Kapitel 4 - New Memories
By Lilly Lucas
Ich schob den Zeigefinger unter die Lasche und hörte das Papier reißen. Dachte kurz darüber nach, wann ich zuletzt Post aus Green Valley bekommen hatte. Es musste etwa zwei Jahre her sein. Ryan hatte mir eine Sonnenbrille, einen Schal und Versicherungsunterlagen geschickt. Ich erinnerte mich noch daran, wie sehr meine Hände gezittert hatten, als ich die Sachen aus dem Paket gezogen hatte. Dass ich meine Nase im Schal vergraben hatte in der Hoffnung, noch einmal den Geruch unserer Wohnung einzuatmen. Wie schmerzhaft es gewesen war, als er nach nichts als Pappkarton gerochen hatte. Ich schob die Erinnerungen beiseite und zog die Einladung aus dem Umschlag. Es waren zwei Karten aus Naturpapier, die durch ein dünnes Band aus Bast zusammengehalten wurden. Auf der Einladungskarte standen groß die Namen von Izzy und Will in kalligrafischer Schrift, eingesäumt von einem Kranz aus Herbstblättern, Blüten und Beeren im Aquarell-Stil. Die Antwortkarte war in denselben Farben gehalten, zeigte statt floralen Motiven aber eine Scheune mit Lichterketten, die wie winzige Sterne aussahen.
Ich nahm mein Handy zur Hand und tippte eine Nachricht an Izzy.
Schau mal, was bei mir angekommen ist …
Ich machte ein Foto von der Einladung und schickte es ihr. Anschließend zog ich meine Pyjamahose und ein Schlafshirt an und krabbelte ins Bett.
Huch, das ging ja schnell. 😧 Gott sei Dank hab ich dich gestern noch erreicht. 😄
Die Überraschung wäre dir jedenfalls gelungen … 🙈 Übrigens eine wunderschöne Einladung.
Ich richte es Wills Mom aus … 😛
Unwillkürlich musste ich lächeln. Es überraschte mich nicht, dass Izzy die Gestaltung der Karte ihrer Schwiegermutter in spe überlassen hatte. Allison Albright hatte ein Händchen für Design und Ästhetik. Das wusste jeder, der einmal das Ranchhaus der Albrights oder ihre Blockhütte in Beaver Creek betreten hatte. Izzy hingegen war niemand, der viel Wert auf Äußerlichkeiten legte. Insofern hätte es mich nicht gewundert, wenn sie ihre Gäste per E-Mail oder Textnachricht eingeladen hätte.
Ich wollte das Handy gerade auf den Nachttisch legen, als noch eine weitere Nachricht von Izzy einging.
Übrigens hab ich gestern vergessen zu erwähnen, dass Justice natürlich auch eingeladen ist … Will und ich würden uns freuen, ihn kennenzulernen.
Seit ich Izzy gegenüber erwähnt hatte, dass Justus’ Name aus ihrem Mund wie »Justice« klang und er noch dazu als Jurist arbeitete, hatte er seinen Spitznamen bei ihr weg. Abgesehen davon kannte sie ihn nur von einem Selfie, das ich ihr vor etwa einem Monat geschickt hatte. Ein Schnappschuss aus dem Biergarten. Justus und ich, Schulter an Schulter, Schläfe an Schläfe. Die Wangen gerötet vom Sarti Spritz und der Spätsommersonne. Es hatte mich Überwindung gekostet, auf »Senden« zu drücken. Aus demselben Grund, aus dem ich Izzy monatelang hingehalten hatte. Behauptet hatte, kein schönes Foto von Justus und mir zu besitzen. Es war keine Lüge gewesen. Ich hatte tatsächlich an jedem etwas auszusetzen gehabt. Mal war mir mein Blick zu verschlafen gewesen, mal Justus’ Lächeln zu angestrengt. Mal hatte ich mich an der Belichtung gestört, mal am Hintergrund. Aber es war auch nicht die volle Wahrheit gewesen. Izzy meinen neuen Freund zu zeigen, dem Namen ein Gesicht zu geben, hatte sich wie etwas Unwiderrufliches angefühlt. Als würde ich den letzten Faden zu meinem alten Leben durchtrennen.
