Kapitel 3 - New Memories
By Lilly Lucas
Der Geruch von gegrilltem Fleisch und gedämpftem Jasminreis schlug mir entgegen, als ich die Glastür aufzog. Mein Blick huschte durch das gut gefüllte Restaurant und blieb an einem kleinen Ecktisch hängen, an dem Justus saß und auf seinem Handy herumwischte. Vor ihm stand ein Glas Cola, das bereits zur Hälfte leer war. Shit. Ich war zwanzig Minuten zu spät und hatte ihm nicht einmal Bescheid geben können, weil mein Akku unterwegs den Geist aufgegeben hatte. Mit einem abgehetzten »Sorry« begrüßte ich ihn und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange.
»Oh man, es tut mir echt leid.« Ich schälte mich aus meinem Mantel und hängte ihn über die Stuhllehne. »Ich musste noch mal umdrehen und einen Regenschirm holen, und dann ist mir die U-Bahn vor der Nase weggefahren. Und mein Akku war …«
»Schon okay«, winkte er ab. »Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nur noch mal nach Hause nach der Arbeit und hätte mich umgezogen.«
Erst jetzt registrierte ich, dass er Anzug und Krawatte trug – ein ungewohnt formeller Anblick. Die Umweltrechtsorganisation, für die er arbeitete, schrieb keinen Dresscode vor, weshalb er meist in Jeans und Pullover ins Büro ging. Außer … an Tagen, an denen er zu Gericht musste.
»Heute war die Anhörung«, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. »Die Sache mit dem Chemiewerk.« Justus sprach nicht viel über seine Arbeit, aber von diesem Fall hatte er mir erzählt. Ein Chemiewerk wollte zusätzliche Produktionsanlagen bauen, was zur Folge hätte, dass deutlich größere Mengen verschmutztes Wasser in einen Fluss geleitet würden, der mehrere Gemeinden versorgte. »Wie ist es gelaufen?«
»Das Gericht hat dem Antrag stattgegeben und die Genehmigung ausgesetzt, bis neue Gutachten vorliegen.« Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht.
»Hey! Das ist doch super!« Ich griff über den Tisch und legte meine Hand auf seine. »Sorry, dass ich nicht daran gedacht habe.« Reumütig rümpfte ich die Nase. »Bei mir war irgendwie super viel los.«
Er runzelte die Stirn. »Ich dachte, du hattest heute frei.«
»Hatte ich auch. Aber gestern Abend …« Ich kam nicht mehr dazu, ihm von Izzys Anruf zu erzählen, weil eine Kellnerin an unserem Tisch erschien, um die Bestellung aufzunehmen.
»Für mich bitte die Phở mit Tofu und Reisbandnudeln«, sagte Justus.
»Oh … äh … du weißt schon, was du nimmst?«
»Hatte ja lange genug Zeit, darüber nachzudenken«, bemerkte er zwinkernd.
»Wenn Sie noch einen Moment brauchen …«, begann die Kellnerin, aber ich schüttelte den Kopf und bestellte einen grünen Eistee und dasselbe wie Justus. Ich wollte nicht, dass er wegen mir noch länger warten musste, und eine deftige Suppe war bei dem nasskalten Septemberwetter genau das Richtige.
Ich war gerade dabei, das Gespräch wieder aufzunehmen, als er die Hand hob und jemanden hinter mir grüßte. »Hey!« Ein überraschtes Lächeln hatte sich auf seinem Gesicht ausgebreitet.
Ich blickte über meine Schulter und sah zwei Männer auf unseren Tisch zukommen. Einer war in unserem Alter und hatte kurzes schwarzes Haar und einen Dreitagebart. Der andere musste ein paar Jahre älter sein und erinnerte mich mit seiner sommersprossigen Haut und dem kastanienfarbenen Haar an Eddie Redmayne. Beide bedachten mich mit freundlichen, aber neugierigen Blicken.
»Was macht ihr denn hier?«, fragte Justus und erhob sich, um sie mit einem kumpelhaften Handschlag zu begrüßen.
»Wir haben heute Jahrestag«, antwortete der Dunkelhaarige mit einem Lächeln in Richtung seines Begleiters. »Und du hast uns doch auf Karlas Geburtstag so von diesem Laden hier vorgeschwärmt.«
»Ja, die machen mit Abstand die beste Phở«, erwiderte Justus. »Die Bowls sind aber auch super.« Nach Bestätigung suchend sah er mich an, was die Aufmerksamkeit auf mich lenkte.
»Äh … Semir, Felix, das ist Lena. Lena … Semir und Felix.«
»Ah«, stieß ich aus, weil ich die Namen schon häufiger gehört hatte. Die beiden waren gute Freunde von ihm und betrieben die Boulderhalle in Kreuzberg, in der sich Justus’ Clique regelmäßig traf.
»Du hast sie also wirklich nicht erfunden«, gluckste Semir.
»Erfunden?« Irritiert sah ich von ihm zu Justus, dessen Miene plötzlich sehr an Wednesday Addams erinnerte.
»Wir haben Justi auf Karlas Geburtstag ein bisschen damit aufgezogen, dass wir dich immer noch nicht kennengelernt haben«, erklärte Semir daraufhin. »Und irgendwer hat dann gewitzelt, er hätte dich wahrscheinlich nur erfunden.«
»Es war wirklich nur Spaß«, betonte Felix und lächelte entschuldigend.
»Ich fürchte, das geht auf meine Kappe«, sagte ich. »Ich muss abends und am Wochenende oft arbeiten.«
»Du arbeitest in einem Hotel, oder?«, fragte Felix und wartete mein Nicken ab. »Ich kenn das. Hab in der Gastro gejobbt, bevor wir die Halle aufgemacht haben. Echt nervig, wenn man immer arbeiten muss, wenn alle anderen freihaben.«
»Und man freihat, wenn alle anderen arbeiten.« Ich zwinkerte Justus zu, aber sein Lächeln fiel verhalten aus. »Wobei ihr mit der Boulderhalle vermutlich auch keinen Nine-to-five-Job habt …«
Zumindest war Justus selten vor 23 Uhr zu Hause, wenn er nach der Arbeit bouldern ging.
»Das nicht, aber wir haben ein großes Team«, erwiderte Semir.
»Und das Glück, dass unser gesamter Freundeskreis bouldert«, fügte Felix hinzu. »Apropos, komm doch auch mal mit.«
»Oh«, ich rümpfte bedauernd die Nase, »ich kann nicht bouldern.«
»Das kann man easy lernen.« Semir neigte den Kopf. »Justi hier gibt dir bestimmt gerne einen Crashkurs.«
»Hab’s schon mehrfach angeboten«, sagte der daraufhin schulterzuckend.
»Ich bin ein ziemlicher Sportmuffel«, gestand ich.
»Außer wenn’s ums Skifahren geht«, murmelte Justus in einem Tonfall, den ich nicht recht deuten konnte.
Semir gab noch nicht auf. »Du kannst dich auch einfach in die Mate-Bar setzen und zusehen.«
»Der Cheesecake ist der Hammer«, warf Felix ein. »Allein für den lohnt es sich, glaub mir.«
Ich lächelte, weil die beiden wirklich nett waren. Noch dazu musste ich plötzlich an Laras Worte denken. Ihren Vorschlag, Justus ein wenig mehr in mein Leben zu lassen. Oder mich in seins.
»Okay, ich überleg’s mir«, versprach ich.
Sie lächelten ebenfalls. Dann gab Felix seinem Partner ein Zeichen.
»Ja, wir sollten. War schön, dich kennenzulernen, Lena.«
Ich stimmte zu und meinte es auch so. Semir und Felix wirkten unglaublich sympathisch. »Euch noch einen netten Abend. Lasst es euch schmecken.«
»Ihr euch auch«, sagten sie beinahe zeitgleich, bevor sie sich endgültig verabschiedeten. Ich sah ihnen noch nach, bis sie an einem Tisch am Fenster stehen blieben. Dann wandte ich mich Justus zu, der, wie mir jetzt erst bewusst wurde, eine ganze Weile nichts gesagt hatte.
»Justi, hm?« Über den Tisch hinweg grinste ich ihn an, aber er verzog keine Miene. Und etwas sagte mir, dass es nicht an seinem Spitznamen lag, den ich heute Abend zum ersten Mal gehört hatte. »Ist alles okay?«
»Ja«, sagte er nur.
»Sicher?«
Ich sah, wie er mit sich rang. »Findest du es überhaupt nicht komisch, dass meine Freunde glauben, ich hätte dich erfunden?«
Ich stutzte. »Das war doch nur ein Witz.«
»Ich find’s aber nicht witzig.« Kaum hörbar raunte er: »Nicht mehr.« Plötzlich lag ein Ausdruck von Müdigkeit auf seinem Gesicht.
»Okay.« Verwirrt blinzelte ich. »Worum … geht es hier gerade?«
Wieder zögerte er. Dann stieß er lautstark die Luft aus. »Wir sind jetzt seit fast einem halben Jahr zusammen, und du kennst meine Freunde nicht.«
»Weil … ich immer arbeiten musste, wenn ihr euch getroffen habt.«
Zweifelnd sah er mich an. »Ist das wirklich der Grund?«
Ich runzelte die Stirn.
»Ehrlich gesagt hab ich den Eindruck, du willst sie gar nicht kennenlernen.«
Sein Vorwurf erwischte mich kalt. »Ich … hab doch gesagt, dass ich mir das mit dem Bouldern überlege.«
»Ja, und dann wirst du wieder dringend im Hotel gebraucht oder Laras Goldfisch stirbt.«
Ungläubig starrte ich ihn an, und er schloss die Augen und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. »Tut mir leid. Das war unnötig.« Ein schweres Seufzen entwich ihm. »Ich verstehe nur nicht, warum du dich so dagegen sträubst, die Menschen kennenzulernen, die mir wichtig sind.«
Ich setzte an, etwas zu sagen, aber er kam mir zuvor.
»Es sind ja nicht nur meine Freunde. Du willst auch nicht mit zu meinen Eltern. Meine Mutter hat dich schon zweimal zum Essen eingeladen.«
Ich fühlte mich in die Enge getrieben. »Ich hab dir gesagt, dass ich noch nicht so weit bin, deine Eltern zu treffen. Du meintest, das wäre okay.«
»Und das ist es auch«, sagte er sanft. »Aber ich bekomme immer mehr das Gefühl, dass du nie so weit sein wirst.« Er senkte den Blick, und als er wieder aufsah, lag Resignation in seinen Augen. »Weil das eigentliche Problem ein anderes ist.«
»Das eigentliche Problem?«
Er zögerte einen Moment. »Du hältst mich auf Abstand.«
»Was?«
»Du hältst mich auf Abstand. Vielleicht machst du es nicht bewusst, aber sobald es ein bisschen ernster zwischen uns wird, ziehst du dich zurück. Als hättest du Angst, ich könnte dir zu nahe kommen.«
Ich schluckte und war dankbar, dass in diesem Moment unser Essen gebracht wurde. Aber die dreißigsekündige Unterbrechung, in der die Kellnerin zwei dampfende Teller vor uns stellte und uns einen guten Appetit wünschte, reichte nicht aus, um meine Gedanken zu ordnen.
»Warum hast du nie was gesagt?« Ich sah ihm an, dass es nicht die Reaktion war, mit der er gerechnet hatte. Vielleicht lag es auch an meinem Tonfall, der irgendwas zwischen überfordert und angefressen war. »Du hast nie erwähnt, dass dich das so stört. Ich höre es gerade zum ersten Mal.«
»Weil ich dich nicht drängen wollte.«
»Aber jetzt willst du es.«
»Nein!« Er seufzte. »Darum geht es doch gar nicht.«
»Worum geht es dann?«
»Dass ich das Gefühl habe, zwei Leben zu leben. Eins mit dir und eins … mit allen anderen. Und diese beiden Leben haben nichts miteinander gemeinsam.«
* * *
Ich zog mir gerade die Schuhe aus, als die Badezimmertür aufflog und ein halb nackter Kolja in den Flur trat. Er erstarrte und griff reflexartig nach dem winzigen Handtuch, das er um die Hüften trug. Hinter ihm tauchte Lara auf, die nicht wesentlich mehr anhatte. Ihr Haar steckte in einem Handtuchturban, und ihre Wangen waren gerötet vor … Ich wollte lieber nicht darüber nachdenken.
»Was machst du denn hier? Ich dachte, du wolltest bei Justus übernachten.« Sie klang nicht vorwurfsvoll. Eher verwundert.
»Ja, wollte ich, aber … es gab eine Planänderung.«
Ein, zwei Sekunden herrschte verlegenes Schweigen, das von Koljas Räuspern durchbrochen wurde. »Ich … äh … geh schon mal …«
»Ja«, sagte Lara und hatte sichtlich Mühe, sich das Lachen zu verkneifen.
Der Geruch ihres Rituals-Duschgels stieg mir in die Nase, als er sich an mir vorbeischob. Er verschwand in Laras Zimmer und zog die Tür hinter sich zu.
»Oh Gott, es tut mir leid«, stöhnte ich und kniff peinlich berührt die Augen zusammen. »Ich hätte dir schreiben sollen, dass ich nach Hause komme.«
Gelassen zuckte sie mit den Schultern. »Ich hätte es sowieso nicht gelesen. Wir waren ziemlich beschäftigt.« Sie grinste frech. »Was mich zu der Frage führt, warum du nicht gerade ziemlich beschäftigt bist.«
Ein schweres Seufzen kam über meine Lippen. »Mein Abend war ein einziges Fiasko.«
»Oh, was ist passiert?«
»Ich will eure Date Night nicht crashen«, sagte ich und neigte den Kopf in Richtung ihrer Zimmertür.
»Ach … Kolja kommt auch ein paar Minuten ohne mich zurecht.« Sie bedachte mich mit einem Also?-Blick.
Seufzend lehnte ich mich gegen die Wand. »Justus und ich haben uns gestritten. Wobei … eigentlich war es kein richtiger Streit. Wir waren essen, und dann sind Freunde von ihm aufgetaucht. Und dann wurde es weird.«
»Wie? Weird?«
Während ich die Ereignisse im Restaurant für sie zusammenfasste, verschwand sie kurz ins Bad und tauschte Handtuch gegen Bademantel. Anschließend folgte ich ihr ins Wohnzimmer, wo wir uns auf der Couch niederließen.
»Und dann hat er gesagt, dass er das Gefühl hat, zwei Leben zu leben. Eins mit mir und eins mit allen anderen. Und dass die beiden Leben nichts miteinander gemeinsam haben.«
»Uff.« Sie verzog das Gesicht. »Was hast du darauf gesagt?«
»Nicht mehr viel. Irgendwie war die Stimmung danach ziemlich im Keller. Wir haben gegessen, gezahlt und«, ich zuckte die Achseln, »here I am.« Ich schnappte mir ein Sofakissen und legte es in meinen Schoß.
Lara atmete einmal tief durch, dann sagte sie in einem vorsichtigen Ton: »Ich glaube, er hat nicht ganz unrecht.«
»Womit?«
»Dass du ihn auf Abstand hältst.« Beschwichtigend hob sie die Hand. »Hör mir erst zu. Ich bin auf deiner Seite, okay? Immer.« Sie ließ einen Moment verstreichen. »Aber es sagt schon was aus, dass du seine Freunde nach fünf Monaten noch nicht kennst.«
»Ja, und zwar, dass ich beschissene Arbeitszeiten habe.«
»Die haben dich in Green Valley auch nicht davon abgehalten, was mit Ryans Freunden zu unternehmen.«
»Das war was anderes. Ryans Freunde waren auch meine Freunde.«
»Justus’ Freunde könnten auch deine …«
»Nein«, entgegnete ich eine Spur zu heftig.
Laras Brauen zuckten nach oben. Ich wich ihrem Blick aus und zupfte am Kissen herum.
»Also darum geht es.«
Ich schwieg. Ein paar Sekunden lang war nur das Gluckern der Heizung zu hören.
»Ich kann das nicht noch mal«, hauchte ich. »Ich kann nicht noch mal riskieren, alles zu verlieren.«
Sie legte ihre Hand auf meine. »Du hast nicht alles verloren.«
»So hat es sich aber angefühlt.«
Durch die Trennung von Ryan hatte ich auch seine Freunde verloren. Seine Familie. Ein Netz aus Nähe, Wärme und Zugehörigkeit war plötzlich gerissen und ich ins Bodenlose gefallen.
»Das war hart, ja. Und es hat wehgetan. Aber das heißt nicht, dass es wieder so kommen muss. Im Übrigen glaube ich nicht, dass Justus erwartet, dass du sofort best friends mit allen wirst. Für mich klingt es so, als hätte er einfach gerne ein bisschen mehr … Commitment. Und das ist doch eigentlich ein gutes Zeichen. Weil es bedeutet, dass er sich eine Zukunft mit dir vorstellen kann.«
»Ja«, antwortete ich mehr aus Reflex.
Lara betrachtete mich nachdenklich. »Oder willst du das gar nicht?«
»Ich … Gerade weiß ich gar nichts mehr.« Ich rieb mir mit den Händen übers Gesicht und fühlte mich plötzlich unfassbar müde. »Kolja hat sich den Abend sicher auch anders vorgestellt«, bemerkte ich, als ich das Quietschen des Kühlschranks vernahm.
»Der hat keinen Grund, sich zu beschweren. Glaub mir.« Sie grinste.
»Du solltest trotzdem mal wieder zu ihm gehen.«
»Sicher? Wir können auch eine Flasche Wein aufmachen und reden. Freundinnen mit Liebeskummer gehen vor.«
»Das ist süß, aber ich bin echt erledigt.«
»Okay, aber wenn irgendwas ist …«
»Ich komm klar«, versicherte ich ihr. Dann umarmte ich sie. »Es tut mir leid.«
»Jetzt hör auf, dich zu entschuldigen. Kolja und ich können jeden Abend Date Night machen.«
»Das meine ich nicht. Du hast recht mit dem, was du gesagt hast. Ich hab nicht alles verloren.« Ich zog sie in eine feste Umarmung.
Kurz darauf verließen wir gemeinsam das Wohnzimmer und wünschten uns eine gute Nacht. Ich war schon auf dem Weg ins Bad, als sie mir noch etwas nachrief.
»Für dich ist Post gekommen. Hab sie dir aufs Bett gelegt.«