Kapitel 20 - New Memories
By Lilly Lucas
Hat Izzy mal erwähnt, wie sie die Bude hier warm kriegen wollen?«, hörte ich Ryan hinter mir fragen.
»Heizstrahler«, ächzte ich, während ich nach der Mistgabel tastete, die an einem Nagel an der Wand hing. Der alte Holzschlitten unter meinen Füßen knarrte verdächtig, aber ich hatte auf die Schnelle nichts Stabileres gefunden. »Soweit ich weiß, mieten sie welche. Und sie hoffen natürlich auf gutes Wetter.«
Schritte näherten sich. »Brauchst du Hilfe?«
»Hab’s … gleich«, stöhnte ich und ging auf die Zehenspitzen.
»Sicher?«
Die Mistgabel glitt vom Haken, und ich drehte mich triumphierend zu ihm um. »Sicher.«
Im nahezu selben Moment gab das Holz nach, und ich krachte durch die Latten. Erschrocken starrte ich ihn an, die Mistgabel noch immer fest umschlossen.
»Alles okay?«, fragte er irgendwo zwischen Besorgnis und dem verzweifelten Versuch, nicht laut loszulachen.
Ich nickte. Für einen Moment herrschte absolute Stille. Dann prusteten wir los.
»Du siehst aus wie Triton mit seinem Dreizack.«
Meine Wangen mussten inzwischen feuerrot sein vor Scham, aber ich konnte nicht aufhören zu lachen. »Scheiße«, gluckste ich und reichte ihm die Mistgabel, um aus dem kaputten Schlitten steigen zu können.
»Hast du dir wehgetan?«
»Ich glaube nicht«, erwiderte ich und befreite meine Hose von ein paar Holzsplittern.
»Das ist ja unser alter Schlitten.« Ryan war in die Hocke gegangen.
»Es war euer alter Schlitten.«
»Wo hast du den gefunden?«, überging er meinen Einwand.
»Irgendwo dort hinten.« Vage deutete ich in eine Ecke. »Lag unter einer Plane.«
»Izzy, Will und ich haben ihn zusammen gebaut.« Der nostalgische Ton in seiner Stimme ließ mich aufhorchen. »Da müssten sogar irgendwo unsere … Ah! Hier!« Er deutete auf die drei Namen, die mit einem Lötkolben ins Holz gebrannt worden waren.
»Ihr habt den selbst gebaut?«, fragte ich erstaunt.
»Na ja, wir haben hauptsächlich das Werkzeug gehalten. Wills Großvater hat ihn mit uns gebaut.«
Ich legte den Kopf schief. »Er sieht gar nicht selbst gemacht aus.« Alles wirkte so akkurat und ebenmäßig.
»Wills Großvater war handwerklich sehr geschickt. Er hat auch die Blockhütte gebaut. Und einige Möbel dort.«
»Stimmt, das hat Will mir erzählt.« Erinnerungen an mein erstes Wochenende in der Albright-Hütte flackerten auf. Izzy, Will, Ryan und ich. Als wäre es gestern gewesen, sah ich uns dort vor dem Kamin sitzen. Im Jacuzzi. Dart spielen. Mac and Cheese essen. An jenem Wochenende hatte Ryan mir Skifahren beigebracht. Wir hatten uns zum ersten Mal geküsst und …
»Will hat mal erwähnt, dass er nicht weiß, wo der Schlitten abgeblieben ist«, holte mich Ryans Stimme zurück ins Jetzt.
Mit Blick auf die kaputten Latten seufzte ich: »Vielleicht belassen wir es besser dabei.«
Er sagte nichts. Stattdessen begutachtete er die Streben. Fuhr über die Stelle, an der mein Gewicht sie durchgebrochen hatte. Dann griff er mit beiden Händen um den Schlitten und hob ihn hoch. »Das bleibt unter uns, okay?«
Ich verengte die Augen. »Dass ich ihn kaputt gemacht habe oder …«
»Alles.« Die Kufen nach vorn gerichtet, wuchtete er den Schlitten über seinen Kopf und trug ihn nach draußen. »Kein Wort zu Izzy und Will.«
Irritiert folgte ich ihm. »Glaubst du, sie wären sauer auf mich?«
»Quatsch.« Er lief zu seinem Wagen und verfrachtete den Schlitten in den Kofferraum.
»Aber warum willst du ihn dann heimlich entsorgen?«
»Ich will ihn nicht entsorgen. Ich will ihn reparieren.«
Nun war es an mir, überrascht dreinzublicken.
»Abgesehen von der Sitzfläche ist er noch gut in Schuss. Vielleicht kann man die Holzlatten ersetzen.«
»So was kannst du?«, fragte ich mit gehobenen Brauen.
»Nein, aber ich kenne jemanden, der’s kann.«
Ich wollte etwas erwidern, als ich auf den Van aufmerksam wurde, der sich uns näherte.
»Das ist Will«, sagte Ryan und schloss den Kofferraum.
Ich hob die Hand zum Gruß, als er neben uns parkte. Mit zwei Kaffeebechern in einem Papp-Getränkehalter stieg er aus. Er trug seine Sheriff-Uniform, hatte den Hut aber im Wagen gelassen.
»Ich war auf dem Rückweg und dachte, ihr könntet vielleicht eine Ladung Koffein gebrauchen.«
»Immer.« Ryan griff nach einem Becher.
Will hielt mir den anderen hin.
»Danke, das ist lieb.«
»Ist das Mindeste. Ich hab ein sauschlechtes Gewissen, dass ihr hier den ganzen Tag für uns ackert.«
»Musst du nicht, war ja unsere Entscheidung«, erwiderte ich, während wir gemeinsam auf das Scheunentor zusteuerten.
»Trotzdem. Ich würde wirklich gerne mit anpacken. Lieber, als die Nachbarschaftsstreitigkeiten von Mrs. DeGette und Mrs. Patronis zu regeln.« Mit einem Augenrollen gab er uns zu verstehen, dass wir erst gar nicht nachfragen sollten.
»Eigentlich gibt es da nicht mehr viel mit anzupacken.« Ryan machte eine Tadaaa-Bewegung, und Wills Augen wurden groß.
»Wow. Ihr wart ja echt fleißig!«
»Bis heute Abend werden wir wahrscheinlich fertig. Dein Dad muss dann nur noch entscheiden, was von dem Zeug wegsoll und was nicht.« Ryan deutete mit dem Daumen hinter sich.
»Ich sag ihm Bescheid. Izzy und ich sind heute Abend sowieso bei meinen Eltern, um ein paar Dinge zu besprechen.« Er bückte sich, um seinen Schuh zu binden. Bevor er sich aufrichtete, blieb sein Blick an meinem Fuß hängen. »Du blutest.«
»Hm?« Ich sah an mir hinab und entdeckte ein paar Kratzer an der Außenseite meines rechten Knöchels. »Oh, shit! Das muss passiert sein, als ich in den Schl…«, ich stockte, »an dieser Holzkiste hängen geblieben bin.«
Ryan spielte sofort mit. »Ja, wahrscheinlich.«
»Bist du gegen Tetanus geimpft?«, fragte Will.
Im ersten Moment hielt ich es für einen Scherz.
»Vielleicht hast du dir einen Splitter geholt. Du solltest es auf jeden Fall desinfizieren.«
Ryan nickte zustimmend. »Ich hol den Verbandskasten aus dem Auto.«
Ehe ich protestieren konnte, war er auf dem Weg nach draußen.
Will sah ihm nach. »Scheint ja ganz gut zu klappen. Du und Cooper, meine ich.« Er wirkte überrascht, fast ein wenig skeptisch.
»Ja, wir kommen klar.«
Er ließ etwas Zeit verstreichen. »Ich hätte nicht gedacht, dass er sich darauf einlässt.«
»Er macht es für euch.«
»Hm«, raunte Will nachdenklich.
Im selben Moment klingelte sein Smartphone. Er nahm den Anruf entgegen und verzog das Gesicht. »Schon wieder?« Genervt stöhnte er auf. »Bin auf dem Weg.« Er ließ das Smartphone zurück in seine Brusttasche gleiten. »Ich muss leider los. Der Nachbarschaftsstreit eskaliert.«
»Oh, oh.«
»Ich klär das heute Abend mit meinem Dad und geb euch Bescheid«, rief er mir im Gehen zu.
»Alles klar.«
Ich sah, wie er sich von Ryan verabschiedete und in seinen Wagen stieg.
»Hier.« Ryan reichte mir ein orangerotes Erste-Hilfe-Kit.
»Es ist nur ein Kratzer«, murrte ich, nahm es aber entgegen und setzte mich auf eine der unteren Leitersprossen.
»Danke, dass du den Schlitten nicht erwähnt hast.«
»Kein Ding.« Ich schlug meine Jeans um und drehte den Fuß so, dass ich die Außenseite meines Knöchels besser sehen konnte. Die Kratzer waren nicht tief, bluteten aber tatsächlich noch leicht. »Auch wenn ich nicht verstehe, warum niemand wissen darf, dass du ihn reparieren lassen willst.«
Er druckste ein wenig herum. »Ich hab kein Hochzeitsgeschenk.«
Überrascht sah ich auf.
»Ich wäre ja eigentlich nicht da gewesen.«
»Du hättest ihnen nichts zur Hochzeit geschenkt?«
»Doch, natürlich. Aber erst im Dezember, wenn wir uns wiedergesehen hätten. Ich dachte, ich hätte mehr Zeit.«
»Verstehe. Und der Schlitten …«
»Das war nur ein spontaner Einfall.« Mit einem Mal wirkte er verlegen. »Vielleicht ist es auch albern …«
»Nein, überhaupt nicht«, beeilte ich mich zu sagen. »Es ist eine tolle Idee. Ich meine, dieser Schlitten ist … eine Kindheitserinnerung. Ein … Symbol für eure Freundschaft.« Ich überdachte meine Worte. »Zumindest, wenn er wieder heil ist.«
»Was hast du für die beiden?«
»Milkshake-Gläser.«
An seinem Lächeln erkannte ich, dass er sofort verstand, wie ich auf diese Idee gekommen war.
»Aus einer kleinen Manufaktur in Berlin. Ich hab sie gravieren lassen. Mit ihren Namen und dem Hochzeitsdatum.«
»Das ist eine schöne Idee.«
»Du findest es nicht kitschig?« Ich durchsuchte den Verbandskasten nach einem Desinfektionsspray, bis ich ein Fläschchen fand, auf dem »antiseptic« stand.
»Doch. Aber eine Hochzeit ist der beste Anlass für Kitsch.« Er schmunzelte.
Ich setzte das Desinfektionsspray an. Scharf zog ich die Luft zwischen die Zähne, als der Sprühnebel auf meine Haut traf. Ich fand ein Pflaster und entfernte das Schutzpapier. Ein Wirbel knackte, als ich mich runterbeugte, um es anzubringen. Der Winkel war ungünstig, und das Pflaster verfing sich an meiner Jeans.
»Shit«, murrte ich.
»Lass mich das machen.« Zu meiner Überraschung nahm Ryan mir das Täschchen aus der Hand, suchte nach einem neuen Pflaster und kniete sich neben mich. Sein Gesicht war jetzt höchstens eine Armlänge entfernt, und ich hielt die Luft an. Spürte, wie mich seine plötzliche Nähe aus dem Konzept brachte. »Also Splitter seh ich keine«, murmelte er, und ich ertappte mich dabei, dass ich sein Profil betrachtete. Mein Blick wanderte über sein Haar, seine Wangen, die Linien seines Kiefers, seinen Hals. An seinem Arm entlang zu seiner Hand, die gerade dabei war, die Schutzfolie von einem Pflaster zu lösen und es vorsichtig an meinem Knöchel anzubringen. Als er die Ränder glatt strich und seine Finger meine Haut berührten, zuckte ich zusammen. Er hielt inne und sah auf. »Tut es so weh?«
Das »Nein« rutschte mir zu schnell über die Lippen, und in seinen Augen blitzte Irritation auf.
»Deine Hände sind kalt.«
Er runzelte die Stirn.
»Danke«, murmelte ich und zog meinen Fuß zurück. Spürte, dass mein Knöchel kribbelte, dort, wo er ihn berührt hatte.
»Kein Problem«, hörte ich ihn sagen, als ich die Jeans nach unten krempelte. Aber das Kribbeln blieb.