Kapitel 9: Kapitel Neun - Secrets of the Sea - Erinnerungsdiebin
By B.E. Pfeiffer
Licht drang selbst durch meine geschlossenen Lider hindurch. Als ich blinzelte, stieß ich einen Fluch aus und kniff die Augen wieder fest zusammen. Wieso war es so verdammt hell in meinem Unterschlupf?
Das Knarren von Holz drang in meine Gedanken und da erinnerte ich mich. Ich befand mich gar nicht in meinem Unterschlupf, sondern auf einem Schiff. Caspians Schiff. Und wie es aussah, war die Nacht vorbei.
Stöhnend drehte ich mich zur Seite und öffnete die Augen erneut. Der Raum lag lichtdurchflutet vor mir, weil die Sonne direkt vor dem Fenster schien, als hätte sie Spaß daran, mich zu wecken.
»Bist du auch wieder wach?«, erklang eine kratzige Altherrenstimme. »Wie kann ein junges Ding wie du nur so lange schlafen?« Der Geist schnalzte mit der Zunge. »Aus dir wird wohl nie eine richtige Piratin.«
»Wer sagt denn, dass ich eine werden will?«, antwortete ich, ehe ich mich davon abhalten konnte.
»Hah!« Der Geist klatschte in die Hände. »Du bemerkst mich also doch. Dann bist du lediglich unhöflich und nicht magielos trotz deiner bunten Haare.«
Brummend richtete ich mich auf und sah den Geist an. Er saß in dem Sessel, auf dem Caspian gestern Platz genommen hatte. Ein dichter Bart bedeckte seine untere Gesichtshälfte. Die Haare hatte er im Nacken zusammengebunden. Eines seiner Beine fehlte, dafür lehnten Krücken neben ihm. Um die Augen besaß er tiefe Falten. Er musste um die sechzig Jahre gewesen sein, als er gestorben war.
»Ich rede ungern mit Geistern«, erklärte ich. »Sie werden oft lästig und verfolgen mich. Das versuche ich zu vermeiden.«
Er verzog den Mund. »Manche Seelen wissen nicht, dass ihre sterblichen Leben bereits geendet haben. Mir ist aber durchaus bewusst, dass ich keinen Körper mehr besitze und du nichts für mich tun kannst. Obwohl …« Er legte den Kopf schief. »Du kommst mir bekannt vor. Sind wir uns schon einmal begegnet?«
»Ich war noch nie an Bord dieses Schiffes«, erwiderte ich.
Das Holz über mir knarrte lautstark, als wäre das Schiff … beleidigt?
»Hm, die Tempest Rage ist wohl anderer Meinung.« Der Geist hob die Schultern. »Aber auch das Schiff irrt sich manchmal. Vielleicht bist du jemandem, den wir kannten, nur sehr ähnlich.«
»Bist du schon lange an Bord?«, fragte ich und sah mich nach Pearl um, denn sie lag nicht neben mir. Manchmal bewegte sie sich in der Nacht und rollte aus dem Lager. Ich wollte sichergehen, dass sie in Ordnung war.
»Deine Freundin ist bei Tagesanbruch bereits hinaus gegangen«, erklärte der Geist. »Süßer Familiar. Sie passt zu dir.«
»Danke. Denke ich. Also, bist du schon lange an Bord?«
Er lachte. »Als Geist verliert Zeit ihre Bedeutung. Aber ich war schon Teil des Schiffs, bevor Caspian sein Captain wurde.« Seine Miene wurde ernst. »Das war früher mein Schiff, weißt du? Ich wollte es meiner Tochter überlassen, aber sie … sie ist leider sehr früh gestorben.«
»Das tut mir leid«, murmelte ich und spürte ehrliches Bedauern. Denn der Geist sah so traurig aus, dass ich seinen Schmerz selbst spüren konnte. »Ist deine Tochter auch hier?«, fragte ich behutsam.
»Nein. Sie kam an Land ums Leben.« Der Geist räusperte sich. »Ich weiß, es geht mich nichts an, aber da Caspian meinte, du sollst mit der Crew sprechen, ehe du eine Entscheidung triffst, dränge ich dir meine Meinung einfach auf.« Ich wollte etwas sagen, doch er ließ mich nicht zu Wort kommen. »Als ich noch lebte, waren Taryna zwar eher Ausgegrenzte in den Städten der Menschen, so gejagt, wie sie es heute offensichtlich werden, wurden sie aber nicht. Maya redet zwar nicht gern darüber, aber sie hat viel erlebt.«
»Also sieht sie dich auch?«
Er schüttelte den Kopf. »Sie redet nur mit Caspian über ihre Vergangenheit und ich höre zu. Die Menschen der Sieben Reiche sind wohl noch grausamer als zu meiner Zeit. Deswegen bezweifle ich, dass dein bisheriges Leben sehr angenehm war.«
»Ich bin zurechtgekommen.«
»Weil du eine Familie hattest, die sich um dich gekümmert hat?«
»Eher nicht.« Auffordernd sah er mich an. Ich stieß den Atem aus. »Ich habe keine Erinnerungen an meine Eltern oder meine Zeit, bevor ich sieben Jahreszyklen erlebt hatte. Das Erste, woran ich mich erinnere, ist eine alte Frau, die mir erklärt hat, ich müsse meine Haare unter einer Perücke verstecken. In den ersten Jahreszyklen hat sie sich um mich gekümmert, dann ist sie verschwunden und ich musste allein klarkommen. Was ich getan habe.«
»Mit anderen Worten: Es gibt in Wahrheit niemanden, den du zurücklassen würdest, wenn du Caspians Angebot annimmst?«
Mein Mund klappte auf und wieder zu. Worauf wollte der Geist hinaus?
»Deine Freundin ist nämlich hier bereits sehr glücklich«, fuhr er fort. »Was hindert dich also daran, dich darauf einzulassen?«
Wut kroch wie bittere Galle meine Kehle hoch. »Wieso willst du mich davon überzeugen, hierzubleiben? Hast du etwas davon? Kommt deine Seele frei, wenn Caspian mein Blut auf diesen Planken vergießt?«
Die Balken krachten lautstark und ich zuckte zusammen. Der Geist blieb vollkommen gelassen.
»Das Schiff will dir mitteilen, dass du so nicht über Caspian reden sollst«, erklärte der Geist. »Es ist übrigens auch der Wunsch der Tempest Rage, dass du bei uns bleibst, nur deswegen rede ich mit dir darüber. Denn das Schiff und ich sind miteinander verbunden.«
Ich schnaubte. Dann kommunizierte die Fleute mit uns. Damit kam ich klar. Dass dieser Geist mit dem Schiff verbunden sein sollte, ging mir aber zu weit.
»Und wieso sollte das Schiff wollen, dass ich bleibe?«, hakte ich gereizt nach.
Der Geist hob die Schultern. »Es mag dich. Die Totengötter allein wissen, wieso, denn du benimmst dich nicht gerade sehr zuvorkommend.«
»Nur weil ich nicht jedem sofort vertraue, bin ich nicht unhöflich.«
»Nein. Aber mehr als ablehnend.« Der Geist erhob sich. »Denk darüber nach. Das Schiff will dich hier und so, wie ich das sehe, könntest du dich gut in die Crew einfügen. Du hättest dann Leute, denen du wichtig werden könntest. In deinem alten Leben hattest du das nicht.«
Bevor ich etwas erwidern konnte, löste sich der Geist auf. Im nächsten Moment klopfte es an der Tür und Maya trat ein. Pearl saß auf ihrer Schulter, sprang jedoch sofort hinunter und schwebte grinsend auf mich zu.
»Wir haben dein Lieblingsfrühstück zubereitet«, verkündete meine Freundin, während sie um mich herumflog. »Speck und frische Eier. Und Brot, Ne… ich meine, Flüsterin. So köstliches Brot hast du noch nie gegessen. Maya hat es selbst gebacken.«
Bei Pearls Freude über das Essen konnte ich nur schmunzeln. Maya platzierte das Tablett auf Caspians Schreibtisch und schenkte mir ein Lächeln.
»Wie hast du geschlafen?«, fragte die Piratin.
Ihre Kleidung war meiner sehr ähnlich. Auch sie trug schwarze Pluderhosen, allerdings waren ihre Stiefel und ihr Gürtel braun, die Tunika weiß. Die Haare hatte sie zu unzähligen Zöpfen geflochten, in die sie Perlen und Muscheln eingewoben hatte. So erinnerte sie wirklich an die Abbildungen von jenen Meerwesen, von denen die Taryna angeblich abstammten.
»So tief wie schon lange nicht mehr«, gab ich überrascht zu. Trotz all der Dinge, die vorgefallen waren, hatte ich erstaunlich ruhig geschlafen. Kein Geräusch hatte mich geweckt. Das … war vollkommen neu für mich.
Ihr Lächeln wurde breiter. »Dann bist du für die Fahrt zur See geboren. Mich hat das Schwanken in meinen ersten Nächten in den Wahnsinn getrieben. Ich musste mir Illusionen von ruhigen Feldern erschaffen, damit ich einschlafen konnte. Aber du … du scheinst dich auf dem Wasser wohlzufühlen.«
Ich schwieg.
»Na ja, du hast sicher nicht in so einem Bett geschlafen«, murmelte ich.
»Doch, die ersten Nächte habe ich tatsächlich hier verbracht«, sagte sie. Als ich meine Augen aufriss, kicherte sie. »Allein natürlich. Caspian hat mir das Quartier ebenso überlassen, wie dir jetzt. Ich glaube, es ist seine Art, einem die Ankunft an Bord zu erleichtern.«
Obwohl sie immer noch lächelte, nahm ich einen tiefen Schmerz in ihren Augen wahr. Da sie gestern aber schon nicht darüber hatte reden wollen, hakte ich nicht nach. Wir kannten uns nicht gut genug, um über die Narben auf unseren Seelen zu sprechen. Vielleicht würden wir das nie – und behielten sie einfach unter einem Verband ohne ihn je zu lösen. Das war besser, als verletzt zu werden.
»Und wo bist du jetzt untergebracht?«, fragte ich.
»Wenn du willst, zeige ich dir nachher das Schiff. Aber erst«, sie deutete auf den Stuhl hinter dem Schreibtisch, »frühstückst du. Pearl meinte, hungrig bist du kaum zu ertragen.«
Mit hochgezogener Augenbraue sah ich meine Freundin an. Die grinste und entblößte ihre spitzen Zähne. »Willst du es abstreiten?«, wollte sie in einem unschuldigen Tonfall wissen.
»Nein.« Ich stand auf und ging zum Tisch. »Danke für das Frühstück«, sagte ich zu Maya. »Und dass du es vor Pearl gerettet hast.«
»Keine Ursache.« Maya zwinkerte. »Lass es dir schmecken, ich warte draußen auf euch.«
Sie verließ den Raum und Pearl schwebte zu mir.
»Maya ist so nett«, sagte sie und ließ sich neben dem Tablett auf dem Tisch nieder. »Und sie kocht echt gut.«
»Hast du schon gegessen oder willst du noch etwas?«
Pearl tätschelte ihren Bauch. »Du weißt, dass ich immer Futter vertrage.«
Schmunzelnd schob ich ihr eines meiner drei Eier und etwas Speck hin. Auch das Brot teilte ich mit ihr, ebenso wie den Tee. Alles schmeckte hervorragend. Ich konnte mich nicht daran erinnern, wann ich je ein so köstliches Mahl eingenommen hatte. Vor allem, ohne ständig die Ohren zu spitzen, ob jemand in der Nähe war, der mir etwas antun wollte.
Allerdings klang im Moment alles zu gut, um wahr zu sein. Wieso sollte Caspian ausgerechnet mich als Teil seiner Crew wollen, wenn ich ihm nicht gab, was er von mir forderte? Er mochte mich ausspioniert haben, dann wusste er allerdings auch, dass meine Stärken ganz sicher nicht in der Seefahrt lagen.
Ich schob die Gedanken von mir, erhob mich, schlüpfte in die Stiefel und wollte meine Perücke richten. Erst da wurde mir bewusst, dass ich keine trug. Es war gleichzeitig ein seltsames, aber befreiendes Gefühl. Trotzdem sollte ich mich nicht daran gewöhnen.
Erhobenen Hauptes verließ ich das Captain Quartier und blinzelte gegen die Helligkeit an. Mayas leises Lachen empfing mich.
»Heute ist ein ausgesprochen sonniger Tag«, erklärte sie gut gelaunt. »Und auf See wirkt die Sonne noch heller, weil das weiße Deck sie verstärkt.«
»Weiß ist eine überaus ungewöhnliche Farbe für ein Schiff«, meinte ich.
»Das ist richtig, aber dank meiner Magie ist weiß die ideale Farbe, um Illusionen zu erzeugen.«
Sie krümmte die Finger leicht und die Helligkeit nahm ab.
»Besser?«, fragte Maya grinsend.
Ich konnte die Süße ihre Magie riechen. »Du hast deine Kräfte eingesetzt, um das Licht zu verändern.«
»Nicht ganz, ich habe meine Magie benutzt, um es für dich angenehmer zu machen. Das Licht ist dasselbe, du nimmst es nur anders wahr.« Sie zwinkerte. »Nicht zu viel darüber nachdenken. Komm, ich zeige dir das Schiff.«
Sie schritt voran und ich folgte ihr. Der Hüne von gestern schrubbte gerade das Deck, ein zweiter Mann half ihm. Er war in etwa so alt wie ich, seine Nase schief und ein Schneidezahn fehlte ihm. Das erkannte ich, weil er selig lächelte, als Maya zu ihm kam.
Mir nickten die beiden nur zu, aber das war in Ordnung. Einen weiteren Mann entdeckte ich im Krähennest, dem Mastkorb an der Mastspitze. Hin und wieder hatte ich Seemänner belauscht und wusste daher zumindest zum Teil, wie ein Schiff aufgebaut war.
Neben dem Mann entdeckte ich auch noch eine Frau, die gerade Seile prüfte. Caspian stand am Steuer, ein Mann befand sich neben ihm und sagte ihm Koordinaten an. Zumindest klang es so für mich. Von diesen wenigen Personen abgesehen entdeckte ich auch heute keine weiteren Piraten.
»Ist der Rest der Mannschaft unter Deck?«, fragte ich Maya leise.
»Nein, alle sind hier. Wieso?«
»Weil … die Crew so klein ist«, stammelte ich.
»Findest du?« Ihr Lächeln verblasste etwas. »Es kommt nicht auf die Anzahl der Leute an, sondern auf das, was sie mitbringen. Jeder hier besitzt Fähigkeiten, die uns allen helfen.«
»Dann frage ich mich, was ihr mit mir wollt.« Ich räusperte mich. »Meine Magie ist wenig hilfreich und ich bin eine Landratte.«
»So siehst du dich also?« Maya schnalzte mit der Zunge. »Ich sehe eine starke Frau mit einem mutigen Herzen, das nur unter jede Menge Zweifel und Schmerzen verschüttet ist. Und deine Fähigkeiten können sehr hilfreich sein – selbst wenn du den Auftrag des Captains nicht annimmst. Manchmal ist es gut, wenn jemand eine Begegnung mit uns vergisst.«
Kaum merklich nickte ich. Das leuchtete mir ein und beruhigte mich ein wenig. Dann war ich nicht nur aus einem Grund interessant für Caspian.
Maya zeigte mir das Schiff – die Unterkünfte der Crewmitglieder, die erstaunlich sauber und geräumig waren, die Kombüse und Lagerräume mit den Vorräten. Außerdem das Waffenarsenal sowie die Werkzeuge für Einbrüche oder um das Schiff auszubessern. So seltsam ich den Gedanken auch fand, aber ich fühlte mich wohler, jetzt, da ich das Schiff besser kannte. Es trotzte dem Meer und schenkte mir Sicherheit.
Als wir an Deck zurückkehrten, war die Sonne hinter einer dicken Wolkenschicht verschwunden.
»Ist das eine Illusion von dir?«, fragte ich an Maya gewandt.
»Nein, auf dem Meer kann das Wetter manchmal schnell umschlagen«, erklärte sie. »Der Wind hat wohl Wolken zu uns getrieben. Kein Grund zur Sorge.« Sie deutete mit dem Kopf zum Steuerrad, an dem lediglich Caspian stand. »Er hat mich gebeten, dich zu ihm zu schicken, wenn ich dir das Schiff gezeigt habe.«
»Will er etwa jetzt meine Entscheidung hören?«
Nachsichtig lächelte Maya. »Ich glaube, er will einfach nur mit dir reden. Caspian ist sehr mitteilungsbedürftig.«
»Also hört er sich gern selbst reden?«
Das entlockte Maya ein glockenhelles Lachen. »Du hast ihn schnell durchschaut, was das betrifft.« Sie wurde wieder ernst. »Er ist ein sehr ehrlicher Mann, auch wenn er ein Pirat ist. Ich verdanke ihm mein Leben. Jeder hier tut das. Es fällt dir bestimmt schwer nach allem, was du erlebt hast, aber du kannst ihm vertrauen.«
Ich schluckte die bissigen Worte hinunter, die mir auf der Zunge lagen, und rang mir ein Lächeln ab. »Würdest du auf Pearl aufpassen, während ich mich darum bemühe, Caspian zu Wort kommen zu lassen?«, fragte ich so heiter ich konnte.
Maya nickte und deutete auf ihre Schulter. Pearl drückte mir einen feuchten Schmatzer auf die Wange und flog anschließend zu Maya.
»Schauen wir mal, ob wir für dich noch etwas zu essen auftreiben«, meinte die Taryna und meine Freundin jubelte.
Schmunzelnd sah ich den beiden nach. Dann straffte ich meine Schultern und bewegte mich auf Caspian zu. Seine Mundwinkel zuckten, als ich die Stufen zum Achterschiff hochstieg.
»Maya muss sehr überzeugend sein, wenn sie dich nur mit Worten dazu bringt, mit mir zu sprechen«, meinte er amüsiert.
»Ich wollte es einfach hinter mich bringen«, erwiderte ich und ließ meinen Blick schweifen. »Wo genau befinden wir uns?«
»An Deck der Tempest Rage«, antwortete Caspian breit schmunzelnd.
»Sehr lustig. Ich meine, wo sich das Schiff befindet.« Er öffnete den Mund, doch ich hob rasch die Hand. »Antworte jetzt bitte nicht: Auf dem Meer. Ich würde nur gern wissen, wie weit das Festland weg ist.«
»Wieso, willst du versuchen, dorthin zu schwimmen?« Er wackelte neckend mit den Brauen, als ich ihn finster ansah. »Wir sind etwa vierzig Seemeilen von der Küste Lovrils entfernt.«
»So weit?«, nuschelte ich, obwohl ich keine Ahnung hatte, wie weit es wirklich war. Es klang jedenfalls so, als wären wir mitten auf See.
Caspian nickte. »Die Küste Nyxors ist im Moment näher als die Lovrils.«
»Willst du dort vor Anker gehen? In Nyxor, meine ich.«
Seine Miene wurde ernst. »Nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Und in dem Fall müssten Maya und du unter Deck bleiben, denn die Jäger Nyxors sind erbarmungslos mit Taryna.«
»Erbarmungsloser als die Stadtwache Varuns?«
»Sehr viel erbarmungsloser.« Caspian räusperte sich. »Wir drehen bald bei und segeln auf das offene Meer. Dort verirrt sich selten ein anderes Schiff hin, das Wasser ist meist ruhig.«
»Meist?«
»Nun, es gibt immer wieder Stürme. Im Moment sollte aber keiner aufziehen.«
»Sollte?«
Seine Mundwinkel zuckten. »Bist du ein Plapperfisch, oder wieso wiederholst du immer nur eines meiner Worte?«
»Vergleich mich nicht mit diesen hässlichen Dingern. Die sind nervig, wenn sie aus dem Wasser springen und wieder und wieder dasselbe Wort sagen.«
Er schmunzelte schief. »Na gut, aber dann hör auf, ein und dasselbe Wort zu wiederholen.«
»Es klingt einfach so, als wärst du dir nicht sicher.«
»Weil man nie sicher sein kann. Das Meer ist zuweilen unberechenbar. Doch ich versichere dir, auf diesem Schiff wird dir nichts geschehen.«
Die Masten knarzten leise, als wollte die Fleute Caspians Worte bestätigen. Ich fühlte mich zumindest ein wenig besser.
»Und wieso wolltest du mit mir reden?«, fragte ich, weil ich keine Stille zwischen Caspian und mir aufkommen lassen wollte.
»Eigentlich nur, um sicherzugehen, dass du noch nicht an einem Plan arbeitest, über Bord zu springen.« Ein schelmischer Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. »Und ich wollte dich im Tageslicht bewundern.«
»Pff«, machte ich und verschränkte die Arme vor der Brust. »Du kannst aufhören, mich zu umgarnen, das wirkt bei mir nicht.«
»Nicht das kleinste bisschen?« Er schenkte mir einen Blick, der vermutlich einen Stein erweicht hätte. Selbst an meiner Mauer rüttelte er. »Wärst du mir ein wenig geneigter, wenn ich dir das Steuer überlassen würde?«
Ich hob die Augenbrauen. »Ich dachte, das Schiff lässt sich nicht von jedem steuern.«
»Vielleicht bist du eine Ausnahme?« Er machte einen Schritt zur Seite, hielt das Steuerrad nur mit einer Hand fest und sah mich auffordernd an. »Willst du es versuchen?«
Ich zögerte, weil ich nicht wusste, wie ich reagieren sollte, wenn das Schiff mir erlaubte, es zu steuern. Oder wie ich mich verhalten sollte, wenn es das nicht tat.
Doch meine Neugierde gewann rasch die Oberhand. Ich wollte wissen, ob ich in der Lage war, das Ruder zu übernehmen. Also bewegte ich mich auf Caspian zu. Noch ehe ich meine Hand nach dem Steuer ausgestreckt hatte, schoss etwas direkt neben dem Schiff aus dem Wasser. Blitze stoben in den Himmel und binnen eines Atemzugs war der Himmel schwarz wie die Nacht und frostiger Wind zerrte an meinen Haaren.