Kapitel 17 - New Memories
By Lilly Lucas
Das ist ein schönes Auto«, sagte ich, als wir durch den Torbogen der Ranch fuhren und auf die Hauptstraße nach Green Valley abbogen. »War dein altes kaputt?«
Er antwortete nicht sofort. Wahrscheinlich fragte er sich, seit wann ich mich für Autos interessierte. Oder warum ich neuerdings so mies im Smalltalken war.
»Willa wird von BMW gesponsert.«
»Ah«, machte ich, obwohl ich nicht wirklich wusste, was er mir damit sagen wollte. Dass das ihr Wagen war? Dass er als ihr Trainer ebenfalls von dieser Kooperation profitierte?
»Den Jeep hab ich Amy gegeben«, murmelte er.
»Wie geht es ihr? Und Jack und den Jungs?«
Wieder ließ er sich Zeit. »Gut. Obwohl die zwei Racker ihnen ganz schön was abverlangen.« Für den Bruchteil einer Sekunde wurde seine Miene zugänglicher, und ich beschloss, die Gunst der Stunde zu nutzen.
»Ich wollte sie in den nächsten Tagen mal besuchen. Muss noch ein Hühnchen mit Amy rupfen.«
Sein Blick schnellte zu mir.
»Sie hat mein Zimmer im Leaf bezahlt. Beziehungsweise … nicht in Rechnung gestellt.«
»Natürlich hat sie das nicht.« Wieder war ich mir nicht sicher, wie ich seine Aussage zu deuten hatte. Spielte er darauf an, dass Amy eben Amy war, oder war er wie alle anderen der Meinung, dass es ohne mich gar kein Golden Leaf mehr gäbe?
»Vielleicht lässt sie sich darauf ein, dass ich wenigstens die vier Nächte bis Freitag bezahle.«
Er horchte auf. »Was ist Freitag?«
»Ab da wäre ein Zimmer im Sebastian frei.«
»Ah«, raunte er.
Wir passierten das Ortsschild von Green Valley und fuhren durch die Main Street. Obwohl erst Oktober war, leuchteten bereits die ersten Lichterketten an den Häuserfronten. Nicht mehr lange, und die ganze Straße würde in weihnachtlichem Glanz erstrahlen. Die Schaufenster würden mit künstlichem Schnee, Nussknackern und Rentieren dekoriert sein, und Weihnachtssterne und Stechpalmen würden die Pflanztröge zieren. Vor der Kirche würde ein riesiger Baum aufgestellt werden und mit dem traditionellen Tree Lighting eröffnet werden. Der Gedanke, dass ich nichts davon mitbekommen würde, versetzte mir einen Stich. Wir fuhren am Cozy Cup vorbei, das noch immer gut besucht war. Durch das Schaufenster sah ich Fynn ein voll beladenes Tablett balancieren.
Kurz darauf bogen wir zum Golden Leaf ab. Abgesehen von zwei Fenstern brannte im ganzen Haus Licht. Und diese Fenster lagen direkt nebeneinander. Die Erkenntnis sackte mir schwer in den Magen. Wir wohnten wirklich Tür an Tür. Ich schielte zu Ryan, aber er schien es nicht zu registrieren. Vielleicht wusste er es auch längst.
»Danke fürs Mitnehmen«, sagte ich, während er den Motor abstellte.
»Alles andere wäre albern gewesen.« Er machte keine Anstalten auszusteigen, trommelte stattdessen einmal kurz mit den Fingern gegen das Lenkrad. »Hör zu.« Er räusperte sich. »Wegen mir musst du nicht ins Sebastian ziehen.«
Überrascht sah ich ihn an.
»Oder auf irgendeiner durchgelegenen Couch schlafen.«
Ich runzelte die Stirn.
»Wir können beide nichts für die Situation, also … machen wir das Beste draus.« Er murmelte: »Ist ja nur für zwei Wochen.«
Ich war immer noch perplex. Damit hatte ich so gar nicht gerechnet. »Du hast kein Problem damit, dass wir uns jeden Tag über den Weg laufen?«
»Wir würden uns auch so jeden Tag über den Weg laufen. Das hier ist Green Valley.«
Damit hatte er nicht ganz unrecht. Selbst wenn ich in Vail übernachtete, würde ich mich die meiste Zeit hier aufhalten.
»Und … die Hochzeit?«, fragte ich vorsichtig.
Die Innenbeleuchtung erlosch. Nur das Verandalicht fiel durch die Frontscheibe. Zeichnete sanfte Konturen in sein Gesicht.
»Wir reißen uns zusammen. Für unsere Freunde.«
Ich verkniff mir den Hinweis, dass sich nur einer von uns zusammenreißen musste. Dass nur einer von uns angedroht hatte, nicht zu kommen.
»Okay«, sagte ich stattdessen.
Er nickte und hauchte: »Okay.«
* * *
»Was hat ihn zum Umdenken bewegt?«, rätselte Izzy.
Die Frage hatte ich mir selbst schon gestellt. »Keine Ahnung. Vielleicht ist es ihm zu anstrengend, ständig vor mir wegzulaufen. Oder er hat eingesehen, dass es hier nicht um ihn geht.«
Ich stellte das Handy auf Lautsprecher und lehnte es gegen den Zahnputzbecher, um mir die nassen Haare kämmen zu können.
»So oder so bin ich froh, dass du im Leaf bleiben kannst. Du bleibst doch, oder?«
»Ja, ich denke schon. Ich fühl mich hier wohler als im Sebastian. Obwohl ich gerade nichts gegen eine Sauna oder einen Jacuzzi einzuwenden hätte.« Die heiße Dusche hatte geholfen, aber die Kälte steckte mir noch in den Knochen.
»Hast du eigentlich schon was gegessen?«, fragte Izzy.
»Nur ein paar Kekse. Aber ich hab keine Lust, noch mal rauszugehen.«
»Ich kann dir was vorbeibringen«, schlug sie sofort vor. »Aus dem Diner oder …«
»Ach, Quatsch, nicht nötig. Ich hab noch einen Müsliriegel.«
»Müsliriegel? Nach dem Fiasko heute hast du dir wirklich was Besseres verdient.«
Ich legte die Bürste zur Seite und begann, mich abzuschminken. »Na ja, es war nicht nur ein Fiasko. Bevor das mit der Leiter passiert ist, sind Ryan und ich gut vorangekommen.«
»Ich muss mich erst wieder daran gewöhnen.«
»Woran?«
»Ryan und ich. Es klingt merkwürdig, wenn du das sagst. Und gleichzeitig … wie das Natürlichste der Welt.«
»Ja«, hauchte ich. »So geht es mir auch.«
»Echt?« Sie klang überrascht. »Ich dachte, du hättest damit abgeschlossen.«
»Hab ich auch«, beeilte ich mich zu sagen. »Es ist nur … wieder hier zu sein … weckt Erinnerungen.«
»Erinnerungen oder … Gefühle?«
Ich konnte mir bildhaft vorstellen, wie sie die Brauen hochzog.
»Na ja, sagen wir mal so: Ich erinnere mich jetzt wieder daran, wie es sich anfühlt, von Ryan Cooper mit Nichtachtung gestraft zu werden.«
Ein Prusten drang durch die Freisprechanlage. »Er hat wirklich gar nichts gesagt? Zwei Stunden lang?«
»Eineinhalb. Davor hat er mir vorgeworfen, ich hätte seinen Antrag nur abgelehnt, weil ich mich nicht festlegen wollte.«
»Uff.«
»Das kann er doch nicht ernsthaft glauben«, schnaubte ich. »Ich meine, ich habe ihn geliebt. Ich wollte mein Leben mit ihm verbringen. Warum sonst hätte ich mich um eine Greencard bewerben sollen? Und warum sonst hätte ich die Fernbeziehung vorgeschlagen? Das macht man nicht, wenn man sich nicht festlegen will.«
»Nein«, pflichtete sie mir bei. »Ich glaube, er ist einfach immer noch tief gekränkt, weil du seinen Antrag abgelehnt hast.«
»Mir war nicht bewusst, wie sehr …«
»Mir auch nicht. Aber das heißt nichts.«
Ich nahm Ernüchterung in ihrer Stimme wahr.
»Was meinst du?«
»Na ja, Ryan und ich reden nicht mehr so viel wie früher.« Sie klang betrübt. »Unsere Freundschaft hat sich verändert, seit ihr nicht mehr zusammen seid.«
»Das hast du nie erwähnt.«
»In welchem Zusammenhang hätte ich das tun sollen?«, erwiderte sie ohne den Hauch eines Vorwurfs.
»Wie ist das bei Will?«
»Ähnlich. Ich meine, nichts gegen Grayson, aber wenn mir vor drei Jahren jemand gesagt hätte, dass er mal Wills Trauzeuge wird, weil Ryan nicht zu unserer Hochzeit kommt …« Ein ungläubiger Laut kam über ihre Lippen.
»Es tut mir leid, Izzy.«
»Das ist doch nicht deine Schuld.«
»Aber wenn ich Ryans Antrag nicht abgelehnt hätte … Wenn ich nicht zurück nach Deutschland gegangen wäre … wir uns nicht getrennt hätten …«
»Stoppstoppstopp. Ryan, Will und ich kennen uns seit dem Sandkasten. Unsere Freundschaft reicht viel weiter zurück als eure Beziehung. Wenn sie sich verändert, dann hat das etwas mit uns dreien zu tun, nicht mit dir.«
»Ich fühle mich trotzdem mitverantwortlich.«
»Das musst du aber nicht. Wirklich nicht. Es ist außerdem nicht das erste Mal. Erinnerst du dich noch, wie es zwischen Ryan, Will und mir war, als du als Au-pair hier angekommen bist?«
»Ja, natürlich.« Ryan war damals gerade erst zurück nach Green Valley gezogen und hatte jeden von sich gestoßen, auch seine ältesten Freunde.
»Wer weiß, ob wir es ohne dich überhaupt hingekriegt hätten. Ich meine, du hattest einen wesentlichen Anteil daran, dass wir uns wieder zusammengerauft haben.«
Ihre Bemerkung weckte Erinnerungen an mein erstes Pumpkin Festival. Ryan hatte nicht hingehen wollen, aber irgendwie hatte ich ihn dazu gebracht, doch aufzutauchen. Nachdem er und Will sich anfangs wie die Hunde beschnuppert hatten, war das Eis gebrochen, und wir hatten einen lustigen Abend zusammen verbracht. Ryan und ich hatten zum ersten Mal miteinander getanzt, uns später am Abend sogar fast geküsst. Beim Gedanken daran legte mein Herz einen Zahn zu.
»Ihr werdet das wieder hinkriegen«, sagte ich voller Zuversicht. »Eure Hochzeit ist der beste Anlass dafür.«
»Wenn sie jemals stattfindet«, seufzte Izzy.
»Machst du dir immer noch Sorgen wegen der Scheune?«
»Ich und der Rest von Green Valley. Reverend Fitz hat mich vorhin angerufen, um mir das Gemeindezentrum anzubieten. Und Moe hat das Diner in den Ring geworfen.«
Ich schmunzelte. »Aber irgendwie süß, dass sie alle helfen wollen.«
»Schon, aber so langsam frage ich mich, ob es nicht doch ein Riesenfehler war, diese Hochzeit so über den Zaun zu brechen.«
»Ihr konntet nicht wissen, dass das Dach der Scheune beschädigt wird. Außerdem hätte euch das nächstes Jahr genauso passieren können.«
»Ja, ich weiß.«
Ich verspürte den Drang, meine Freundin aufzumuntern, und schlug vor, morgen früh gleich wieder zusammen zur Scheune zu fahren und weiter zu entrümpeln.
»Daraus wird leider nichts. Ich hab eine ganztägige Kanutour mit einer Reisegruppe aus Washington.«
»Oh.«
»Die restliche Woche sieht es leider nicht viel besser aus. Aber Will und ich haben uns das Wochenende geblockt. Wenn wir Samstag und Sonntag Vollgas geben, schaffen wir es vielleicht.«
»Bestimmt.« Ich bemühte mich um einen zuversichtlichen Ton, obwohl ich insgeheim skeptisch war. Zwei Tage würden niemals ausreichen, um das Chaos in den Griff zu kriegen und den Schrott zu entsorgen.