Kapitel 16 - New Memories
By Lilly Lucas
Du hättest auf mich hören sollen. Ich hab dir gesagt, hier oben sind nur Strohballen«, murrte er.
»Ach, jetzt bin ich schuld daran, dass du die Leiter umgestoßen hast?!«
»Ich hab sie nicht umgestoßen! Sie ist umgefallen.«
»Von allein?«, spottete ich.
»Natürlich von allein«, entgegnete er gereizt. »Das Letzte, was ich will, ist, mit dir auf einem Heuboden festzusitzen, das kannst du mir glauben.«
Ich gab mir eine Sekunde, um gekränkt zu sein, dann lächelte ich schmallippig. »Stimmt, hier oben kannst du ja nicht vor mir weglaufen.«
Ein Schnauben drang aus seinem Mund. »Ich laufe nicht vor dir weg.«
»Streng genommen tust du seit gestern nichts anderes.«
Sein Mund öffnete sich zum Protest, aber ich kam ihm zuvor.
»Im Leaf, im Olly’s, im Cozy Cup, hier in …«
»Da bist du gegangen.«
Überrascht blinzelte ich.
»Heute Morgen im Cozy Cup. Du bist gegangen.«
Ich verengte die Augen. »Weil Izzy draußen auf mich gewartet hat. Außerdem hast du mich einfach stehen lassen.«
»Ich hab dich nicht …« Er stieß die Luft aus. »Lassen wir das.« Er wandte sich ab und ließ sich, die Hände rechts und links von sich aufgestützt, an der Kante des Heubodens nieder.
»Du tust es schon wieder«, sagte ich ungläubig. »Du läufst weg.«
»Ich sitze.«
»Mit dem Rücken zu mir.«
Ein müdes Seufzen kam aus seiner Richtung. »Was willst du von mir, Lena?« Er drehte den Kopf nur so weit, dass er mich aus dem Augenwinkel sah. »Ich meine, was erwartest du? Du kreuzt hier plötzlich wieder auf und denkst, alles ist wie immer.«
»Das denke ich überhaupt …«
»Gut«, unterbrach er mich scharf und wandte den Blick wieder ab. »Wer im Glashaus sitzt, sollte außerdem nicht mit Steinen werfen.«
Er hatte es nur gemurmelt, weshalb ich einen Moment zögerte. »Was?«
»Ich sagte: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.«
»Was soll das heißen?«
Jetzt drehte er sich ganz zu mir um. »Dass du dich mit Weglaufen bestens auskennst.«
Seine Worte trafen mich unvorbereitet, und es dauerte einen Moment, bis ich begriff, worauf er anspielte. »Ich bin nicht weggelaufen.«
»Oh, dann hab ich da wohl ein paar Erinnerungslücken.« Er klang so zynisch, dass ich schauderte.
»Ich bin nicht weggelaufen, Ryan. Mein Visum ist abgelaufen.«
»Das hättest du gar nicht gebraucht«, sagte er leise.
Ich starrte ihn an. »Darum geht es hier? Immer noch? Dass ich … deinen Antrag nicht angenommen habe?«
Sein Blick verfinsterte sich. »Alles hätte so bleiben können, wie es ist. Aber du wolltest dich ja nicht festlegen.«
»Das stimmt nicht!«, widersprach ich heftig.
»Warum dann, Lena?« Ratlos warf er die Arme hoch. »Warum?«
Ich ließ den Kopf leicht nach hinten sinken. »Wir haben dieses Gespräch doch schon so oft geführt, Ryan.«
»Ich verstehe es aber immer noch nicht.« Seine Stimme zitterte vor Frustration.
»Ich war noch nicht bereit dafür, diesen Schritt zu gehen. Erst recht nicht für eine Greencard.«
»Als ob diese scheiß Greencard der Grund gewesen wäre, warum ich dich heiraten wollte.«
Er klang so wütend, dass ich zusammenzuckte, und er schloss die Augen und senkte den Kopf.
»Aber sie war nun mal der Anlass. Du hättest mich nicht gefragt, wenn …«
»Dann hätte ich dich eben drei Jahre später gefragt.« Er stieß die Luft aus. »Wo ist der Unterschied?«
»Dass du mich gefragt hättest, weil du mich liebst, nicht, weil dich eine Behörde dazu zwingt.«
»Niemand hat mich gezwungen. Ich hab dich gefragt, weil ich dich geliebt habe. Weil ich mir sicher war. Im Gegensatz zu dir.«
Sein Vorwurf verletzte mich.
»Ich war vierundzwanzig, Ryan. Meine Zukunft war ein einziges Fragezeichen. Mein Arbeitsvertrag war ausgelaufen, dieses Land hier wollte mich nicht, und du hattest ein unfassbar tolles Jobangebot vorliegen.«
Für einen Moment sah ich ihn vor mir. Seine leuchtenden Augen, als er mir von dem Angebot erzählte, Willa Nordstroms Headcoach zu werden. Von all den Möglichkeiten. Den Reisen. Dem Geld.
»Ich hätte es abgelehnt für dich.« Er sagte es ohne Zögern, und mein Herz zog sich zusammen.
»Ich weiß. Und das hätte ich niemals gewollt. Ich hätte es nicht ertragen, zu wissen, dass du diese Riesenchance für mich aufgegeben hast.«
»Beides hätte funktionieren können. Wir hätten zusammen sein können, und ich hätte Willas Coach sein können.«
»Und wie hätte mein Leben dann ausgesehen? Du wärst den Großteil des Jahres mit Willa unterwegs gewesen, und ich hätte in Green Valley auf dich gewartet? Mit einem Ring am Finger, den ich nur getragen hätte, weil ich sonst aus diesem Land geflogen wäre?!«
Kränkung blitzte in seinen Augen auf, und ich bereute meine harsche Formulierung. Ehe ich sie relativieren konnte, sagte er: »Du wärst nicht allein gewesen. Meine Familie hätte sich um dich gekümmert, unsere Freunde wären vor Ort gewesen … Und ich wäre so oft wie möglich zu dir nach Hause gekommen.«
»Genau das wollte ich nie.« Ich spürte, wie die Worte aus mir herausbrachen. »Diese … Abhängigkeit. Heiraten, um versorgt und abgesichert zu sein.«
»Du hättest wieder einen Job gefunden.«
»Ich rede nicht nur von finanzieller Abhängigkeit. Mein ganzes Leben hätte sich nach deinem gerichtet. Es wäre keine Ehe auf Augenhöhe gewesen. Nicht zu diesem Zeitpunkt.« Ich war müde. Vom Erklären, vom Rechtfertigen, vom Erinnern. »Es war kein Nein zu dir, Ryan. Sondern … zu der Situation.«
Ein bitterer Laut kam über seine Lippen. »Nur war das Ergebnis dasselbe, oder?«
Er wandte sich endgültig ab, und ein Teil von mir war erleichtert, nicht mehr in seine Augen blicken zu müssen, die so voller Schmerz waren. Ein anderer wollte, dass er auch meinen sah und aufhörte, so verdammt selbstgerecht zu sein. Ein paar Sekunden lang blieb ich noch so stehen. Wünschte mir, er würde sich noch einmal umdrehen. Irgendetwas sagen. Aber er blieb stumm. Saß mit angespannten Schultern und gesenktem Blick an der Kante des Heubodens, und je länger ich ihn betrachtete, umso größer erschien mir der Abstand zwischen uns. Ich verschränkte die Arme vor der Brust, weil mir plötzlich eiskalt war. Mit gesenktem Blick steuerte ich auf den nächstbesten Strohballen zu und ließ mich darauf nieder. Ich rutschte hin und her, bis ich eine Position gefunden hatte, die nicht piekste, wickelte die Arme um die angezogenen Knie und versuchte, nicht in Tränen auszubrechen.
* * *
»Lena?«, hörte ich eine tiefe Männerstimme.
Mr. Albright, dachte ich und sah zu Ryan, der im selben Moment wie ich »Hier oben« rief.
»Ryan? Was machst du denn hier?«
»Die Leiter ist umgefallen. Wir kommen nicht mehr runter.«
»Wir?«
»Ich bin auch hier«, sagte ich und trat neben Ryan. »Hallo Mr. Albright.«
Er hatte sich kaum verändert, sah immer noch wie eine ältere Version von Will aus und trug die übliche Kombi aus Jeans, Karohemd und Steppweste, dazu einen dunklen Stetson auf dem Kopf.
»Wie lange sitzt ihr denn schon da oben fest?« Er bückte sich, um die Leiter aufzuheben.
Ryan schielte auf die Uhr. »Zwei Stunden.«
Zwei Stunden. Es war mir wesentlich länger vorgekommen, vor allem, weil wir uns nach unserem Streit nur noch angeschwiegen hatten.
»Du meine Güte. Ihr müsst ja halb erfroren sein. Es ist kalt hier drin.« Er justierte die Leiter, sodass Ryan und ich nacheinander hinuntersteigen konnten. Als meine Finger um die Sprossen griffen, spürte ich, wie steif sie waren.
»Ich bin nur zufällig vorbeigekommen. Dachte, ich seh mal nach dir«, sagte Mr. Albright. Und an Ryan gewandt: »Izzy hat nicht erwähnt, dass du auch hier bist.«
»Sie war bereits weg, als ich gekommen bin.«
»Soso.« Mit einem Hauch Neugier sah Mr. Albright zwischen uns hin und her. »Aber ansonsten geht es euch gut?«
Wir nickten. Mr. Albright ließ den Blick durch die Scheune schweifen und brummte etwas, das wie »Nicht wirklich leerer hier« klang. Es war eine Feststellung, kein Vorwurf, trotzdem machte sich Frustration in mir breit. Wir hatten zwei wertvolle Stunden verloren.
Mr. Albright zog sein Handy aus der Brusttasche und wischte ein paarmal übers Display.
»Ally, Darling«, sagte er, das Smartphone am Ohr. »Bist du bitte so lieb und schürst den Kamin an? Und«, er schielte zu uns, »vielleicht kannst du zwei Tassen Kakao machen.«
Ryans Mund öffnete sich, als wollte er protestieren. Auch ich suchte fieberhaft nach einer Möglichkeit, das, was sich hier anbahnte, noch abzuwenden.
»Nein, nicht für uns. Obwohl ich auch nichts gegen eine Tasse einzuwenden hätte.« Er lächelte. »Ich hab hier zwei halb erfrorene Hochzeitshelfer, die sich dringend aufwärmen müssen. Hmmm … Ja, bis gleich.« Mr. Albright legte auf und ließ das Smartphone in seiner Brusttasche verschwinden. »Na, dann wollen wir mal.« Er ging vor, als wäre die Sache beschlossen.
»Eigentlich …«, setzte Ryan an, verstummte jedoch, als Mr. Albright sich zu ihm umdrehte. »Mein Wagen steht noch an der anderen Scheune.«
»Kein Problem, da kommen wir sowieso vorbei.«
* * *
Zehn Minuten später saßen Ryan und ich auf dem imposanten Chesterfield-Sofa der Albrights und nippten an unseren heißen Schokoladen, während vor uns ein gemütliches Feuer prasselte. Das war aber auch schon alles, was an dieser Situation gemütlich war. Das Schweigen zwischen uns hielt weiter an, hatte nur den Raum gewechselt. Es war ein imposanter Raum, keine Frage. Das Wohnzimmer im Haupthaus der Albrights sah aus, als gehörte es zum Set von Yellowstone. Ein Stilmix aus Stein, Leder und dunklem Holz. Wäre ich in einer anderen Stimmung gewesen, hätte ich ein Foto für Lara gemacht. Von dem gemauerten Kamin und dem Geweih darüber, der offenen Galerie, von der aus man in den Wohnbereich hinunterblicken konnte. Von den antiken Vasen und den gemusterten Webteppichen, den gerahmten Ahnenporträts und dem Schaukelstuhl.
»Hoffentlich werdet ihr nicht krank, ihr Ärmsten«, sagte Mrs. Albright und stellte eine Packung Chocolate Chip Cookies auf den Couchtisch.
Fast gleichzeitig griffen Ryan und ich danach und zogen hastig unsere Hände zurück. Ich gab ihm zu verstehen, dass er sich zuerst bedienen sollte, und erkundigte mich bei Mrs. Albright nach der Gästetoilette. Mir war bewusst, dass es wie eine Flucht wirkte, aber meine Blase drückte tatsächlich seit einer ganzen Weile.
Als ich von der Toilette zurückkehrte, schnappte ich gerade noch auf, wie Mrs. Albright zu Ryan sagte, dass sie ihn darum beneidete, wie viel er durch seinen Job von der Welt sah.
»Ja, das ist wirklich ein Bonus«, antwortete er mit einem schmallippigen Lächeln.
Ich nahm wieder auf der Couch Platz und griff nach meiner Tasse.
»Tja, dann … wärmt euch mal auf. Ich bin nebenan, wenn ihr was braucht.«
Nachdem sie uns allein gelassen hatte, lauschten wir eine Weile dem Prasseln des Feuers. In Green Valley hatte dieses Knacken und Zischen fest zu meinem Leben gehört. Seit ich wieder in Berlin wohnte, kannte ich Kaminfeuer nur noch von YouTube.
»Du ziehst ins Sebastian?«
Die Frage kam aus dem Nichts. Hatte Mrs. Albright ihm davon erzählt?
»Vielleicht. Es gibt mehrere Optionen. Sam und Leonie haben mir ihre Couch angeboten und Izzy …«
»Ihre Couch?«, unterbrach er mich stirnrunzelnd.
Ehe ich darauf eingehen konnte, vibrierte mein Smartphone. Izzys Name blinkte auf dem Display. Ich nahm den Anruf entgegen und meldete mich mit einem »Hey«.
»Hey! Ich mach mich demnächst auf den Heimweg und wollte mich erkundigen, ob alles geklappt hat. Bist du schon im Leaf?«
»Äh … nein. Ich … bin bei den Albrights. Es … gab da … einen Zwischenfall.«
»Was für einen Zwischenfall?«
Ich zögerte. »Die Leiter ist umgefallen, und wir saßen auf dem Heuboden fest. Aber es ist alles gut. Mr. Albright ist zufällig …«
»Stoppstoppstopp. Wer ist wir?«
Wieder ließ ich einen Moment verstreichen, und als ich fortfuhr, fühlte ich mich beobachtet. »Ryan und ich.«
»Ryan? Wieso Ryan?«
»Er ist vorbeigekommen. Da warst du schon weg.«
»Und wie seid ihr auf dem Heuboden gelandet?«
So laut, wie sie plötzlich sprach, war ich mir sicher, dass er jedes Wort verstand. Meine Wangen wurden warm, und ich wandte mich ab und senkte die Stimme.
»Das … ähm … ist eine längere Geschichte.«
Zu meiner Erleichterung gab sie sich für den Moment zufrieden. »Soll ich vorbeikommen? Dich abholen?«
»Das wäre lieb. Ich will den Albrights nicht noch mehr Umstände machen.«
»Kein Problem. So in dreißig Minuten könnte ich da sein.«
»Okay, ich warte hier auf dich.«
»Ich kann dich mitnehmen«, sagte Ryan neben mir.
Überrascht schnellte mein Kopf in seine Richtung.
»Es geht darum, wie du nach Hause kommst, oder?«
Ein wenig verdattert nickte ich.
»Wir müssen beide ins Leaf, also … Ich kann dich mitnehmen.«
»Bist du sicher?«, fragte ich leise.
Als wäre es keine große Sache, zuckte er mit den Schultern.
»Also … Ryan nimmt mich mit«, teilte ich Izzy mit, die mucksmäuschenstill geworden war.
»Okay«, kam es gedehnt zurück.
Weil ich seinen Blick überdeutlich spürte, würgte ich sie ab. »Ich meld mich, wenn ich im Leaf bin.«
»Hmmm«, machte sie und gab sich keine Mühe, die Neugier in ihrer Stimme zu verbergen.