Loading...
Skip to content
Readers Treasury

Kapitel 32: Kapitel Zweiunddreißig - Secrets of the Sea - Erinnerungsdiebin

By B.E. Pfeiffer

Mit einem zornigen Schrei stürzte sich Byron auf uns. Fluchend sprang Caspian auf, zog dabei sein Schwert und fing den Angriff seines Vaters ab.

»Wie kannst du wach sein?«, ächzte Caspian. »Der Schlaftrank war stark genug, um dich stundenlang außer Gefecht zu setzen.«

»Du unterschätzt mich immer wieder, Bürschchen«, fauchte der König. Sein Blick glitt zu mir. »Aber ich habe dich wohl auch unterschätzt. Hast du diese Taryna eingeschleust, um mich zu bezwingen? Ein Jammer, dass ich gegen sämtliche Magie immun bin.«

Er schlug nach Caspian. Elegant wich dieser aus, trat nach seinem Vater und brachte ihn so zum Stolpern. Ehe Caspian mit dem Schwert ausholen konnte, rappelte sich Byron wieder auf und parierte den Schlag grinsend.

»Gib lieber gleich auf«, sagte der König selbstsicher. »Gegen mich hättest du Schwächling nicht mal eine Chance, wenn ich ohne Magie kämpfen würde. Aber so bist du ein leichtes Opfer.«

»Glaubst du, du schüchterst mich ein, alter Mann?«, fuhr Caspian seinen Vater an. »Ich werde dich vielleicht nicht töten, aber du wirst Nektaria nichts antun.«

»Ich will ihr gar nichts antun«, erwiderte der König, machte einen Schritt zur Seite und traf Caspian am Oberarm.

Lachend schlug er noch einmal zu und Caspian konnte seine Klinge im letzten Moment hochreißen. Mit aller Kraft drängte der König ihn zurück. Caspians Schwert bebte von der Anstrengung.

»Ich werde die kleine Taryna zu meiner Frau nehmen«, erklärte der König mit gehässigem Grinsen. »Sobald wir getraut sind, kann ich ihre Kräfte auf mich übertragen und mit ihr gemeinsam dieses Meerwesen vernichten. Dann bin ich mächtiger als jedes andere Wesen der Sieben Reiche.«

Seine Bewegungen waren so schnell, dass ich sie nur noch verschwommen wahrnahm. Eines war mir allerdings klar: Wenn ich nichts unternahm, würde er Caspian töten.

Hastig holte ich die Rauchbombe unter meinem Kleid hervor und machte mich bereit. Als der König Caspian mit der Faust in den Bauch schlug und ihn zur Wand zurückstieß, um ihn mit dem Schwert zu durchbohren, warf ich die Bombe zwischen die beiden Männer.

Fauchend verbreitete sich der Rauch im Raum. Der König hustete und schlug um sich. Ich rannte los, sprang ab und rammte Byron meine Schulter in den Rücken. Er schrie auf, sank auf die Knie und ließ das Schwert fallen. Obwohl der Rauch in meinen Augen brannte, griff ich nach der Waffe und wollte sie auf den König richten. Da traf mich seine Faust an der Schläfe.

»Dummes Gör, zu dir komme ich noch«, zischte er, während er nach dem Schwert griff.

Ehe er es anheben konnte, bohrte sich etwas in seine Schulter. Byron schrie erneut auf und fuhr herum. Caspian rammte ihm in dem Moment das Knie ins Gesicht. Es knirschte und Byron gab einen Schwall von derben Flüchen von sich.

Caspian zog sein Schwert aus Byrons Schulter, holte aus und stieß es ihm in die Brust. Röchelnd betrachtete der König die Klinge und wurde einen Moment blass. Statt umzukippen, grinste er, entblößte seine blutbedeckten Zähne. Immer noch grinsend riss er sich das Schwert aus der Brust.

»Denkst du, du kannst mich so einfach töten?«, fragte er finster. »Solang der Pakt mit diesem Meerwesen besteht, wird mich keine Klinge je töten können.«

Er warf das Schwert fort und bewegte sich bedrohlich auf Caspian zu, der einen Stuhl packte und damit nach dem König schlug. Ächzend sank der auf die Knie.

»Wir müssen fort«, sagte Caspian panisch und griff nach meiner Hand.

»Ich kann euch helfen«, erklärte Leander. »Hier ist ein Geheimgang, der direkt zur Bucht führt. Byron kennt ihn nicht und man kann ihn von innen verschließen. Ich zeige euch wie.«

Bevor mich Caspian aus dem Raum ziehen konnte, riss ich an seiner Hand und führte ihn zu der Wand, vor der Leander stand. Er deutete auf eine Diele am Boden und ich stieg hinauf. Knarrend ging die Wand auf.

Byron fluchte und kämpfte sich auf die Beine. Schnell führte ich Caspian hinter die Wand und drückte dort den Schalter, den Leander mir wies. Viel zu langsam schloss sich die Öffnung und ich fürchtete schon, Byron würde uns zuvor erreichen. Doch da schloss sich die Wand, rastete ein. Alles, was noch durch sie hindurch drang, war Byrons lautes Fluchen.

Wild pochte mein Herz und ich rang um Atem. Noch hielt mich die Angst um unsere Leben aufrecht. Noch konnte ich verdrängen, was ich gerade erfahren hatte. Aber irgendwann würde alles über mir hereinbrechen. Nur nicht jetzt.

»Der Gang führt uns angeblich in die Bucht«, flüsterte ich Caspian zu. »Wir müssen aber die anderen warnen. Zumindest Alek ist in Gefahr, weil der König weiß, dass er mein Begleiter war, und …«

Caspian drückte meine Hand und zog den Signalzauber aus seinem Gehrock. Mit einer schnellen Bewegung öffnete er die kleine Flasche, warf sie aus dem Fensterschlitz neben uns. Es leuchtete kurz grell auf, dann verpuffte die Magie.

»Jetzt wissen sie, dass sie flüchten müssen«, erklärte Caspian. »Falls sie nicht ohnehin schon das Schloss verlassen haben.«

Ich atmete durch und sah zu Leander, der finster Caspians und meine Hand betrachtete.

»Bitte, führ uns so schnell wie möglich durch den Gang«, bat ich ihn.

Mit gekräuselter Stirn sah er zu mir auf. »Willst du ihm wirklich vertrauen? Er ist Byrons Sohn …«

»Ja, ich vertraue Caspian«, sagte ich entschlossen. »Und ich bitte dich, meinem Urteil ebenfalls zu vertrauen. Denn ich öffne mich anderen gegenüber nicht leicht.«

»Nektaria.« Caspians Atem strich über meine Haut, löste einen angenehmen Schauer aus. »Danke. Das bedeutet mir mehr, als du ahnst.«

Da ich nicht wusste, was ich sagen sollte, drückte ich seine Hand und sah Leander auffordernd an. Der seufzte, wandte sich um und eilte den Gang entlang.

Ich strich Pearl, die sich über meine Schulter gelegt hatte, über den Kopf und folgte Leander, ohne Caspians Hand loszulassen.

Der Gang war dunkel, nur durch die wenigen schmalen Fenster drang silbernes Mondlicht, erhellte aber gerade einmal ein winziges Stück des Bodens. Ohne Leander wären wir nie aus dem Schloss gekommen, denn der Weg teilte sich mehrmals. Einmal liefen wir Treppen hinunter, einmal wieder hoch. Es kam mir vor, als wären wir die halbe Nacht durch den beengten, düsteren Korridor geeilt, als Leander endlich vor einer Wand stehen blieb.

»Ich kann euch nur bis hierher begleiten«, sagte er zerknirscht. »Wie du sicher weißt, bin ich an den Ort gebunden, an dem mein Leben endete. Deswegen …« Er stieß den Atem aus. »Ich wünschte, ich könnte dir etwas geben, um dir zu helfen, Nektaria. Irgendetwas. Aber ich …«

»Du hast mir meine Erinnerungen zurückgegeben«, unterbrach ich ihn behutsam. »Dafür danke ich dir.«

Ich sprach nicht aus, wie sehr sie mich aufwühlten oder wie schmerzhaft sie sich jetzt anfühlten. Dies war nicht der Zeitpunkt dazu. Leander litt schon genug für das, was er versäumt hatte, und ich durfte nicht ein schluchzendes Nervenbündel sein, wenn Caspian, Pearl und ich sicher zur Tempest Rage zurückkehren wollten.

»Nektaria, ich hoffe, du kannst mir vergeben«, raunte Leander. »Nicht heute, aber … irgendwann.«

Tief holte ich Luft. Wie verabschiedete man sich von einem Geist, den man als Mensch einst geliebt hatte, aber an den man keine Erinnerung hatte?

»Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder … Vater«, rang ich mir ab.

Leander gab einen Laut zwischen Schluchzen und Husten von sich. »Das hoffe ich auch. Gib … auf dich Acht, meine Kleine.«

»Und du auf dich.«

Er schaute noch einmal finster zu Caspian, obwohl der Geister nicht sehen konnte. Dann deutete Leander auf einen Schalter, den ich umlegte.

Salzige, kühle Meeresluft flutete den Gang. Erleichtert atmete ich ein und wollte vorangehen. Da hielt mich Caspian zurück, zog einen Dolch, denn sein Schwert hatte er im Ankleidezimmer zurückgelassen, und trat vor mich. Er sah sich zu beiden Seiten um, ehe er mir zu verstehen gab, dass wir sicher waren.

Ein letztes Mal blickte ich zu Leander, rang mir ein Lächeln ab und folgte Caspian dann hinaus. Hinter uns schloss sich die Mauer knarzend.

Wie Leander versprochen hatte, standen wir in der Bucht hinter dem Königsschloss. Zerklüftete Felsen umgaben die Stelle, an der wir uns befanden, Wellen brachen sich fauchend daran. Ein Boot konnte ich nicht entdecken. Wenn niemand von dem Geheimgang wusste, wunderte mich das nicht. Jedes Schiff wäre nach all den Jahren längst von Meer und Zeit zerschunden worden. Und ohne den geheimen Ausgang war es vermutlich schwierig, zu diesem Lageplatz zu gelangen, vor allem, da die Wachen auf den Mauern des Schlosses wohl niemanden durchgelassen hätten.

»Der Weg ist verdammt schmal«, sagte ich und betrachtete mein Kleid. »Es könnte dauern, bis wir das Schloss umrundet haben.«

Caspian schwieg und blickte an den Schlossmauern empor. Ein Knacken einige Meter von uns entfernt, ließ uns beide zusammenzucken.

»Was war das?«, hauchte ich.

Mit verengten Augen suchte Caspian die Dunkelheit vor uns ab. »Da sind Wachen direkt bei dem Seitentor des Schlosses. Ich muss mich um sie kümmern, sonst entdecken sie uns.«

»Hast du noch einen Illusionszauber von Maya?«

Er schüttelte den Kopf. »Bleib hier, ich schalte die Wachen aus, dann hole ich dich und helfe dir in dem Kleid zur Straße.«

»Caspian …«

»Sorg dich nicht um mich, mit ein paar Wachen komme ich klar.« Er musterte mich eindringlich. »Bitte, überlass das mir.«

Ich wollte nicht mit ihm diskutieren. In dem Kleid grenzte es ohnehin an ein Wunder, wenn ich es über den schmalen Pfad schaffte, ohne abzurutschen. Erst recht nicht, wenn ich mich beeilen musste, um gegen die Wachen zu kämpfen.

»In Ordnung«, rang ich mir ab.

Er zögerte, dann zog er mich an sich und brachte seine Lippen bis knapp über meine. Ich überwand die Entfernung zwischen uns und küsste Caspian mit der Sehnsucht, die in meinem Herzen brannte. Es fühlte sich so richtig an, in Caspians Armen zu liegen, seine Nähe zu genießen. Hier gehörte ich hin. Mir war gleich, wer unsere Eltern gewesen waren, welche Flüche auf unseren Herzen lasteten. Wir beide würden eine neue Geschichte schreiben. Ich musste nur einen Weg finden, seine Verbindung zu Byron oder dem Meerwesen zu trennen. Aber es würde mir gelingen. Und dann … konnten wir beide von vorne beginnen.

Als Caspian den Kuss beendete, lehnte er seine Stirn an meine. »Wenn wir an Bord der Tempest Rage sind …« Er brach ab und rang um Atem. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Nektaria«, gestand er schließlich. »Außer, dass mein Quartier ab heute dir gehört. Und dann überlege ich, wie ich alles wiedergutmachen kann, was mein Vater …«

»Shh«, unterbrach ich ihn. »Erst bringen wir uns in Sicherheit. In Ordnung?«

Er nickte und strich mit den Lippen hauchzart über meine.

»Ich beeile mich. Falls ich ein Boot finde, komme ich dich damit holen«, versprach er.

Ich wollte ihn nicht loslassen, doch das musste ich. »Sei vorsichtig«, sagte ich mit einem Lächeln, das so falsch war, dass es schmerzte.

Caspian öffnete den Mund, entschied sich jedoch dafür, zu schweigen, und wandte sich ab. Er schob sich an der Mauer entlang und verschwand bald aus meinem Blickfeld.

»Das war … viel Information«, nuschelte Pearl.

»Ja.« Ich ließ den Atem entweichen und blickte auf das Meer hinaus. »Ich würde gerne behaupten, dass jetzt alles Sinn ergibt. Aber in meinem Kopf bilden sich nur enge Knoten.«

»Wir lösen sie gemeinsam«, versprach meine Freundin. »Was ich nur nicht verstehe … deine Großmutter hat auf dich aufgepasst. Aber als wir uns trafen, war sie nicht mehr da.«

»Sie … sie verschwand irgendwann und kam nicht wieder«, raunte ich. »Ich weiß nicht, was mit ihr geschehen ist. Oder wieso sie mir nie gesagt hat, dass sie meine Großmutter ist. Ich wusste noch nicht einmal, dass sie eine Taryna war.«

Tränen brannten in meinen Augen. Ich konnte sie nicht wegblinzelnd. Sie flossen mir über die Wangen und tropften auf den feuchten Boden, mischten sich mit den Wellen, die immer noch rauschend auf die Felsen prallten.

»Das ist alles so verwirrend«, sagte ich mehr zu mir als zu Pearl. »Und ich frage mich, wieso meine Mutter all das getan hat. Ich meine, ohne meine Erinnerungen war ich doch ständig in Gefahr. Dieses Meerwesen hätte mich irgendwann einfach holen können, wenn ich dem Meer zu nahe gekommen wäre. Meine mächtige Kraft hat sich bisher noch nie bewusst einsetzen lassen, also hätte ich mich nicht verteidigen können.«

»Ja, das verwirrt mich auch«, meinte Pearl mitfühlend.

Seufzend betrachtete ich weiterhin die Wellen, während meine Tränen ungehindert flossen.

»Ich weiß jetzt noch weniger, wer ich bin als zuvor«, wisperte ich. »Wer bin ich denn, Pearl? Eine Diebin? Eine Prinzessin? Eine Taryna?« Ich schniefte. »Wer?«

In dem Moment blubberte das Wasser neben mir und ein Krake erhob sich aus dem Wasser. Seine violett leuchtenden Augen waren auf mich gerichtet. Blitzschnell schossen drei seiner Arme nach vorn und schlangen sich um mich, zerrten mich vom Schloss weg.

»Lass mich los!«, befahl ich, doch die Arme schlangen sich nur noch fester um mich.

Pearl schwebte hoch und wollte sich auf den Kraken stürzen.

»Nein!«, schrie ich panisch. »Flieh!«

Der Otter gab ein Knurren von sich. »Ich hole Caspian!«, rief Pearl und sauste davon.

»Nicht!«

Doch meine Worte liefen ins Leere, sie war schon fort.

Der Krake hob mich hoch, bis zu seiner Stirn. Erst da bemerkte ich die Person, die dort saß. Eine Frau mit grüner Haut und Haaren. Ihr Blick bohrte sich in meinen. Das war wohl das Meerwesen, das meinen Tod wollte.

»Du wirst mich nicht bekommen«, fuhr ich sie an. »Ich werde dir mein Blut nicht geben! Es sei denn, du hebst den Fluch auf, der auf Caspian liegt. Dann …«

Mit einem Zungenschnalzen hob die Frau die Hand. »Ich denke, wir sollten einiges klären«, meinte sie und schnipste.

Der Krake stieß sich von den Felsen ab und glitt zurück ins Wasser. Panisch trat ich gegen die Fangarme. Wenn er mich ins Meer ziehen würde, würde ich ertrinken. Ich würde sterben, ohne Caspian je gesagt zu haben, was er mir wirklich bedeutete. Ohne meine Eltern gerächt oder Caspian befreit zu haben.

Mir musste etwas einfallen, um mich zu befreien. Denn so würde meine Geschichte nicht enden.

FORTSETZUNG FOLGT

Loading reader...