Kapitel 32 - New Memories
By Lilly Lucas
Und du hast es nicht aufgeklärt?« Lara war auf dem Weg zu Kolja, der heute Geburtstag hatte. Im Hintergrund rauschte der Großstadtverkehr. Vorbeifahrende Autos, ein Hupen, ein Martinshorn. Mir fiel auf, dass ich nichts davon vermisste.
»Vor Leo und Rebecca?«, hielt ich dagegen.
»Na ja, du hättest ihn danach anrufen können. Oder bei ihm klopfen. Das könntest du auch jetzt noch tun.«
»Und dann? Sag ich ihm: Nur zu deiner Information: Justus und ich sind nicht mehr zusammen?«
»Ziemlich genau das, ja.«
Ein Bus fuhr vorbei, und ich hielt mir das Handy fester ans Ohr. »Und was soll das bringen?«
»Na ja, Ryan fühlt sich nicht mehr schlecht, weil er die Freundin eines anderen küssen wollte, und du stehst nicht mehr wie die Freundin eines anderen da, die Ryan küssen wollte.«
»Das weiß er nicht«, murmelte ich.
»Was weiß er nicht?«
»Dass ich ihn auch küssen wollte.«
Ich stockte, weil es das erste Mal war, dass ich es laut aussprach. Jemand anderem gegenüber zugab. Es war befreiend und angsteinflößend zugleich.
Geräuschvoll atmete sie aus. »Erbitte Erlaubnis zur Küchenpsychologie.«
»Erlaubnis erteilt«, seufzte ich.
»Kann es sein, dass es dir ganz recht ist, wenn er weiter denkt, du wärst vergeben?«
Mein Schweigen verriet mich.
»Weil du ihn dir so leichter vom Leib halten kannst.«
»Ich muss ihn mir nicht vom Leib halten«, schnaubte ich. »Es ist ja nicht so, als würde er ständig irgendwas versuchen.«
»Oh, mir ging es da auch eher um dich.«
»Was soll das jetzt wieder heißen?«
»Dass du dir eigentlich gar keine Sorgen darüber machst, dass er dich küssen wollte.« Sie holte Luft, als würde sie mir gleich den ultimativen Todesstoß verpassen. »Sondern darüber, dass du es auch wolltest.«
»Natürlich macht mir das Sorgen. Der einzige Grund, warum ich gezögert habe hierherzufliegen, war, dass ich Angst hatte, die Vergangenheit könnte mich einholen. Und jetzt bin ich hier, und es fühlt sich weder nach Vergangenheit noch vergangen an.«
»Sondern?«, fragte sie vorsichtig.
»Als … hätte mein Leben in den letzten zwei Jahren auf Pause gestanden und er hätte wieder auf ›Play‹ gedrückt.« Ich schloss die Augen. »Fuck, Lara! Ich hab einen Rückfall.« Panik färbte meine Stimme. »Einen Ryan-Cooper-Rückfall.«
»Nein«, kam es sofort zurück. Ruhig, aber bestimmt. »Du hast keinen Rückfall.«
»Doch, hab ich.«
»Einen Rückfall kann man nur haben, wenn man etwas überwunden hat.« Scharf zog sie die Luft ein. »Und das hast du nicht. Du hast es nur ausgehalten.«
Ich schluckte.
»Du hast weitergemacht. Überlebt. Aber überwunden hast du es nicht.«
Ich schwieg. Musste ihre Worte erst einmal verdauen. »Das klingt, als hätte ich versagt.«
Ihr Schmunzeln drang an mein Ohr. »Versagen und Überleben sind so ziemlich die konträrsten Dinge, die es gibt.«
Mir fiel auf, dass ich keinen Verkehrslärm mehr hörte. Nur noch meinen eigenen Atem. »Warum ist es plötzlich so still?«
»Ich sitze in Koljas Treppenhaus.«
»Oh nein, er wartet doch bestimmt schon auf dich«, sagte ich mit einem tierisch schlechten Gewissen.
»Kein Problem, ich hab ihm geschrieben, dass ich fünf Minuten später komme.«
Ich lächelte und wollte sie in diesem Moment so gerne umarmen. »Was mach ich denn jetzt?«
»So wie ich das sehe, hast du zwei Möglichkeiten. Entweder ziehst du’s durch und lässt Ryan in dem Glauben, dass du vergeben bist. Oder – das wäre meine Empfehlung – du gehst jetzt rüber zu ihm, stellst es richtig und … lässt den Dingen ihren Lauf.«
»Das kann ich nicht, Lara.«
»Was?«
»Den Dingen ihren Lauf lassen.«
»Warum nicht?«
Ich atmete tief ein. »Weil ich genau weiß, wohin das führt.«