Kapitel 38 - New Memories
By Lilly Lucas
Okay … also … meistens hat man es am Ha…«, ich brach ab und räusperte mich, »auf der Haut.«
»Muttermal«, rief Izzy im selben Moment, in dem Leonie »Pickel« schrie.
Ich schüttelte den Kopf. »Es passiert, wenn man sich«, ich schielte auf die Tabu-Karte, »wenn man … Sex hat, zum Beispiel.«
»Sperma«, brüllte Leonie, und am Tisch brach Gelächter aus.
Ich musste ebenfalls lachen, spürte aber, wie ich in Stress geriet. »Es ist eine … Verfärbung. Auf der Haut. Ein … äh … Andenken. An einen sehr … leidenschaftlichen Moment.«
»Knutschfleck?«, riet Izzy.
»Yes!« Ich ballte die Hand zur Faust und zog die nächste Karte vom Stapel. »Kondom« war der Begriff, den ich erklären sollte. »Wenn man … keine Kinder kriegen will …«
»Verhütung!«, kam es von meinem Team. »Pille!«
»Fast. Man kann sich dadurch vor … Krankheiten schützen.«
Rebecca bediente den Quietscher. »Du hast schützen gesagt.«
»Shit«, fluchte ich und legte die Karte zur Seite.
»Weiter, weiter«, trieb Izzy mich an.
Hektisch nahm ich eine Karte und sah hilflos zu Izzy und Leonie. »Das Wort kenn ich nicht.«
»Dann nimm die nächste«, sagte Izzy.
»Leute, was sind das denn für Begriffe?«, stöhnte ich, als ich »Blowjob« erklären sollte.
»Es ist die JGA-Edition«, gluckste Leonie.
»Wenn du … ihn … äh …«, verlegen kniff ich die Augen zusammen, »leckst?«
»Blowjob!«, stieß Izzy hervor. Eine Sekunde, bevor jemand »Zeit ist um« schrie.
Ich lehnte mich im Stuhl zurück und blies die Backen auf. »War dieses Spiel schon immer so stressig?«
»Fünf Punkte für euch«, notierte Rebecca auf einem Block.
»Eigentlich nur vier, oder? Sie hat eine Karte nicht genommen«, bemerkte Aubree.
»Sie ist keine Muttersprachlerin, also würde ich sagen: Wir lassen ihr das durchgehen.« Rebecca zwinkerte mir zu.
»Was stand da eigentlich drauf?« Izzy schnappte sich die Karte, die ich zur Seite gelegt hatte. »Aaah.«
»Was bedeutet das?«, fragte ich.
»Es ist ein Synonym für Vagina. Aber eher Slang.«
»Stichwort Vagina.« Leonie erhob sich vom Tisch und verschwand in Richtung Toiletten.
»Wo ist Fynn?« Izzys Blick war auf den verwaisten Tresen gerichtet. »Haben wir den schon vertrieben?«
»Beim Blowjob war er noch da«, bemerkte Rebecca, und alle lachten.
»Der arme Kerl tut mir fast ein bisschen leid«, sagte Annie.
»Ach, der wusste, worauf er sich einlässt«, entgegnete ich im selben Moment, in dem er mit einem Sack Crushed Ice über der Schulter aus dem Raum hinter der Theke kam.
»Da isser wieder«, flötete Rebecca ein wenig beschwipst.
Wir hatten alle schon einiges intus. Nachdem wir Izzy mit Sekt empfangen hatten, waren wir zu Frozen Margaritas übergegangen, die Fynn in einer Fish Bowl an den Tisch gebracht hatte. Inzwischen war sie leer. Vermutlich sorgte Fynn gerade für Nachschub.
Ein zufriedener Laut kam über Izzys Lippen. »Das ist wirklich ein schöner Abend, Mädels. Danke fürs Organisieren. Und dafür, dass ich keine Krone aufsetzen musste.«
Wir lachten.
»Das hat dich wirklich gestresst, hm?«, stellte ich belustigt fest.
»Also wenn ich heirate, will ich das volle Programm«, sagte Aubree und lallte ein wenig dabei. »Schärpe, Tiara … Vegas, Limo, Stripper …«
»Du willst nach Las Vegas für deinen Junggesellinnenabschied?« Izzy hob die Brauen.
»Aber so was von. Ich hab sogar Geld dafür zurückgelegt.«
»Du hast Geld für deinen eigenen JGA zurückgelegt?«, fragte ich amüsiert.
»Klar. Ich kann ja nicht davon ausgehen, dass sich das jeder leisten kann. Wenigstens die Flüge will ich übernehmen.«
»Oh Gott, das heißt ja, ich muss mit hoher Wahrscheinlichkeit mindestens einmal in meinem Leben nach Vegas.« Izzy verzog das Gesicht, als könnte sie sich nichts Schrecklicheres vorstellen, und ich lachte. Wenn es etwas gab, das noch weniger zu ihr passte als ein Krönchen, dann war es Las Vegas mit seinem Plastik und Bling-Bling.
»Wo würdest du denn hinwollen?«
Ich hatte gerade meine Margarita ausgetrunken und sah zu Aubree. »Darüber hab ich mir noch nie Gedanken gemacht.«
»Echt nicht?«, erwiderte Annie überrascht. »Also ich mir schon.«
Rebecca nickte. »Ich mir auch.«
»Ihr habt ja auch beide Partner. Ich bin Single.«
»Noch nicht lange«, warf Izzy ein.
»Ja, aber so ernst war das bei mir und Justus nicht.«
»Aber bei dir und Ryan, oder?«
Aubrees Bemerkung erwischte mich kalt, auch wenn es nur so dahingesagt war.
»Ich meine, ihr hättet fast geheiratet, oder?«
Am Tisch war es auffällig still. Izzy stierte in ihr Glas, Annie zupfte an einer Serviette herum.
Aubree blinzelte. »Hab ich … was Falsches gesagt?«
»Nein, nein«, beeilte ich mich zu sagen. »Ich hab nur wirklich noch nie darüber nachgedacht, wie mein JGA ablaufen soll.« Ich griff nach meinem Glas und erinnerte mich zu spät daran, dass es bereits leer war. »Ich frag Fynn mal, wo der Nachschub bleibt.«
* * *
»Oh Gott, ich seh gerade, dass mein Wecker in viereinhalb Stunden klingelt«, stöhnte Annie. »Warum haben wir das noch mal auf einen Werktag gelegt?«
Auch wenn ich wusste, dass es nicht vorwurfsvoll gemeint war, erwiderte ich: »Ging leider nicht anders.«
Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. »Hauptsache, die Braut muss morgen nicht arbeiten.«
Izzy gähnte. »Die Braut ist trotzdem reif fürs Bett.«
Wie auf Kommando setzte Aufbruchstimmung ein. Stühle scharrten über den Boden, und Gläser und Flaschen wurden eingesammelt und zu Fynn an den Tresen getragen. Als Annie und Rebecca die Girlanden abhängen wollten, winkte ich ab. »Ich mach das schon. Geht ihr mal nach Hause.«
»Wir können doch schnell zusammenhelfen«, sagte Annie.
»Ihr müsst morgen alle arbeiten. Ich hab Urlaub. Außerdem ist es ja nicht mehr viel. Ich häng die Deko ab und begleich die Rechnung.«
»Aber sag uns dann, was du bekommst, ja?«, erwiderte Leonie.
»Ich schreib’s in unsere Gruppe«, versprach ich.
»Leo ist in zwei Minuten da«, rief Rebecca in die Runde und schlüpfte in ihre Jacke. »Falls jemand mitfahren möchte …?«
Izzy hob die Hand. Der Rest bevorzugte ein paar Schritte an der frischen Luft. Wir tauschten Umarmungen und Küsschen und verabschiedeten uns voneinander. Izzy betonte noch einmal, wie schön der Abend gewesen war, und bedankte sich bei uns allen.
»Bis spätestens Samstag«, sagte Aubree noch zu mir, bevor sie als Letzte durch die Tür verschwand.
Der Kontrast war hart. Bis gerade eben war alles laut und voller Leben gewesen, jetzt hörte man nur noch die Musik, die aus den Boxen drang. Fynn musste die Playlist gewechselt haben. Statt Partykrachern erfüllte Noah Kahans rauer Bariton den Raum. Ich mochte seine Stimme. Diese Songs über Heimkehr, Sehnsucht und Einsamkeit, die einen immer ein wenig dazu verleiteten, gedankenverloren aus dem Fenster zu stieren. Die sich ganz schlecht mit Alkohol vertrugen. Nur so konnte ich es mir erklären, dass meine Augen plötzlich feucht wurden und sich ein vertrautes Stechen in meinem Herzen bemerkbar machte.
»Du hast nicht zufällig noch was zu trinken für mich?«, fragte ich Fynn und setzte mich an den Tresen.
Er trocknete gerade Gläser, die frisch aus der Spülmaschine kamen, und sah auf. »Bist du ein Wodka- oder ein Tequila-Mädchen?«
»Ich bin ein Gib-mir-irgendwas-das-mich-ihn-vergessen-lässt-Mädchen.«
Mitleidig lächelte er mich an. Es dauerte keine zehn Sekunden, bis ein Shotglas vor mir stand, und keine zehn weitere, bis er es mit einer klaren Flüssigkeit gefüllt hatte.
»Noch eins«, sagte ich, nachdem ich es mir in den Rachen gekippt hatte.
Er zog die Brauen hoch.
»Ich hab noch nicht mal den letzten Buchstaben seines Nachnamens vergessen!«
Fynn machte eine beschwichtigende Geste und schenkte mir Wodka nach. Wieder trank ich ihn auf ex. Schauderte, als er sich meine Speiseröhre hinabbrannte. Ich schob das leere Glas in seine Richtung und bat um Nachschlag.
»Ich glaube, du solltest ein bisschen langsamer machen.«
»Und ich glaube, du solltest deinen Job machen.«
Er lachte. »Ich bin Barista, kein Barkeeper.«
Ich hielt seinem Blick stand, bis er mir nachschenkte.
»Hast du das schon immer gemacht?«, fragte ich über den Rand meines Glases hinweg.
»Nein, früher hab ich bei Starbucks gearbeitet.«
Ich runzelte die Stirn, und er ergänzte: »Nicht im Verkauf. Im Real Estate.« Offenbar sah er mir an, dass ich damit nicht wesentlich mehr anfangen konnte. »Ich war zuständig für die Standortsuche, die Immobilienauswahl, Mietverhandlungen … so was.«
»Also … hast du entschieden, wo neue Filialen aufgemacht werden?«
»Eher analysiert, wo sie sinnvoll wären und wo nicht.«
»Hm.« Der Wodka lockerte meine Zunge. »Warum hast du aufgehört?«
Fynn schien sich nicht daran zu stören. »Es hat mir nie so wirklich Spaß gemacht. Ich bin eigentlich kein Zahlenmensch – obwohl ich einen Abschluss in diesem Bereich habe. Aber ausschlaggebend«, er ließ den Blick durch den Raum wandern, »war wohl dieser Laden hier. Er stand in der engeren Auswahl für eine Filiale.«
»Eine Starbucks-Filiale?«, erwiderte ich ungläubig. »In Green Valley?«
Er nickte. »Außer in den großen Skiorten ist Starbucks in dieser Region relativ schlecht aufgestellt. Das wollten sie ändern. Es gab ein paar Immobilien, die infrage kamen. Ich wurde hergeschickt, um die Standorte zu prüfen.«
»Wann war das?«
»Vor etwas über einem Jahr. Green Valley war mein letzter Stopp. Ich hab mir die Immobilie hier angesehen und war sofort überzeugt. Gute Lage, Laufkundschaft, schöne große Fenster, viel Licht.«
»Aber?«
»Aber dann bin ich ein bisschen durch die Stadt gelaufen, hab die Leute beobachtet, ihnen zugehört … Und mir ist klar geworden, dass eine große Kette wie Starbucks hier nicht herpasst. Dass es nicht das ist, was die Menschen wollen. Sie sich vielleicht sogar dagegen wehren würden.«
Ein zustimmendes Lächeln huschte über mein Gesicht.
»Ich wollte noch am selben Tag zurück nach Phoenix fahren, aber dann hatte ich einen Autounfall.«
»Oh.«
»Nur Blechschaden. Aber die Werkstatt musste ein Ersatzteil bestellen, also saß ich übers Wochenende hier fest.«
»Annies Werkstatt?«
Er nickte. »Sie war super hilfsbereit. Hat mir ein Zimmer im Golden Leaf organisiert und mir und Olly mit dem Versicherungskram geholfen.«
Ich stutzte. »Olly? Olly … Walsh?«
Seine Augen huschten kurz zur Seite, als hätte er zu viel erzählt. »Ja, ich hab ihm versehentlich die Vorfahrt genommen.«
Vielleicht lag es am Alkohol, aber ich brauchte ein paar Sekunden, um die Informationen in meinem Kopf zu sortieren. »Dann … kanntet ihr euch schon, bevor du hierhergezogen bist.« In mir begann es zu arbeiten. »Kann er dich deswegen nicht leiden? Weil du … sein Auto demoliert hast?« Erst mit dreisekündiger Verzögerung erkannte ich, wie abwegig der Gedanke war. Olly fuhr einen rostigen Toyota und machte sich rein gar nichts aus Autos.
»Nein, das … hat andere Gründe.« Ein seltsamer Ausdruck huschte über sein Gesicht. Und diesmal kam mein Verstand erstaunlich gut hinterher.
»Zwischen euch ist was gelaufen!«, platzte ich heraus.
Etwas blitzte in seinen Augen auf. Als würden ihn meine Kombinationsfähigkeiten gleichzeitig beeindrucken und irritieren.
»Ich hab schon so was vermutet«, fuhr ich fort und schämte mich fast für meinen stolzen Unterton. »Dass du Olly irgendwie … magst, aber ich wusste nicht, dass es beidseitig ist.«
»Ist es nicht.« Leise fügte Fynn hinzu: »Nicht mehr.«
»Was ist passiert?«
Er zögerte, und ich ruderte zurück und hob die Hand. »Tut mir leid. Das geht mich überhaupt nichts an.«
Er schwieg einen Moment. Dann begann er plötzlich, zu erzählen. »An dem Abend des Unfalls bin ich ins OIly’s gegangen. Hannah hatte mir den Tipp gegeben. Ich wusste nicht, dass es seine Bar war. Das hab ich erst kapiert, als ich ihn hinterm Tresen gesehen habe. Im ersten Moment dachte ich, er würde vielleicht … ungehalten reagieren. Immerhin war es meine Schuld, dass sein Auto kaputt war. Aber er war echt nett.«
»Olly? Nett?«, hakte ich amüsiert ein, aber Fynn überging es.
»Ich hab mich an den Tresen gesetzt, einen Burger bestellt, und wir haben uns unterhalten.« Sein Blick wurde ein wenig abwesend. »Irgendwann war die Bar leer, und ich saß immer noch dort.« Ein kleines Lächeln spielte um seine Mundwinkel. »Ich hatte das so zuvor noch nie erlebt. Dass es so … vibed. Dass du jemandem begegnest, und es passt einfach alles.« Er sah kurz auf den Tresen und zeichnete mit seinem Finger eine Maserung im Holz nach. »Na ja, jedenfalls hab ich in dieser Nacht nicht im Golden Leaf geschlafen.« Er schmunzelte. »Und in der darauffolgenden auch nicht.«
Ich lächelte. »Verstehe.«
»Wir haben das ganze Wochenende in seiner Wohnung verbracht. Zusammen gefrühstückt, gekocht, ferngesehen, geredet … Und wir sind uns kein bisschen auf die Nerven gegangen. Im Gegenteil. Es war, als würden wir uns schon ewig kennen.«
»Das klingt schön.«
»War es«, raunte er, aber sein Gesichtsausdruck deutete an, dass die Geschichte kein gutes Ende nehmen würde.
»Was ist passiert?«, fragte ich vorsichtig.
»Das Leben? Am Montagmorgen hat Annie angerufen, dass mein Auto repariert ist, und ich bin zurück nach Phoenix gefahren.«
Ich wartete noch einen Moment ab, aber es kam nichts mehr. »Das war’s?«
»Im Grunde schon.«
»Aber warum ist Olly dann so …« Ich suchte nach dem korrekten Ausdruck. »Ich meine, warum geht er jedes Mal an die Decke, wenn jemand deinen Namen fallen lässt.«
»Tut er das?«
»Schon. Irgendwie.«
Zu meiner Irritation lächelte er. Dann sagte er etwas reumütig: »Eventuell … hab ich … mich nicht … verabschiedet.«
Ich riss die Augen auf. »Gar nicht?«
Er seufzte. »Ich wollte es uns nicht noch schwerer machen. Es war klar, dass das Ganze keine Zukunft hatte. Immerhin sind es über zehn Autostunden von Green Valley nach Phoenix. Ich hielt es für die beste Lösung, keinen großen Aufriss zu machen.«
»Du hast keine Nachricht hinterlassen oder ihm geschrieben, dass …?«
Er schüttelte den Kopf.
»Also hast du ihn geghostet.«
»Es klingt schlimm, wenn du es so sagst.«
»Es ist schlimm.« Als müsste ich das Ganze erst mal verdauen, kippte ich mir den Shot in den Rachen. Ich verzog das Gesicht und hüstelte. »Warum bist du zurückgekommen?«
»Mir ist der Laden nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Die Idee, was Eigenes aufzumachen. Mit dem Gedanken hatte ich in Phoenix schon immer mal wieder gespielt, aber da hätte ich mir die Miete nicht leisten können. Noch dazu ist die Stadt voller großer Kaffeeketten. Die Konkurrenz wäre gigantisch gewesen. Aber Green Valley, wo es nur eine Bar und ein Diner gab …?«
»Und Olly.«
»Ja. Und Olly. Obwohl ich zugeben muss, dass das nur am Rande eine Rolle gespielt hat. Ich meine, irgendwo war da schon die Hoffnung, vielleicht dort weitermachen zu können, wo wir aufgehört haben, aber … es war nicht der ausschlaggebende Grund, nach Green Valley zu ziehen. Ich wollte einfach einen Neuanfang.«
»Hast du Olly von deinen Plänen erzählt? Hattet ihr Kontakt in dieser Zeit?«
Er schüttelte den Kopf. »Als alles in trockenen Tüchern war, hab ich ihn angerufen, aber er hat nie zurückgerufen. Den Grund dafür hab ich erfahren, als ich vor seiner Tür stand und sein Ex mir aufgemacht hat.«
Ich runzelte die Stirn. »Derek?«
Ein Schatten huschte über sein Gesicht. »Ja.«
»Ich wusste nicht, dass die beiden wieder zusammen sind.«
»Sind sie nicht. Nicht mehr.«
»Woher weißt du das?«
»Von Derek.«
Ich stutzte. »Du hast Kontakt zu Derek?«
»Gott, nein!« Er stieß ein geseufztes Lachen aus. »Er stand nur irgendwann nach Feierabend in meinem Laden und hat mich angebrüllt, ich hätte seine Beziehung zerstört. Offenbar hat es zwischen ihm und Olly nur noch gekracht, seit ich wieder in der Stadt war.«
»Oh … shit.«
»Ehrlich gesagt hat mir das Hoffnung gemacht.« Er schmunzelte. »Ich meine, immerhin wusste ich dadurch, dass ich Olly noch nicht ganz egal bin.«
»Wie lange ist das her?«
»Dass Derek hier aufgekreuzt ist?« Er überlegte. »Das war so zwei, drei Wochen nachdem ich den Laden aufgemacht habe. Also … im Mai.«
»Aber das sind ja …« Ich begann zu rechnen, aber der Alkohol hatte inzwischen seine volle Wirkung entfaltet.
»Fünf Monate«, half er mir auf die Sprünge.
»Und seitdem gab es keine Möglichkeit … Ich meine, hast du nicht versucht, mal mit Olly zu reden?«
»Doch, natürlich. Immer wieder«, bemerkte er mit einem müden Lächeln. »Ich war im Olly’s, bei ihm zu Hause, ich hab Nachrichten geschrieben, angerufen …«
»Und?«
»Und … er hat mich jedes Mal abblitzen lassen.«
»Nur weil du ihn damals geghostet hast?« Ich hickste. »Das war ein Dick Move, keine Frage.«
»Es war nicht nur das Ghosten. Ich glaube, es hat ihn tierisch gekränkt, dass ich nicht für ihn zurückgekommen bin. Sondern, um ein Café zu eröffnen. Und ich verstehe das. Ich wünschte nur, er würde erkennen, dass ich vielleicht nicht für ihn gekommen bin, aber … für ihn geblieben bin.«
Überrascht sah ich ihn an.
»Es war hart in den ersten Monaten. Die Renovierung hat länger gedauert als geplant, die Kosten waren höher als erwartet. Und ich hab meine Freunde vermisst. Mein Leben in Phoenix. Ich hab mich oft gefragt, ob das nicht alles ein Riesenfehler war. Aber immer wenn ich Olly begegnet bin – auf der Straße, beim Einkaufen, an der Tankstelle –, wurde mir klar, dass es keiner war. Selbst, wenn er mich ignoriert hat.«
»Hast du ihm das je gesagt?«
Sein Schweigen war Antwort genug.
»Vielleicht solltest du das tun.«
»Er hört nicht zu«, seufzte er.
Ich fuhr mit dem Finger über den Rand meines Glases und sah zu ihm auf. »Vielleicht musst du es ihm schwerer machen wegzuhören.«