Kapitel 3: Kapitel Drei - Secrets of the Sea - Erinnerungsdiebin
By B.E. Pfeiffer
Obwohl ich seit mehr als zehn Jahreszyklen wöchentlich im Safe House ein- und ausging, war mir der Raum, in den der Wirt uns führte, unbekannt. Ich hatte nicht mal geahnt, dass er existierte.
Von der Größe her war es eher ein Verschlag. Mehr als ein Tisch und zwei Stühle hatten darin nicht Platz gefunden. Caspian und mir blieben also kaum Möglichkeiten, dem Blick des anderen auszuweichen. Und da die Kerzen an den Wänden viel zu viel Licht spendeten, war ich davon gar nicht angetan.
Woher wusste Caspian, was ich war? Hatte er mich beschatten lassen? Wieso hatte ich dann nichts bemerkt? Hier stimmte etwas nicht. Ich fragte mich, wo ich hineingeraten war.
Als der Wirt, ein Mann Anfang fünfzig mit schütterem Haar und einer aufgedunsenen Nase, eine Platte mit Aufschnitt und Getränke brachte, wich er meinem Blick aus. Ihm war also bewusst, dass er mich aufs Schändlichste verraten hatte. Wie ich damit umging, musste ich mir überlegen. Es gab nur wenige Alternativen zum Safe House, um mit Auftraggebern möglichst gefahrlos in Kontakt zu treten. Ich würde mir ein neues Netzwerk aufbauen müssen. Darüber konnte ich jedoch nachdenken, wenn ich dieses Gespräch hinter mich gebracht hatte.
»Wünscht Ihr noch etwas?«, fragte der Wirt an Caspian gewandt.
Der hatte den Raum als Erster betreten, sich an eine Wand gelehnt und mich seitdem nicht aus den Augen gelassen. Seine Präsenz nahm das ganze Zimmer ein. Dieser Kerl war seltsam. Bisher hatte ich noch nicht viele Piraten getroffen. Ob sie sich alle so benahmen wie Caspian? Als würde ihnen die Welt gehören? Oder war er einfach ein besonders selbstverliebtes Exemplar?
»Nein, das wäre alles«, antwortete er, zog ein paar Silbermünzen aus seinem Hüftbeutel und drückte sie dem Wirt in die Hand. »Wir wollen nicht gestört werden.«
»Gewiss.« Der Wirt verneigte sich, vermied es weiterhin, mich anzusehen, verließ den Raum und schloss die Tür hinter sich.
Ich blieb an Ort und Stelle stehen und verschränkte die Arme vor der Brust, vor allem, um zu verhindern, dass Caspian Pearl unter meinem Umhang bemerkte. Im Moment verhielt sie sich vollkommen still, aber bei der Helligkeit in diesem Raum würde Caspian jede noch so kleine Bewegung sehen, wenn ich Pearl nicht versteckte.
Da mich der Pirat schweigend musterte, senkte ich den Kopf tiefer, sodass ihm mein Gesicht unter der Kapuze verborgen blieb. Leider konnte ich ihn so auch nicht richtig betrachten, was nützlich gewesen wäre, um in seinen Gesichtsregungen zu lesen, was meine Worte bei ihm auslösten. Und weil er verdammt gut aussah. So einen Mann bekam ich leider viel zu selten zu sehen, denn dafür hatte ich zu viel mit schmierigen und stinkenden Männern zu tun.
»Womit hast du den Wirt bestochen, dass er seine Prinzipien verrät?«, fragte ich.
Caspian lachte in sich hinein. »Das interessiert dich am meisten?« Er zog einen Stuhl zurück, ließ sich jedoch nicht darauf nieder. »Setz dich, iss etwas. Stell dir vor, es wäre eine nette Plauderei unter alten Bekannten.«
»Das kann ich nicht, weil wir keine alten Bekannten sind, aber du mir etwas unterstellst, das mein Todesurteil sein könnte.«
»Weil ich weiß, was du bist? Ich schwöre, niemandem davon zu erzählen.«
»Tja, ich habe keine Ahnung, wie viel dein Schwur wert ist. Also, was hast du dem Wirt geboten?«
Seufzend ließ sich Caspian auf dem Stuhl nieder, wobei ich seinen Blick auf mir spürte. Er würde wohl erst reden, wenn ich ihm gegenüber saß. Rasch blies ich zwei der drei Kerzen an der Wand aus und setzte mich schnaubend hin.
»Fühlst du dich in der Dunkelheit wohler?«, fragte Caspian amüsiert.
»Beantworte meine Fragen«, erwiderte ich, ohne auf seine Worte einzugehen.
Er spitzte leicht die Lippen und die Totengötter mochten mir beistehen, denn dadurch stachen seine Wangenknochen deutlich hervor, wodurch er noch attraktiver aussah. »Du hast bisher nur eine gestellt.«
»Falsch. Vorhin habe ich dich gefragt, welchen Auftrag du für die Flüsterin hast. Und jetzt will ich zusätzlich wissen, was dich diese kleine Unterredung kostet. Denn der Wirt ist meines Wissens nach unbestechlich.«
Woher er wusste, dass ich eine Taryna war, wollte ich nicht fragen. Damit hätte ich seine Annahme bestätigt und das wollte ich vermeiden. Obwohl es mich schon interessiert hätte.
Ein Schmunzeln breitete sich auf seinen Lippen aus. »Jede Person hat einen Preis, man muss ihn nur herausfinden und bereit sein, zu zahlen.«
»Wenn du Fragen immer so ausweichst, kommen wir nicht voran. Rede Klartext oder ich gehe, ganz gleich, was du über mich zu wissen meinst.«
Mit zuckendem Mundwinkel griff er nach dem aufgeschnittenen Brot auf dem Tablett und legte sich etwas von dem Schinken darauf.
»Der Wirt hat jemanden gesucht«, sagte Caspian beiläufig. »Und ich war in der Lage, diese Person für ihn zu finden. Das war der Preis, um ein Gespräch mit der Flüsterin zu bekommen, ohne vorher per Nachricht Kontakt mit ihr aufgenommen zu haben.«
»Mit dem Jungen stimmt etwas nicht«, meinte Parson, der Geist, der im Safe House sein Dasein fristete und jetzt seinen Kopf durch die Wand steckte.
Angeblich war er hier ermordet worden, zumindest befand sich ein blutender, langer Schnitt an seinem Hals. Und er war eindeutig tot, schließlich konnte er durch Wände gehen. Parson war an sich ein angenehmer Zeitgenosse. Er quatschte mich nicht voll, unterhielt sich nur mit mir, wenn wir ungestört waren, teilte mir aber gerne seine Meinung zu meinen Gesprächspartnern vor ihnen mit. Dass er nicht mehr lebte, war ihm bewusst, dennoch wollte er nie, dass ich etwas für ihn tat. Ich mochte den blassen Geist, der von blauem Licht umhüllt war.
»Irgendetwas stinkt an ihm«, fügte er hinzu und sah mich an. »Wenn du Hilfe brauchst, gib Bescheid, ich tue, was ich kann.«
Obwohl er es nicht sehen konnte, lächelte ich und nickte kaum erkennbar.
»Warum nickst du?«, wollte Caspian wissen und verengte die Augen.
»Steifer Nacken.«
»Hm.« Er drehte sich um und fuchtelte mit der Hand herum. Dabei erwischte er Parson, der sich bei der Berührung keuchend in Luft auflöste, ehe er wieder erschien. »Hier ist ein Geist, oder?«, murmelte Caspian und sah wieder mich an. »Du kannst mit Geistern sprechen?«
Statt zu antworten, griff auch ich nach einem Stück Brot, spielte allerdings nur damit. Um es zu essen, musste ich mein Tuch abnehmen – was ich in der Gegenwart von Caspian garantiert nicht machen würde. Vielleicht kannte er mein Gesicht schon, aber wenn nicht, würde ich sicher nicht den Fehler begehen, es ihm zu zeigen.
»Beantworte meine zweite Frage«, forderte ich.
Caspian lachte erneut und mein verräterisches Herz machte einen Satz.
»Und wann wirst du meine Fragen beantworten?«, wollte der Pirat wissen.
Ich hob die Schultern. »Wenn mir danach ist. Nicht ich will etwas von dir, sondern du von mir. Also, was für einen Auftrag soll die Flüsterin für dich übernehmen?«
»Kommt es dir nicht seltsam vor, von dir in der dritten Person zu reden, wo ich doch weiß, dass du selbst die Flüsterin bist? Und eine Taryna?«
»Du bist also wirklich eine Taryna?« Parson kratzte sich am Kopf. »Ergibt Sinn, sonst könntest du mich wohl nicht sehen.«
Ich verdrehte die Augen, versuchte Parson auszublenden. Von Caspian ging echte Gefahr aus und ich musste bei ihm aufpassen, was ich sagte oder tat.
»Mal angenommen, ich wäre die Flüsterin«, meinte ich, während ich das Brot in meinen Händen drehte. »Was für ein Auftrag ist es wert, jemanden für den Wirt zu suchen, um mit mir ein Gespräch führen zu können?« Caspian öffnete den Mund, doch ich ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Es muss ein verdammt schwieriger Auftrag sein. Oder einer, der so verrückt ist, dass du angenommen hast, ich würde ihn ablehnen, sobald ich auch nur ein Wort darüber gelesen hätte. Das wirft die nächste Frage auf: Wieso denkst du, ich würde zustimmen, wenn du mich in diese Situation bringst? Dir muss doch klar sein, dass ich nicht besonders begeistert bin, wenn meine Dienstwege umgangen werden, oder?«
»Nun, vielleicht bin ich bereit, jeden Preis zu zahlen, den du für deine Unterstützung für angemessen hältst.« Caspian lehnte sich nach vorn und ich senkte den Kopf noch tiefer. »Erlaubst du mir, dein Gesicht zu sehen?«
»Nein. Und jetzt sprich, damit wir es endlich hinter uns bringen: Was für einen Auftrag hast du zu vergeben?«
Diesmal klang sein Lachen anders, unsicherer. »Du redest, als hättest du dich bereits dafür entschieden, abzulehnen.«
»Sagen wir, ich habe das Gefühl, das wäre besser. Und jetzt spuck es aus.«
»Schön.« Caspian räusperte sich. »Ich muss die Erinnerungen einer Person stehlen.«
Dabei beließ er es.
»Wow, das ist so viel Information, dass ich gar nicht weiß, wie ich sie verarbeiten soll«, antwortete ich sarkastisch. »Welche Person? Welche Erinnerung? Welche Schwierigkeiten sind zu erwarten? Warum willst du diese Erinnerung an dich bringen?«
Tief holte Caspian Luft. »Ich rede von einer Erinnerung von … König Byron.«
Diesmal lachte ich auf, Caspian hingegen blieb völlig ernst.
»Du musst den Verstand verloren haben«, brachte ich glucksend heraus. »Eine Erinnerung des Königs? Denkst du, ich bin lebensmüde? Das Schloss ist eine Festung. Da komme ich niemals hinein, geschweige denn lebend wieder hinaus.«
Allein bei dem Gedanken, in das Schloss einzudringen, schauderte ich. Der König war vor allem für eines bekannt: seine Grausamkeit. Er war vor bald zwanzig Jahreszyklen durch einen Putsch an die Macht gekommen. Dabei hatte er die gesamte Königsfamilie hinrichten lassen, die vor ihm schon mit grausamer Hand regiert hatte. Ein Tyrann, der einen Tyrannen entmachtet hat, blieb dennoch ein Monster in meinen Augen.
Byron tat nichts, um den Bewohnern von Varun zu helfen. Im Gegenteil, er schürte das Ungleichgewicht, erließ jenen die Strafe, die genug Geld hatten, um sich freizukaufen. Einmal im Monat ließ er öffentlich die Taryna, die man gefangen hatte, auspeitschen und hinrichten. Einmal war ich in der Nähe einer solchen öffentlichen Hinrichtung gewesen. Die Schreie verfolgten mich bis heute in meinen Albträumen. Es waren keine schnellen Vollstreckungen. Byron wohnte der Hinrichtung jedes Mal bei, und er schien sich an den Schmerzen der Taryna zu weiden. Unter ihm war ihre Verfolgung noch schlimmer geworden. Zumindest munkelte man das. Ich war noch zu jung, um mich zu erinnern, wie es unter seinem Vorgänger gewesen war. Was vielleicht auch daran lag, dass mir … nun, meine eigenen Erinnerungen aus der Zeit fehlten. Alles, was ich noch besaß, war ein Schatten dessen, was ich einst gewusst hatte.
»Es ist nicht so, dass du da allein hinein musst«, riss mich Caspian aus meinen Gedanken. »Wir würden uns einen Plan überlegen, einen Weg finden. Ich sorge für meine Crew und wenn du den Auftrag annimmst, wärst du ein Teil davon.«
»Auf Schiffen wird mir übel«, brummte ich.
»Daran kann man arbeiten. Was ich dir damit sagen will, ist: Ich biete dir Sicherheit. Einen Ort, an dem dich kein Gesetz des Königs zwingt, deine Gabe zu verstecken. Auf dem Meer bist du frei, und ich sorge dafür, dass niemand dich dort findet – ganz gleich, wie der Auftrag ausgeht. Solange du ihn annimmst und dein Bestes gibst, ihn zu erfüllen.«
Er hielt mir die Hand hin, als erwartete er, dass ich einschlug. Ich starrte nur darauf, während es in meinem Kopf ratterte. Frei sein? Ich ließ mir die Wörter durch den Kopf gehen, warf sie hin und her, drehte und wendete sie. Aber auch nach mehreren Sekunden kam ich nur zu einem Schluss: Ich wusste nicht, was es hieß, frei zu sein, hatte nicht mal eine Vorstellung davon. Denn als Taryna war ich nie frei, musste mich verstecken und wie ein Schatten durch die Straßen laufen. Und doch regte sich etwas in meiner Brust bei dem Wort Freiheit. Wie eine laue Brise, die mir um die Nase wehte. Ein tiefes Luftholen nach langen Jahren des Begrabenseins.
Wie lange sehnte ich mich schon nach der Sicherheit, die er mir versprach? Dass ich mich nicht mehr verstecken, nicht mehr unsichtbar sein musste. Dass sich Pearl frei bewegen konnte, ohne Angst haben zu müssen, gefangen genommen zu werden. Es klang zu gut, um wahr zu sein.
»Nur hypothetisch«, murmelte ich. »Woher stammt deine Vermutung, ich wäre eine Taryna? Hast du mich irgendwelche Zauber wirken sehen?«
»Was, wenn ich Ja sage?« Ich hörte sein Lächeln förmlich. »Wenn ich dir sage, dass ich seit Wochen jede Nacht nach dir Ausschau halte und dass du zweifellos die Person bist, die ich suche?«
Mir wurde eiskalt. Kannte Caspian meinen Unterschlupf? Oder war er mir zufällig irgendwo aufgelauert, hatte mich unbemerkt beobachtet?
»Denk darüber nach«, meinte er versöhnlich. »Wenn du mit mir arbeitest, musst du dich nie wieder verstecken, weil ich für dich sorge.«
»Das ist also deine Belohnung?«, fragte ich nach einer gefühlten Ewigkeit. »Ein Platz in deiner Crew? Weil ich dort angeblich sicherer bin?«
»Es ist ein Zusatzangebot. Deinen Preis legst natürlich du selbst fest. Wenn du Gold oder Juwelen willst, werde ich dich damit überhäufen.«
»Hm.« Ich riskierte einen Blick in seine Augen, wohl wissend, dass er so auch meine würde sehen können. »Was für eine Erinnerung ist das und wozu brauchst du sie?«
Geräuschvoll atmete er aus und ließ die Hand sinken. »Das kann ich dir erst erzählen, wenn ich weiß, dass du auf meiner Seite stehst. Es wäre zu gefährlich, dich in alles einzuweihen, wenn du entscheidest, den Auftrag abzulehnen.«
»Sieh an, würdest du mich am Leben lassen, wenn ich das tue?«
»Ja«, antwortete er sofort und überraschte mich damit. »Ich werde dich nicht zwingen, mit mir zu gehen, und dein Leben nicht beenden. Glaub mir, ich selbst weiß zu gut, wie es ist, über sein Leben nicht selbst bestimmen zu können.«
Für einen Wimpernschlag huschten Verletzlichkeit und Schmerz über seine Miene. Beides verschwand so schnell, dass ich nicht sicher war, ob ich es mir nicht nur eingebildet hatte.
»Nun, Caspian, Pirat der sieben Reiche«, sagte ich feierlich und erhob mich dabei. »In dem Fall verabschiede ich mich, denn wenn du selbst nicht erkennst, wie wahnsinnig dein Vorhaben ist, sage ich es dir: Es ist der absolute Wahnsinn und Selbstmord obendrein. Da du mir keinen Grund nennst, wieso ich dir helfen soll, der mich überzeugen könnte, das Risiko einzugehen, beende ich unsere Verhandlung an dieser Stelle. Ein schönes Leben, Caspian.«
Ich wollte zur Tür, da schabten die Stuhlbeine über den Boden und einen Atemzug später stand Caspian hinter mir. Eine Hand presste er auf das Holz, um mich daran zu hindern, die Tür zu öffnen, die andere lag auf meiner Taille. Die Berührung war federleicht und doch durchfuhr sie mich wie ein Blitzschlag. Mein Körper ging in Flammen auf, die Gefühle in mir freilegten, von denen ich nicht gewusst hatte, dass ich sie empfinden konnte. Allen voran Sehnsucht. Sehnsucht nach mehr.
»Versprich mir, dass du es dir zumindest überlegst«, raunte er mir ins Ohr.
»Muss ich nicht, die Antwort bleibt dieselbe.« Ich ignorierte die Flammen in meinem Inneren, und die Sehnsucht ebenso, zog stattdessen am Griff, doch Caspian hielt die Tür viel zu eisern zu, als dass ich sie hätte öffnen können. »Da sieht man, wie wertvoll dein Schwur ist, wenn du mich nach nicht einmal einer Minute schon hintergehst«, fauchte ich.
»Ich werde zu meinem Wort stehen«, sagte er leise. »Aber erst lass mich dir noch das mitgeben: Solltest du deine Meinung ändern oder jemals Zuflucht suchen, geh an den Hafen zu Dock einundzwanzig. Dort liegt mein Schiff.«
Ich lachte auf. »Es gibt nur zwanzig Docks, ich bin regelmäßig dort.«
»Dann hast du wohl noch nie meine Magie gesehen.« Erneut schwang ein Lächeln in seiner Stimme mit. »Es gibt einundzwanzig Docks. Und für dich wird das Unsichtbare sichtbar, weil ich es will.«
»Dein Ego ist gewaltig, so viel steht fest.« Ich schnaubte. »Und jetzt lass mich gehen, oder wir finden heraus, wie widerstandsfähig dein Gesicht gegen Säure ist.«
»Diese Säure meinst du?«, fragte er und hielt mir ein Fläschchen vor die Augen.
Mein Fläschchen.
Keuchend tastete ich an meine Hüfte. Deswegen hatte er mich berührt.
»Her damit!«, fuhr ich ihn an.
Lachend reichte er es mir und zog die Hand von der Tür zurück.
»Ich hoffe, wir sehen uns wieder, Flüsterin«, sagte Caspian und verneigte sich.
Ich stapfte davon, vorbei an dem Schankraum, in dem ich vorhin noch gesessen hatte.
Raus. Ich musste hier raus. Dieser verdammte Caspian. Wie hatte er mir mein Fläschchen abgenommen? Und wieso hatte ich es nicht bemerkt? Weil mich die Nähe des Piraten verwirrt hatte? So attraktiv war er dann doch nicht. Und dass er nach Meer und irgendeinem Holz roch, war auch kein Grund, so unvorsichtig gewesen zu sein.
»Wieso hast du sein Angebot nicht angenommen?«, flüsterte Pearl.
Hastig sah ich mich um, doch niemand befand sich in unserer Nähe, der uns hören konnte.
»Weil es wirklich Selbstmord wäre«, erwiderte ich leise. »Das ist dir doch klar, oder?«
Einen Moment schwieg der Otter und ich dachte, Pearl würde es dabei belassen.
»Schon, aber so ein Platz auf einem Schiff wäre schön«, antwortete meine Freundin.
»Wahrscheinlich wäre es eine Hängematte in einem feuchten Lagerraum. Und du weißt, dass ich festen Boden unter meinen Füßen brauche. So gut es in Varun eben geht.«
Die Stadt schwamm mehr oder weniger auf dem Wasser. Immer wieder veränderten sich Straßen und Gassen, weil sie einfach weitergespült wurden. Auch die Häuser bewegten sich, weswegen einige windschief waren, andere halb zusammenbrachen und wieder andere mehr oder weniger mit dem Nebenhaus verschmolzen. Aber nicht der Gedanke an das Schaukeln auf dem Schiff setzte mir zu, sondern eine seltsam mächtige Angst vor dem Wasser. Ich wusste nicht, wieso, doch ich setzte nie einen Fuß auf ein Boot, vermied es, das Meer zu betreten. Ich konnte mir die Panik, die mich jedes Mal überkam, selbst nicht erklären. Sie übermannte mich einfach und ich würde nichts dagegen unternehmen können.
»Mich hätte nur interessiert, wieso er diese Erinnerung will«, nuschelte Pearl, nachdem wir durch die Geheimtür zurück in das Lächelnde Seepferd gegangen waren.
»Mich auch«, flüsterte ich. »Aber wir werden es nie herausfinden.«
Denn eines war klar: Ganz gleich, welche Belohnung Caspian mir auch versprochen hätte, ich wäre nie so leichtsinnig gewesen, mich auf diesen Auftrag einzulassen. Dazu hing ich zu sehr an meinem Leben und wollte es behalten. Ganz gleich, wie sehr mich eine leise Stimme in meinem Kopf anflehte, mich darauf einzulassen, um frei zu sein.