Kapitel 11 - New Memories
By Lilly Lucas
Ich stand bereits auf der Veranda, als Izzy mir schrieb, dass sie und Will sich verspäten würden. Weil ich jetzt schon kalte Hände hatte, beschloss ich, drinnen zu warten.
Ich steuerte gerade auf den Sessel vor dem Kamin zu, als ich Hannah die Treppe hinunterkommen sah. Unsere Blicke trafen sich, und sie lächelte.
»Hab mich schon gefragt, wann ich dich endlich zu Gesicht bekomme.« Sie breitete die Arme aus, und ich ließ mich von ihr drücken. »Schön, dich wieder bei uns zu haben, Lena!«
»Ich freu mich auch. Und herzlichen Glückwunsch!« Ich machte eine vage Geste in Richtung ihres Babybauchs, der sich deutlich unter ihrem Pullover abzeichnete.
»Ein Wunder, dass du mich überhaupt noch erkannt hast.« Sie schnitt eine Grimasse. »Ich sehe von Tag zu Tag mehr aus wie Jabba the Hutt.«
»Quatsch! Du siehst super aus. Wie lange hast du noch?«
»Knapp acht Wochen.«
»Oh … wow. Gar nicht mehr lange.«
»Sag das nicht«, stöhnte sie und hielt sich die Hände vors Gesicht. »Wir haben immer noch keinen Kinderwagen, und das Babybett muss auch noch aufgebaut werden.«
»Ach, das wird schon«, sagte ich, weil mir nichts Besseres einfiel.
»Bist du zufrieden mit deinem Zimmer? War der Check-in okay?«, erkundigte sie sich. »Isabella ist ganz neu und«, sie hielt sich die Hand vor den Mund und senkte die Stimme, »ein bisschen unsicher.«
»Sie hat es super gemacht. War alles bestens.«
»Das ist schön.«
Durch die Fensterscheibe sah ich, dass ein Auto vorfuhr.
»Oh, das sind Izzy und Will.«
»Lass dich nicht aufhalten. Wir haben ja bestimmt noch die ein oder andere Gelegenheit zu quatschen.« Sie zwinkerte. »Grüß mir die beiden.«
»Mach ich«, erwiderte ich mit einem Lächeln. Ich hatte mich schon abgewendet, als mir noch etwas einfiel. »Ach, Hannah? Weißt du zufällig, wer mein Zimmer bezahlt hat? Isabella meinte, die Rechnung wäre bereits beglichen. Aber ich hatte das Zimmer nur reserviert.«
Sie zögerte. »Bezahlt hat es niemand.«
Ich runzelte die Stirn. »Also ist die Rechnung doch noch offen?«
Sie schmunzelte. »Es gibt keine Rechnung. Nicht für dich.«
»Aber …« Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. »Amy«, sagte ich mehr zu mir selbst und war kurz davor, mir die Hand gegen die Stirn zu schlagen.
»Sie war fast ein bisschen beleidigt, dass du dein Zimmer über Booking gebucht hast.«
»Ich kann das unmöglich annehmen, Hannah. Ich meine …«
»Natürlich kannst du das. Ohne dich und Ryan gäbe es dieses B&B gar nicht mehr. Hättet ihr es damals nicht renoviert, würden wir heute nicht so gut dastehen.«
»Ja, aber …«
Ein Hupen ertönte.
»Lass sie nicht länger warten!« Hannah zwinkerte mir zu.
Ich blieb noch einen Moment unschlüssig stehen, dann ging ich nach draußen. Zu meiner Überraschung saß Izzy allein im Wagen.
»Sorry, ich hab Hannah getroffen und mich verquatscht. Wo ist Will?«
»Der kommt direkt ins Olly’s. Wurde noch zu einem Nachbarschaftsstreit gerufen. Deswegen bin ich auch zu spät. Ich dachte, er schafft es rechtzeitig.«
»Kein Problem.« Ich schnallte mich an, und wir fuhren los.
»Alles okay? Du bist so still«, sagte Izzy, als wir durch das Waldstück rollten, das zu dieser Tageszeit eher unheimlich als idyllisch wirkte.
»Ich hab Hannah auf die Sache mit dem Zimmer angesprochen.«
»Und?«
»Es war Amy.«
»Klar.« Sie tippte sich an die Stirn. »Das ergibt Sinn.«
»Es ergibt überhaupt keinen Sinn«, schnaubte ich. »Wir haben so gut wie keinen Kontakt mehr, seit Ryan und ich uns getrennt haben.«
»Aber du warst sehr lange ein Teil ihrer Familie.«
»Ja, ich war ein Teil ihrer Familie.«
»Also ich finde, das ist eine liebe Geste. Noch dazu bist du ja nicht ganz unschuldig daran, dass das Golden Leaf wieder so gut läuft.«
»So was Ähnliches hat Hannah auch gesagt.«
»Sieh es doch einfach als Dankeschön.« Sie setzte den Blinker, und wir bogen auf die Hauptstraße ab. »Außerdem ziehst du jetzt ja wahrscheinlich eh wieder aus.«
* * *
Ein Teil von mir hatte befürchtet, dass sich sämtliche Köpfe nach mir umdrehen würden, wenn ich das Olly’s betrat. Dass die Leute in ihrer Trinkbewegung erstarren oder zu tuscheln beginnen würden. Aber zu meiner Erleichterung geschah nichts dergleichen. Der Laden war zu voll und der Geräuschpegel zu hoch. Noch dazu flimmerte ein Footballspiel über die Bildschirme, das aufregender war als die Tatsache, dass Lena Lenz nach drei Jahren zum ersten Mal wieder in Green Valleys Sportsbar auftauchte. Der Einzige, der Notiz von mir nahm, war Olly selbst. In einem T-Shirt mit der Aufschrift Thirst Responder stand er hinterm Tresen und zapfte Bier.
Izzy fing meinen Blick auf und grinste. »Nope, hier hat sich nichts verändert.«
Ich hob die Hand zum Gruß, und Ollys grimmiger Gesichtsausdruck wich einem kleinen Lächeln.
»Hast dich ganz schön lange nicht mehr blicken lassen«, rief er mir zu. Zwei Männer, die mit Bierflaschen am Tresen standen, sahen kurz in meine Richtung, setzten ihr Gespräch aber sogleich wieder fort. »Ich hab euch einen Tisch frei gehalten.«
Ich folgte seinem Zeigefinger und nutzte die Gelegenheit, meinen Blick durch die Sportsbar schweifen zu lassen. Alles war beim Alten. Dieselben Tische und Sitznischen, dieselben Blech- und Reklameschilder an den Wänden. Sogar der Geruch war unverändert. Eine Mischung aus Bier und frittiertem Essen.
»Für mich hast du noch nie einen Tisch frei gehalten«, nörgelte Izzy.
»Du hast hier ja auch noch nie was bezahlt«, entgegnete Olly unbeeindruckt.
Ich musste schmunzeln. Wie sehr hatte ich das Gezeter der Walsh-Geschwister vermisst. Sie hätten einfach nicht unterschiedlicher sein können. Izzy, die energiegeladene Sportskanone, und Olly, der dauergrummelige Barbesitzer.
»Wisst ihr schon, was ihr essen wollt?«
»Gibt es noch den Green-Valley-Burger?«, fragte ich.
»Ja, leider«, brummte Olly, und ich musste lachen.
Der Green-Valley-Burger war der einzige vegetarische auf der Karte und eine Hinterlassenschaft von Sam, der hier früher gejobbt hatte.
»Dann hätte ich gern einen. Mit Onion Rings. Und … eine Cola.«
Izzy bestellte einen Cheeseburger mit Pommes. »Und ein QueenCraft.«
»Wir haben kein QueenCraft mehr.« Mürrisch verzog er das Gesicht. »Ist alle.«
Ungläubig stöhnte sie auf.
»Beschwer dich bei Leonie. Die hat alles diesem Möchtegern-Luke-Danes verkauft.«
Izzy verdrehte die Augen, wobei ich nicht sagen konnte, ob es sich auf seine Bemerkung bezog oder die Tatsache, dass es ihr Lieblingsbier nicht gab.
»Dann nehm ich irgendein anderes IPA. Hipster oder Hoppy. Was du eben dahast.«
Wir warteten, bis uns Olly die Getränke auf den Tresen gestellt hatte, dann machten wir uns auf den Weg zu unserem Tisch.
»Seit wann schaut dein Bruder Gilmore Girls?«
»Nach der Trennung von Derek hatte er so eine Phase …«
Ich hängte meine Jacke über die Stuhllehne und setzte mich.
»Und wer ist der Möchtegern-Luke-Danes?«
»Ach«, sie machte eine wegwerfende Handbewegung, »es gibt da so ein neues Café in der Stadt, und der Betreiber …«
»Fynn Eden?«, stieß ich hervor.
Sie stutzte, und ich erklärte: »Leonie und ich sind heute am Cozy Cup vorbeigekommen. Da hat sie mir von ihm erzählt.«
»Mein Bruder kann ihn auf den Tod nicht ausstehen.« Ratlos zuckte sie mit den Schultern. »Dabei ist er wirklich nett.«
»Wer ist nett?«, ertönte in diesem Moment eine Männerstimme hinter mir. Auch sie hätte ich unter Tausenden herausgehört.
»Will!« Ich sprang auf und fiel ihm spontan um den Hals. Er trug noch seine Sheriff-Uniform, sah aber – typisch Will – trotzdem taufrisch aus.
»Sorry für die Verspätung.« Er hauchte Izzy einen Kuss auf die Wange, bevor er sich zu uns setzte. »Also … von wem habt ihr gerade gesprochen?«
»Fynn Eden«, antwortete ich.
Ein leicht genervtes Lachen entfuhr ihm. »Warum wundert es mich nicht, dass du noch keine zehn Stunden in der Stadt bist und schon über Fynn Eden Bescheid weißt?«
»Nur kein Neid«, zog Izzy ihn auf.
»Ich bin nicht neidisch auf den Kerl. Im Gegenteil. Er tut mir leid. Die eine Hälfte der Stadt lobt seinen Kaffee, die andere seinen Hintern.«
»Es ist ein schöner Hintern«, bemerkte ich.
»Oh ja«, pflichtete Izzy mir bei und erntete einen ungläubigen Blick von Will. »Wir wollten immer ehrlich zueinander sein, vergessen?« Sie zwinkerte.
Ehe er etwas erwidern konnte, brachte Olly unsere Burger. »Einmal der Green-Valley-Burger für dich«, er stellte den Teller vor mich, »und einmal Cheeseburger …«
»Für mich«, sagte Will und deutete an, den Teller entgegenzunehmen.
»Das ist meiner«, stellte Izzy klar. »Ich hab vor dir bestellt.«
»Sie hat gerade von Fynn Edens Arsch geschwärmt«, sagte Will zu Olly, der den Teller daraufhin wortlos an Will übergab.
Ich hielt mir die Hand vor den Mund, um nicht loszuprusten. Gott, wie sehr hatte ich das alles vermisst.
»Ich hab echt Hunger!«, schimpfte Izzy.
»Tja, weißt du, Olly und ich haben uns auch versprochen, immer ehrlich zueinander zu sein«, erwiderte Will und schob sich grinsend ein paar Pommes in den Mund.
Izzy boxte ihn gegen den Oberarm, und er lachte. Aber von einem Moment auf den anderen veränderte sich Wills Mimik. Das Lächeln auf seinen Lippen gefror, und seine Augen blickten starr über meine Schulter hinweg zum Eingang. Ich folgte seinem Blick und schluckte. Denn an der Tür stand Ryan. Er trug eine Jacke und schien gerade erst gekommen zu sein. Finster stierte er in unsere Richtung.
»Shit«, hörte ich Will neben mir murmeln.
Im nächsten Moment war Ryan verschwunden.
»Ich rede mit ihm.« Izzy machte Anstalten aufzustehen.
Sanft hielt Will sie am Arm zurück. »Lass mich das übernehmen.«
Er erhob sich und bahnte sich einen Weg an den Tischen vorbei.
»Vielleicht hätten wir besser woanders hingehen sollen«, seufzte ich.
Verständnislos verzog Izzy das Gesicht. »Warum?«
»Es ist seine Bar.«
»Nein, es ist Ollys Bar.«
»Du weißt, was ich meine.«
»Ja. Und das ist Bullshit.«
Ich setzte an, etwas zu sagen, aber sie kam mir zuvor.
»Du hast genauso das Recht, hier zu sein, wie Ryan.«
»Ja, aber zu welchem Preis?« Ich machte eine vage Handbewegung zur Tür. »Ich will nicht, dass meine Anwesenheit einen Keil zwischen euch treibt.«
Ihr Blick wurde entschlossen. »Ich auch nicht.« Sie stand so ruckartig auf, dass die Stuhlbeine lautstark über den Boden schleiften und die Leute an den Nachbartischen zu uns herübersahen.
»Was hast du vor?«, fragte ich, aber sie hatte sich bereits in Bewegung gesetzt. »Izzy, warte!«
Ein Teil von mir wollte aufspringen und ihr nachgehen, ein anderer befürchtete, dass es Öl in Ryans Feuer gießen würde. Aber hier rumzusitzen und abzuwarten, war auch keine Option. Zumal mir der Appetit gehörig vergangen war. Ich schob den Teller beiseite und machte mich auf den Weg nach draußen.
Ein Schwall kühler Herbstluft strömte mir in die Lunge, als ich ins Freie trat. Augenblicklich begann ich zu frösteln und verschränkte die Arme vor der Brust. Warum hatte ich nicht wenigstens meine Jacke angezogen? Der Außenbereich der Bar war nur spärlich beleuchtet, aber ich entdeckte Will, Izzy und Ryan sofort. Sie standen auf dem Parkplatz und diskutierten so angeregt miteinander, dass sie mich nicht bemerkten.
»… schleppt ihr sie auch noch hierher? In meine Bar?«
»Es ist nicht deine Bar, Ryan«, sagte Izzy.
»Es ist mehr meine Bar als ihre Bar.«
Die Härte in seiner Stimme ließ mich zusammenzucken.
»Was hast du denn erwartet?« Will riss die Arme hoch. »Dass sie sich die nächsten zwei Wochen in ihrem Zimmer verkriecht?«
»Ich habe erwartet, dass meine Freunde mich informieren, wenn meine Ex zu ihrer Hochzeit kommt.«
Auch wenn es die richtige Bezeichnung war, schmerzte es, ihn so über mich reden zu hören.
»Das hätten wir tun sollen, und dafür haben wir uns entschuldigt«, sagte Will einsichtig. »Aber wir sind davon ausgegangen, dass du nicht kommst, und wollten dich nicht unnötig verletzen.«
Ryan schnaubte verächtlich. »Nicht unnötig verletzen?«
Izzy seufzte. »Du machst jedes Mal dicht, wenn ihr Name fällt.«
»Ich hätte es trotzdem gerne gewusst«, hielt er dagegen.
»Und dann?« Fragend hielt Will sich die Hände vor die Brust. »Was hätte das geändert?«
»Ich wäre verdammt noch mal in Österreich geblieben!«
Ein paar Sekunden lang war es totenstill, und mit einem Mal erschien mir die Luft um einiges dünner.
»Du hättest lieber unsere Hochzeit verpasst, als Lena zu begegnen?«, entgegnete Will mit einer Mischung aus Unglauben und Kränkung. Ryan schien es ebenfalls registriert zu haben, denn er ruderte zurück.
»Ich hätte zumindest gerne die Wahl gehabt.« Er sah auf zu den Sternen und verharrte einen Augenblick in dieser Pose.
»Du hast auch jetzt eine Wahl«, sagte Izzy. »Du kannst so weitermachen und uns allen die nächsten zwei Wochen das Leben schwer machen – dir, uns, Lena –, oder du reißt dich zusammen und akzeptierst, dass sie hier ist.«
»Ich. Will. Sie. Aber. Nicht. Hier. Haben.« Es brach so wütend, so verzweifelt aus ihm heraus, dass sich mein Herz zusammenzog.
Hinter mir schwang die Tür auf. Der Lichtkegel fiel auf mich, als jemand lautstark lachend hindurchtrat. Die Blicke von Izzy, Will und Ryan schnellten in meine Richtung. Ich hielt den Atem an. Spürte, wie trotz der Kälte Hitze in meine Wangen schoss. Aus reinem Selbstschutz senkte ich den Blick. Stierte auf den Kies unter meinen Schuhen, während ich eine Zentralverriegelung klicken hörte. Eine Autotür, die zufiel. Einen Motor, der brummte. Ich sah noch, wie der dunkle BMW vom Parkplatz bog. Wie Ryan zum zweiten Mal an diesem Tag die Flucht vor mir ergriff.