Kapitel 15 - New Memories
By Lilly Lucas
Was machst du da?«, fragte ich perplex, als er mir mit einem Sattel auf der Schulter entgegenkam. Mir war das Teil zu schwer gewesen, bei ihm sah es aus, als wöge es nicht mehr als ein Sixpack Bier.
»Wonach sieht’s denn aus?«
Ohne ein weiteres Wort schob er sich an mir vorbei. Ich runzelte die Stirn und lief ihm nach. Wobei ich Mühe hatte, mit ihm Schritt zu halten, bei dem Stechschritt, den er an den Tag legte.
»Du musst mir nicht helfen.«
Er fuhr so ruckartig herum, dass ich fast gegen ihn prallte. »Ich mach das nicht für dich.«
Ich wich zurück und starrte ihn an.
»Izzy und Will brauchen jede Hilfe, die sie kriegen können, oder?«
»Ja«, krächzte ich.
»Wie wär’s, wenn wir dann aufhören zu reden und uns stattdessen an die Arbeit machen?«
Er wandte sich ab und setzte seinen Weg fort. Ungläubig schnaubte ich: »Was glaubst du eigentlich, was ich den ganzen Vormittag über gemacht habe?«
In der darauffolgenden Stunde sprachen wir kein Wort miteinander. Stillschweigend trugen wir Gegenstände aus der Scheune. Jeder für sich. Ein paarmal glaubte ich, seinen Blick auf mir zu spüren, aber es konnte genauso gut Einbildung gewesen sein. Irgendwann klingelte Ryans Handy. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie er es aus seiner Hosentasche zog und einen Blick aufs Display warf.
»Hey, wie geht’s dir?«, meldete er sich in einem auffallend sanften Ton.
Wehmut piekste mich in die Brust, weil es eine Ewigkeit her war, dass er so mit mir gesprochen hatte. Ich ließ mir nichts anmerken und gab vor, weiter im Gerümpel zu kramen.
»Verstehe«, hörte ich ihn noch sagen, bevor er mit dem Telefon am Ohr nach draußen verschwand.
Ich konnte mich nicht davon abhalten, ihn durchs Fenster zu beobachten. Wie er dort stand und telefonierte. Mit dem Fuß einen Stein hin und her rollte. Zwischendurch den Blick in die Ferne richtete, als suchte er dort die Antwort auf all seine Fragen. Dann plötzlich sah er über seine Schulter zur Scheune. Ertappt wandte ich mich ab. Hatte er mich bemerkt? Bestimmt. Wobei … die Scheibe war schmutzig, fast milchig. Vielleicht hatte ich Glück gehabt. Hastig machte ich mich wieder an die Arbeit.
Als Ryan zurückkam, wirkte er angespannt und ein wenig abwesend.
»Ist alles okay?«, fragte ich vorsichtig.
Er brummte etwas Unverständliches, legte sein Smartphone zu meinem aufs Fensterbrett und zog die Handschuhe an. Wieder verging locker eine halbe Stunde, bis er das nächste Mal etwas von sich gab.
»Was willst du da oben?«, fragte er, als ich die Leiter zum Heuboden hinaufstieg. Sie wackelte etwas, und die Sprossen knarzten.
»Nachsehen, wie viel Arbeit da noch wartet.«
»Da sind nur Strohballen.«
»Hast du schon nachgesehen?«
»Muss ich nicht. Will, Izzy und ich haben hier früher …«
Den Rest hörte ich nicht mehr, weil mein Schuh abrutschte und ich einen spitzen Schrei ausstieß. Erschrocken klammerte ich mich an eine der Sprossen.
»Verdammt, Lena!« Zu meiner Irritation stand er bereits am Fuß der Leiter und funkelte mich an. »Das ist das zweite Mal in zwei Tagen, dass du dir fast den Hals brichst!«
»Ich bin nur abgerutscht.« Augenrollend erklomm ich die letzten Sprossen.
Der Dachboden stand tatsächlich voller Strohballen. Der Geruch war intensiv und kitzelte in der Nase. Ich hatte Mühe, mir den Kopf nicht an den Balken zu stoßen, als ich mich aufrichtete und auf das offene Fenster zulief, das ein wenig Tageslicht spendete. Von hier aus konnte man die ganze Ranch überblicken. Das Haupthaus mit Nebentrakt, die Stallungen und Scheunen, die Pferdekoppeln. Der Herbst hatte das Land in idyllisches Gold, Orange und Rostrot getaucht. Es war ein atemberaubender Anblick, an dem ich mich kaum sattsehen konnte. Plötzlich vernahm ich ein Rascheln. Mein Blick zuckte zu den Strohballen in der Ecke. Ich hielt inne und lauschte. Da war es wieder. Schritte trippelten über den Boden. Ein leises Knurren ertönte. Ich blinzelte und staunte nicht schlecht, als ich das graue Fellknäuel mit dem buschigen Schwanz entdeckte.
»Oh«, hauchte ich. Ein Waschbär. Wo kam der denn her? Vorsichtig ging ich in die Hocke. »Hey du.«
Der Kleine blieb unbeeindruckt und musterte mich neugierig mit seinen dunklen Knopfaugen.
»Gott, bist du süß!« Ich hob die Hand, um ihm zu winken, und realisierte noch im selben Moment, dass es eine schlechte Idee war. Der Waschbär gab ein Fauchen von sich und schnappte nach mir. Instinktiv wich ich zurück und blieb an einer losen Diele hängen. Ich verlor das Gleichgewicht und ruderte mit den Armen, wobei ich die Heugabel umwarf, die an einem Strohballen lehnte. Scheppernd ging sie zu Boden. Und ich gleich mit.
»Alles okay?«, rief Ryan von unten.
»Ja«, presste ich hervor und rieb mir mein Steißbein.
Ich hörte die Leiter ächzen.
»Was ist passiert?«
Ich blickte über meine Schulter und sah gerade noch, wie er auf den Heuboden kletterte. Er musste sich ducken, um nicht mit dem Kopf anzustoßen, als er sich aufrichten wollte.
»Da ist ein … ein …« Ich deutete auf die Stelle, an der gerade eben noch der Waschbär gesessen hatte. »Da war …«
»Was?«, fragte er ungeduldig.
»Ein Waschbär.«
Er stutzte. »Ein Waschbär?!«
»Ja, er wollte mich angreifen, und ich bin erschrocken und hingefallen.«
Skeptisch hob er die Brauen. »Ein Waschbär wollte dich angreifen?« Im nächsten Moment prustete er los.
Überrascht sah ich ihn an, aber es hatte nichts damit zu tun, dass er sich über mich lustig machte. Vielmehr war es die Tatsache, dass er zum ersten Mal wieder lachte in meiner Gegenwart. Ein offenes, ungebremstes Lachen, das tief aus dem Bauch kam.
»Das ist nicht witzig«, murrte ich. »Ich hab mir wehgetan.«
Er presste die Lippen fest aufeinander, als müsste er sich zusammenreißen. »Was hast du denn gemacht, dass er dich angegriffen hat?«
»Ich hab gesagt, er wollte mich angreifen. Nicht, dass er es getan hat.«
»Und warum? Waschbären greifen nur an, wenn sie sich bedroht fühlen.«
»Bedroht?! Ich hab ihm gewunken.« Ich hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, da bereute ich ihn schon.
»Gewunken.« Er sah mich an, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank.
»Na ja, so zugewunken …« Ich imitierte die Geste.
»Vielleicht hättest du ein bisschen weniger Pocahontas schauen sollen.« Er murmelte: »Und mehr Guardians of the Galaxy.«
Auf meinen irritierten Blick hin erklärte er: »Nicht alle Waschbären wollen mit dir kuscheln.«
»Haha«, brummte ich und stand auf.
»Vorsicht!« Mit seiner Hand verhinderte er, dass ich mir den Kopf an einem der Balken stieß.
»Danke«, murmelte ich und sah zu ihm auf.
Rasch zog er seine Hand weg, aber ihr geisterhafter Abdruck löste ein Flattern in meinem Bauch aus.
Er räusperte sich. »Du hast Glück, dass er dich nicht gebissen hat. Er hat dich doch nicht gebissen, oder?« Ein alarmierter Ton hatte sich in seine Stimme geschlichen.
Ich schüttelte den Kopf.
»Gut. Die übertragen nämlich so ziemlich jede Krankheit. Inklusive Tollwut.«
Ich schluckte. »Immerhin wissen wir jetzt, wer die ganzen Futtersäcke angefressen hat.«
»Das können auch Mäuse gewesen sein.«
Angewidert verzog ich das Gesicht.
»Eins musst du mir verraten: Wie kann es sein, dass du dich vor Mäusen ekelst, aber Waschbären zuwinkst?«
»Das kann man doch gar nicht vergleichen. Waschbären sind niedlich. Ich meine, die sehen aus wie kleine Banditen.« Verzückt lächelte ich.
»Oh ja, Banditen sind immer das Erste, woran ich denke, wenn ich niedlich höre.«
Augenrollend wandte ich mich ab und steuerte auf die Leiter zu. Nur … dass keine Leiter mehr da war. Ich blinzelte. »Wo …?«
»Fuck!«, stieß Ryan neben mir aus.
Ich lugte über die Kante und riss die Augen auf. »Du hast die Leiter umgeworfen!«
»Ich hab sie nicht umgeworfen!«
»Oh, dann war’s bestimmt Rocket Raccoon.«
Überrascht hob er die Brauen.
»Ich hab nicht nur Pocahontas geschaut«, entgegnete ich mit gerecktem Kinn.
»Das muss passiert sein, als ich hochgestiegen bin. Ich hab mich beeilt, weil …« Er brach ab.
»Und was machen wir jetzt? Wir kommen da niemals ohne Leiter runter.«
Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. »Nein, kommen wir nicht.«
»Hast du die Handynummer von Wills Dad?«
»Nein, aber ich könnte Will …« Er wollte in seine Hosentasche greifen. »Fuck, mein Handy liegt auf dem Fensterbrett.«
»Neben meinem.«
Ratlose Stille breitete sich aus.
»Okay, dann bleibt uns nichts anderes übrig als …«
»Hilfe!«, brüllte ich, so laut ich konnte. »Hiiilfeee!«
»Eigentlich habe ich warten gemeint«, raunte er, während ich mir weiter die Seele aus dem Hals brüllte.
»Kannst du mir vielleicht mal helfen?«
»Uns hört hier sowieso niemand.«
»Woher willst du das wissen?«
»Sieh dich doch mal um.« Er deutete auf die Spinnweben an der Decke. »Hier war seit Jahren niemand mehr. Das meiste stand schon hier rum, als Will, Izzy und ich Kinder waren und auf dem Heuboden gespielt haben.«
Ein unzufriedener Laut kam über meine Lippen. »Okay, was schlägst du stattdessen vor?«
Er zuckte mit den Schultern. »Auf Izzy zu warten.«
Ich lachte ungläubig. »Die kommt frühestens heute Abend, vielleicht auch gar nicht.«
»Wie? Vielleicht auch gar nicht?«
»Mr. Albright fährt mich nach Hause.«
Sein Mund öffnete sich.
»Sobald ich ihm Bescheid gebe«, kam ich ihm zuvor.
»Er wird sich also nicht wundern, dass du nicht anrufst«, folgerte er.
»Zumindest nicht vor heute Abend.«
»Also sitzen wir hier fest.
»Mit Meeko.«
»Wer ist Meeko?«
»Tja, vielleicht hättest du ein bisschen mehr Pocahontas schauen müssen«, seufzte ich.