Kapitel 22 - New Memories
By Lilly Lucas
Gott, bist du groß geworden!«
Es klang banal, aber es war das Erste, was mir in den Sinn kam, als ich Liam Cooper gegenüberstand. Einem Teenager, der so gar nichts mehr mit dem Fünfjährigen gemein hatte, auf den ich als Au-pair aufgepasst hatte. Mit dem Neunjährigen, von dem ich mich verabschiedet hatte, als ich nach Deutschland zurückgegangen war. Er war mindestens einen Kopf größer als in meiner Erinnerung und ein wenig schlaksig. Als wäre er zu schnell gewachsen. Sein Haar war immer noch kastanienfarben, wie das seiner Mutter, aber es war länger und fiel ihm ungezähmt in die Stirn. Seine Hände steckten in den Taschen einer viel zu großen Kapuzenjacke, und er trug Baggy Sweatpants.
»Wie wär’s, wenn du mal Hallo sagst«, rügte Jack seinen Sohn.
Amy stupste Liam liebevoll an. »Du bist doch sonst nicht so schüchtern.«
»Mom!«, stöhnte er.
»Achtung, frei laufender Teenager«, sagte Jack zu mir und zog eine Grimasse.
»Achtung, Dad Joke.« Liam rollte mit den Augen, und ich hielt mir die Hand vor den Mund, um nicht lachen zu müssen.
»Das Essen ist gleich fertig.« Amy rief nach ihrem jüngsten Sohn. Es dauerte keine zehn Sekunden, bis Noah die Treppe hinunterpolterte, und einen Moment lang traute ich meinen Augen nicht. Dunkelblonde Haare, grüne Augen …
»Ja, ich weiß.« Sie schmunzelte. »Er ist seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten.«
Und Ryan, dachte ich und konnte meinen Blick nicht von dem kleinen Kerl lösen. Er war fast fünf gewesen, als ich ihn das letzte Mal gesehen hatte. Inzwischen ging er zur Schule. »Erinnerst du dich noch an Lena?«, fragte Jack seinen Jüngsten.
Kindlich verlegen schüttelte er den Kopf.
»Ich hab auf deinen Bruder aufgepasst, als er noch ganz klein war«, erklärte ich ihm und lächelte in Liams Richtung.
»Und dann war sie Onkel Ryans Freundin«, sagte Liam.
»Ja, genau.«
»Aber sie wollte ihn nicht heiraten, also ist sie wieder zurück nach Deutschland gegangen.«
Gefühlt sackte mein Herz mit einem Rums nach unten.
»Liam!« Jack und Amy bedachten ihren Sohn mit einem ungläubigen Blick.
»War doch so«, sagte der schulterzuckend.
»Warum wolltest du Onkel Ryan nicht heiraten?« Mit großen Augen sah Noah mich an, und für einen Moment wusste ich nicht, was ich antworten sollte.
»Das hatte … verschiedene Gründe.«
»Welche denn?«, entgegnete Liam mit gerecktem Kinn.
»Liam!« Entschuldigend sah Amy mich an.
»Ist schon gut.« Ich zwang mich zu einem Lächeln.
»Wie wär’s, wenn ihr euch schon mal hinsetzt«, schlug Amy vor. »Jack, kannst du kurz die Soße umrühren? Ich muss die Nudeln abgießen.«
Während die beiden am Herd beschäftigt waren, nahm ich mit den Jungs am gedeckten Tisch Platz.
»Spaghetti Meatballs ist mein Lieblingsessen«, sagte Noah vorfreudig.
»Es gibt heute keine Meatballs«, bemerkte Liam. »Nur Tomatensoße.«
Noah runzelte die Stirn. »Aber Mom hat gesagt …«
»Lena isst kein Fleisch«, brummte Liam mit einem Gesichtsausdruck, der so viel sagte wie: Bedank dich bei ihr.
»Aber wir essen doch Fleisch«, erwiderte Noah verständnislos.
»Heute nicht.« Amy stellte einen Topf Tomatensoße auf den Tisch.
»Wegen mir hättet ihr nicht extra …«, setzte ich an, wurde aber von Jack unterbrochen.
»Mach dir keine Gedanken. Wir essen oft vegetarisch.«
»Aber nicht heute.« Noah schob die Unterlippe vor. »Ich wollte Spaghetti Meatballs.«
»Spaghetti mit Tomatensoße ist genauso lecker«, sagte Amy.
»Find ich nicht«, murrte er.
Ich formte mit meinen Lippen ein »Tut mir leid« in ihre Richtung, aber sie schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen.
Jack klatschte in die Hände. »Also, wer hat Hunger?«
Während des Essens plauderten wir entspannt über mein Leben in Berlin. Jack und Amy wollten alles wissen. Sie erkundigten sich nach meinem Job, meiner Wohnung und meinen Eltern, fragten, ob mein Vater noch sein Versicherungsbüro hatte und wie es Lara ging. Ich erzählte von unserem WG-Leben, von Kolja, der Hochzeit meines Bruders und den Plänen meines Vaters, beruflich kürzerzutreten. Im Gegenzug ließ ich mich auf den neusten Stand bringen. Ich erfuhr, dass Liam immer noch Eishockey spielte, Noah aber mehr Interesse am Skifahren zeigte. Dass Jack immer noch als Dozent für Geologie an der Uni in Boulder arbeitete, aber ein Forschungssemester genommen hatte, um sich intensiver mit dem Gletscherrückgang in den Rockys zu befassen. Dass Amy ab Januar in ihren Job als Sozialarbeiterin zurückkehren wollte.
»Vorausgesetzt, wir finden bis dahin eine Vertretung für Hannah. Ansonsten muss ich übergangsweise für sie im Leaf einspringen.«
»Wie lange geht sie denn in Elternzeit?«
»In Colorado sind drei Monate üblich«, erklärte Amy, »aber sie würde gerne noch zwei weitere unbezahlt nehmen. Das wollen wir ihr natürlich ermöglichen.«
»Auf lange Sicht müssen wir uns da sowieso was überlegen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie nach Grand Junction zieht.«
Amy stimmte ihm zu und erklärte: »Hannah und ihr Freund führen eine Wochenendbeziehung. Boone arbeitet im Bauunternehmen seiner Familie, ist also an Grand Junction gebunden.«
»Ich kann mir das Leaf gar nicht ohne Hannah vorstellen«, bemerkte ich und drehte die letzten Spaghetti auf meine Gabel.
»Geht uns ähnlich.« Amy sah zu Jack und bedachte ihn mit einem zuversichtlichen Blick. »Aber wir werden schon jemanden finden, der sie würdig ersetzt.«
»Bestimmt.« Ich legte mein Besteck zur Seite. »Es war wirklich mega lecker.«
»Kann ich jetzt wieder spielen gehen?«, fragte Noah ungeduldig, als hätte er nur auf ein Zeichen gewartet.
Amy nickte, und er rutschte geräuschvoll mit seinem Stuhl zurück und sprang auf.
»Kann ich auch gehen?«, fragte Liam auf diese Gelangweilter-Teenager-Art, an die ich mich immer noch nicht ganz gewöhnt hatte. Wann war aus dem zuckersüßen Knirps dieser pubertäre Stoffel geworden?
»Räumt eure Teller ab«, bat Jack, als die Jungs schon dabei waren, den Raum zu verlassen.
Nörgelnd kamen sie seiner Bitte nach, und ich musste schmunzeln, weil es mich an meine eigene Kindheit erinnerte.
»Ist Platz für Nachtisch?«, fragte Amy in die Runde, als Ruhe eingekehrt war. »Ich hab Brownies gebacken.«
Jack und ich winkten beide ab und hielten uns die Bäuche. Amy hingegen erhob sich vom Tisch und kehrte wenig später mit einem Brownie in der Hand zurück.
»Den hab ich mir verdient.« Genüsslich biss sie ein Stück ab. »Die Jungs waren heute wahnsinnig anstrengend. Keine Ahnung, was die gefrühstückt haben.«
Jack strich ihr über die Schulter.
»Sie sind so groß geworden«, bemerkte ich. »Vor allem Liam.«
»Er ist ein Teenager«, seufzte sie. »Hast du ja zu spüren bekommen.«
»Ich weiß nicht, was da in ihn gefahren ist«, sagte Jack entschuldigend.
»Ach …« Ich machte eine wegwerfende Handbewegung, obwohl ich nicht leugnen konnte, dass mich Liams Verhalten beschäftigte. Während des Essens hatte er sich zwar zurückgehalten, aber ich hatte nur einsilbige Antworten auf meine Fragen nach der Schule oder dem Eishockeytraining bekommen.
»Vielleicht war er enttäuscht, weil Ryan keine Zeit hatte.« An Jack gewandt sagte Amy: »Ich hoffe wirklich, er kommt morgen vorbei. Die Jungs würden ihn so gern mal wieder sehen.«
»Er war noch gar nicht bei euch?«, fragte ich erstaunt.
Amy schüttelte den Kopf und murmelte: »Schwer beschäftigt.«
»Ich fürchte, daran bin ich nicht ganz unschuldig. Die Sache mit der Scheune war meine Idee.«
»Amy hat mir erzählt, ihr räumt sie zusammen aus?«, fragte Jack.
»Ja. Izzy und Will hinken ihrem Zeitplan ziemlich hinterher.«
»Und … ähm … das klappt?«, fragte er vorsichtig. »Ihr beide … zusammen?«
Es geht dich nichts an. Nicht mehr.
»Na ja, wir … geben unser Bestes«, antwortete ich diplomatisch.
»Ich fänd’s schön, wenn ihr einen Weg fändet … Freunde zu sein«, sagte Amy.
Ich versuchte mich an einem Lächeln, aber es fiel mir schwer.
»Übrigens wollte ich mich längst bei euch bedanken«, wechselte ich das Thema. »Das mit dem Zimmer wäre wirklich nicht nötig gewesen.«
Amy lachte. »Du wirst auf Lebenszeit umsonst im Golden Leaf übernachten, das ist dir hoffentlich klar.«
Ich wollte protestieren, aber sie wiegelte ab.
»Hättet du und Ryan das Leaf damals nicht renoviert, wer weiß, ob es noch im Besitz unserer Familie wäre.«
»Amy hat recht. Wir haben dir so viel zu verdanken, Lena.«
Ich schluckte gegen die Rührung an, die in meinem Hals hochsteigen wollte. Plötzlich war alles ein bisschen zu viel. Ich ließ mir nichts anmerken und entschuldigte mich auf die Toilette. Auf dem Weg dorthin kam ich am Wohnzimmer vorbei. Liam lümmelte auf der Couch und zockte Mario Kart.
»Was spielst du da?«, fragte ich, nur um einen Gesprächsaufhänger zu haben.
»Mario Kart«, antwortete er, ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen.
Ich ließ mich nicht entmutigen. »Hey, ich hab mir überlegt, dass wir beide ja vielleicht mal was zusammen unternehmen könnten, während ich hier bin. Was meinst du?«
Kurz huschte sein Blick zu mir. »Kommt Onkel Ryan auch mit?«
»Äh … ich … denke nicht.«
Er nickte, als hätte er genau diese Antwort erwartet. »Weil ihr euch nicht mehr mögt.«
»Was? Nein! Wir …« Ich stockte. »Wir sind nicht mehr zusammen, aber … das heißt nicht, dass … Ich meine, wir …« Fuck, warum war das so schwer? Ich nahm mir einen Moment. »Es ist nicht mehr wie früher, aber das heißt nicht, dass wir uns nicht mehr mögen.«
»Dann kann er ja mitkommen«, erwiderte Liam mit einem Hauch Trotz und widmete sich wieder seinem Videospiel.