Kapitel 27 - New Memories
By Lilly Lucas
Anders als am Vormittag stand das Tor der Mülldeponie weit offen. Am Eingang befand sich eine Art Kassenhäuschen, neben dem eine Waage in den Boden eingelassen war, auf die wir mitsamt Anhänger fuhren. Ryan ließ das Fenster herunter und plauderte kurz mit dem Mitarbeiter, der Kennzeichen und Gewicht aufnahm und uns weiterwinkte. Anschließend fuhren wir einen der bodentiefen Container an.
»Dann mal los«, sagte Ryan.
Wir zogen uns Arbeitshandschuhe an und begannen mit dem Abladen. Scheppernd verschwanden die Teile im Container. Ab und an benötigte ich Ryans Hilfe beim Tragen, aber die meiste Zeit arbeitete jeder für sich. Es war anstrengend und schweißtreibend, und ich musste mehrfach eine Pause einlegen und einen Schluck Wasser trinken. Als der Anhänger leer war, fuhren wir zum Ausgang, wo der Wagen erneut gewogen wurde. Ryan beglich die Gebühr und wünschte dem Mitarbeiter noch einen schönen Tag, bevor wir die Heimreise antraten.
Erschöpft lehnte ich mich im Sitz zurück und ließ meinen Nacken kreisen, bis ein Wirbel knackte.
»Autsch«, machte Ryan neben mir.
»Ich bin körperliche Arbeit nicht«, ein Gähnen kam mir in die Quere, »gewohnt.«
»Ich bin auch ziemlich platt«, gab er zu.
Wir verfielen in Schweigen, aber es war ein angenehmes, einvernehmliches Schweigen. Ganz anders als heute Morgen. Überhaupt hatte sich etwas zwischen uns verändert, seit wir in Green Valley aufgebrochen waren. Ich konnte es noch nicht ganz greifen, auch nicht klar benennen. Da war kein großes Ereignis gewesen, nicht dieser eine Moment oder das eine Gespräch. Eher viele kleine Dinge. Ein Lachen hier, ein Blick dort, ein freundliches Wort, eine nette Geste. Und natürlich die Zeit auf der Farm. Die Stunden, in denen wir die Sonne genossen und Pumpkin Roll gegessen hatten und durchs Kürbisfeld gestapft waren. Ich drehte den Kopf zur Seite und beobachtete ihn verstohlen. Er wirkte müde, aber seine Mimik war nicht mehr so verschlossen. Zufrieden lehnte ich den Kopf gegen die Scheibe und ließ die Landschaft vorbeiziehen, jetzt in blaulila Abendlicht getaucht.
»Kannst du mich am Cozy Cup rauslassen?«, bat ich Ryan, als wir uns Green Valley näherten. Wir hatten noch einen Stopp auf der Ranch eingelegt und Auto und Anhänger zurückgebracht. »Ich wollte Fynn wegen des Junggesellinnenabschieds ansprechen.«
»Also ist dir das Cozy Cup jetzt doch nicht zu langweilig?«
»Ich hab noch mal darüber nachgedacht und finde die Idee inzwischen richtig gut. Ich glaube, du hast recht mit dem, was du gesagt hast. Izzy will einfach nur Zeit mit ihren Freundinnen verbringen, und dafür müssen wir nicht weit wegfahren.«
»Aus demselben Grund haben wir uns für die Blockhütte entschieden.« Er setzte den Blinker und hielt wenige Schritte entfernt vor dem Cozy Cup. »Soll ich auf dich warten?«
»Nicht nötig, aber danke.« Ich schnallte mich ab und griff nach dem Türöffner.
»Alles klar. Bis …«, er stockte, »… dann.«
»Bis dann«, erwiderte ich eher aus einem Reflex heraus, schenkte ihm ein Lächeln und stieg aus dem Wagen. Erst als die Tür hinter mir zugefallen war, begriff ich, warum er gezögert hatte. Warum er mich so seltsam dabei angesehen hatte. Es gab kein »Morgen« mehr. »Projekt Scheune entrümpeln« war offiziell beendet. Die Erkenntnis traf mich wie ein Brett gegen die Stirn. Verwirrende Gefühle stiegen in mir auf. Einerseits war ich stolz auf das, was wir in den letzten Tagen geschafft hatten. Erleichtert, dass wir einen Weg gefunden hatten, freundschaftlich miteinander umzugehen. Andererseits war da eine seltsame Traurigkeit, wenn ich daran dachte, ihn ab morgen nicht mehr regelmäßig zu sehen. Fuck. Das war nicht gut. Das war gar nicht gut.
Immerhin war Fynn sofort an Bord, als ich ihn fragte, ob wir Izzys Junggesellinnenabschied im Cozy Cup feiern durften. Er bot mir sogar an, den Laden früher zu schließen, damit wir ihn dekorieren konnten.
»Ist … ähm … Izzys Bruder eigentlich auch eingeladen?«, fragte er noch, als ich am Gehen war.
»Keine Sorge, es wird ein reiner Mädelsabend.«
Sein rechter Mundwinkel ging hoch, aber seine Stirn blieb gerunzelt. »Alles klar.«
Erst als ich mich auf dem Nachhauseweg befand, fiel mir auf, dass er nicht erleichtert gewirkt hatte. Sondern enttäuscht.