Kapitel 25: Kapitel Fünfundzwanzig - Secrets of the Sea - Erinnerungsdiebin
By B.E. Pfeiffer
Mit angehaltenem Atem starrte ich den Mann an, der in diesem Gasthof so fehl am Platz war wie ein Meeresungeheuer auf einer Hochzeitsfeier. In seiner auf Hochglanz polierten schwarzen Rüstung, die seine Schultern so breit wie den Türrahmen wirken ließ, dem wallenden schwarzen Haar und der goldenen Zackenkrone, die sich glänzend davon abhob, war König Byron eine Erscheinung wie ein Totengott selbst.
Was machte er hier?
Kaum war er eingetreten, schlug einer der Wachleute die Tür zu. Mein Herz blieb schmerzhaft stehen, als der König zu Caspian schaute, der weiterhin völlig ungerührt auf seinem Stuhl saß, als würden um ihn nicht unzählige Leute sterben.
Von den Kartenspielern waren nur noch zwei übrig. Der Wirt kauerte mit blutender Schläfe hinter dem Tresen und der junge Mann, der am Fenster gesessen hatte, hielt zwei Säbel zitternd vor sich, als könnte er die Wachleute so daran hindern, ihn anzugreifen. Alle anderen lagen entweder regungslos am Boden oder stöhnten vor Schmerzen.
»Tötet sie alle«, forderte der König mit befehlsgewohnter Stimme.
Ich wollte schreien und zu Caspian stürzen. Da packte mich Maya und presste mir eine Hand vor den Mund.
»Ruhig, ihm geschieht nichts«, flüsterte sie mir ins Ohr.
Ich wehrte mich gegen den Griff, versuchte, mich von ihr zu lösen. Maya war stärker, als ich erwartet hatte. Aber ich musste Caspian retten, musste …
Wie zu einer Eissäule erstarrt hielt ich inne, als sich die Wächter daran machten, sämtliche Anwesende in der Schenke zu töten. Jeden, selbst den Wirt. Nur Caspian ignorierten sie, als wäre er unsichtbar. Hätte der König ihn nicht die ganze Zeit angestarrt, hätte ich geglaubt, dass Maya auch über Caspian eine Illusion ausgebreitet hatte.
Schreie erklangen, Schüsse fielen. Der Wirt flehte um sein Leben, bis aus seinen Worten ein grausiges Gurgeln wurde, als man ihm die Kehle aufschnitt. Nach wenigen Sekunden war alles vorbei. Kein Ächzen erklang mehr, kein Flehen. Lähmende Stille hüllte die Schenke ein.
Erst als der König schnippte und einer der Wächter den Stuhl, der Caspians gegenüberstand, zurückzog, drangen wieder Geräusche in mein Bewusstsein.
Was geschah hier gerade?
Mir wurde erst klar, dass ich den Atem die ganze Zeit angehalten hatte, als meine Lunge brannte und ich gierig Luft holte. Maya ließ die Hand von meinem Mund sinken, hielt mich aber immer noch fest.
»Ich flehe dich an«, flüsterte sie so leise, dass ich es kaum verstand, obwohl ihre Lippen direkt neben meinem Ohr schwebten. »Sag nichts und tu nichts. Sonst ist unser beider Leben verwirkt und Caspian stellt sich jetzt völlig umsonst.«
Ich verstand nicht, worauf sie hinauswollte. Ließ sich Caspian gefangen nehmen? Aber wieso? War der König seinetwegen hier? Hatte Caspian bereits etwas von ihm gestohlen, das er sich jetzt zurückholen wollte?
»Warum bist du nur so eine Enttäuschung für mich?«, fragte der König mit dunkler Stimme. »Willst du sowohl deinen als auch meinen Ruf so sehr zerstören? Ich hatte gehofft, du wirst langsam zu alt für diese Piratenspiele.«
Schnaubend sah Caspian zum König, schwieg jedoch.
Ich verengte die Augen, betrachtete erst Caspian, dann den König. Etwas an diesen beiden Männern war seltsam, ich wusste nur nicht, was es war.
»Wieso bist du hier?«, knurrte Caspian die Frage förmlich.
»Musst du das wirklich fragen? Wir haben eine Vereinbarung.«
Mein Herz setzte einen Schlag aus. Welche Vereinbarung könnte Caspian mit dem König haben? Jenem König, der Taryna wie mich gefangen nehmen und töten ließ? Neben all der anderen Gräueltaten, die er beging.
Kalt lächelnd lehnte sich Caspian nach vorn. »Das weiß ich und ich erfülle meinen Teil davon. Du hingegen tauchst hier auf, obwohl ich heute frei habe und …«
Blitzschnell schoss die Hand des Königs vor. Er packte Caspians Hals und drückte zu, sodass dieser nur noch röchelte. Mit grimmigem Blick stand der König auf und zerrte Caspian ebenfalls auf die Füße. Dann streckte er den Arm und Caspians Zehenspitzen schwebten über dem Boden. Er hob ihn hoch, als würde er nichts wiegen.
»Wag es nicht, frech zu werden, Atticus«, knurrte der König.
Japsend holte ich Luft. Atticus? Hatte der König Caspian gerade Atticus genannt? Wie … wie den Kronprinzen?
»Ich erlaube dir deine kleinen Auszeiten vom Hof nur, um dich bei Laune zu halten«, fuhr der König eiskalt fort. »Aber deine Spielchen sollten langsam ein Ende finden, denn in wenigen Tagen wirst du vor den Altar treten.«
In mir zerbrach ein Teil, von dem ich nicht einmal gewusst hatte, dass ich es besaß. Oder dass es so weh tun konnte. Der Schmerz hinderte mich daran, zu atmen.
Caspian würde heiraten? Aber er hatte doch gesagt … Nein, er hatte gar nichts gesagt. Er hatte sich bei meinen Fragen immer wie eine Seeschlange gewunden und war mir ausgewichen.
Fest presste ich die Zähne zusammen, sodass es knackte. Maya griff nach meiner Hand, doch ich zog sie zurück. Sie hatte alles gewusst. Jeder auf dem Schiff hatte vermutlich gewusst, wer Caspian wirklich war – nur ich nicht. Ich war so unglaublich naiv, weil ich ihm vertraut hatte.
Als der König Caspian losließ, trafen seine Füße blitzartig wieder auf den Boden. Er taumelte und krachte gegen einen Wächter, der ihn grob an den Armen packte. Dennoch versuchte Caspian, sich aus dem Griff zu befreien. Vergeblich.
»Deine künftige Braut hat mir mitgeteilt, dass du sie versetzt hast«, sagte der König, verschränkte die Hände hinter dem Rücken und bewegte sich auf Caspian zu. »Hast du gedacht, ich finde dich in der Stadt nicht? Du weißt, dass ich das jederzeit kann.«
»Was auch der Grund ist, wieso ich so viel Zeit auf meinem Schiff verbringe«, erwiderte Caspian schroff. »Auf dem Meer funktioniert deine elende Magie nicht.«
Mit einem Lächeln, das das Blut in meinen Adern gefrieren ließ, trat der König vor Caspian. Er hob eine Hand an seine Wange und kniff hinein, als wäre Caspian ein kleines Kind.
»Dann kannst du ja von Glück reden, dass du an mich gebunden bist, nicht wahr? Sonst müsste ich dich in den Sieben Reichen suchen, damit du mir hilfst, meine Schuld abzutragen.«
»Helfen ist das falsche Wort, Vater«, spie er aus.
Die Splitter in meiner Brust bohrten sich tiefer in mein Herz. Also war Caspian in Wahrheit kein Pirat. Er war ein Prinz. Der Sohn des Mannes, der Leute wie mich jagen ließ. Der Lovril mit einer Spur aus Blut überzog.
Ich atmete so schnell ein und aus, dass mir schwindlig wurde. Byron hatte ich mehrmals auf Plakaten gesehen, einmal auf einer Bühne, als er bei einem Volksfest einen Preis verliehen hatte. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass er Caspians Vater war. Aber jetzt, da ich die beiden Männer zusammen sah, fragte ich mich, wie mir die Ähnlichkeit nicht hatte auffallen können. Beide hatten gewelltes ebenholzschwarzes Haar. Während Caspian es zusammengebunden hatte, trug der König es offen. Ihre Augenpartie war unverwechselbar ähnlich, die Nase ebenfalls. Caspians Züge waren weicher als die von Byron, aber ich erkannte die Ähnlichkeit dennoch sofort.
»Willst du undankbar sein?« Immer noch lächelte der König kühl. »Immerhin bist du dank mir ein Prinz und ich habe dir dieses Schiff überlassen, das du unbedingt wolltest …«
»Das war meine Bedingung, um mich nicht von der nächsten Mauer zu stürzen!«, fuhr Caspian ihn an. »Und das weißt du verdammt gut. Aber jetzt gehst du zu weit, indem du mich zwingen willst, Prinzessin Calliste von Nyxor zu heiraten! Du raubst mir meine Seele und …«
Ein lautes Klatschen ließ Caspian verstummen. Sein Kopf ruckte zur Seite und auf der Wange bildete sich rasch der leuchtend rote Abdruck einer Hand.
Schnaufend wie ein zorniger Bulle stand der König jetzt vor ihm, die erhobene Hand in der Bewegung eingefroren. Sein Blick war mörderisch und die Augen so dunkel, dass sie an die seelenlosen Kreaturen erinnerten, die den Totengöttern dienten. Auch ihre Augen waren auf Zeichnungen immer wie schwarze Marmorkugeln ohne jedes Leben darin dargestellt.
»Ich nehme nur so viel, dass du deine Kräfte wieder erneuern kannst«, fuhr der König ihn an.
»Ja, weil ich dir nur so länger dienen kann«, ächzte Caspian. »Wenn du meine gesamte Seele stiehlst, bin ich für dich wertlos.«
»Dann solltest du eigentlich erst recht dankbar sein, dass ich einen Pakt mit Callistes Vater schließen möchte.« Der König grinste wie ein Jäger, dessen Falle gleich zuschnappte. »Sobald seine Tochter einer Ehe mit dir zustimmt, wird er mir helfen, die Person zu finden, die uns beide befreien kann. Also solltest du aufhören, Pirat zu spielen und sie umgarnen. Oder siehst du das anders?«
Caspian hob den Blick und starrte seinen Vater so zornig an, dass selbst ich Angst vor ihm bekam.
»Ich sehe das anders, denn dein Pakt mit dem Meervolk hat mit mir nichts zu tun«, zischte Caspian. »Und wenn ich einen Weg finde, unsere Verbindung zu lösen, die du mir aufgezwungen hast, damit ich nicht fortlaufe, werde ich für immer verschwinden.«
Der König lachte gehässig auf. »So weit wird es nie kommen. Du magst dein Schiff gut verstecken, aber ich werde es finden. Eines Tages begehst du einen Fehler, so wie heute. Dir muss doch bewusst sein, dass ich die gesamte Stadt kontrolliere und weiß, wo du dich herumtreibst, auch ohne meine Magie zu wirken.« Er richtete sich zu voller Größe auf. »Ach, da fällt mir ein, die beiden Piratinnen die dich begleitet haben … wo sind sie?«
»Geflohen, bevor ihr angekommen seid«, fauchte Caspian.
Der König wandte den Blick zu einem Wächter, der rasch den Kopf schüttelte. »Die beiden Frauen fehlen unter den Toten und es kam niemand aus der Schenke, außer dem zerlumpten Kerl, den wir als Erstes getötet haben.« Mit triumphierendem Blick sah der König wieder zu Caspian. »Durchsucht das Gebäude. Findet sie und schleift sie her.«
Ich presste eine Hand vor meinen Mund, um nicht zu schreien. Maya griff nach meinem Ellbogen, zog mich ein Stück tiefer in die Speisekammer, die offen stand.
»Ganz ruhig«, flüsterte sie. »Sie werden uns nicht finden.«
Ich hatte keine Ahnung, wieso sie das behauptete. Illusionen waren keine festen Gegenstände. Die Magie würde zerbrechen, sobald ein Wächter die Tür oder was auch immer Maya erschaffen hatte, um uns zu verbergen, berührte.
Zielstrebig kam ein Wachmann auf uns zu, hob die Hände und schlug zu. Ich kniff die Augen zusammen und erstarrte, als ein Geräusch zu hören war, das klang, als würde man gegen eine Wand klopfen. Flatternd öffnete ich die Lider und blickte dem Wächter ins Gesicht, der auf die Luft vor sich einschlug und wieder ein Geräusch erzeugte, als würde er eine Holzwand mit den Fäusten absuchen. Er trommelte weiter auf die vermeintliche Wand ein und verschwand schließlich aus meinem Blickfeld.
Als ich zu Maya sah, glänzte ihre Stirn von Schweiß. Sie hob einen Finger an ihre Lippen und rang um Atem.
Die Wächter begannen inzwischen, die Holzdielen aufzureißen. Nach einer Weile knurrte der König einen Befehl und sie hörten damit auf.
»Ich sagte doch, sie sind geflohen«, meinte Caspian selbstgefällig grinsend. »Du wirst also niemanden finden, mit dem du mich erpressen kannst.«
Wieder packte der König Caspians Hals und drückte die Finger in dessen Haut.
»Dir wird dein Lachen schon vergehen, Junge«, zischte der König.
Schwarzer Nebel bildete sich um seine Fingerkuppen. Mit einem Mal war Caspian nicht mehr so selbstsicher. Seine Augen waren geweitet, seine Haut blasser. Er wehrte sich gegen den Wächter, der ihn unbarmherzig hielt, versuchte, sich aus dem Griff des Königs zu befreien. Der gab seinen Hals frei, grub dafür die Finger in sein Gesicht und presste fest zu, bis Caspian die Lippen öffnete. Als der schwarze Nebel in seinen Mund drang, schrie Caspian auf.
Mein Herz zersprang und ich wollte trotz allem, was ich erfahren hatte, zu ihm und ihm helfen. Doch Maya umklammerte meine Hand und hinderte mich daran.
Der Schrei verstummte, ging in ein Röcheln über. Nach wenigen Sekunden schwebten die Schatten wieder aus Caspians Mund, kehrten jedoch nicht zum König zurück, sondern flogen aus den zerbrochenen Fenstern.
Erleichtert atmete der König auf, während Caspian kraftlos in den Armen des Wächters hing. Bei dem Anblick wurde meine Brust zu eng, um Luft zu holen. Caspian sah noch erschöpfter aus als in den vergangenen Nächten. War ihm das jedes Mal zugestoßen? Hatte der König selbst ihm etwas angetan wie … wie das, was er gerade getan hatte?
»Du hast mir … erst letzte Nacht … etwas gestohlen«, keuchte Caspian.
»Strafe muss sein«, meinte der König gleichgültig. »Vielleicht gibst du dir jetzt Mühe, Calliste zu umgarnen. Sie muss dich heiraten wollen, Bürschchen, sonst haben wir ein Problem.«
»Ich werde sie … nicht heiraten.« Caspian sah auf und für einen Wimpernschlag kam es mir vor, als würde er meinen Blick suchen, ehe er seinen Vater anstarrte. »Ich finde … einen Weg … dich loszuwerden.«
Der König lachte kühl. »Wohl kaum, denn ab heute wirst du das Schloss nicht mehr verlassen, bis ich es erlaube.« Er beugte sich näher zu ihm. »Und glaube mir, ich werde es nicht erlauben, bis du Calliste geheiratet hast.«
Mit einem Schnippen gab der König den Befehl zum Aufbruch. Der Wächter zerrte Caspian zur Tür, obwohl dieser um sich trat.
»Ich finde einen Weg, zu fliehen!«, rief Caspian. Ich war nicht sicher, ob er das tat, um mir zu versichern, dass er zu mir kommen würde, oder ob er seinem Vater damit drohen wollte.
Es machte auch keinen Unterschied mehr. Caspian war nicht der, für den ich ihn gehalten hatte. Ich hatte gedacht, ich könne mit jedem Geheimnis umgehen, das Caspian mir anvertrauen würde. Aber nicht damit. Bei den Totengöttern, nicht damit.
Er war kein Pirat. Er war ein verdammter Prinz. Und so sehr das Mitgefühl für das, was der König ihm antat, auch in mir arbeitete, ich konnte nicht darüber hinwegsehen, dass Caspian mich so sehr angelogen hatte. Denn jetzt fragte ich mich, ob irgendetwas von dem, was er gesagt oder getan hatte, echt war.
Mein unbelehrbares Herz wollte daran glauben, dass sich zwischen Caspian und mir echte Gefühle entwickelt hatten. Aber mein Verstand sagte mir, dass ich eine Närrin wäre, wenn ich das wirklich tat.
»Was soll mit der Schenke geschehen?«, fragte ein Wächter den König, nachdem Caspian fort war.
»Lasst sie so, wie alles ist«, erwiderte dieser. »Sollen die anderen Ratten wissen, dass es niemandem bekommt, sich gegen mich zu stellen.«
Damit verließ auch der König die Spelunke und seine Wachen folgten ihm. Die Schritte der Männer hallten noch ewig in der Stille, die sich gespenstisch über diesen Ort legte. Blaues Geisterlicht blitzte im selben Augenblick auf, doch ich ignorierte es. Mit keiner dieser Seelen wollte ich reden.
Fort. Ich musste hier fort. Wie hatte ich so töricht sein können, Caspian und den anderen zu vertrauen? Wäre Pearl bei mir, ich würde sie schnappen und sofort verschwinden. Aber so musste ich zum Schiff zurück. Jetzt gleich.
»Nektaria«, raunte Maya und griff erneut nach meiner Hand.
Wieder riss ich sie fort, sah die Piratin nicht an, sondern stapfte los. Statt durch die Vordertür zu gehen, wandte ich mich der Hintertür zu, entdeckte ein morsches Boot, das an den Steg gebunden war, sprang hinein und löste das Seil. Bevor ich die Ruder geschnappt hatte, landete Maya ebenfalls in dem Boot, das gefährlich schaukelte.
»Was hast du vor?«, fragte sie alarmiert.
»Ich hole Pearl und dann verschwinden wir!«, blaffte ich sie an.
»Nektaria …«
»Du wusstest es!«, schrie ich. »Du hast gewusst, wer er ist. Wag nicht, es zu leugnen. Und wer bist du wirklich? Auch eine Prinzessin?«
»Nein, ich bin Maya, eine Taryna wie du.«
Ich schnaubte. »Das glaube ich dir nicht.«
»Es ist die Wahrheit.« Sie sah mich mitfühlend an. »Ich verstehe, dass du aufgewühlt bist. Aber Caspian ist genau die Person, die du kennengelernt hast.«
»Falsch, er ist ein Prinz. Und offensichtlich will er die Erinnerung des Königs, um sich von ihm zu befreien. Nicht, um einen Krieg zu verhindern oder irgendetwas anderes Edles zu bewirken.« Ich lachte hysterisch auf. »Bei den Totengöttern, ich dachte, er wäre der selbstloseste Mann der Sieben Reiche. Dabei ist er genauso selbstsüchtig wie alle anderen Menschen.«
»Kannst du es ihm wirklich verübeln, dass er frei sein will?« Maya klang plötzlich gereizt. »Du hast gesehen, was der König ihm antut.«
Ich schluckte schwer, verdrängte die Erinnerung daran, was ich beobachtet hatte. Es sollte mir nicht wehtun, Caspian so zu sehen. Aber es brannte wie Feuer in meinem Herzen.
»Nektaria.« Maya nahm mir die Ruder ab. »Gib ihm die Chance, dir alles zu erklären. Er wird einen Weg finden, zu dir zu kommen. Auch wenn du es jetzt vielleicht nicht glauben kannst: Du bedeutest ihm etwas.«
»Nein, er braucht mich nur, um freizukommen.« Ich hasste es, dass meine Stimme dabei zitterte und sich meine Augen mit Tränen füllten. »Ich will nicht hören, was er zu sagen hat. Es ändert nichts für mich. Ich werde mit Pearl verschwinden. Wenn du versuchst, mich aufzuhalten, werde ich kämpfen, Maya. Das schwöre ich dir bei meinem Leben.«
Die Piratin musterte mich einen Moment, dann ließ sie den Atem gedehnt entweichen. »Ich werde dich nicht aufhalten, Nektaria«, sagte sie leise. »Aber ich flehe dich an, hör Caspian zu. Bitte.«
»Ich will ihn nie wieder sehen!«
»Nektaria …«
»Gib mir die verdammten Ruder!«, forderte ich barsch. »Ich will zum Schiff zurück, Pearl holen und euch vergessen. Ihr habt mich an der Nase herumgeführt. Jeder von euch!«
Meine Worte waren nur noch ein Krächzen. Maya senkte den Blick, befestigte die Ruder in der Vorrichtung und begann, sie zu schlagen. Ich biss mir in die Unterlippe, bis ich Blut schmeckte, und blinzelte die Tränen fort.
Verraten. Ich fühlte mich von den Piraten verraten. Vorhin war ich sicher gewesen, dass alles gut werden würde. Aber jetzt hatte ich keine Ahnung mehr, ob irgendetwas von dem, was geschehen war, überhaupt echt gewesen war. Eines wusste ich allerdings sehr genau: Ich würde nicht warten, bis Caspian zu mir kam. Er hatte mich schon viel zu sehr an der Nase herumgeführt. Ohne ihn war ich besser dran. Wenn das bedeutete, dass Pearl und ich wieder allein waren, dann nahm ich das in Kauf.