Kapitel 30 - New Memories
By Lilly Lucas
Deine Mom hat jetzt offiziell mehr von meinen Brüsten gesehen als du«, lautete das Fazit meiner Berichterstattung, als ich abends bei Izzy auf der Couch saß. Wir hatten Pizza bestellt und eine Flasche Wein aufgemacht. »Ich hab mich ein bisschen gefühlt wie bei meinem ersten BH-Kauf. Als mir die Verkäuferin ständig die Brüste zurechtgerückt hat.«
Izzy riss die Augen auf. »Meine Mutter hat …?«
»Ganz so schlimm war’s nicht. Sie sind nur ab und zu … rausgepurzelt, wenn sie was abgesteckt hat.«
»Rausgepurzelt«, gluckste sie.
»Na ja, so seitlich.« Ich imitierte es mit den Händen, wobei sich eine Olive von meinem Pizzastück löste und auf meine Jeans fiel. »Da war einfach nicht genug Stoff. Du hast es ja gesehen.« Ich schob mir die Olive in den Mund und rümpfte die Nase über den Fettfleck.
»Ja, und fast hätte Will es auch gesehen.«
Ich verschluckte mich und begann zu husten.
»Fast.« Izzy lachte. »Ich konnte es gerade noch verhindern.« Auf meinen geschockten Blick hin erklärte sie: »Er hat im Auto auf mich gewartet, und mein Handy lag auf dem Beifahrersitz. Ich bin gerade eingestiegen, als dein Foto aufgepoppt ist.«
Sofort kehrten die Erinnerungen an gestern Abend zurück.
»Ryan hat es gesehen«, brach es aus mir heraus.
Izzy stutzte. »Das Foto?«
»Nein.« Ich kniff die Augen zusammen. »Das Kleid.«
»Wann?«
»Gestern Abend. Kurz nachdem du gegangen bist, hat es noch mal an der Tür geklopft, und ich dachte, du wärst es, also hab ich aufgemacht.« Meine Stimme überschlug sich fast. »Aber es war Ryan.«
Izzy wirkte ein bisschen überrumpelt. »Und dann?«
»Ich weiß nicht, es war irgendwie … Er war irgendwie …«
»Irgendwie was?«, drängelte sie, als ich kein passendes Adjektiv zu finden schien.
Ich nahm einen großen Schluck Wein, als müsste ich mir erst Mut antrinken. »Ich glaube, es hat ihn«, ich kniff die Augen zusammen und piepste das Wort, das mein Gehirn vorschlug, »erregt?«
»Erregt?«, stieß sie viel zu laut hervor, und ich machte »Schsch«, obwohl es dafür keinen Grund gab. Will war auf seinem JGA, und wir hatten die Wohnung für uns.
»Ich bin mir nicht sicher«, ruderte ich zurück. »Wobei … doch, eigentlich bin ich mir schon sicher. Er war angeturnt. Eindeutig. Sonst hätte er nicht die Flucht ergriffen.«
»Er war angeturnt? Und hat die Flucht ergriffen?« Grenzenlose Verwirrung sprang mir aus ihrem Gesicht entgegen. Dabei war Ryans Verhalten in meinen Augen durchaus plausibel.
»Na ja, ich nehme mal an, dass er nicht angeturnt sein wollte. Immerhin … sind wir nicht mehr zusammen.«
»Was seinen Schwanz offenbar wenig interessiert hat.«
»Izzy!«, prustete ich und schüttelte den Kopf.
Sie setzte sich aufrechter hin und sah mich an. »Okay. Jetzt noch mal von vorne. Ich will alles wissen.«
Ich zögerte einen Moment, dann legte ich los. Schilderte ihr Ryans Reaktion auf mein Kleid. Seine Blicke, seine Körpersignale, seine Flucht. Fast war es mir peinlich, dass ich alles bis ins Detail wiedergeben konnte. Mich an jede Sekunde dieser Begegnung erinnerte. Als ich fertig mit meiner Erzählung war, ratterte es noch kurz hinter Izzys Stirn. Dann sagte sie: »Okay, ich weiß jetzt, worauf sich Ryan letzte Nacht einen runtergeholt …«
»Izzy!«, unterbrach ich sie lachend.
»Aber was ich nicht weiß«, fuhr sie fort und grinste frech, »und was mich wesentlich mehr interessiert, ist die Frage, was du gemacht hast.«
Ich verdrehte die Augen, spürte aber, wie mir die Hitze ins Gesicht schoss.
»Wir müssen nicht konkret werden, aber … wie angeturnt warst du von der ganzen Sache?«
»Das ist ziemlich konkret«, murmelte ich.
Ich spürte ihren Blick auf mir. »Hast du seine Reaktion genossen oder … war sie dir unangenehm?«
Eine ganze Weile sagte ich nichts. Dann nuschelte ich kaum hörbar: »Das Erste.«
Die unterschiedlichsten Reaktionen flackerten über ihr Gesicht. Überraschung, Verwunderung, Neugier. Und gegen Ende: Entzücken.
»Aber das spielt keine Rolle«, beeilte ich mich zu sagen.
»Warum nicht?«
Ich versuchte, in ihrem Gesicht zu lesen, ob die Frage wirklich ernst gemeint war.
»Wir sind nicht mehr zusammen.«
»Man muss nicht zusammen sein, um …«
»Izzy.« Mein Blick wurde so ernst wie mein Ton. »Wir wissen beide, dass das eine absolute Katastrophe wäre. Ich bin froh, dass wir es irgendwie hinbekommen haben, freundschaftlich miteinander umzugehen.«
»Zählt euer Augen-Sex da auch dazu?«
Ich holte zu einem angedeuteten Klaps aus, und Izzy kicherte albern.
Wir verquatschten uns so dermaßen, dass es zwei Uhr morgens war, als ich das nächste Mal auf die Uhr sah. Spontan entschied ich mich, ihr Angebot anzunehmen und bei ihr zu übernachten. Sie lieh mir ein Schlafshirt und eine Zahnbürste und überließ mir Wills Seite des Bettes. Anders als ich schlief Izzy sofort ein, nachdem wir unter die Bettdecke gekrochen waren. Ich hingegen musste mich erst daran gewöhnen, dass das Kopfkissen nach Mann roch – auch wenn Will selbst bei der Wahl seines Parfums einen exquisiten Geschmack besaß. Noch dazu ging mir unser Gespräch über Ryan noch lange durch den Kopf.
Ich war endlich am Einnicken, als mein Handy auf dem Nachttisch leuchtete. Mist. Ich hatte es nicht auf Flugmodus gestellt. Um Izzy nicht zu wecken, zog ich es unter meine Bettdecke und spitzte aufs Display. Es war Ryan. Ungläubig starrte ich erst auf seinen Namen, dann auf die Uhrzeit. Viertel nach zwei. Eine Mischung aus Irritation, Verwunderung und Sorge trieb meinen Puls in die Höhe, und mein Kopf präsentierte mir ein paar unschöne Szenarien. Ich meldete mich mit einem geflüsterten »Ja?«.
Am anderen Ende der Leitung blieb es still.
»Ryan?«, hauchte ich beunruhigt.
Ein, zwei Sekunden verstrichen. »Hey.«
Erleichterung durchströmte mich. Vielleicht verfrüht. »Was ist los?«
»Waslosis?«, lallte er.
Ich hielt inne. »Bist du betrunken?«
»Vielleicht? Ein … bisschen?«
Gedämpft hörte ich Stimmen und Musik im Hintergrund.
»Wo bist du?«
»Veranda«, sagte er nur.
Ich schloss die Augen und schmunzelte. »Warte kurz.« Das Handy am Ohr kroch ich unter der Decke hervor, vergewisserte mich, dass Izzy noch schlief, und schlich mich aus dem Zimmer. So leise wie möglich zog ich die Tür hinter mir zu und lehnte mich mit der Schulter gegen die Wand im Flur. Sie war kalt, genauso wie der Holzboden unter meinen nackten Füßen.
Auch wenn es nicht mehr nötig war, flüsterte ich. »Ryan? Bist du noch da?«
»Ich war immer da«, säuselte er. »Die ganze Zeit.«
Ich schluckte und spürte, wie sich mein Herz zusammenzog.
»Habt ihr einen schönen …«, setzte ich im selben Moment an, in dem er »Ich muss mich bei dir entschuldigen« hervorstieß. Zumindest glaubte ich, dass er das gesagt hatte. Seine Artikulation war verwaschen, die Wörter gingen ineinander über. »Gestern Abend … Ich hätte nicht … Das war nicht … Aber du warst …« Ein gestöhntes »Fuck« drang an mein Ohr und jagte eine Gänsehaut über meine Arme.
»Ryan, es ist okay. Du musst nicht …«
»Es ist nicht okay, Lena.« Er klang zutiefst gequält. »Du hast einen Freund und er … vermisst dich und ich … ich …«
»Was?«, unterbrach ich ihn und war mir nicht sicher, ob ich ihn richtig verstanden hatte.
»Dich fast … Ich hätte … dich fast … Ich wollte … Und dann hab ich …«
»Ryan«, krächzte ich atemlos.
»Ich wollte dich küssen.«
Die Worte kamen klarer und deutlicher aus seinem Mund als alles, was er in den letzten Minuten von sich gegeben hatte, und es war, als würde ein Ruck durch meinen Körper gehen. Ich stieß mich von der Wand ab, presste das Handy ans Ohr und lauschte seinem Atem. Hörte eine Schiebetür im Hintergrund quietschen. Und Grayson, der brummte: »Alter, was machst du da? Leg sofort auf!«
»Ichntschuldige mich bei Lena.«
»Ich hab dir doch gesagt, du sollst das lassen. Man ruft nicht besoffen seine Ex an. Gib mir dein Handy.« Es raschelte.
»Ey! Lass! Ich muss …«
»Du musst gar nichts mehr. Außer ins Bett und ausnüchtern.«
Auch wenn sich mein Herzschlag immer noch nicht beruhigt hatte, konnte ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.
»Lena?«, meldete sich Grayson, während Ryan im Hintergrund etwas Unverständliches von sich gab.
»Hey Grayson«, piepste ich.
»Sorry. Cooper hat ein bisschen viel Tequila erwischt. Nimm’s ihm nicht übel. Und vergiss am besten alles, was er gesagt hat. Er weiß morgen sowieso nichts mehr davon.« Wieder hörte ich Ryan meckern. »Ich bring ihn jetzt ins Bett.«
»Okay«, hauchte ich. »Danke.« Kurz fragte ich mich, wofür.
»Kein Problem. Und sorry noch mal.«
»Äh, Grayson?«, sagte ich, bevor er auflegen konnte.
»Ja?«
Ich zögerte. »Geht es ihm gut?«
Hörbar stieß er die Luft aus. »Er wird schon wieder. Gute Nacht, Lena.«
»Gute Nacht.«
Er legte auf, und es war wieder vollkommen still. Langsam ließ ich das Handy vom Ohr gleiten und stand noch einen Moment reglos im Flur. Dann schlich ich mich wieder ins Schlafzimmer. Izzy bewegte sich kurz, als ich unter die Bettdecke schlüpfte, schlief aber weiter. Ich drehte mich auf den Rücken und stierte ins Halbdunkel, während Ryans Worte in Dauerschleife durch meinen Kopf hallten. Ich wollte dich küssen.