Kapitel 18 - New Memories
By Lilly Lucas
Ich starrte ein paar Sekunden lang auf die Tür, bevor ich den Mut fand zu klopfen. Mit pochendem Herzen wartete ich darauf, dass sich Schritte näherten, aber nichts dergleichen geschah. Ich unternahm noch einen zweiten Versuch. Wieder blieb es still auf der anderen Seite der Tür. Ryan war nicht da. Ich presste die Lippen aufeinander. Ein Teil von mir war unzufrieden, der andere wertete es als Zeichen. Vielleicht war es doch eine Schnapsidee. Ich wollte mich gerade abwenden, als ich eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahrnahm. Mit einer braunen Papiertüte aus dem Diner kam Ryan den Gang entlang. Überrascht blinzelte er.
»Wolltest du zu mir?«
»Äh … ja.« Ich brauchte einen Moment, um mich zu sammeln. »Hast du kurz … Ich meine … können wir reden?«
Er runzelte die Stirn.
»Nicht über uns«, schob ich sogleich nach. Obwohl ich durchaus Lust hatte, ihm noch ein paar Takte zu seinen Vorwürfen auf dem Heuboden zu sagen. Aber nicht jetzt und nicht hier. »Es geht um Izzy und Will. Die … Hochzeit.«
Er zögerte, und ich wurde unsicher.
»Kann ich nebenbei essen?« Er hob die Tüte an, auf der sich ein paar Fettflecken abzeichneten. »Ich sterbe vor Hunger, und es ist sowieso nur noch lauwarm.«
»Ja, natürlich.« Erleichterung breitete sich in mir aus, aber sie hielt nur ungefähr eine Sekunde lang an. Bis mir bewusst wurde, dass er nicht hier auf dem Hotelflur essen konnte. Aber die Alternative …
»Wir können in die Lobby gehen«, schlug er vor, als hätte er meine Gedanken gelesen.
Ich nickte.
»Kannst du das kurz halten? Ich werf nur meine Jacke ins Zimmer.«
Ich nahm ihm die Tüte ab und trat einen Schritt zur Seite. Mein Magen meldete sich mit einem unmissverständlichen Geräusch, als mir der Geruch von frittiertem Essen in die Nase stieg. Vielleicht hätte ich Izzys Angebot, mir etwas vorbeizufahren, doch annehmen sollen. Ryan war inzwischen im Zimmer verschwunden. Ich hörte, wie er den Reißverschluss seiner Jacke aufzog. Kurz darauf kam er in einem grauen Strickpullover durch die Tür. Ich reichte ihm die Tüte, und wir setzten uns wortlos in Bewegung.
Hannah telefonierte an der Rezeption, schenkte uns aber ein Lächeln, als wir zusammen die Treppe hinunterkamen. Ich spürte ihren Blick auf uns, als wir das Sofa vor dem Kamin ansteuerten. Aber das war nicht der Grund, warum sich mein Herzschlag beschleunigte. Es waren die Erinnerungen an den Abend der Neueröffnung. Ich und er auf diesem Sofa. Küsse, Berührungen und geflüsterte Worte. Vor meinem inneren Auge sah ich, wie wir uns die Kleider vom Leib streiften, wir zusammen auf dem Fell vor dem Kamin lagen und …
»Alles okay?«
Ertappt zuckte ich zusammen. »Ja«, krächzte ich und senkte den Blick, weil sich meine Wangen plötzlich unnatürlich heiß anfühlten.
Ich setzte mich aufs Sofa und wartete, bis er sein Essen auf dem Couchtisch ausgebreitet hatte. Mit unverhohlenem Neid blickte ich auf sein Fast-Food-Büfett. Chicken Wings, Pommes, Onion Rings und ein riesiger Becher Dr. Pepper. Ich konnte meinem Magen nicht verdenken, dass er ein lautstarkes Knurren von sich gab. Ryan schielte zu mir. Ehe er etwas sagen konnte, ergriff ich das Wort.
»Also, es ist so: Ich hab vorhin mit Izzy telefoniert, und sie macht sich große Sorgen wegen der Scheune. Dass sie nicht rechtzeitig fertig wird für die Hochzeit.«
»Die würde ich mir auch machen«, bemerkte er trocken und tunkte ein paar Pommes in Ketchup.
»Sie und Will sind beruflich gerade stark eingebunden und können keinen Urlaub mehr nehmen. Also hab ich mich gefragt, ob …«, ich zögerte, »wir nicht was tun können.«
»Was meinst du?« Er schob sich die Pommes in den Mund.
»Na ja, du und ich … sind die Einzigen, die … keine Verpflichtungen haben.«
Er hielt in seiner Kaubewegung inne.
»Alle anderen müssen arbeiten.« Unter seinem skeptischen Blick fuhr ich fort. »Wenn wir uns richtig reinknien, kriegen wir das Ding schnell leer geräumt und …«
»Moment.« Er schüttelte den Kopf, als hätte er sich verhört. »Du willst, dass … wir beide … die Scheune leer räumen?« Sein Finger deutete erst auf mich, dann auf sich. »Du und … ich?«
»Ich würde es allein machen, aber ich hab kein Auto. Außerdem ist mir vieles davon zu schwer.«
Er starrte mich an, als wäre ich von allen guten Geistern verlassen, und ich verlor endgültig den Mut.
»Okay, vergiss es. War eine blöde Idee.« Ich erhob mich.
»Warte.«
Ich hielt inne. Lautstark stieß er die Luft aus. »Es ist keine blöde Idee. Ich … bin mir nur nicht sicher, ob wir das hinkriegen.«
»Die … Scheune leer zu räumen?«
Ernsthaft?, fragte er nur mit seinen Augen, und meine Wangen wurden noch heißer.
»Wir müssen nicht groß miteinander reden. Einfach nur … arbeiten. Jeder für sich. Haben wir doch heute auch ganz gut hinbekommen.« Ich räusperte mich. »Bevor das mit der Leiter passiert ist.«
Ein paar Sekunden lang war es still. Nur das Knistern des Feuers erfüllte den Raum.
»Okay«, sagte er zu meiner Überraschung und sah aus, als hätte er gerade eine Entscheidung entgegen seinem Instinkt getroffen.
Überrascht blinzelte ich. »Du bist dabei?«
»Izzy und Will sind meine besten Freunde, und ich will, dass sie die Hochzeit bekommen, die sie sich erträumt haben.«
Mein Mund öffnete sich, aber er kam mir zuvor.
»Unter zwei Bedingungen.«
Abwartend sah ich ihn an.
»Erstens: Wir reden nicht über uns.«
Ich schluckte.
»Gar nicht«, stellte er klar und hielt meinen Blick fest. »Keine Anspielungen, keine Vorwürfe, keine Diskussionen. Wir räumen einfach nur diese Scheune aus.«
»Find ich gut. Und … die zweite?«
»Du setzt dich wieder hin und fütterst die Bestie in deinem Magen.« Auf meinen verdatterten Blick hin schob er die Pommestüte in meine Richtung. »Das ist ja kaum zu ertragen.«
Ich presste die Lippen aufeinander und lächelte. Dann nahm ich wieder Platz und bediente mich an den Pommes. Sie waren nur noch lauwarm, aber kross und perfekt gewürzt, genau so, wie ich sie in Erinnerung hatte.
»Danke«, stöhnte ich mit vollem Mund.
Er schob mir auch noch die Onion Rings zu. »Chicken Wings muss ich dir vermutlich nach wie vor nicht anbieten.«
Ein schwaches Schmunzeln hob meine Mundwinkel, und ich schüttelte den Kopf. »Immer noch Vegetarierin.«
Er nahm einen Schluck Dr. Pepper und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. »Also, wie hast du dir das mit der Scheune vorgestellt? Wann starten wir? Gleich morgen?«
Wir. Es hallte noch einen Augenblick in meinem Kopf nach. »Würde ich vorschlagen.«
»Um wie viel Uhr wollen wir hier aufbrechen? Acht? Neun?«
»Acht klingt gut.« Ich tauchte einen Zwiebelring in Sour Cream. »Vielleicht können wir unterwegs noch im Diner oder bei Fynn halten und Kaffee und Snacks besorgen. Könnte ein langer Tag werden.«
Er nickte zustimmend. Dann schien ihm ein Gedanke zu kommen. »Was ist mit Izzy und Will? Wissen sie davon?«
»Nein, ich wollte erst mit dir reden.«
»Wir sollten das mit ihnen absprechen, oder? Irgendwer muss ja auch die Albrights informieren, dass wir uns den ganzen Tag auf ihrer Ranch rumtreiben.«
»Ich ruf Izzy gleich an und klär das.«
»Okay.«
Einen Augenblick lang sahen wir uns schweigend an. Als er zu lang wurde, räusperte ich mich. »Gut, dann … ähm … danke fürs Essen.« Ich stand auf. »Wir sehen uns morgen früh?«
»Um acht.«
»Ja«, hauchte ich und lächelte.
Wieder war es ein paar Sekunden zu lang still.
»Bis dann«, sagte ich mit dünner Stimme.
»Bis dann.«
Ich wandte mich ab und lief auf die Treppe zu. Ehe ich die erste Stufe nahm, warf ich noch einen verstohlenen Blick über die Schulter. Sah Ryan am Kamin sitzen, die Ellbogen auf den Knien abgestützt, den Blick auf die Flammen gerichtet. Er wirkte nachdenklich. Ein wenig aufgekratzt. Als würde ihn dieselbe Frage beschäftigen wie mich. Ob es wirklich eine gute Idee war, diese Tür zu öffnen.