Kapitel 36 - New Memories
By Lilly Lucas
Es war kurz vor halb acht, als wir Liam zu Hause ablieferten. Er war auf dem Nachhauseweg eingeschlafen, aber wieder aufgewacht, als wir das Ortsschild von Green Valley passiert hatten.
»Soll ich dich noch mal ins Leaf fahren, oder kommst du direkt mit ins Olly’s?«, fragte Ryan.
Eigentlich schrie alles in mir nach einer Dusche. Ich war verschwitzt, hatte einen Kürbis auf der Wange, und mein Longsleeve war voller Neonfarbe. Aber ich würde deutlich zu spät kommen, wenn ich jetzt noch mal zurück ins Leaf fuhr. »Nein, ich komme mit.«
Er nickte kaum merklich und startete den Wagen. Es war das erste Mal an diesem Tag, dass wir unter uns waren und ungestört reden konnten.
»Das hat Spaß gemacht«, sagte ich.
»Ja, find ich auch.«
»Ich kannte solche Hallen bisher nur aus amerikanischen Filmen und Serien.«
»Habt ihr so was nicht in Deutschland?«
»Inzwischen bestimmt. Aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass es so was gab, als ich ein Kind war. Oder meine Eltern sind einfach nie mit mir hin.«
»Wie geht es ihnen?«
»Gut. Sie würden mich sicher Grüße ausrichten lassen, wenn sie wüssten …« Ich brach ab.
»Du … hast es ihnen nicht erzählt?«
»Äh … nein.«
Seiner Miene nach war er irritiert.
»Ich wollte sie nicht beunruhigen.«
»Beunruhigen«, wiederholte er, und fast glaubte ich, etwas wie Kränkung in seinen Augen aufblitzen zu sehen.
»Nach unserer Trennung«, setzte ich an. »Da ging es mir echt mies.«
Fast rechnete ich mit einem Schnauben. Einer weiteren Bemerkung, dass ich mir das selbst zuzuschreiben hatte, weil ich seinen Antrag abgelehnt hatte. Aber nichts dergleichen passierte.
»Es hat lange gedauert, bis ich wieder einigermaßen klargekommen bin und … sie haben das alles mitbekommen, also …« Ich beließ es dabei und war froh, dass wir in diesem Moment auf den Parkplatz des Olly’s bogen.
Ryan stellte den Wagen ab. Einen Augenblick lang war nur noch das Ticken des abkühlenden Motors zu hören.
»Was ist mit deinem Freund? Weiß er Bescheid?«
Die Frage erwischte mich kalt, und er sah es. Nur zog er die falschen Schlüsse. »Also nicht.«
»Nein, so ist es nicht«, beeilte ich mich zu sagen und hörte meinen Herzschlag in den Ohren pochen. Ich dachte an mein Gespräch mit Lara. Meinen Entschluss, ihm nichts von der Trennung zu erzählen. Aber es fühlte sich nicht mehr richtig an. Ein lautes Hupen schreckte mich auf. Neben uns parkte ein Wagen, mit Grayson am Steuer.
»Lass uns später noch mal darüber reden, okay?«, sagte ich zu Ryan.
Er runzelte die Stirn, nickte aber.
»Lena! Endlich!«, sagte Grayson, als wir uns gegenüberstanden und zog mich in eine herzliche Umarmung.
»Hey.« Ich lächelte. »Wir haben uns noch gar nicht gesehen.«
»Nur gehört«, bemerkte er mit einem amüsierten Unterton und warf Ryan einen Blick zu. Der senkte den Blick auf seine Schuhe und gab einen Laut zwischen Brummen und Räuspern von sich. Grayson deutete auf den Kürbis auf meiner Wange. »Süß.«
»Oh, den muss ich noch wegmachen. Wir waren mit Liam im Fun Center.«
Er verengte ganz leicht die Augen, als wollte er fragen: Ihr beide? Stattdessen sagte er: »3D-Minigolf?«
Ich nickte. Er beäugte das Geschmiere auf Ryans Wange. »Und was ist mit dir passiert?«
»Lena kann nicht malen.«
Ich schnaubte. »Es war Liams Schuld. Er hat mich erschreckt!«
Gemeinsam setzten wir uns in Bewegung. Grayson richtete mir Grüße von Sarah aus, mit der er, wie er erzählte, eben noch telefoniert hatte. »Sie freut sich riesig darauf, dich zu sehen.«
»Ich freu mich auch. Schade, dass sie nicht zu Izzys JGA kommen kann.«
»Ja, das ärgert sie auch total. Aber sie hat am Freitag noch einen wichtigen Kurs, den sie nicht schwänzen kann.«
Inzwischen hatten wir den Eingang erreicht. Musik und Gelächter drangen gedämpft nach draußen. Grayson blieb stehen und wandte sich an Ryan. »Hast du noch kurz einen Moment? Geht um die Hochzeit.«
Ryans Blick huschte von Grayson zu mir.
»Ich muss sowieso noch kurz auf die Toilette.« Mit dem Zeigefinger tippte ich meine Wange an. »Bis gleich.«
Ich öffnete die Tür und lief auf direktem Weg zu den Toiletten. Die Neonröhren warfen ein hartes, wenig schmeichelndes Licht auf mein Gesicht, und ich bedauerte es, nicht doch noch einmal ins Leaf gefahren zu sein. Ich drehte den Wasserhahn auf und befeuchtete ein Papiertuch. Die Farbe wehrte sich hartnäckig, ging aber mit etwas Schrubben ab. Ich warf das zusammengeknüllte Tuch in den Mülleimer und betrachtete meine gerötete Wange im Spiegel. Na toll. Als ich die Toiletten verließ, war es eisig kalt im Flur. Die Eingangstür stand weit offen. Ryan und Grayson mussten vergessen haben, sie zu schließen. Ich hatte meine Hand schon an der Klinke, als ich innehielt, weil ich Ryans Stimme hörte.
»Ich bin einfach froh, wenn sie wieder weg ist, das kannst du mir glauben.«
Ich erstarrte. Stand völlig still, die Hand an der Türklinke.
»Aber ihr kommt doch offenbar wieder ganz gut miteinander aus«, sagte Grayson.
Ein Schnauben. »Ich mach das nur für Izzy und Will. Sobald diese Hochzeit vorbei ist, war’s das.«
Mein Puls rauschte so laut in meinen Ohren, dass ich Graysons Antwort nur bruchstückhaft hörte. »Hütte … Junggesellenabschied … Anruf …«
»Ich war sturzbesoffen.«
Grayson sagte noch etwas, aber ich verstand es nicht.
»Lena?«
Erschrocken fuhr ich herum und blickte in Izzys Gesicht.
»Du bist ja schon da!« Sie klang erfreut und verwundert zugleich. »Was machst du hier draußen?«
Ich brauchte einen Moment, um meine Stimme wiederzufinden. »Ich … äh … wollte nur …«, ich räusperte mich, »die Tür schließen. Es kommt kalt rein.«
»Stimmt.« Sie rieb sich die Arme. Dann deutete sie an, auf dem Weg zur Toilette zu sein. »Wir sitzen rechts hinten. Meine und Wills Eltern sind auch schon da.«
Ich brachte nur ein apathisches Nicken zustande.
Sie verengte die Augen. »Ist alles okay?«
»Ja, ja. Alles okay.« Ich zwang mir ein Lächeln ins Gesicht. »Bin nur … ein bisschen müde.«
Ehe Izzy etwas erwidern konnte, sagte ich »Bis gleich« und verschwand in der Bar.
* * *
Izzy klopfte zweimal mit einem Messer gegen ihre Bierflasche und erhob sich. Will tat es ihr nach, und die Gespräche am Tisch verebbten.
»Keine Sorge, das wird keine lange Ansprache. Will und ich wollten uns nur für eure Hilfe mit der Scheune bedanken, und da Lena«, Izzy sah mich an und ließ die Mundwinkel hängen, »nächste Woche nicht mehr bei uns ist«, ein bedauerndes Raunen folgte, »haben wir das spontan vorverlegt. Essen und Getränke gehen auf Will und mich. Lasst es euch schmecken!«
Zustimmendes Johlen brandete auf, und alle klopften auf die Tischplatte. Gläser und Flaschen wurden gehoben, und wir stießen auf das künftige Brautpaar an. Auf uns und den Abend. Ich nahm einen Schluck von Leonies preisgekröntem Pale Ale und ließ den Blick beiläufig umherwandern. Bis ich Ryans Lachen hörte. Er saß am anderen Tischende und war im Gespräch mit Izzys Dad. Dass er so ausgelassen und fröhlich war, während ich seit einer halben Stunde damit kämpfte, meine gefasste Miene aufrechtzuerhalten, triggerte etwas in mir. Ich bin einfach froh, wenn sie wieder weg ist. Ich mach das nur für Izzy und Will. Sobald diese Hochzeit vorbei ist, war’s das.
In diesem Moment trafen sich unsere Blicke und … er lächelte. Wow. Er lächelte und prostete mir zu. Ich wollte aufstehen und zu ihm gehen. Ihn zur Rede stellen und fragen, ob er das ernst gemeint hatte. Ob meine Anwesenheit hier in Green Valley ihn wirklich so dermaßen störte, dass er meine Abreise nicht abwarten konnte. Aber das hätte den Abend gecrasht, also riss ich mich zusammen und erwiderte die Geste. Er runzelte ganz leicht die Stirn, und mir wurde bewusst, dass ich nicht lächelte. Meine Lippen fest aufeinandergepresst waren.
»Was ist eigentlich mit deinem Shirt passiert?«, rief mir Izzy über den Tisch hinweg zu.
Ich sah an mir hinab. »Das ist UV-Farbe.« Ich musste lauter sprechen, um gegen die Geräuschkulisse anzukommen. »Ryan und ich waren mit Liam im Fun Center.«
»In Loveland?«
Ich nickte. Mrs. Albright, die neben Izzy saß, klinkte sich spontan in unsere Unterhaltung ein und gab eine Anekdote aus Wills Kindheit zum Besten. Sie erzählte uns, wie er mit zehn Jahren einen Feuerwehreinsatz im Fun Center ausgelöst hatte, weil er in der Kleinkindrutsche stecken geblieben war.
»Will, diese Attention Whore«, seufzte Izzy theatralisch, und wir lachten.
Mrs. Albright und ich kamen anschließend auf die Arbeit zu sprechen. Sie wollte alles über die Hotelkette wissen, für die ich arbeitete, und fragte nach Gästekapazität und Auslastung, nach den Arbeitsbedingungen und Urlaubsregelungen. Zudem berichtete sie von einigen Umbaumaßnahmen im Sebastian und erwähnte, dass sie Cammy, eine frühere Kollegin von mir, als ihre Nachfolgerin aufbauen wollte.
»Was ist dein Plan?«, wollte sie wissen.
»Mein Plan?«
»Wo siehst du dich in fünf Jahren?« Auf meinen etwas überrumpelten Blick hin ergänzte sie: »Hast du Interesse, mehr Verantwortung zu übernehmen? Vielleicht in die Führungsebene aufzusteigen?«
»Grundsätzlich könnte ich mir so was schon vorstellen, aber nicht in diesem Hotel. Dafür ist es mir zu groß und anonym.«
Interessiert sah sie mich an. »Also hast du nicht vor, dort zu bleiben?«
Ich schüttelte den Kopf. »Zumindest nicht für immer. Ich meine, ich fühle mich wohl, es bezahlt meine Miete, aber …«
Sie lächelte wissend. »Irgendwas fehlt?«
Ich nickte nachdenklich. »Ja. Irgendwas fehlt.«
Olly brachte unsere Bestellungen an den Tisch. Außer Amys Apfelkuchen und einem Schokoriegel hatte ich den ganzen Tag nichts gegessen. Trotzdem verspürte ich keinerlei Appetit, als mein Burger vor mir stand. Nur ein dumpfes Ziehen in meiner Magenregion. Ich bin einfach froh, wenn sie wieder weg ist. Ich mach das nur für Izzy und Will. Sobald diese Hochzeit vorbei ist, war’s das.
Aus reiner Höflichkeit begann ich zu essen. Und weil es aufgefallen wäre, wenn ich es nicht getan hätte.
Nach dem Essen löste sich die Sitzordnung auf. Will und Grayson begaben sich zu Olly an den Tresen, und am Tisch bildeten sich neue Grüppchen mit neuen Gesprächsthemen. Ich plauderte ein wenig mit Izzys Mutter, die mir von ihrem Bandscheibenvorfall im Frühjahr erzählte, und hörte mir an, was Izzys Dad aus der Highschool berichtete, in der er als Lehrer arbeitete.
»Hey«, vernahm ich eine vertraute Stimme.
Ryan hatte sich neben mich gesetzt. Anders als ich hatte er sich die Neonfarbe nicht abgewischt, aber sie war weitgehend verblasst.
»Hey«, sagte ich mit etwas Abstand und griff nach meiner Bierflasche. Während ich einen Schluck nahm, überlegte ich, wie ich mit ihm umgehen wollte. Aber er kam mir zuvor.
»Können wir kurz reden?«
Noch im Trinken drehte ich den Kopf zu ihm. Nachdenklich und ein bisschen aufgewühlt sah er mich an. Ob er ahnte, dass ich sein Gespräch mit Grayson belauscht hatte?
»Okay«, antwortete ich, nachdem ich die Flasche abgestellt hatte.
»Draußen?«
Ich nickte und griff nach meiner Jacke. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Izzy uns beobachtete. Garantiert sah sie uns nach, als wir gemeinsam die Bar verließen.
»Ich brauch deinen Rat«, sagte Ryan, während ich noch damit beschäftigt war, den Reißverschluss meiner Jacke hochzuziehen. Es war kalt dafür, dass die Temperaturen tagsüber auf zwanzig Grad geklettert waren. Überrascht sah ich zu ihm auf. Das war nicht der Gesprächsbeginn, den ich erwartet hatte.
»Grayson hat mir angeboten, als Trauzeuge«, er malte Gänsefüßchen in die Luft, »zurückzutreten.«
Und es war auch nicht das Gespräch, das ich erwartet hatte.
»Warum das denn?«
»Er ist der Meinung, ich sollte Wills Trauzeuge sein.«
»Oh … wow.«
»Er findet, es stünde mir mehr zu als ihm.«
»Was hast du gesagt?«
»Ich war ein bisschen überrumpelt, um ehrlich zu sein. Aber … ich denke nicht, dass es mir mehr zusteht als ihm. Im Gegenteil. Er war mit Will Anzug kaufen und hat den JGA geplant …«
»Aber du bist Wills bester Freund. Und Grayson weiß das.«
Er hob die Brauen. »Du bist seiner Meinung?«
»Ich hätte es wahrscheinlich genauso gemacht.«
Auf nachdenkliche Weise kniff er die Augen zusammen. »Ich weiß nicht. Will hat sich ja aus einem bestimmten Grund für Grayson entschieden.«
»Weil du abgesagt hast.«
Er senkte den Blick.
»Du wärst immer seine erste Wahl gewesen, Ryan. Jeder weiß das.«
Unschlüssig stieß er die Luft aus. »Ich muss darüber nachdenken. Und mit Will reden. Es sollte seine Entscheidung sein.«
»Ja, das stimmt.«
Stille brach über uns herein.
»Worüber wolltest du eigentlich noch mit mir sprechen? Vorhin im Auto.« Forschend sah er mich an.
»Ich …«
… bin nicht mehr mit Justus zusammen. Ich hab mich vor sieben Wochen von ihm getrennt, weil ich gemerkt habe, dass ich noch nicht bereit bin für eine neue Beziehung. Und seit ich wieder hier bin, glaube ich, dass ich es nie sein werde, weil mein Herz immer noch dir gehört.
»… hab’s vergessen.«
Er runzelte die Stirn, als wäre er sich nicht sicher, ob er mir glauben wollte. Ich verschränkte die Arme vor der Brust und gab vor zu frieren. »Können wir wieder reingehen? Es ist arschkalt.«
Er musterte mich noch einen Moment. Dann nickte er und murmelte: »Klar.«