Kapitel 29: Kapitel Neunundzwanzig - Secrets of the Sea - Erinnerungsdiebin
By B.E. Pfeiffer
Wie aus weiter Ferne drang die Musik an meine Ohren, hüllte mich augenblicklich ein. Caspian setzte sich in Bewegung und mein Körper folgte seinem bereitwillig über das Parkett. Genau wie auf dem Schiff schwebten wir gemeinsam über die Tanzfläche. Um uns verblassten für mich alle anderen Personen, ich nahm nur Caspian wahr, dessen Blick dieselbe Sehnsucht ausstrahlte, die ich in mir fühlte.
»Ihr seht bezaubernd aus, meine Lady«, sagte er so leise, dass selbst ich es kaum hören konnte. »In den vergangenen vier Nächten habe ich nur an Euch gedacht.«
Meine Wangen fühlten sich heiß an und auch Caspians färbten sich dunkler.
»Was ich meine, ist, dass … ich mir vorgestellt habe, welche Farbe Euer Kleid haben würde«, stammelte er und zog mich enger an sich, bis seine Lippen dicht neben meinem Ohr schwebten. »Oder wie es an dir aussehen würde. Nektaria.«
Mein Name war nicht mehr als ein Hauchen. Gänsehaut überzog meinen gesamten Körper und ich wünschte mir, mich enger an Caspian schmiegen zu können und so zu tun, als wären wir wirklich allein in diesem riesigen Ballsaal. Aber ich würde uns nur in Gefahr bringen.
»Findet Ihr die Farbe steht mir?«, fragte ich neckisch.
Caspian brachte etwas Abstand zwischen uns und musterte mich. Ich hatte mich nicht lang in dem Kleid betrachtet, aber ich wusste, dass das Mieder meine Oberweite sehr vorteilhaft anhob, meine Taille schmaler erscheinen ließ. Dass der Rock bei jeder Bewegung raschelte und mein rechtes Bein halb entblößte. Und dass sich die Farbe des Stoffes im Licht stets veränderte.
Ein schwaches Schmunzeln erschien auf Caspians Lippen. »Es steht Euch hervorragend. Allerdings stelle ich mir Euch mit dem Gesicht einer anderen vor.«
Ich konnte nicht anders, ich lachte leise. »Sehr schmeichelhaft, mein Prinz.«
Caspian drehte mich schneller, brachte uns beide an den Rand der Tanzfläche, wo sich außer uns niemand befand.
»Ich sehe nur dich, Nektaria«, raunte er mir ins Ohr. »So, wie du wirklich bist.«
Geräuschvoll schluckte ich und betrachtete hastig eine meiner großen Locken, die zum Glück immer noch schwarz gefärbt war.
Caspian schmunzelte erneut. »Nein, ich meine damit nicht, dass du anders aussiehst, als du sollst. Aber ich … ich sehe dennoch dich.«
Aus meinem Beutel drang ein seliges Seufzen, was Caspian auflachen ließ.
Ein anderes Paar näherte sich uns, also verstummte Caspian, drehte uns wieder mehr in die Mitte des Saals zurück und zog mich enger an sich.
»Ihr müsst warten, bis die Uhr zweimal geschlagen hat«, flüsterte er mir zu. »Mein Vater wird sich vermutlich um Mitternacht zurückziehen, der Ball dauert bis in die frühen Morgenstunden. Nehmt den Gang in den Westflügel, wie besprochen. Ich warte in der Nähe der königlichen Gemächer auf euch.«
Ich vergrub die Finger in seinem Gehrock. »Pass bitte auf dich auf.«
»Um mich musst du dir keine Sorgen machen. Noch braucht der König mich.«
Er sprach in ruhigem Tonfall, dennoch konnte ich die Anspannung hören. Byron hatte die Verlobung seines Sohnes bekannt gegeben. Bis zur Vermählung wäre Caspian also sicher. Aber was würde danach geschehen?
Als hätte er meine Gedanken erahnt, hob Caspian die Mundwinkel zu einem beruhigenden Lächeln und brachte uns wieder ein Stück abseits, sodass uns niemand belauschen konnte.
»Das Schlimmste, was er mir antun könnte, wäre, mich zu einem weiteren Tanz mit Calliste zu zwingen«, meinte er leise. »Ich bin froh, jetzt mit dir tanzen zu können, weil du mir die Führung überlässt.«
»So ist das also.« Auch ich rang mir ein Lächeln ab. »In dem Fall überlasse ich dir die Führung gerne. Vielleicht übernehme ich sie dafür in anderen Situationen.«
Sein leises Lachen legte sich wie Balsam über meine aufgewühlte Seele, löste die Anspannung.
»Ich komme auf das Angebot zurück«, sagte er mit einem Zwinkern und verstummte erneut, als andere Tänzer wieder in unsere Nähe kamen.
Viel zu schnell endete die Musik und Caspian musste mich freigeben. Ich wollte ihn anflehen, noch einmal mit mir zu tanzen. Es war mir egal, wie das aussah und für welche Gerüchte es sorgte. Seine Nähe fehlte mir nämlich schon in dem Moment, da er meine Hände losließ und sich formvollendet vor mir verneigte.
Ungelenk sank ich in einen tiefen Knicks und zog mich schweren Herzens von der Tanzfläche zurück.
»Er ist Hals über Kopf in dich verliebt«, nuschelte Pearl.
»Shh«, machte ich, weil ich fürchtete, man könnte uns belauschen. Doch niemand schien sich für mich zu interessieren, obwohl der Prinz persönlich mit mir getanzt hatte.
Mit butterweichen Knien kehrte ich zu Alek zurück, der mir mit einer Mischung aus Neugierde und Zorn entgegenblickte. Es war zwar nicht meine Idee gewesen, mit Caspian zu tanzen, doch selbst mir war klar, dass wir damit ein hohes Risiko eingegangen waren.
»Hat er etwas gesagt, das uns hilft?«, flüsterte mir Alek zu.
Ich öffnete den Mund, da weiteten sich Aleks Augen und er zog an meinem Arm, drehte mich um. Mir blieb kaum Zeit, Luft zu holen, denn Alek zerrte mich bereits in einen Knicks. Der König persönlich hatte sich einen Weg durch den Saal zu mir gebahnt und blieb so dicht vor mir stehen, dass ich seine goldenen Schuhspitzen sah.
In meine Ohren rauschte mein eigener Herzschlag. Ich hatte keine Ahnung, wie der Tanz mit Caspian für die anderen Leute ausgesehen hatte. Ob es nur mir so vorgekommen war, dass wir geschwebt waren, obwohl wir in Wahrheit noch mehr gestolpert waren als Caspian und die Prinzessin? Hatte der König vielleicht die Fähigkeit, Mayas Illusion zu durchschauen? Was würde jetzt geschehen?
»Erhebt Euch«, forderte der König mit kratziger Stimme.
Ganz langsam richtete ich mich auf, presste die Handflächen auf meinen Rock und hielt den Blick auf die goldenen Schuhspitzen gesenkt.
»Wie heißt Ihr?«, fragte mich der König.
»S…Sussura«, stammelte ich und hoffte, ich verriet mich nicht irgendwie. Ob der König erkannte, dass ich nicht den harten Akzent des nyxonischen Reichs sprach? Wusste er überhaupt, dass ich angeblich von dort stammte? War es jetzt noch wichtig?
»Schenkt mir diesen Tanz, Lady Sussura.« Es war keine Bitte, sondern ein Befehl.
Panisch sah ich zu Alek, der seine Lippen fest zusammenpresste.
»Ihr habt doch nichts dagegen, wenn auch ich mit Eurer Frau tanze? Meinem Sohn habt Ihr es immerhin erlaubt«, sagte der König finster.
»Gewiss nicht«, erwiderte Alek mit bebender Stimme. »Es ist nur …«
Der König ließ ihn nicht aussprechen, packte meinen Arm und zerrte mich auf die Tanzfläche. Ich stolperte mehr hinter ihm her, als dass ich ging. Unbarmherzig hielt mich der König fest, bis wir in der Mitte des Ballsaals angekommen waren. Sämtliche andere Gäste wichen vor uns zurück und als die Musik einsetzte, waren der König und ich die einzigen, die tanzten.
Ich gab mir Mühe, seinen Bewegungen zu folgen, wie ich es bei Caspian getan hatte. Tatsächlich gelang es mir, einigermaßen mit dem König mitzuhalten.
»Ihr tanzt hervorragend«, meinte er und zog mich viel zu eng an sich. Mit den Lippen berührte er beinah mein Ohr, als er weitersprach: »Ich habe Euch mit meinem Sohn beobachtet. Der Junge hat ein Auge für wahre Schönheiten. Zu seinem Pech scheinen wir einen ähnlichen Geschmack zu haben. Und ich bin nun einmal der König.«
Er machte eine Pause, drehte mich so schnell, dass mir die Luft wegblieb, und presste seine Hand dann an mein Gesäß.
»Ich nehme an, er hat Euch ein Angebot gemacht, diese Nacht mit ihm zu verbringen?«, fragte der König und gab mir nicht einmal die Möglichkeit zu antworten. »Falls dem so ist, erwarte ich, dass Ihr es ablehnt und stattdessen zu mir kommt.«
Mein Atem stockte. »Mein König«, krächzte ich. »Ich bin eine verheiratete Frau und Euer Sohn hat mir kein Angebot in diese Richtung gemacht.«
Der König lachte hohl und gehässig. »Dann ist Atticus ein Narr und vielleicht doch nicht so umtriebig, wie ich immer dachte.« Wieder brachte er seine Lippen nah an mein Ohr. »In dem Fall ist es ganz einfach, Lady Sussura.« Er senkte die Stimme zu einem tiefen Knurren. »Ich will Euch in meinem Bett. Ein Nein akzeptiere ich nicht. Kurz vor Mitternacht wird Euch einer meiner Diener abholen und in meine Gemächer bringen. Es soll Euer Schaden nicht sein, ich werde Euch dafür reich entlohnen.«
Mir wurde eiskalt. »Bitte, mein König. Was soll ich meinem Mann …«
»Ihr sagt ihm, dass der König Euch eine Ehre erweist«, blaffte mich Byron an. »Wenn er seinen Kopf behalten will, macht er keinen Aufstand. Und wagt es nicht, das Fest vorzeitig zu verlassen. Ich finde Euch, meine Teuerste. Denn ich bekomme immer, was ich will.«
Obwohl sicher alle Blicke auf uns gerichtet waren, presste der König seine Lippen auf meinen Hals. Nur mit Mühe konnte ich einen Schrei hinunterschlucken, der sich in meiner Kehle erhob. Diese Berührung hatte nichts Zärtliches, sie war besitzergreifend und grob.
Noch war das Lied nicht zu Ende, da löste sich der König von mir, gab mich frei und warf mir einen gebieterischen Blick zu. Dann wandte er sich ab und schritt zum Thron zurück.
Verstohlen schaute ich zu Caspian, der dort auf seinen Vater wartete. Seine Miene war nicht mehr die beherrschte Maske wie vorhin. Zwar schien er sich Mühe zu geben, gleichgültig auszusehen, doch seine geweiteten Augen verrieten mir seine Furcht. Hoffentlich musterte Byron ihn nicht zu genau.
Um Atem ringend verließ ich die Tanzfläche, versuchte, die Blicke und das Getuschel um mich zu ignorieren. Erst brannten Tränen in meinen Augen, dann jedoch überkam mich eine seltsame Ruhe.
Unser Plan sah vor, uns in die Gemächer des Königs zu schleichen, sobald er sich zurückgezogen hatte. Das war ein Risiko, da wir uns auf die Schlafzauber sowie Mayas Illusionsmagie verlassen mussten. Wenn ich allein ging, konnte Pearl den König mit ihrer Magie betäuben und ich seine Erinnerungen stehlen. Sobald ich die Gemächer nach einer angemessenen Zeit allein wieder verließ, würde auch niemand Verdacht schöpfen. So waren alle anderen sicher.
Als ich Alek erreichte, atmete ich durch, griff nach seiner Hand und zog ihn ein Stück abseits. Während ich das tat, gab ich Ceto, der in unserer Nähe stand, ein Zeichen, zu uns zu kommen.
Ich wählte einen der Tische mit den glibberigen Nachspeisen aus Seetang aus, an den sich bisher niemand verirrt hatte. Dort griff ich nach einem Teller und tat, als würde ich überlegen, was ich essen sollte.
Inzwischen hatte die Musik wieder eingesetzt und niemand schien noch nach mir zu sehen. Vielleicht waren die Gäste Auftritte wie diesen von Byron gewöhnt. Es würde mich nicht wundern, wenn er sich Frauen aussuchte, die er dazu zwang, die Nächte mit ihm zu verbringen. Natürlich unternahm niemand etwas dagegen. Wer wollte sich schon mit einem Tyrannen anlegen?
»Geht es dir gut?«, flüsterte Maya, die neben mir erschien und sich eine Portion von dem wabernden grünen Pudding auf ihren Teller legte.
»Ja. Er will die Nacht mit mir verbringen«, flüsterte ich zurück.
»Dieser Scheißkerl«, knurrte Ceto, der beschützend hinter Maya stand.
Ich holte tief Luft. »Ich werde zu ihm gehen«, wisperte ich.
»Was?«, keuchten alle drei wie aus einem Mund.
Bedächtig nickte ich und erklärte meinen Plan. Während ich das tat, sah Maya zum Thron und schluckte geräuschvoll.
»Das wird Caspian nicht gefallen«, meinte sie, nachdem ich fertig war.
»Dann überzeug ihn bitte, dass er mich das machen lassen soll. In Wahrheit habe ich als Lady Sussura nämlich ohnehin keine Wahl. Der König wird mich suchen lassen und dann sind wir alle verloren.« Ich klatschte mir etwas von den in Algengelee eingelegten Trockenfrüchten auf den Teller. Der Gestank würde die anderen Gäste von mir fernhalten. Nicht einmal Pearl würde das Zeug essen wollen. »Ich bekomme das hin«, fügte ich mit einer Sicherheit in der Stimme hinzu, die ich mir selbst noch nicht ganz abnahm. »Wenn es mir gelingt, wird Caspian frei sein und keiner muss sich einem Risiko aussetzen.«
»Keiner außer dir«, brummte Alek. »Mir gefällt das nicht. Der König ist grausam.«
»Und ich nicht wehrlos«, erinnerte ich ihn. »Bitte, habt Vertrauen. Ich werde die Erinnerung beschaffen und in den frühen Morgenstunden die königlichen Gemächer verlassen – ohne, dass mir etwas zugestoßen ist. Es wird klappen.«
Byron war zwar ein gewöhnlicher Mann, er hatte aber einen Handel mit einem Meerwesen geschlossen; und ich wusste nicht, welche Kräfte ihm dieser verliehen hatte. Vielleicht lief ich also in mein eigenes Verderben. Dennoch … ich hatte tatsächlich keine Wahl. Der König wollte mich in seinen Gemächern und kein Weg führte daran vorbei. So oder so würde man mich zu ihm bringen. Wenn ich meine Karten richtig spielte, konnte ich alles zum Guten wenden.
»Wir müssen Caspian einweihen«, wisperte Maya.
Kaum merklich schüttelte ich den Kopf und beschwor die Piratin: »Er darf sich nicht einmischen und in Gefahr bringen. Bitte, überzeug ihn einfach davon, dass er mir vertrauen soll. Ich bezweifle, dass der König seine Wachen in sein Schlafgemach mitnimmt. Im Zweikampf sollte ich ihm überlegen sein. Und ich habe Pearl.«
Behutsam tätschelte ich die Tasche. Der Otter gab nur ein Nuscheln von sich, das ich nicht verstand.
Die drei Piraten sahen mich unschlüssig an. Also rang ich mir ein Lächeln ab. »Wir haben ohnehin keine Wahl«, wiederholte ich mein bestes Argument. »Ein Nein wird der König nicht akzeptieren. Statt also zu hadern, sollten wir es als Chance sehen.«
Maya und Ceto wichen meinem Blick aus, Alek hielt ihm stand. Er legte eine Hand auf meine Schulter und drückte sie leicht.
»Ich vertraue dir«, flüsterte er.
Meine Brust wurde weit und ich schenkte ihm ein ehrliches Lächeln.
»Danke, das bedeutet mir viel«, wisperte ich.
Er nickte und ließ meine Schulter los. Dann wandte er sich Maya zu. »Jetzt musst du nur noch dafür sorgen, dass sich Caspian nicht einmischt.«
Maya verdrehte die Augen, schwieg jedoch.
Eigentlich sollte ich zufrieden sein, doch ein seltsames Gefühl nagte plötzlich an mir. Es stimmte, wir hatten keine andere Wahl, dennoch fürchtete ich, etwas zu übersehen. Etwas, das über Leben und Tod entscheiden könnte.