Kapitel 28 - New Memories
By Lilly Lucas
Zurück im Golden Leaf nahm ich eine heiße Dusche und schlüpfte in meine bequemsten Klamotten. Anschließend machte ich es mir mit meinem Laptop auf dem Bett gemütlich und startete eine RomCom, die ich in den Top 10 bei Netflix entdeckte. Nebenbei verputzte ich das Mozzarella-Sandwich, das ich mir aus dem Cozy Cup mitgenommen hatte, und kämpfte mit einer Dose Cola gegen die Müdigkeit an. Es war erst kurz nach sieben Uhr, und ich fühlte mich bereits reif fürs Bett. Noch dazu spürte ich schon jetzt den sich anbahnenden Muskelkater. Meine Waden spannten, und meine Arme waren so schwer, dass ich zu faul war, nach meinem Handy zu greifen, das immer mal wieder auf dem Nachttisch vibrierte. Ich spielte sogar kurz mit dem Gedanken, mich schlafend zu stellen, als es an meiner Zimmertür klopfte. Aber dann vernahm ich Izzys Stimme und brachte es nicht über mich. Ächzend schwang ich die Beine aus dem Bett und tapste zur Tür.
»Warum antwortest du nicht auf meine Nachrichten?«, war das Erste, was sie sagte. Sie stutzte. »Hast du schon geschlafen?«
»Fast.«
Sie verengte die Augen. »Es ist halb acht.«
»Ich weiß«, antwortete ich und trat zur Seite.
Mit einer riesigen Plastiktüte in der Hand schob sie sich an mir vorbei. »Ich hab mir Sorgen um dich gemacht.«
»Wieso Sorgen?«, fragte ich und schloss die Tür.
»Du hast auf keine meiner Nachrichten reagiert. Nicht mal auf die, ob du heute Abend mit mir ins Olly’s kommen willst.«
»Oh shit. Tut mir leid. Ich hab schon eine Weile nicht mehr auf mein Handy geschaut.«
»Also … hast du Lust? Ich lad dich auf einen Burger ein. Als Dankeschön dafür, dass du dich den halben Tag für mich auf einer Mülldeponie herumgetrieben hast.«
»Das ist lieb, aber ich bin total erledigt. Was gegessen hab ich auch schon.« Flüchtig deutete ich auf die zusammengeknüllte Papiertüte auf meinem Nachttisch, aber Izzys Blick wurde von etwas anderem in Beschlag genommen.
»Was ist das da neben deinem Bett?«
»Ein Kürbis.«
Sie trat näher und legte den Kopf schief. »Bist du sicher?«
»Ich hab ihn mitgenommen, weil ihn niemand wollte.«
»Kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, warum.«
Ich schmunzelte.
»Warum entsorgen die Leute Kürbisse auf einer Mülldeponie?« Sie gab ein unwirsches Brummen von sich. »Das ist Bioabfall.«
»Oh, der ist von der Kürbisfarm.«
»Welche Kürbisfarm?«
»Die Mülldeponie hatte noch nicht geöffnet, also sind Ryan und ich zu einer Kürbisfarm gefahren.« Ich gab mir Mühe, meine Stimme locker klingen zu lassen.
»Du warst mit Ryan auf einer Kürbisfarm?«
Ich spürte ihren Blick auf mir, als ich ein »Hm« von mir gab, das so viel ausdrücken sollte wie »Ist doch nichts dabei«, aber eher wie »Ja. Und es war so unfassbar schön« klang.
Forschend sah sie mich an. »Und was habt ihr da gemacht?«
»Kaffee getrunken. Zeit überbrückt.« Was man eben so macht mit seinem Ex-Freund. Wieder scheiterte ich daran, beiläufig zu klingen.
»Mm-mh«, erwiderte sie und verengte die Augen. Es war eindeutig eine Provokation. Ein Versuch, mich aus der Reserve zu locken, aber ich sprang nicht darauf an. Stattdessen erzählte ich ihr vom Pumpkin Sanctuary und unserer Challenge, den hässlichsten Kürbis zu finden.
»Oh, ich erinnere mich noch an diese Kürbisse, die immer bei den Coopers vor der Tür standen.« Ihr Blick fiel auf das Exemplar neben meinem Bett. »Und was machst du jetzt mit dem?«
»Weiß nicht. Mal schauen. Vielleicht stell ich ihn morgen auf die Veranda.«
»Da wird Hannah sich bestimmt freuen.« Ihre Stimme triefte vor Ironie. »Und du willst wirklich nicht mit mir ins Olly’s? Wenigstens ein Stündchen?« Sie setzte ihren besten Hundewelpenblick auf. »Wir haben uns kaum gesehen in den letzten zwei Tagen.«
Auch wenn es mir schwerfiel, blieb ich standhaft. »Ich bin wirklich müde. Aber lass uns das nachholen. Morgen Abend?«
Sie dachte kurz darüber nach, dann nickte sie. »Da ist Will sowieso auf seiner Bachelor-Party.«
»Ich weiß. Hat Ryan erwähnt.« Ich beschloss, die Gelegenheit beim Schopf zu packen. »Sag mal, hättest du eigentlich auch Lust auf einen Junggesellinnenabschied? Wir haben nie darüber gesprochen, und ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, ob das so dein Ding ist …«
»Also wenn du damit Schärpen und Plastik-Tiaras meinst …«
»Gott, nein!«, kam ich ihr zuvor und lachte. »Ich hatte eher einen entspannten Mädelsabend im Cozy Cup im Sinn.«
Ihre Augen begannen zu leuchten. »Das klingt toll.«
»Ja?« Ich lächelte. »Du müsstest mir dann nur noch sagen, wen du dabeihaben möchtest. Ich dachte an Leonie, Rebecca und Annie. Bei allen anderen wird es unter der Woche vermutlich schwierig. Aber vielleicht hast du noch Arbeitskolleginnen, die ich nicht auf dem Schirm habe.«
Sie überlegte und nannte mir zwei Namen. Aubree, eine Kollegin aus der Skischule, kannte ich bereits von Geburtstagen und Partys. Casey arbeitete mit Izzy bei Rocky Outdoor Adventures und war, wenn ich mich recht erinnerte, schwanger. Ich ließ mir beide Handynummern geben und speicherte sie ab.
»Was ist mit deinem Bruder?«, fragte ich sicherheitshalber.
Izzy und Olly mochten wie Feuer und Wasser sein, aber sie standen sich auch sehr nahe.
Sie schüttelte den Kopf. »Olly ist schon auf Wills JGA. Und ins Cozy Cup würde er sowieso keinen Fuß setzen.«
»Was, glaubst du, hat er gegen Fynn?«
»Keine Ahnung. Vermutlich ist es die Konkurrenzsituation.«
»Hast du ihn nie gefragt?«
»Nicht direkt. Wieso?«
»Na ja, es ist doch irgendwie komisch. Zumal es ja offenbar nicht auf Gegenseitigkeit beruht.«
»Versteh einer meinen Bruder …« Sie zuckte mit den Schultern und machte nicht den Anschein, das Thema vertiefen zu wollen. »Oh, bevor ich’s vergesse.« Sie hielt mir die Tüte hin. »Das soll ich dir von Mom bringen.«
Ich nahm die Tüte entgegen, wobei ich einen Blick auf beerenfarbenen Satinstoff erhaschte. »Ist das …?«
»Dein Brautjungfernkleid.«
»Oh, Mist. Das hab ich total vergessen.« Ich klatschte mir die Hand gegen die Stirn. »Du hattest mich ja gebeten, bei ihr vorbeizuschauen und es anzuprobieren.«
Izzy winkte ab. »Du hattest alle Hände voll damit zu tun, meine Hochzeit zu retten.«
»Du übertreibst.« Ich spitzte noch mal in die Tüte. »Wow. Die Farbe ist so toll.«
»Finde ich auch. Ihr werdet alle wunderschön aussehen.«
»Aber nicht so wunderschön wie du«, sagte ich zwinkernd.
Ein wenig zittrig zog sie die Luft ein. »Ich kann nicht glauben, dass ich in acht Tagen heirate.«
Lächelnd legte ich ihr die Hand auf die Schulter. »Und ich bin froh, dass ich dabei sein darf.«
»Ich auch.«
In einem Anflug von Rührseligkeit umarmten wir uns. Izzy rang mir noch das Versprechen ab, ihr ein Foto von mir in dem Kleid zu schicken. Dann verabschiedete sie sich und wünschte mir – nicht ganz ernst gemeint – eine gute Nacht.
Als sie die Tür hinter sich zugezogen hatte, holte ich das Kleid aus der Tüte und breitete es vor mir auf dem Bett aus. Izzy hatte mir im Vorfeld ein Foto von Pinterest gezeigt, aber was ich vor mir sah, übertraf alle Erwartungen. Ich konnte nicht widerstehen, zog mich bis auf den Slip aus und schlüpfte hinein. Kühl und glatt glitt der seidige Stoff über meine Haut. Pure Erleichterung durchströmte mich, als ich feststellte, dass das Kleid passte. Nicht zu eng war, nicht zu weit. Die Ärmel hatten die richtige Länge, die geraffte Taille saß perfekt, und der Beinschlitz öffnete sich auf eine Weise, die elegant, aber nicht zu sexy war. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht. Aber es gefror, als ich einen Blick in den Garderobenspiegel warf. Der Ausschnitt war tief. Viel zu tief. Das V lief so weit nach unten, dass ein Teil meiner Brüste frei lag. Ich zupfte am Stoff herum und zog ihn etwas höher, aber er rutschte sofort wieder in seine Ausgangslage zurück. Mein Herz schlug schneller. Ich wandte mich zur Seite und betrachtete das Kleid im Profil, aber aus diesem Winkel war der Ausschnitt noch freizügiger. Wenn ich die Arme hob, sah man sogar meine Nippel. Mir brach der Schweiß aus. Hatten Lara und ich uns vertan, oder lag es am Schnitt? Und konnte man daran noch etwas ändern? Die beiden Stoffseiten irgendwie … zusammennähen? Ich zückte mein Smartphone und schickte Izzy ein Foto von meinem Ausschnitt. Schrieb HELP und setzte drei Ausrufezeichen dahinter. Während ich auf ihre Antwort wartete, drehte ich mich um die eigene Achse und suchte verzweifelt eine Pose, in der ich nicht so nackt aussah. Als es kurz darauf an der Tür klopfte, rechnete ich fest damit, dass es Izzy war, die bei meiner Nachricht sofort kehrtgemacht hatte.
»Ich sehe aus wie J.Lo in diesem Dschungel-Kleid!« Schlagartig verstummte ich, denn vor mir stand nicht Izzy. Sondern Ryan. Seine Kinnlade klappte nach unten, und was immer er hatte sagen wollen, starb auf dem Weg vom Gehirn zum Mund.
»Was machst du denn hier?«, platzte ich heraus. Ein bisschen vorwurfsvoll, ein bisschen schrill. Ich verschränkte die Arme vor der Brust, aber an seinem hüpfenden Adamsapfel merkte ich, dass ich meine Brüste dadurch nur noch mehr in Szene setzte. Mein Gesicht wurde heiß. Halb verlegen, halb genervt brummte ich: »Come on, als ob du das alles nicht schon gesehen hättest.«
»Ist aber eine Weile her«, presste er hervor, den Blick zur Seite gewandt. Zu meiner Genugtuung waren auch seine Wangen etwas röter geworden. »Hast du«, er räusperte sich, »heute noch was vor?«
»Was?«, fragte ich verwirrt.
»Das Kleid.« Er machte eine vage Handbewegung. »Sieht aus, als hättest du noch was vor.«
Ich stieß ein Schnauben aus. »Das ist mein Brautjungfernkleid!«
»Dein Braut…jungfern…kleid?« Ich sah, wie ihm die Gesichtszüge entglitten, und plötzlich fand ich ein bisschen Gefallen an seiner Überforderung.
»Ja, mein Brautjungfernkleid.« Ich reckte das Kinn. »Gefällt es dir nicht?«
»Äh … doch. Es ist … äh …« Er rang nach Worten, und ich beschloss, ihn zu erlösen.
»Schon gut. Ich weiß, dass ich wie ein Pornostar aussehe.«
Sein Mund öffnete sich, aber ich kam ihm zuvor.
»Ich fürchte, ich hab Mrs. Walsh die falschen Maße durchgegeben. Anders kann ich mir das nicht erklären.« Mein Smartphone vibrierte in meiner Hand. Ich schielte aufs Display und verdrehte die Augen, weil Izzy mir ein albernes GIF geschickt hatte von einem Pastor, der in Ohnmacht fiel. Als ich wieder aufsah, trafen sich Ryans und mein Blick. Gerade so lange, dass ich den Ausdruck in seinen Augen bemerkte. Verlegenheit, Verwirrung und etwas, das er zu unterdrücken versuchte: Verlangen.
Er kämpfte dagegen an, versuchte, es zu verbergen, aber sein Körper verriet ihn. Die fest aufeinandergepressten Kiefer, die angespannten Schultern, seine Atemzüge, die zu tief waren, um relaxt zu sein. Die Art, wie er sich am Türrahmen festhielt. Und seltsamerweise … gefiel mir das. Dass ich immer noch diese Wirkung auf ihn hatte. Für den Bruchteil einer Sekunde ging meine Fantasie mit mir durch. Ich stellte mir vor, wie es wäre, nach seiner Hand zu greifen und ihn zu mir ins Zimmer zu ziehen. Die Tür mit dem Fuß zuzustoßen und ihn gegen die Wand zu drücken. Meine Lippen auf seine zu …
»Kann sie es noch ändern?«
Ich blinzelte. Brauchte einen Moment, um wieder im Hier und Jetzt anzukommen.
»Das hoffe ich. So kann ich einen OnlyFans-Account aufmachen, aber nicht auf eine Hochzeit gehen.« Mit beiden Händen deutete ich auf mein Dekolleté, und Ryans Augen folgten der Bewegung reflexartig – bevor er sie sofort wieder hochriss, als hätte er sich bei etwas Verbotenem erwischt.
Ein winziges Lächeln zupfte an meinen Mundwinkeln.
»Ich sollte …« Mit dem Daumen deutete er hinter sich. »Ich muss jetzt …« Bevor ich etwas erwidern konnte, hatte er bereits Abstand zwischen uns gebracht und einen Schritt zurück in den Flur gemacht. Ohne Vorwarnung durchzuckte mich Bedauern. Als hätte ein Teil von mir gehofft, er würde noch etwas sagen. Oder … bleiben. Stop it, Lena. Stop it.
»Was wolltest du eigentlich?«, fragte ich.
»Hm?«
»Warum hast du geklopft?«
Seine Pupillen zuckten von links nach rechts, als müsste er sich erst erinnern. »Bouldern.«
»Was?«
»Du wolltest doch was mit Liam unternehmen. Er hat heute beim Essen erwähnt, dass er gerne mal wieder bouldern gehen würde. Es gibt wohl eine neue Halle in Vail.«
»Bouldern«, wiederholte ich ein wenig ungläubig.
»Das ist so was wie klettern, nur …«
»Ich weiß, was bouldern ist. Justus …« Ich brach ab und räusperte mich. »Danke für den Tipp.«
Er nickte kaum merklich. Stille senkte sich zwischen uns.
»Ich muss jetzt wirklich gehen.« Die Art, wie er es sagte – dunkel und rau, ein bisschen gequält –, bescherte mir eine Gänsehaut.
Jetzt brachte auch ich nur ein Nicken zustande. Er drehte sich um und lief in schnellen Schritten den Flur entlang, und ich wartete noch, bis er in seinem Zimmer verschwunden war. Dann zog ich die Tür hinter mir zu und lehnte mich dagegen. Fragte mich, ob ich womöglich noch ein viel größeres Problem hatte als dieses Kleid.