Kapitel 31 - New Memories
By Lilly Lucas
Die sehen ja alle erstaunlich fit aus«, bemerkte Izzy fast verwundert und hielt mir ihr Handy hin. Das Foto zeigte Wills JGA-Truppe vor einem imposanten Wasserfall. Die Sonne schien auf ihre Köpfe, und das schräg einfallende Licht sorgte für einen kleinen Regenbogen im Sprühnebel. Abgesehen davon, dass ihre Gesichter vor Anstrengung gerötet waren, musste ich Izzy recht geben. Keiner von ihnen sah nach Schnapsleiche aus. Nicht mal Ryan.
»Ich hab heute Morgen kurz mit Will geschrieben. Er meinte, sie hätten gegrillt und Poker gespielt und wären einigermaßen früh ins Bett gegangen. Was auch immer das bedeutet.« Sie schnitt ein Stück von ihren Pancakes ab, tunkte es in Ahornsirup und schob es sich in den Mund. Nachdem ihr Kühlschrank nicht viel hergegeben hatte, waren wir spontan ins Diner gefahren. Moe hatte sich riesig gefreut, mich zu sehen, und es sich nicht nehmen lassen, uns einen Berg Pancakes zu spendieren.
»Was hat Ryan denn erzählt?«
Überrascht sah ich auf.
»Ich hab einen leichten Schlaf.« Ihr Lächeln war entschuldigend, aber auch ein wenig amüsiert.
Verlegen nippte ich an meinem Kaffee. »Es war nur ein Drunk Dial. Und Grayson ist rechtzeitig dazwischengegangen.«
»Wieso rechtzeitig?« Sie zog die Braue hoch.
»Ach … du kennst das doch. Man redet wirres Zeug, wenn man betrunken ist.«
In einem neckenden Tonfall erwiderte sie: »Ich dachte, man sagt immer die Wahrheit?«
Ich wollte dich küssen.
»Er hat sich entschuldigt für den Vorfall mit dem Kleid. Zumindest glaube ich, dass es darum ging. Er hat ziemlich gelallt.«
»Oh weh.«
Ich zögerte. »Und dann hat er noch gesagt, dass«, ich versuchte, mich an den genauen Wortlaut zu erinnern, »mein Freund mich vermissen würde.«
Sie runzelte die Stirn. »Dein Freund?«
Ratlos zuckte ich mit den Schultern.
»Denkst du, er hat Justus gemeint?«, fragte sie.
»Keine Ahnung.«
»Hast du ihm nicht gesagt, dass ihr euch getrennt habt?«
»Nein. Mir war nicht mal bewusst, dass er von ihm weiß.«
»Doch, er weiß von ihm. Beziehungsweise … saß er neben mir, als du mir das Foto aus dem Biergarten geschickt hast. Das von dir und Justus. Ich hab’s geöffnet, und er hat’s gesehen. War ein blöder Zufall.«
»Wie hat er reagiert?«
Sie seufzte. »Wie jeder reagiert, wenn er erfährt, dass der Ex-Partner jemand Neuen hat. Ein bisschen geschockt … ein bisschen gekränkt … und nach außen hin natürlich gleichgültig.«
»Hmmm. Er muss denken, dass ich noch mit Justus zusammen bin. Deswegen hat er sich schuldig gefühlt.«
»Schuldig gefühlt?« Sie schob sich die nächste Gabel Pancakes in den Mund.
»Er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er mich küssen wollte.«
Izzy hielt in ihrer Kaubewegung inne. »Waff?« Sie schluckte ihr Essen runter. »Das hast du mit keinem Wort erwähnt.«
Mein Mund öffnete sich zum Protest.
»Du hast gesagt, er wäre angeturnt gewesen, nicht, dass er dich küssen wollte.«
»Ich wusste es nicht«, verteidigte ich mich. »Ich meine, es gab da schon so einen … Moment, aber er hat keinen Move gemacht oder so.«
»Whoa. Bis vor zehn Sekunden dachte ich noch, er hätte einfach nur Notstand gehabt …«
»Pssst.« Ich sah mich nach rechts und links um, aber niemand im Diner schien Notiz von uns zu nehmen. »Das erklärt trotzdem nicht, warum er behauptet, Justus würde mich vermissen.«
»Vielleicht war es nur so dahingesagt. Frag ihn doch einfach, wenn er sich heute meldet.«
»Wieso sollte er sich melden?«
»Also ich hab mich immer entschuldigt, wenn ich jemanden nachts besoffen angerufen habe. Zumindest eine Nachricht geschrieben.«
»Vielleicht weiß er nichts mehr davon.«
»Hast du nicht gesagt, Grayson wäre dazwischengegangen?«
Ihr Einwand war berechtigt. Selbst wenn Ryan nicht mehr wusste, was er zu mir gesagt hatte, würde Grayson ihn daran erinnern, dass er mich angerufen hatte. Und dann blieb ihm nichts anderes übrig, als sich bei mir zu melden. Die Erkenntnis ging mit einem Hauch Anspannung einher. Mit der Frage, wie ich mich verhalten sollte, wenn er es tat.
Aber Ryan meldete sich nicht. Weder am Samstagnachmittag, als ich gemeinsam mit Izzy und ihrer Mom die Scheune von Schmutz, Staub und Spinnweben befreite, noch am Abend, als Annie, Rebecca und ich im Kino waren. Auch am Sonntag ging weder ein Anruf noch eine Nachricht von Ryan Cooper auf meinem Handy ein. Dabei behielt ich mein Smartphone durchweg im Blick, während ich mit den Mädels im Cozy Cup saß, um Izzys Junggesellinnenabschied zu planen. Außer Casey, die unter heftiger Schwangerschaftsübelkeit litt, hatten alle zugesagt. Wir waren uns schnell einig gewesen, dass einheitliche T-Shirts unnötig waren und Izzy keinen Wert auf übertriebene Deko legte. Aubree hatte trotzdem angeboten, sich um ein paar Folienballons und Girlanden zu kümmern. Leonie hatte Ideen für Partyspiele gehabt, und Rebecca wollte sich um eine Playlist kümmern. Für Chips und Knabberkram würde Annie sorgen.
»Jetzt bleibt ja gar nichts mehr für mich übrig«, sagte ich mit dem Anflug eines schlechten Gewissens.
Annie winkte ab. »Du hast doch die ganze Vorarbeit geleistet.«
»Na ja, das bisschen Doodeln …«
»Hallo? Du hattest die Idee, hast die Location klargemacht, uns alle angeschrieben, den Termin festgelegt …«
»Annie hat recht«, sagte Leonie. »Ohne dich gäbe es gar keinen JGA.«
»Apropos JGA«, schaltete sich Rebecca mit Blick auf ihr Handy ein. »Die Jungs sind auf dem Heimweg. Leo fragt gerade, ob er mich in zehn Minuten hier aufgabeln soll. Wir sind so weit durch, oder?«
Alle nickten, woraufhin sie Fynn ein Zeichen gab, dass sie zahlen wollte.
»Kommt er eigentlich auch zur Hochzeit?«, fragte Aubree.
Ich folgte ihrem Blick. »Fynn? Nicht dass ich wüsste.«
»Schade. Er ist echt cute.« Mit unverhohlenem Interesse beobachtete sie ihn.
»Du kannst dein Glück ja an Izzys JGA versuchen«, bemerkte Annie zwinkernd.
»Oh, glaub mir, das werde ich«, lautete Aubrees Antwort, und wir lachten ein bisschen albern.
Mit einem Kassiergeldbeutel in der Hand kam Fynn auf uns zu. »Ihr wollt zahlen?«
»Eigentlich nur ich.« Rebecca reichte ihm einen Zehn-Dollar-Schein mit den Worten »Stimmt so«.
»Noch was für euch?«, fragte er in die Runde.
»Ein Lächeln vom Barista«, sagte Aubree und grinste ihn mit tausend Watt an.
Über den Tisch hinweg tauschte ich einen amüsierten Blick mit den anderen.
»Das kostet extra.« Fynns Lächeln war freundlich, aber nicht flirty. Aubree ließ sich noch nicht entmutigen und stützte ihr Kinn auf die Hand.
»Und wie viel?«
»Unbezahlbar«, flötete er im Gehen.
Aubree sah ihm hinterher, dann nahm sie einen Schluck von ihrem Cappuccino und schüttelte den Kopf. »Nope. Das ist vergebene Mühe.«
Rebecca lachte. »Weil er dich nicht sofort nach deiner Nummer gefragt hat?«
»Nein, weil er an mir so viel Interesse hat wie ich an einem Herrenduft im Duty-free-Shop.«
Ich horchte auf, kam aber nicht mehr dazu, sie zu fragen, was sie damit meinte, weil Annie in diesem Moment »Da ist Leo« sagte. Ich blickte über meine Schulter – im selben Moment, in dem sie »und Ryan« hinzufügte. Die beiden waren gerade zur Tür hereingekommen und sahen in unsere Richtung. Abrupt fuhr ich wieder herum. Spürte, wie mein Herz schneller schlug. Meine Wangen warm wurden. Aus reiner Überforderung griff ich nach meiner leeren Tasse und gab vor, einen Schluck zu trinken. Stellte mich darauf ein, dass sie gleich bei uns am Tisch auftauchen würden. Ich hob den Blick erst wieder, als ich Leos zärtliches »Hey Babe« vernahm. Er stand direkt hinter Rebeccas Stuhl und drückte ihr einen Kuss auf den Scheitel. Es war eine so süße und liebevolle Szene, dass ich erst mit zweisekündiger Verspätung bemerkte, dass Ryan versetzt hinter ihm stand. Unsere Blicke trafen sich, aber er sah sofort weg. Kein Hallo, kein Lächeln. Nicht mal dieses höfliche Nicken, das man Fremden schenkte.
»Für ein Männerwochenende seht ihr ziemlich fresh aus«, sagte Annie und beäugte die beiden skeptisch.
»Ja, warum seht ihr nicht aus, als hättet ihr siebenundzwanzig Bier getrunken und drei Stunden geschlafen?«, schloss Leonie sich an.
Aubree sprang auf den Zug auf. »Wahrscheinlich waren sie gar nicht auf der Hütte, sondern in irgendeinem Spa.«
Leo lachte. »Erwischt. Bis vor einer Stunde hatten wir noch Gurkenmasken im Gesicht.« Er sah zu Ryan, der nur ein schwaches Lächeln zustande brachte.
»Also war es gut?« Rebecca ließ den Blick zwischen ihnen hin und her wandern. »Hattet ihr Spaß?«
Wieder war es Leo, der antwortete. »Ja, war ein super Wochenende. Ich meine, die Hütte ist der Hammer, das Wetter war ein Traum, die Stripperinnen waren hot …« Lachend duckte er sich weg, als Rebecca zu einem Klaps ausholte. »Nein, im Ernst, es war mega. Und Grayson hat eine richtig coole Tour organisiert.«
Ryan nickte zustimmend.
»Hey, wie geht es eigentlich Willa?«, wandte Aubree sich in einem ernsteren Ton an ihn. »Ich hab ihr gestern mal geschrieben, aber noch keine Antwort bekommen.«
Er zögerte kurz. »Gib ihr ein bisschen Zeit. Sie hat zwei ziemlich heftige OPs hinter sich und muss damit klarkommen dass sie für mindestens ein Jahr ausfällt.«
»Natürlich. Ich würde nur so gerne was für sie tun.«
Ryan schenkte ihr ein Lächeln. »Ich ruf sie nachher sowieso noch an und richte ihr Grüße von dir aus.«
Aubree lächelte zurück, und in meinem Bauch machte sich ein Druck breit, der sich verdächtig nach Eifersucht anfühlte. Nicht weil er sie angelächelt hatte, sondern weil er sie überhaupt beachtete. Weil sein Blick nicht über sie hinwegglitt, als würde sie nicht existieren. Scharf atmete ich gegen meinen Frust an.
»Hey«, sagte Ryan zu Leo und deutete mit dem Daumen hinter sich. »Ich glaub, ich lauf das letzte Stück zum Leaf.«
»Sicher? Rebecca hat schon gezahlt. Wir können gleich los.«
Zustimmend nickte sie, aber Ryan winkte ab. »Das mit den siebenundzwanzig Bier ist ja nicht sooo weit weg von der Realität, also … tut mir ein bisschen frische Luft vielleicht ganz gut.«
»Okay, wie du meinst. Denk an deine Tasche. Kofferraum ist offen.«
»Alles klar.« Ryan winkte in die Runde und brachte es irgendwie fertig, jeden anzusehen außer mir, bevor er sich umdrehte und ging.
Ungläubig sah ich ihm nach. Wut schwoll in mir an. Ich fühlte mich gedemütigt, obwohl außer mir vermutlich niemandem aufgefallen war, dass Ryan mich wie Luft behandelt hatte. Einen Moment blieb ich noch reglos sitzen, dann erhob ich mich.
»Ich muss kurz was klären«, murmelte ich, aber niemand nahm groß Notiz davon, weil Fynn an unseren Tisch herangetreten war, um mit Leo zu plaudern. Auf dem kurzen Weg nach draußen legte ich mir Worte zurecht. Sachliche, reflektierte Worte. Aber als ich Ryan am Kofferraum von Leos Wagen stehen sah, schrumpften sie zu einer einzigen Frage zusammen: »Dein Ernst?«
Er zuckte leicht zusammen, bevor er sich umdrehte. Sein Mund öffnete sich, aber ich ließ ihn nicht zum Zug kommen.
»Erst rufst du mich mitten in der Nacht besoffen an, um mir zu sagen, dass du mich küssen willst … wolltest. Dann hältst du es nicht für nötig, dich bei mir zu melden. Und jetzt«, ich atmete durch die Nase ein, »tust du auch noch so, als wäre ich verdammt noch mal unsichtbar?!«
»Ich …«
Die Tür des Cafés schwang auf, und er verstummte. Stimmen und das Klirren von Geschirr drangen zu uns. Ein Mann und eine Frau traten ins Freie, waren aber so in ihr Gespräch verwickelt, dass sie keine Notiz von uns nahmen. Ryan wartete, bis sie an uns vorbeigelaufen waren.
»Ich wusste nicht, dass du auch hier sein würdest. Leo hat nur von Rebecca gesprochen.«
Verständnislos warf ich die Arme hoch. »Und?!«
»Ich dachte, ich hätte noch Zeit, mir zu überlegen, wie ich mit der Sache umgehe.«
»Wie du mit der Sache umgehst?«
»So wie ich das sehe, hat sich nur einer von uns beiden zum Vollidioten gemacht.« Er klang zutiefst zerknirscht, und für einen Moment tat er mir fast leid.
Ich seufzte. »Du warst betrunken, Ryan. Da sagt man manchmal … Dinge.«
»Ich hätte dich trotzdem nicht in diese Lage bringen dürfen.« Er rieb sich übers Gesicht. »So jemand bin ich nicht. So jemand will ich nicht sein.«
Dass er so hart mit sich ins Gericht ging, bestätigte meine Vermutung, dass er davon ausging, ich wäre noch mit Justus zusammen.
»Warum hast du gesagt, mein Freund würde mich vermissen?«
»Hm?«
»Am Telefon. Du hast gesagt«, ich malte Anführungszeichen in die Luft, »mein Freund würde mich vermissen.«
Er blinzelte. »Das hat er gesagt.«
Perplex starrte ich ihn an. »Ihr habt … Kontakt?«
»Was? Nein.« Er schnaubte, als hätte ich etwas unglaublich Abwegiges von mir gegeben. »In der Sprachnachricht, die du abgehört hast. Vor Joes Haus.«
Ich stutzte. »Das hast du verstanden?«
»Natürlich hab ich das verstanden.« Er klang resigniert. »Du hast das oft genug zu Lara und deinen Eltern gesagt, wenn ihr telefoniert habt. Außerdem unterscheidet sich das Verb nicht sonderlich vom englischen. Miss … vermissen …« Das deutsche Wort kam mit einem starken Akzent aus seinem Mund, aber ich kam nicht umhin, es entzückend zu finden.
»Justus und ich«, setzte ich an, verstummte aber, weil Leo und Rebecca in diesem Moment durch die Tür kamen.
»Du bist ja immer noch da«, sagte Leo zu Ryan. »Willst du doch mitfahren?«
Er schüttelte den Kopf und zog seine Tasche aus dem Kofferraum.
»Was ist mit dir?«, fragte Rebecca an mich gewandt. »Sollen wir dich am Leaf absetzen?«
»Ich hab noch gar nicht gezahlt.«
»Wir können auf dich warten«, bot Leo an.
Ein Teil von mir wollte bleiben und den Satz vollenden, den ich angefangen hatte. Wollte sehen, was geschah, wenn ich es tat. Aber nicht hier. Und nicht so. »Okay. Bin gleich zurück.« Ich drehte mich um und lief auf die Tür zu. Ehe ich sie erreicht hatte, drehte ich mich noch einmal um. Aber Ryan war nicht mehr da.