Kapitel 26: Kapitel Sechsundzwanzig - Secrets of the Sea - Erinnerungsdiebin
By B.E. Pfeiffer
Noch ehe das Boot eingeholt war, sprang ich hinaus und stapfte über das Deck.
»Was ist passiert?«, fragte Farah mit großen Augen, als ich an ihr vorbeischritt.
»Wo ist Caspian?«, brummte Alek.
Aram gab ebenfalls ein fragendes Brummen von sich. Bevor Maya etwas erwidern konnte, fuhr ich zu den Piraten herum.
»Caspian?«, fauchte ich und stemmte die Hände in die Hüften. »Ihr meint Atticus, oder?«
Keiner der drei reagierte darauf. Warum auch? Von mir abgesehen hatte wohl jeder an Bord gewusst, wer Caspian wirklich war.
Wozu wollte er dann, dass das Schloss immer noch überwacht wurde? Ceto war gerade allein in der Stadt, um sich umzuhören und zu prüfen, ob sich die Lage beruhigt hatte. Caspian musste doch mühelos an diese Informationen kommen. War das für ihn alles nur ein Spiel? So wie … die Gefühle zu mir gespielt waren?
Mit voller Wucht traf mich der Schmerz, den ich so sehr verdrängen wollte. Caspian war vom ersten Moment an unglaublich charmant gewesen. Hatte er damit nur versucht, mich einzuwickeln? War irgendetwas von dem, was er gesagt hatte, echt gewesen?
»Ihr seid alle das Letzte!«, fuhr ich die Piraten an und wandte mich ab.
So schnell ich konnte, rannte ich in meine Kabine, warf die Tür hinter mir zu und lehnte mich dagegen. Schluchzend sah ich zu Pearl, die in ihrem Körbchen lag und verschlafen den Kopf hob.
»Nektaria, was ist passiert?«, fragte sie alarmiert.
Sofort schwebte sie zu mir und legte ihre kühlen Pfoten an meine Wangen. In ihren dunklen Knopfaugen schimmerte Sorge.
Siedend heiß glitt eine Träne über meine Wange, dann noch eine.
»Er hat mich angelogen«, krächzte ich.
»Wer?« Pearl wischte die Tränen weg. »Bitte rede mit mir. Was ist geschehen?«
Nachdem ich tief Luft geholt hatte, erzählte ihr alles in Kurzfassung. Ich wollte keine Zeit hier verschwenden, denn für mich gab es keine Zukunft mehr an Bord der Fleute. Also berichtete ich ihr nicht von der Kleideranprobe, sondern nur von dem, was in der Schenke geschehen war. Mit jedem Wort wurden Pearls Augen größer. Es beruhigte mich, dass sie ebenfalls nicht gewusst hatte, wer Caspian wirklich war und was sein Vater mit ihm anstellte.
»Er hat mich von Anfang an belogen und mit mir gespielt«, schloss ich meine Erzählungen schniefend.
»Er ist der Prinz«, wisperte Pearl. »Das erklärt seine vornehmen Umgangsformen.«
Schnaubend schüttelte ich den Kopf und stand auf. »Er ist Byrons Sohn; und der König ist ein Tyrann. Ein Mörder. Ein Widerling. Wenn Caspian sein Sohn ist …«
Das Aufleuchten von blauem Geisterlicht ließ mich innehalten. Es dauerte keinen Herzschlag, ehe Thelonius neben mir erschien.
»Du tust dem Jungen Unrecht«, meinte der Geist finster.
Ich reckte das Kinn. »Also wusstest du, dass er in Wahrheit ein Prinz ist?«
Pearl blickte mich an und dann an jene Stelle, wo Thelonius stand. Schweigend setzte sie sich auf meine Schulter und strich beruhigend durch meine Haare.
»Das wäre mir neu.« Der Geist kratzte sich am Kopf. »An Bord dieses Schiffes ist er der Captain der Tempest Rage. Ein guter Mann.«
»Bezweifle ich, denn sein Vater ist …«
Thelonius hob die Hand und ich verstummte. »Es ist unerheblich, wer sein Vater ist. Ich erinnere mich an meinen Vater, und weißt du, warum? Weil er ein elender Mistkerl war. Er war ein Schuhmacher – angesehen in seiner Gilde, in seinem eigenen Heim ein fürchterlicher Tyrann. Ich habe ihn verabscheut und mir geschworen, nie wie er zu werden. Also wurde ich anders. Wenn der König wirklich so ein Widerling ist, hat Caspian nicht viel von ihm geerbt.«
»Er sieht ihm verdammt ähnlich«, blaffte ich den Geist an.
Der grunzte. »Und weiter? Deswegen muss er auch seine Art übernommen haben?« Er ließ den Atem entweichen. »Was ich sagen will, ist, dass er nicht wie sein Vater sein muss. Davon abgesehen tust du ihm Unrecht, wenn du sagst, er hätte nur mit dir gespielt. Das hat er nicht. Seine Gefühle sind so echt wie deine.«
»Ich habe keine Gefühle für ihn!«, erwiderte ich gereizt.
Thelonius schmunzelte schief. »Wem willst du etwas vormachen? Ich kann deine Empfindungen sehen. Da ist unglaublich viel Zorn und Schmerz, aber auch echte Zuneigung und Mitgefühl.«
Mit aller Macht versuchte ich, die Erinnerung daran zu verdrängen, wie Byron diese Schatten ausgeschickt hatte, wie sie in Caspians Mund gekrochen waren und ihm offensichtlich Schmerz zugefügt hatten. Eiskalt lief es mir den Rücken hinunter, als ich den Moment vor mir sah, in dem etwas in Caspian zerbrochen war.
Atticus, ermahnte ich mich in Gedanken. Sein Name ist Atticus. Nicht Caspian.
Ich räusperte mich, um die Enge in meiner Kehle loszuwerden und sagte, so kühl, wie es mir möglich war: »Ich wäre eine Närrin, wenn ich noch Zuneigung und Mitgefühl für ihn übrig hätte.«
Thelonius schob die Augenbrauen zusammen. »Dann bist du wohl eine Närrin, Kleines. Worte können Lügen, Gefühle nicht. Du empfindest etwas für ihn und …«
»Dann habe ich eben Mitleid mit dem Kerl, weil sein Vater ihm Schmerzen zufügt!«, unterbrach ich den Geist scharf. »Das ist ja wohl menschlich. Byron nutzt Casp… Atticus aus. So, wie er mich ausnutzt. Und wenn ich eines in meiner Zeit als Flüsterin gelernt habe, dann, dass sich jeder selbst am nächsten ist. Also werde ich gehen, bevor Casp… Atticus mich opfert, um sich zu retten.« Ich sah Pearl auffordernd an. »Kommst du mit mir?«
Sie zögerte und mein Herz, das ohnehin nur noch aus Splittern bestand, zerbrach etwas mehr.
»Ich werde mit dir gehen, wohin auch immer dein Weg dich führt«, sagte sie schließlich. »Aber willst du wirklich fort? Vielleicht gibt es eine Erklärung und …«
Als ich den Kopf schüttelte, verstummte sie.
»Ich will seine Erklärungen nicht hören«, meinte ich trotzig. »Er hätte von Anfang an ehrlich sein sollen.«
»Das sagst gerade du?« Thelonius lachte heiser auf. »Wie lange hat es gedauert, bis du ihm deinen Namen genannt hast, Flüsterin? Und bevor du sagst, dass du das aus Vorsicht getan hast: Rate mal, wieso er sein Geheimnis bewahrt hat.«
Ich öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Thelonius hatte recht, ich hatte meinen Namen lange geheim gehalten. Caspians Herkunft war eine größere Bürde als mein Wunsch nach Sicherheit. Trotzdem kam ich nicht darüber hinweg, dass er mir nahe gekommen war, ohne mir zu erzählen, dass er ein Prinz war – und demnächst heiraten sollte. Ich fühlte mich verraten und benutzt. Die Unsicherheit, ob ich irgendjemandem auf diesem Schiff vertrauen durfte, ließ mich zittern. Ich würde wohl nie wieder einem dieser Piraten vertrauen können. Was sollte ich also noch hier?
»Pearl, was soll ich für dich einpacken?«, fragte ich.
Sehnsüchtig sah Pearl zu ihrem Körbchen. Es würde nicht leicht werden, das zu transportieren, aber für Pearl würde ich es versuchen. Ich selbst wollte nichts mitnehmen, das die Piraten mir gegeben hatten – noch nicht einmal die Armbrust. Allein sie zu sehen, versetzte mir einen Stich. Jede von Caspians Handlungen hatte meine Gefühle für ihn verstärkt. Selbst wenn Thelonius die Wahrheit sagte, dass Caspian mich mochte – ich konnte es gerade nicht glauben.
Ich schnappte das Körbchen, prüfte den Sitz meiner eigenen Waffen. Zum Glück trug ich bereits meine Rüstung, musste mich also nicht umziehen. Dann konnte ich aufbrechen.
Mit Pearl auf der Schulter schob ich mich an dem Geist vorbei und streckte die Hand nach dem Türgriff aus. In dem Moment drehte sich der Schlüssel um, fiel aus dem Schloss und glitt unter dem Türspalt hindurch, weil das Schiff sich zur Seite neigte.
Frustriert lachend legte ich den Kopf in den Nacken. »Du denkst, das hält mich auf?«, fragte ich die Fleute genervt. »Falsch gedacht.«
Ich zog den Dietrich aus meinem Ärmel und hockte mich vor die Tür. Schnell hatte ich das Schloss geknackt, doch ehe ich den Griff drücken konnte, schnappte es wieder zu. Erneut machte ich mich daran, diesen Raum zu verlassen. Kaum hatte ich das Schloss geöffnet, verriegelte das Schiff es zum wiederholten Mal.
»Hör auf damit!«, fauchte ich das Schiff an, das nur mit einem tiefen Knarzen antwortete.
»Du solltest mit Caspian reden«, meinte Thelonius.
Ich ignorierte ihn, konzentrierte mich nur auf das Schloss. Doch kaum hatte ich es geknackt, sperrte die Fleute es zu. Langsam hatte ich von dem Schiff die Nase voll.
»Lass mich dieses verdammte Schloss knacken oder ich trete die Tür ein«, zischte ich.
Der Holzboden knarzte, als würde mich das Schiff auslachen. Traute es mir nicht zu, dass ich dazu die Kraft besaß?
Wild entschlossen stand ich auf. Viel Anlauf konnte ich nicht nehmen, aber es würde reichen. Ich setzte Pearl mitsamt dem Körbchen auf dem Bett ab, holte tief Luft und stemmte die Füße in den Boden. Dann rannte ich los, bereit, das Holz mit der Schulter zu rammen. Noch ehe ich es berührte, schwang die Tür auf und ich stolperte in den Gang. Direkt in die Arme des Mannes, den ich nicht wiedersehen wollte.
Um Luft schnappend sah ich in sein Gesicht. Die Augen wirkten dunkler, die Ringe darunter wie tiefe Furchen. Blut klebte an seiner Schläfe, sein Haar war zerzaust und als ich den Blick sinken ließ, bemerkte ich, dass Caspian keinen Gehrock trug, das Hemd war zerrissen und blutverschmiert.
»Nektaria«, hauchte er.
Mein Körper und mein Herz waren miese Verräter. Ersterer reagierte mit Gänsehaut auf den Klang von Caspians Stimme, Letzteres schlug schneller und flehte mich an, die Arme um diesen Mann zu schlingen und ihn nie wieder loszulassen.
»Atticus«, antwortete ich, so frostig ich konnte.
»Bitte, nenn mich nicht so«, flüsterte er.
»Wieso nicht? Das ist doch dein echter Name.« Ich stemmte die Hände gegen seine Brust und richtete mich auf.
Als ich Abstand zwischen uns bringen wollte, kippte das Schiff zur Seite. Ich verlor das Gleichgewicht und taumelte erneut in Caspians Arme, die er behutsam um mich schloss.
»Du bist wütend und du hast jedes Recht dazu«, sagte er.
»Wie hast du es geschafft, aus dem Schloss zu entkommen, wo dich dein Vater doch dort mit deiner Verlobten einsperren wollte?«, schoss ich zurück.
Er schluckte und sein Kehlkopf hüpfte dabei. »Ohne angeben zu wollen, aber es gibt kein Gefängnis, das mich ewig halten könnte.«
»Wirklich? Auf Sculla hatte es den Anschein, als würdest du dich nicht allein aus dem Keller befreien können. Oder war das nur ein Trick, damit ich dich in mein Herz … schließe?«
Seine Augen nahmen meine gefangen. »Hast du das denn?«
»Spielt das eine Rolle?« Noch einmal stieß ich ihn von mir. Diesmal versuchte das Schiff nicht, uns wieder zusammenzubringen. »Du hast mir verheimlicht, wer du wirklich bist.«
»Nur für das Protokoll, ich habe dir gesagt, dass ich ein Geheimnis hüte und du meintest, du könntest damit umgehen. Dass du es so erfahren hast, tut mir leid. Ich … ich wollte es dir heute Abend sagen. Hätte ich geahnt, dass mich der König bereits sucht …«
»Dann was?«, fragte ich, weil er nicht weitersprach. »Hättest du mich nicht begleitet? Wärst auf dem Schiff geblieben? Auf dem Meer kann er dich ja laut deiner Aussage nicht finden.« Ich runzelte die Stirn. »Wie findet er dich überhaupt?«
Seufzend schob Caspian den linken Hemdsärmel hoch. Eine pechschwarze Tätowierung eines Totenschädels mit sieben Schlangen, die ihre Köpfe aus seinen Augenhöhlen hoben, kam zum Vorschein. Die Tinte leuchtete violett auf, als würde Magie davon ausgehen.
»Das ist das Brandmal des Meervolks«, erklärte Caspian. »Als mein Vater den Handel mit ihnen schloss, band er meine Mutter und mich an sich. Er konnte uns durch die Magie des Mals überall aufspüren, solange wir an Land waren. Nur auf dem Meer nicht.«
Gebannt betrachtete ich den Totenschädel und schluckte. Wieder drängte sich das Bild von Caspian, auf, der von den Nebelschwaden gequält worden war. Und ich konnte es nicht abschütteln.
»Ich wollte dir alles in Ruhe erklären«, raunte Caspian. »Als mein Vater entschied, den alten König zu stürzen, wusste er, dass es nicht einfach werden würde. Er wollte eine Absicherung, um den Thron wirklich zu erringen. Deswegen ist er einen Handel mit einem Meerwesen eingegangen. Einem mächtigen Meerwesen, das im Austausch für die Magie, die mein Vater wollte, Blutopfer forderte. Damit nicht genug band es meinen Vater an sich, verlangte jeden Tag ein Stück seiner Seele. Um nicht selbst zu leiden, wollte er meine Mutter und mich ebenfalls in den Pakt zwingen. Meine Mutter schaffte es, ihn zu überzeugen, mich rauszuhalten, da ich noch ein Kind war. Sie wollte mich in Sicherheit bringen, während mein Vater gegen den alten König kämpfte. Durch die Magie des Meerwesens gewann mein Vater, fand sehr schnell heraus, was meine Mutter plante, und ließ sie vor meinen Augen hinrichten.«
Keuchend presste ich eine Hand auf meine Brust. Caspians Augen färbten sich Dunkel vor Schmerz und Zorn.
»Danach rief er das Meerwesen erneut und verlangte, dass auch ich an den Handel gebunden wurde.« Caspian ballte die Finger zu Fäusten. »Anfangs raubte er mir nur alle sieben Tage einen Teil meiner Seele. Je älter er jedoch wurde, desto öfter zwang er mich, die Schulden bei diesem Meerwesen zu bezahlen. Denn mein Vater nutzte weiterhin die Magie dieser Kreatur. Dadurch erhöhte er die Schulden, konnte sie durch das Blut der Taryna, die er fangen und hinrichten ließ, nicht zurückzahlen.
Irgendwann wird er mich opfern müssen, allerdings nur, um Zeit zu gewinnen. Denn er denkt, es gibt eine Taryna, die so mächtig ist, dass sie ihm helfen könnte, das Meerwesen zu bezwingen und so freizukommen. Und dafür braucht er eben jede Zeit, die er kriegen kann. Ich bezweifle, dass das möglich sein wird. Deswegen will ich einen Weg finden, wie ich mich von meinem Vater befreien und den Fluch, den er über Varun mit seinem Handel gebracht hat, beenden kann.«
»Fluch?« Ich hob die Augenbraue. »Was meinst du?«
»Dieses Meerwesen wird die Stadt zerstören, wenn mein Vater stirbt, ohne alle Schulden getilgt zu haben.« Caspian sah mich flehentlich an. »Die Erinnerung, die ich stehlen will, ist jene von dem Handel selbst. Ich war nicht dabei, aber ich glaube, dass ich dort die Antwort finde, wie ich mich befreien und den König entmachten kann. Dann hätte alles ein Ende. Ich würde dafür sorgen, dass die Taryna wieder sicher sind und Gerechtigkeit über Lovril herrscht. Niemand soll mehr in Furcht leben. Ich will … ich will, dass alle Wesen, ganz gleich, woher sie stammen, dieselben Rechte besitzen. Frei sein können.«
Es klang beinah zu gut, um wahr zu sein, doch das Strahlen in Caspians dunklen Augen ließ keinen Zweifel daran, dass er wirklich eine solche Zukunft erschaffen wollte. Oder war ich wieder naiv, weil ich mir wünschte, dass Caspian die Wahrheit sagte? Vermutlich.
Stille legte sich über uns, während wir einander ansahen. Weder Thelonius noch Pearl oder das Schiff gaben einen Laut von sich. Es war, als wären Caspian und ich völlig allein in einem eigenen Teil der Welt.
»Nektaria«, flüsterte Caspian nach einer Weile. »Ich wünschte wirklich, ich hätte dir in Ruhe alles erklären können. Du verdienst die Wahrheit und ich wollte sie dir selbst erzählen. Niemals wollte ich, dass du es so erfährst, denn es muss dir wie ein Verrat erscheinen.«
»Das tut es«, antwortete ich und hoffte, es klang kühl und nicht verletzt. »Ich zweifle an allem, Caspian. An jedem deiner Worte, jeder Geste, jedem Gefühl, das ich deinetwegen hatte. Ich weiß nicht, ob ich dir irgendetwas von dem, was du mir erzählst, glauben darf.«
»Ich verstehe dich.« Geräuschvoll schluckte er. »Aber ich habe dir nichts vorgespielt. Es gibt keinen Atticus, wenn es nach mir geht – nur Caspian. Und der hat vielleicht zu Beginn tatsächlich versucht, dir zu schmeicheln und dein Vertrauen zu gewinnen. Aber jetzt ist ihm klar, dass er mehr für dich empfindet, als er sollte.«
»Obwohl er eigentlich verlobt ist?«
Caspian verdrehte die Augen. »Ich werde Calliste nicht heiraten. Sie ist ein furchtbarer Mensch und ich stürze mich lieber selbst von einer Klippe, um von scharfen Felsen aufgespießt zu werden, als mit dieser Frau vermählt zu werden.« Vehement schüttelte er den Kopf. »Nein, der Grund, warum ich nichts für dich empfinden sollte, ist die Vereinbarung zwischen meinem Vater und dem Meerwesen. Solang das Band zwischen mir und meinem Vater besteht, werde ich nämlich nicht frei sein, Nektaria.«
»Ich dachte, auf dem Meer kann er dich nicht finden.«
»Das ist richtig und selbst wenn er es könnte, wäre er nicht in der Lage, Lovril zu verlassen. Der Pakt mit dem Meerwesen bindet ihn an diese Insel. Dennoch zwingt mich das Band zwischen uns, zu ihm zurückzukehren. Länger als ein paar Tage kann ich Lovril nicht fernbleiben, ohne vor Schmerzen wahnsinnig zu werden. Wenn das passiert, bin ich nicht länger Herr über meine Sinne, weil die Magie die Kontrolle über mich übernimmt und zwingt, nach Varun zurückzukehren.«
Mein Magen verknotete sich noch mehr. Caspian tat mir unglaublich leid. Niemand verdiente es, so zu leiden – erst recht nicht wegen der Machtgier eines anderen Wesens. Falls es überhaupt möglich war, verabscheute ich König Byron jetzt noch mehr als ohnehin schon.
Zögerlich ergriff Caspian meine Hand, wartete, ob ich sie zurückziehen würde. Als ich es nicht tat, verwob er unsere Finger miteinander.
»Es ist ungerecht von mir, etwas für dich zu empfinden«, sagte er leise. »Weil ich dir nichts bieten kann. Als mir klar geworden ist, dass du dich zu mir hingezogen fühlst, wollte ich Abstand wahren, um dich zu schützen. Denn ich wollte, dass du alles über mich weißt, bevor du eine Wahl triffst. Selbst wenn es bedeutet hätte, dass du dich gegen mich entscheidest. Aber dir nahezukommen, ohne dich wissen zu lassen, wer ich bin und welche Last auf meinen Schultern liegt, konnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinen.«
Mein Herz pochte schneller, obwohl es zerbrochen war. Ich schloss die Augen, weil ich keinen klaren Gedanken fassen konnte, wenn ich Caspian ansah.
Seine Worte klangen aufrichtig, dennoch nagten Zweifel an mir. Meinte er es wirklich ernst oder sagte er nur etwas, von dem er hoffte, es würde mich gnädig stimmen und dafür sorgen, dass ich ihm half?
»Sag bitte etwas«, raunte Caspian. »Irgendetwas.«
Ich befeuchtete meine Lippen und öffnete die Augen. »Ich weiß nicht was«, gab ich zu. »Caspian, ich … ich kann das nicht.«
In seinen Augen brach der Funken Hoffnung und tiefer Schmerz breitete sich auch in meiner Brust aus. Als Caspian lächelte, sah es aus wie ein billiger Abklatsch jenes Schmunzelns, das er mir sonst schenkte.
»Das ist in Ordnung«, rang er sich ab.
War es das? Ich war mir da nicht sicher. Caspians Nähe verunsicherte mich und gleichzeitig wollte ich ihn für immer bei mir haben. Doch irgendwann würde er gehen. Dieses Band mit seinem Vater würde ihn früher oder später dazu zwingen.
Seine Hand zitterte, als er meine losließ. »Ich muss zurück ins Schloss, ehe der König auf die Idee kommt, die Meere nach diesem Schiff abzusuchen«, sagte Caspian leise. »Ihr solltet das Land nicht betreten. Maya hat von mir den Auftrag bekommen, dich hinzubringen, wohin immer du möchtest. Als Ausgleich für deine Hilfe wird sie dir auch Gold geben, damit du ein neues Leben beginnen kannst.«
»Das musst du nicht tun, Caspian.«
»Ich weiß, aber ich will es.« Er hob die Hand und legte sie federleicht an meine Wange. »Sei frei, Nektaria. Lass dieses Leben hinter dir und vergiss mich.«
»Caspian …«
Er ließ die Hand sinken, lehnte sich nach vorn, als wollte er mich küssen. Statt meine Lippen mit seinen zu bedecken, küsste er meine Stirn. Bittersüß breitete sich ein Prickeln auf meiner Haut aus, das auch blieb, nachdem sich Caspian zurückgezogen hatte.
»Leb wohl, Flüsterin«, hauchte er und wandte sich ab.
Erst wollte ich ihn zurückrufen, doch meine Stimme versagte mir den Dienst. Caspian gab mich frei. Einfach so. Er bettelte nicht, feilschte nicht, drohte mir nicht. Er ging, weil er dachte, es wäre das, was ich wollte.
Als er aus meinem Blickfeld verschwand, zerfielen die Splitter meines Herzens zu feinem Sand, der knirschend in meiner Brust umherwirbelte. Das Schiff gab ein Dröhnen von sich, als würde es weinen. Ich sank auf meine Knie und ließ den Kopf hängen.
Es fühlte sich so falsch an, Caspian gehen zu lassen. So unendlich falsch. Allerdings wusste ich nicht, was ich sonst tun sollte. Denn was konnte ich schon gegen einen Tyrannen wie Byron ausrichten?