Kapitel 6: Kapitel Sechs - Secrets of the Sea - Erinnerungsdiebin
By B.E. Pfeiffer
Brüllend erhob sich der größte Kraken, den es in den Fünf Meeren wohl gab, aus dem Wasser. Seine Haut war so dunkel wie die Nacht, allerdings umgab ihn ein blasslila Schimmern. Seine Augen besaßen die gleiche Farbe und leuchteten so hell wie Laternenlicht. Mir war, als seien sie gezielt auf mich gerichtet, aber vermutlich lag das an der Angst, die mich bei dem Anblick überkam. In mir kämpfte sich eine Erinnerung an die Oberfläche. Ich hatte solche Wesen schon gesehen – kleiner als dieses Exemplar. Fischer hatten sie aus dem Wasser gezogen und wie eine Trophäe aufgehängt. Jedes Mal, wenn ich an einem der toten Meerwesen vorbeigelaufen war, hatte mich das Gefühl überkommen, mich an etwas zu erinnern, das ich verloren hatte. Aber diese Gedanken glitten mir durch die Finger wie Sand. Genau wie jetzt.
Blitzschnell schloss das Wesen seine Fangarme um das Boot, wodurch das Holz bedrohlich knarzte. Mir stockte der Atem. Was sollten wir nur tun?
»Kannst du mit so etwas umgehen?«, fragte Caspian und hielt mir eine Pistole hin.
»Vermutlich sogar besser als du«, antwortete ich so selbstsicher ich konnte. Er sollte nicht wissen, dass meine Knie vor Angst wachsweich waren.
Sein Schmunzeln verwandelten sie sogar in Pudding. »Du denkst, du schießt besser als ich?«, fragte er amüsiert.
Das war wirklich nicht der Moment für Scherze, und doch brauchte ich dieses Geplänkel genau jetzt.
»Ich denke es nicht nur, ich weiß es«, erwiderte ich herausfordernd.
Sein Lachen löste einen Teil meiner Anspannung. »Fein. Wenn wir an Bord meines Schiffs sind, können wir es gern in einem Wettbewerb herausfinden. Aber jetzt, versuch einfach, eines der beiden Augen zu treffen. Und nicht unter Wasser ziehen lassen.«
»Das sagtest du bereits.« Ich ergriff die Pistole. »Welches Auge soll ich nehmen?«
»Ich lasse dir den Vortritt und kümmere mich um das zweite.«
Eigentlich wollte ich ihm erklären, dass es vermutlich besser wäre, gleichzeitig zu schießen. Aber Caspian hatte mit diesen Biestern sicher mehr Erfahrung als ich.
Also betrachtete ich wortlos die Pistole, prüfte ihr Gewicht und richtete sie auf eines der leuchtenden Augen. »Wann soll ich schießen?«, wollte ich wissen.
»Wann immer du soweit bist.«
Das Holz knackte lautstark unter dem Druck der Tentakel. Ich wollte keine Zeit verlieren. Mit angehaltenem Atem zielte ich, schoss und traf.
Brüllend riss der Kraken alle Fangarme vom Boot zurück, das sich daraufhin drehte wie ein Kreisel. Übelkeit überkam mich, während ich mich verzweifelt an der Reling festhielt.
Dann ging alles schnell. Caspian hob die Waffe an, feuerte – und verfehlte den Kraken. Der brüllte noch einmal auf und schlug mit zwei seiner Fangarme nach uns.
»Spring ins Wasser!«, rief Caspian.
Instinktiv wich ich den Fangarmen aus, die krachend das Boot trafen. Die Wucht der Hiebe schleuderte mich aus dem Boot und ins Wasser. Sofort ruderte ich mit den Armen, doch der Sog, den der Krake verursachte, zerrte mich tiefer. Ich hatte nie gelernt zu schwimmen, strampelte einfach, kämpfte darum, nicht noch tiefer zu sinken. Dass ich meine Perücke irgendwo verloren haben musste, weil meine bunten Haare schimmernd neben mir schwebten, war nun meine geringste Sorge.
Ein Knall erklang wie aus weiter Ferne, gefolgt von einem schmerzerfüllten Brüllen. Das Wasser schwappte hoch und runter, als hätten wir starken Wellengang. Während ich alles gab, um wieder an die Oberfläche zu gelangen, sank der Kraken regungslos zurück in die Tiefe. Sein Körper leuchtete kaum noch, seine Augen waren erloschen. Caspian musste mit einem weiteren Schuss getroffen haben.
Zumindest dachte ich das, bis sich eines der Augen öffnete und mich erneut in den Fokus nahm. Ehe ich reagieren konnte, schlang das Monster ein Tentakel um meine Taille und zog mich tiefer.
Fast wäre mir ein Schrei entschlüpft, doch ich hielt die Lippen fest zusammengepresst. Mein Herz pumpte verzweifelt in meiner Brust und ich bohrte die Nägel in den Fangarm. Die Haut war dick wie Leder, sodass meine Kratzversuche rein gar nichts brachten. An meine Schwerter kam ich nicht heran, weil der Fangarm mir im Weg war. Ich brauchte eine Idee. Mir lief die Zeit davon. Meine Lunge brannte bereits wie Feuer. Lang würde ich nicht mehr in der Lage sein, mich zu wehren.
Ich wusste, dass es eine dumme Idee gewesen war, diese elende Nussschale zu besteigen. Sofern kein Wunder geschah, würde ich jetzt jämmerlich ertrinken.
Meine Sinne mussten schon vollkommen verwirrt sein, denn ich hörte dasselbe Flüstern wie vorhin, während mich der Krake mit sich zog. Die Worte konnte ich immer noch nicht verstehen, doch die Stimmen schienen näher zu kommen. Aus einem unerklärlichen Grund war ich sicher, sie würden mich rufen, mit mir sprechen. Vermutlich ging mir einfach die Luft aus und mein Bewusstsein glitt in einen seltsamen Traum. Im Wasser konnte man keine Geräusche hören. Oder?
Noch während ich das dachte, veränderte sich etwas um mich. Wie ein Blitz glitt ein Schwert durch den Fangarm um meine Taille. Luftblasen stiegen auf und das Flüstern erstarb, als mich der Kraken freigab. Ich schaute nach unten, sah noch das schwache Glimmen seines Auges, das gleich darauf in der Dunkelheit verschwand.
Jemand riss mich am Arm hoch, zurück an die Oberfläche. Kaum hatte ich das Wasser durchbrochen, sog ich gierig Luft ein.
»Hast du mir nicht zugehört, als ich sagte, lass dich nicht hinunterziehen?«, fragte Caspian atemlos.
»Und … hast du nicht behauptet … du kannst zielen?«, japste ich und strampelte um mein Leben, als Caspian mich losließ.
»Kannst du nicht schwimmen?« Er schlang einen Arm unter meinen Achseln durch und presste die Hand auf meine Schulter.
»Das ist wohl das Einzige, in dem du immer besser sein wirst als ich.«
Er lachte in sich hinein. »Das Einzige? Na, dann erklär mir mal, wieso jemand, der in Varun lebt – einer Stadt, die auf dem Wasser schwimmt –, nicht schwimmen kann.«
»Wir treiben im Wasser und das Boot ist Sperrholz, das Schiff noch verdammt weit weg … und du willst über so was reden?«
»Ich lasse dich nicht ertrinken, falls du dich darum sorgst.«
Es lag mir auf der Zunge, dass er mir nur half, weil er mich brauchte. Ich sprach es allerdings nicht aus. Im Moment war ich wirklich nicht in der Position, um es mir mit Caspian zu verscherzen. Allerdings fragte ich mich schon, ob er jetzt mit mir als Ballast vorhatte, zum Schiff zu schwimmen.
»Was, wenn noch mehr Kraken hier lauern?«, sprach ich den Gedanken aus, der mich gerade am meisten beschäftigte.
»Wollen wir hoffen, dass sich dieses Teil einfach nur verirrt hat und dachte, wir wären ein köstlicher Happen für zwischendurch«, antwortete er leichthin.
»Und wenn nicht? Wenn hier Unmengen davon herumtreiben, die uns fressen wollen?«
»Mach dir keine Sorgen.«
»Keine Sorgen machen? Wir wären fast von einem Kraken getötet worden, unser Boot ist Schrott, du wirst mich nicht bis zu deinem Schiff schleppen können und …«
»Entspann dich einfach.«
Seine Ruhe fachte die Wut in meinem Bauch an. Besonders, weil er mir so nah war, sein Atem über meine feuchte Haut strich und ich spürte, wie trainiert Caspian war.
»Hör mal zu«, blaffte ich ihn an. »Schön, wenn du in dieser Situation nicht mit deinem Leben abschließt. Vermutlich passiert dir so etwas täglich. Mir nicht. Ich kämpfe auf festem Boden mit anderen Dingen.«
»Weil du nie ins Wasser gehst?« Sein Schmunzeln hörte ich überdeutlich. »Verrätst du mir den Grund dafür, Flüsterin?«
»Nicht, solange wir im Wasser treiben und andere Monster uns fressen könnten.«
Caspians Lachen ließ Gänsehaut auf meinem Körper erblühen. Wobei, das war sicher eher dem eiskalten Wasser geschuldet, in dem wir trieben.
»Sobald wir aus dem Meer heraus sind, wirst du es mir also erzählen?«, fragte er mit rauer, dunkler Stimme.
»Sagen wir irgendwann vielleicht«, erwiderte ich ausweichend.
Einen Moment schwieg Caspian und ich vermutete, er schonte seine Kräfte, um uns sicher zum Schiff zu bringen. Dann jedoch räusperte er sich.
»Also, du machst keine Zugeständnisse, kannst nicht schwimmen und vertraust niemandem. Außerdem zerbrichst du dir ständig den Kopf …«
»Was wird das? Analysierst du mich?«
»Ich versuche nur, herauszufinden, was mit dir nicht stimmt.«
»Vielleicht stimmt mit dir ja etwas nicht!«
Sein Lachen vibrierte an meinem Körper. »Damit könntest du recht haben.«
Mehr sagte er nicht, sondern schwamm weiter auf das Schiff zu.
»Bist du sicher, dass dir nicht die Kraft ausgeht, bis wir die Fleute erreichen?«, fragte ich nach einer Weile.
»Meine Crew wird gleich hier sein.«
»Haben sie den Kampf beobachtet?«
»Nein, ich habe sie gerufen, bevor ich deinen hübschen Hintern gerettet habe.«
»Hast du den Kraken deswegen nicht getroffen? Weil du meinen Hintern bewundern musstest?«
»Mit dir wird es jedenfalls nie langweilig werden«, raunte er mir ins Ohr. »Ich hoffe ja sehr, dass du länger bei uns bleibst, als es dauert, deine Kleidung zu trocknen.«
»Ich werde so lange bleiben, bis ich irgendwo eine weitere Perücke aufgetrieben habe. Ohne die werde ich das Schiff nicht verlassen.«
»Hm, dann weiß ich, wie ich dich dazu bringe, zu bleiben.«
Seine Worte klangen scherzhaft, dennoch drangen sie wie eine Drohung an meine Ohren. Über Caspian wusste ich rein gar nichts, er schien aber einiges über mich in Erfahrung gebracht zu haben. Das beunruhigte mich mehr, als ich zugeben wollte.
Bevor mich die Gedanken erdrückten, erklang ein Pfiff und gleich darauf wurde ein Lichtstrahl auf uns gerichtet.
»Ahoi, ihr Landratten!«, rief eine Frau. »Braucht ihr eine Mitfahrgelegenheit?«
Ich konnte den Kopf nicht weit genug drehen, um sie anzusehen. Caspian atmete jedoch auf und zog mich schneller weiter. Erst im letzten Moment drehte er mich, sodass ich das Beiboot betrachten konnte. Eine Hand wurde mir entgegengestreckt und als ich aufsah, biss ich mir auf die Unterlippe. Die Frau, die gerufen haben musste, besaß die dunkelbraune Haut der Menschen Dwarkas. Ihre Augen waren aber eisblau – genau wie ihre Haare.
»Du bist … du bist …«, stammelte ich.
Sie schenkte mir ein Lächeln und umfasste meine Hand. »Ich bin wie du«, sagte sie.
Ich brachte kein Wort heraus. Die Frau hievte mich ins Boot, ehe sie Caspian half. Von ihr abgesehen befand sich noch ein Mann mit Glatze und zahllosen Tätowierungen auf seinem Schädel an Bord. Er grunzte mich lediglich an, begann sofort zu rudern, kaum, dass Caspian neben mir hockte.
»Ihr habt euch wohl ein kleines Duell mit einem Meerwesen geliefert, was?«, scherzte die Frau.
Ich konnte nicht anders, als sie anzustarren. Tarynas trugen ihre bunten Haare nicht offen. Es war viel zu gefährlich. Aber diese Frau verbarg die blaue Haarpracht nicht, sondern präsentierte sie stolz. So jemandem war ich noch nie begegnet.
Immer noch lächelnd reichte sie mir eine Decke. Dankbar nahm ich sie entgegen und wickelte sie um mich.
»Hast du noch nie eine andere Taryna gesehen?«, fragte sie neugierig.
»Keine, die sich so offen gezeigt hat«, murmelte ich und deutete dabei auf ihre Haare.
Sie lachte. »Du versteckst deine ja auch nicht.«
»Was daran liegt, dass ich meine Perücke beim Kampf gegen den Kraken verloren habe.«
Ihr Lächeln bröckelte. »Verstehe. Welche Kräfte besitzt du?«
Ich biss mir auf die Unterlippe. »Du zuerst«, sagte ich.
»Hm, du bist also misstrauisch. Aber wen wundert das.« Das Lächeln kehrte zurück. »Ich kann Illusionen erschaffen. Jene, mit der wir euch gerettet haben, ist von mir.«
Blinzelnd betrachtete ich sie. »Also ist die Magie, die Caspian als seine ausgibt, eigentlich von dir.«
Ihr Lachen klang glockenhell und beruhigte mein aufgewühltes Innerstes. »Er gibt eben gern an, mein Captain. Besonders, wenn er eine Frau wie dich beeindrucken will.«
Ich hakte nicht nach, was genau sie damit meinte, weil es für mich nichts änderte. Egal, ob Caspian vor mir angab, weil er mich brauchte oder weil er mich umgarnen wollte, um mich in sein Bett zu bekommen, ich würde nicht darauf hereinfallen.
»Also warst du auch am Hafen vorhin?«, fragte ich, um keine Stille zwischen uns entstehen zu lassen.
»Caspian und ich waren gemeinsam unterwegs. Ich habe deine Freundin in Sicherheit gebracht, Caspian hatte die Aufgabe, dich zu befreien.« Herausfordernd sah sie ihn an. »Das war sicher nicht deine beste Rettungsaktion.«
»Für den Kraken kann ich wirklich nichts«, erwiderte Caspian schief schmunzelnd. »Und an Land ist alles etwas außer Kontrolle geraten, als die Flüsterin ihre Rauchbombe gezündet hat, wie du weißt.«
»Ja, das hat es etwas schwieriger gemacht«, gab die Taryna zu und wandte sich wieder an mich. »Wieso hast du deine Kräfte nicht eingesetzt?«
»Weil sie sich für den Kampf nicht eignen«, antwortete ich. Da sie mich weiterhin auffordernd ansah, stieß ich den Atem aus. »Ich kann Erinnerungen stehlen.«
Das wussten die beiden bereits, somit verriet ich nicht zu viel.
»Und die anderen zwei Fähigkeiten?« Sie hob die Augenbrauen. »Du musst noch zwei besitzen?«
»Wie … wie kommst du darauf?«, stotterte ich.
»Deine Haare besitzen drei Farben. Eine für jede Fähigkeit. Meine hellblauen Haare stehen für die Illusionen, die ich erschaffen kann. Diese Macht ist stark ausgeprägt, weswegen ich Magie in Gegenstände betten kann, damit andere Leute sie nutzen können. So hat Caspian euch am Dock in Sicherheit gebracht. Dafür ist es eben meine einzige Fähigkeit. Die meisten Taryna, die ich kenne, besitzen eine oder zwei Gaben. Du … hast drei.«
Ich räusperte mich. »Du irrst dich, ich habe nur zwei Fähigkeiten. Meine zweite ist noch nutzloser als die erste, denn ich kann …« Verstohlen sah ich mich um, ob sich ein Geist in der Nähe aufhielt. Da ich keinen entdecken konnte, fuhr ich fort: »Ich kann die Seelen von Verstorbenen sehen.«
»Ich wusste es!«, rief Caspian triumphierend aus. »Da war diese frostige Kälte, als wir uns im Safe House unterhalten haben. Du hast also einen Geist gesehen und vermutlich mit dem Nicken etwas beantwortet.«
»Und du wusstest das, weil du auch ein Taryn bist?«, fragte ich frostig.
»Leider nein«, antwortete Caspian.
»Leider?« Ich schnaubte. »Sei froh darüber. Es ist nicht gerade lustig, jeden Tag Perücken aufzusetzen und dennoch um sein Leben zu fürchten, weil die Menschen denken, wir wären gefährlich für sie.«
»Da hast du natürlich recht, aber ich finde eure Fähigkeiten trotzdem beeindruckend.« Caspian beugte sich näher zu mir. »Und was ist deine dritte Macht?«
»Hast du wieder nicht zugehört?«, blaffte ich ihn an. »Ich habe nur zwei Gaben, beide ziemlich nutzlos.«
»Aber du besitzt drei Haarfarben«, hielt die Taryna dagegen. »Also muss es eine dritte Fähigkeit geben.«
Ich hob die Schultern. »Dann hat sie sich bisher nicht gezeigt.«
»Spannend«, kommentierte Caspian mit schiefem Schmunzeln. »Du wirst immer faszinierender, Flüsterin.«
Mit einem weiteren Schnauben wandte ich mich von ihm ab und betrachtete die Fleute, die sich majestätisch vor mir erhob. In meinen Gedanken ging ich bereits die Möglichkeiten durch, von diesem Schiff zu fliehen. Aber erst musste ich Pearl finden. Und zu meinem Wort stehen. Ich würde mir anhören, was Caspian mir vorzuschlagen hatte, da er mir bei der Flucht geholfen und mein Leben vor dem Kraken gerettet hatte. Außerdem brauchte ich erst einen Plan, wie ich jetzt weitermachen sollte. In Varun würde wohl bald ein Fahndungsplakat von mir an jeder Hauswand hängen. Eine flüchtige Taryna überlebte nicht lange allein in den schwimmenden Straßen. Vielleicht war Caspians Angebot meine einzige Option; ich würde dennoch sehr vorsichtig ihm gegenüber sein müssen.