht uns Glück für unsere Schicht.«
Er und Aram verabschiedeten sich, ich machte mich mit Farah daran, aufzuräumen.
»Du solltest dich ausruhen«, meinte Farah, nachdem wir das Geschirr gemeinsam abgewaschen hatten. »Morgen Abend wirst du mit einem von uns eine Schicht übernehmen.«
»Oh, in Ordnung. Kein Problem.« Ich rang mir ein Lächeln ab. »Steht schon fest, mit wem ich gehe?«
»Caspian wird das morgen entscheiden. Vermutlich mit Aram oder mir, wir werden sehen. Mit Überwachungen kennst du dich bestimmt besser aus als wir, also können wir etwas von dir lernen.«
Meine Wangen fühlten sich mit einem Mal heiß an. »Danke, Farah … für heute«, stammelte ich. »Ich habe mich bei dir sehr wohl gefühlt.«
Lächelnd legte sie mir eine Hand auf die Schulter. »Ich mich auch bei dir. Danke, dass du mir von deiner Angst erzählt hast.«
Da ich wieder um Worte verlegen war, nickte ich nur, wünschte Farah eine gute Nacht und ging mit Pearl in mein Quartier. Das sanfte Knarren des Schiffs beruhigte mich, schenkte mir eine Geborgenheit, mit der ich nie gerechnet hätte.
»Was hast du denn an Land gemacht?«, wollte Pearl wissen, kaum, dass ich die Tür hinter mir geschlossen hatte.
Also erzählte ich ihr von dem Laden und den vielen Kleidungsstücken, die ich in Auftrag gegeben hatte. Unter anderem hatte ich mir eine leichte Lederrüstung in einem Nachtblau ausgesucht, da ich mich darin bei Missionen vermutlich am wohlsten fühlte. Aber auch Kleidung, wie Maya sie mir geliehen hatte, war in meiner Auswahl gewesen.
Pearls Augen wurden groß, als ich ihr vom Ballkleid erzählte. Aufgeregt schlug sie Salti in der Luft.
»Das muss ich sehen!«, rief sie euphorisch. »Kannst du mich zur nächsten Anprobe mitnehmen? Vielleicht findet Maya ja eine Möglichkeit, mich zu tarnen.«
»Wir werden sehen.« Ich kraulte ihren Kopf. »Mir wäre wichtiger, dass es dir gut geht und du sicher bist. Das Kleid wirst du spätestens auf dem Ball sehen, weil ich dich da auf jeden Fall brauche.«
Falls wir auf den Ball gehen, dachte ich schnell.
Noch war ich nämlich nicht überzeugt, dass Caspians Plan gelingen konnte.
So erschöpft ich mich nach diesem Tag auch fühlte, als Pearl und ich uns hinlegten, fand ich nicht in den Schlaf. Nicht einmal das Knarzen des Schiffs, das sanfte Schaukeln oder Pearls leises Schnarchen konnten mich einlullen. Dabei waren meine Gedanken erstaunlich ruhig, zumindest drängte sich keiner in den Vordergrund und beschäftigte mich.
Lag meine Rastlosigkeit daran, dass ich mit Caspian sprechen wollte? Oder war da noch etwas anderes?
Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, seit ich mich hingelegt hatte, doch es zermürbte mich, nur auf dem Bett zu ruhen, ohne einschlafen zu können. Also stand ich auf und schlich mich aus meinem Zimmer, um etwas frische Luft zu schnappen. Als ich das Deck betrat, hielt ich inne, denn jemand schwang sich gerade über die Reling. Gedanklich fluchte ich, dass ich keine Waffen mitgenommen hatte und überlegte, wie ich den Eindringling bekämpfen sollte. Da schlug er die Kapuze zurück und ich erkannte Caspian im fahlen Mondlicht, das auf ihn traf.
Erst wollte ich nach ihm rufen, doch als mir seine gebückte Haltung auffiel, schob ich mich hinter den Masten und beobachtete ihn schweigend. Aus dem Augenwinkel nahm ich das blaue Geisterlicht wahr und gleich darauf fühlte ich die Kühle, die von Thelonius ausging.
»Jedes Mal, wenn wir in Varun ankern, wirkt er erschöpft, sobald er an Bord zurückkommt«, erklärte der Geist nachdenklich.
»Weißt du, was er an Land macht?«, flüsterte ich, ohne Caspian aus den Augen zu lassen.
Falls er mich bemerkte, wollte er wohl nicht mit mir reden. Er schleppte sich auf sein Quartier zu, betrat es und schloss die Tür hinter sich.
»Nein, da ich ihm nicht folgen kann, weiß ich das nicht«, meinte der Geist. »Du weißt, ich bin an dieses Schiff gebunden. Hier habe ich schließlich mein Ende gefunden.«
Ich löste den Blick von Caspians Tür und sah stattdessen zu Thelonius. »Erinnerst du dich daran, wie du gestorben bist?«
Er kratzte sich am Kopf. »Nein, und ich glaube, dafür bin ich dankbar. Es gab einen Kampf, das weiß ich noch. Aber gegen wen ich gekämpft habe, habe ich vergessen. Vermutlich habe ich eine Klinge in die Brust bekommen oder eine Kugel. Es war eine Seeschlacht mit einem anderen Schiff … denke ich.«
Einen Moment starrte Thelonius in die Ferne, schüttelte dann den Kopf und sah wieder mich an.
»Pass auf den Jungen auf, ja?«, bat er mich. »Er ist ein aufrichtiger Kerl und etwas lastet schwer auf seinen Schultern.«
»Er ist wirklich aufrichtig«, murmelte ich. »Manchmal schon zu aufrichtig für einen Piraten.«
Thelonius lachte. »Weil er dich nicht küssen wollte? Das finde ich sehr anständig von ihm.«
Ich schnaubte. »Wieso? Laut deiner Aussage bist du davon ausgegangen, dass wir uns demnächst die Kleider vom Leib reißen. Und jetzt meinst du, es wäre anständig von ihm, dass er mich nicht einmal richtig küssen möchte, bevor wir uns besser kennen?«
»Ein Kuss ist so viel mehr als pures Verlangen, Kind.« Der Geist schenkte mir ein sanftes Lächeln. »Wenn man die Lippen aufeinanderpresst, bevor man über einander herfällt, ist das nur etwas Körperliches. Wäre Caspian lediglich daran interessiert, hätte er sich geholt, was er will. Aber er hat es nicht getan und ich weiß, wieso.«
»Führt er Selbstgespräche, die du belauschst?«, fragte ich mit schiefem Grinsen.
»Nein, ich habe dir doch erklärt, dass ich Gefühle der Lebenden sehe, seit ich ein Geist bin. Und er empfindet etwas für dich.«
Ich verdrehte die Augen. »Er kann nicht in mich verliebt sein.«
»Das habe ich auch nicht behauptet. Aber da ist Zuneigung, die sich zu einer Verliebtheit entwickeln könnte.« Er beugte sich näher zu mir. »Genau wie bei dir übrigens.«
Hastig wandte ich mich ab. »Unsinn. Da ist nichts.«
Geräuschvoll stieß Thelonius den Atem aus. »Rede dir das nur weiterhin ein, weil du dich auf diese Weise schützen willst. Irgendwann erkennst selbst du die Wahrheit.«
Damit verschwand er und ließ mich allein zurück. Leise seufzend warf ich noch einen Blick zu Caspians Tür. So sehr ich mit ihm über die Bezahlung der Kleidung reden wollte, ich durfte ihn jetzt nicht stören. Er hatte wirklich erschöpft ausgesehen. Und auch ich brauchte Schlaf. Morgen wollte ich der Crew beweisen, dass ich ihnen helfen konnte. Also musste ich ausgeruht zu meiner Schicht beim Auskundschaften antreten.
Noch einmal atmete ich durch, wandte mich ab und kehrte in mein Zimmer zurück. Ich hoffte nur, Caspian würde mich nicht mit Alek einteilen. Mit jedem anderen würde ich zurechtkommen, nur nicht mit Alek. Aber das wusste Caspian bestimmt und würde darauf Rücksicht nehmen.
So flach wie möglich atmete ich durch das Tuch vor meinem Mund und behielt die Wachen auf der Mauer im Blick. Meine Knie schmerzten von der unbequemen Haltung, die ich eingenommen hatte. Wie früher drängte ich mich in den Schatten eines Schornsteins und versuchte, mit der Dunkelheit zu verschmelzen. Im Gegensatz zu Caspian, der lässig auf einem Fenstergiebel saß und dessen Blick ich auf mir spürte.
»Du weißt, dass wir dank Mayas Magie so gut wie unsichtbar sind?«, fragte er amüsiert.
»Shhh«, machte ich. »Du redest zu laut.«
»Ich flüstere«, erwiderte er immer noch amüsiert.
»Das könnte die Wache dort drüben dennoch hören«, wisperte ich.
»Unwahrscheinlich, aber selbst wenn, verändert die Illusionsmagie das Geräusch. Wenn der Wächter nicht direkt neben uns steht, klingt es für ihn wie das Pfeifen des Winds.«
Mit finsterem Blick wandte ich mich Caspian zu. »Du verlässt dich viel zu sehr auf Mayas Magie.«
»Bei heiklen Missionen greife ich wirklich gern auf diese Fähigkeiten zurück.« Er hob die Mundwinkel. »Nur so ist es mir gelungen, dich auszuspionieren. Sonst hättest du mich garantiert sofort bemerkt, so wachsam wie du bist.«
»Na ja, wenn du im Gehrock mit hellem Hemd hinter mir hergeschlichen wärst, bestimmt.«
Sein Schmunzeln verwandelten meine Knie in weiches Wachs.
»Deswegen ist die Illusionsmagie so hilfreich«, antwortete er, als würde er damit sein Recht beweisen. »Und heute will ich kein Risiko eingehen. Ich weiß, dass meine Qualitäten nicht darin liegen, mich ohne Magie unsichtbar zu machen.«
Von der Bedrückung, die ich letzte Nacht an ihm wahrgenommen hatte, war nichts mehr übrig. Auch die Anspannung, die ich nach unserem Abendessen gefühlt hatte, war verflogen. Caspian war wieder wie zuvor – und das verunsicherte mich. Hieß das, er spielte mir jetzt etwas vor?
Ich überlegte, wie ich ihn auf alles ansprechen sollte. Bisher hatte ich ein Gespräch vermieden, aber wenn die Magie selbst unsere Stimmen verschleierte, konnten wir uns wohl unterhalten, bis etwas geschah.
Also holte ich Luft, zuckte jedoch zusammen, als die Glocke des Schlosses zur vollen Stunde läutete.
Caspian richtete sich auf und sah zu den Wächtern auf dem Dach des Hauptgebäudes. Wir hatten uns auf einem Nebengebäude am Rand des Schlosskomplexes verschanzt, wo weit und breit keine Wachen standen. Zumindest heute nicht. Vermutlich handelte es sich um ein Lager. Jedenfalls wurde es nicht bewacht, aber wir konnten dennoch sehen, was auf den Wehrmauern und im Schlosshof vor sich ging.
In Bewegungen, die an einstudierte Tanzschritte erinnerten, verließen die Wächter dort ihre Posten, sammelten sich auf einem der Türme und kreuzten die Hellebarden, die sie hielten. Dann marschierten sie in den Turm hinein.
Mit angehaltenem Atem zählte ich die Sekunden, die verstrichen, ehe neue Wächter aus dem Turm traten. Auch diese kreuzten die Hellebarden, vollführten einige Tanzschritte und bewegten sich dann auf ihre Posten zu. Insgesamt hatte die Wachablösung keine drei Minuten gedauert. Das war nicht besonders lange.
Caspian zückte ein Notizbuch und einen Kohlestift, kritzelte etwas auf eine leere Seite und schob dann alles wieder in die Innentasche seines Gehrocks.
»Ich glaube, das waren die wichtigsten Erkenntnisse dieser Nacht«, meinte er. »Die Wache wird zur elften Stunde abgelöst. Mal sehen, wann die nächste Übergabe stattfindet.« Er verschränkte die Hände hinter dem Kopf und sah mich schmunzelnd an. »Du kannst dich jetzt übrigens bequemer hinsetzen.«
Ich schüttelte den Kopf. »Gewohnheit. Wenn Pearl hier wäre, würde sie dir bestätigen, wie verbissen ich bei solchen Missionen bin.« Ich seufzte. »Nächstes Mal würde ich sie gern mitnehmen. Gerade nachts fällt sie niemandem auf und ich … fühle mich nicht vollständig ohne sie.«
»Es war trotzdem besser, sie auf dem Schiff zu lassen. Aber ich verstehe, wenn du sie bei dir haben willst. Wir finden eine Lösung.«
Ich räusperte mich. »Caspian, wegen der Bezahlung für die Kleidung …«, begann ich das Thema, das mir am unverfänglichsten erschien. »Ich möchte nicht, dass du alle Kosten übernimmst.«
Er runzelte die Stirn. »Hat Farah dir nicht gesagt, dass ich das bei jedem Crew-Mitglied mache?«
»Doch. Es fühlt sich dennoch falsch an. Ich möchte dir die Summe also zurückzahlen, sobald ich dazu in der Lage bin.«
Schweigend musterte er mich einen Herzschlag. »Wenn du die Erinnerungen des Königs stehlen solltest, sind wir mehr als quitt«, meinte er schließlich.
Nur mit Mühe konnte ich ein Lachen unterdrücken. »So viel hättest du mir für den Auftrag bezahlt? Dir muss diese Erinnerung wirklich sehr wichtig sein.«
Seine Miene war ungewohnt ernst. »Sie ist mir sogar noch viel mehr wert.«
»Verrätst du mir endlich, wieso?«
Er befeuchtete seine Lippen mit der Zunge. War es soweit? Würde er mir jetzt anvertrauen, was er mir vorgestern nicht hatte sagen können?
Ehe Caspian ein Wort herausbrachte, donnerte es über uns und im nächsten Moment fiel der Regen in Bindfäden vom Himmel. Brummend richtete sich Caspian auf und sah sich um.
»Da drüben ist ein Vorsprung, unter dem wir zumindest ein wenig geschützt sein sollten«, meinte er.
»Wir werden nicht schmelzen, wenn wir hier ausharren«, warf ich ein.
Er hob die Mundwinkel zu einem schiefen Grinsen. »Nein, aber vielleicht erkälten wir uns bei dem Mistwetter. Das würde ich gern vermeiden.«
In den wenigen Minuten hatte sich meine Kleidung bereits mit eiskaltem Wasser vollgesogen. Die Aussicht, im Trockenen Schutz zu finden, war also mehr als verlockend, zumal wir unter dem Vorsprung hoffentlich auch vor dem kalten Wind sicher waren.
»Na schön«, gab ich mich geschlagen. »Dann suchen wir Unterschlupf.«
Caspian setzte sich in Bewegung, machte einen vorsichtigen Schritt über das regennasse Dach. Ich folgte ihm in einigem Abstand, versuchte, dieselben Schindeln zu betreten, die er benutzt hatte. Wir hatten den Vorsprung fast erreicht, da stieß Caspian einen Fluch aus und ruderte mit den Armen. Der Dachziegel unter seinem Fuß hatte sich gelöst, schlitterte auf die Kante zu und fiel hinunter. Wenn Caspian ihm folgte, würde er sich das Genick brechen.
Schnell machte ich einen Satz nach vorn, doch es war zu spät. Caspian fiel und rutschte auf den Abgrund zu. Ohne nachzudenken, rannte ich ihm hinterher und betete zu den Totengöttern, dass ich ihn retten konnte.