Kapitel 40 - New Memories
By Lilly Lucas
Als ich die Augen öffnete, schien mir grelles Morgenlicht ins Gesicht. Ich stöhnte und wollte mich wegdrehen, aber ein Männerarm hinderte mich daran. Er lag um meine Taille, fest und selbstverständlich, als hätte er nie woanders gelegen. Mein Atem stockte, und mein Herz schlug schneller. Bruchstückhaft kehrte die Erinnerung an letzte Nacht zurück. Das Bad – die Kloschüssel – die Dusche. Ryan, halb sitzend, halb schlafend. Mein inneres Hin und Her. Ich hatte mich extra auf die andere Seite der Matratze gelegt, war unter die Bettdecke geschlüpft, während er auf der Tagesdecke … Ich runzelte die Stirn. Versuchte, Erklärungen zu finden. Vielleicht war ihm kalt geworden. Vielleicht hatte ich geträumt. Vielleicht … haben unsere Körper auch einfach beschlossen, dass Nähe vertrauter ist als Distanz. Der Gedanke ließ mich die Luft anhalten. Vielleicht nahm ich deswegen sofort wahr, dass sich seine Atmung veränderte. Ins Stocken geriet. Der Arm um meine Taille bewegte sich, und ich spürte, wie etwas hart gegen meinen unteren Rücken drückte. Oh.
»Was …«, hörte ich ihn murmeln. Dann fuhr er hoch. Abrupt. Zu schnell. Sein Körper löste sich von meinem, als hätte er sich an mir verbrannt. Die Bettdecke rutschte runter, kalte Luft traf meine Haut. Aufrecht saß er neben mir und starrte mich an.
»Du hast schon geschlafen«, beantwortete ich seine unausgesprochene Frage. »Als ich aus dem Bad gekommen bin.«
In seinem Gesicht begann es zu arbeiten. »Warum hast du mich nicht geweckt?« Er klang nicht verärgert, aber irritiert. Was ich ihm nicht verübeln konnte. Ich hätte ihn wecken sollen. Jetzt, wo sich der Nebel in meinem Hirn gelichtet hatte, war mir das klar.
»Hab’s versucht«, log ich.
Verlegen rieb er sich übers Gesicht. Sofort hatte ich ein schlechtes Gewissen, aber die Wahrheit brachte ich trotzdem nicht über die Lippen. »Ist okay«, murmelte ich.
»Nein, ist es nicht«, seufzte er und schuf noch etwas mehr Abstand. »Ich hätte nicht …« Er brach ab und rieb sich das Nasenbein, und ich fragte mich, wie sein Satz weitergegangen wäre. Bleiben dürfen? Einschlafen dürfen? Neben dir schlafen dürfen? Mit dir kuscheln dürfen? Denn das hatten wir alles getan, führte ich mir vor Augen. Vor allem Letzteres ließ mein Herz schneller schlagen. Die Erinnerung an seine Wärme. Seine Stärke. Seine … Härte. Oh Gott.
»Ich sollte gehen«, murmelte er und schlug die Decke zur Seite – im selben Moment, in dem ich »Nein!« rief und den Kopf wegdrehte, um nicht auch noch zu sehen, was ich gefühlt hatte.
»Was …? Oh!« Ein verlegenes Räuspern folgte. Kurz war es still. Dann erfüllte mein Lachen den Raum. Ich konnte nicht an mich halten, fand alles an dieser Situation plötzlich herrlich komisch.
»Das hab ich vermisst«, sagte er, als ich mich wieder halbwegs beruhigt hatte. »Dieses Lachen.«
Ich schluckte.
»Du bist mir aus dem Weg gegangen in den letzten Tagen. Warum?«
Ich brachte es nicht fertig, ihn anzusehen.
»Lena«, sagte er. Nur das. Meinen Namen.
»Ich hab gehört, was du zu Grayson gesagt hast.«
Er runzelte die Stirn. »Was ich …«
»Vor dem Olly’s«, half ich ihm auf die Sprünge. »Dass du froh bist, wenn ich endlich weg bin und dass …«
Er stöhnte und schloss die Augen.
»Du dich nur für Izzy und Will zusammenreißt. Dass ich …«
»Das hast du falsch verstanden.«
Ein bitteres Lachen kam über meine Lippen. »Wie kann man das falsch verstehen?«
Er schwieg, aber es wirkte widerstrebend, weshalb ich ihm eine letzte Chance gab. »Wie hast du es dann gemeint? Erklär’s mir. Stell’s richtig.«
Sein Schweigen hielt an, und jetzt reichte es mir endgültig. »Weißt du was? Du hast recht. Du solltest gehen.«
»Lena …«
»Jetzt.«
Unschlüssig sah er mich an. Fast rechnete ich damit, dass er sich weigern würde. Ein bisschen hoffte ich es auch. Stattdessen schwang er die Beine über die Bettkante. Einen Moment blieb er noch sitzen, dann stand er auf. An der Tür blieb er stehen. Seine Hand lag bereits auf der Klinke, doch er drehte sich noch einmal um. Für einen Moment trafen sich unsere Blicke. Dann verschwand er durch die Tür. Ich starrte auf den Punkt, an dem er eben noch gestanden hatte. Hörte seine Schritte im Flur. Seine Zimmertür, die zufiel. Sie musste die ganze Nacht offen gestanden haben. Zumindest konnte ich mich nicht daran erinnern, dass er noch einmal zurückgegangen war, um sie zu schließen. Schwer seufzend ließ ich mich ins Kissen sinken. Das Bett neben mir war leer, aber die Wärme war noch da. Und genau das tat am meisten weh.
* * *
Es war um die Mittagszeit, als ich zum zweiten Mal an diesem Tag aufwachte. Diesmal war es nicht das Sonnenlicht, das mich weckte, sondern mein Smartphone. Mit halb geschlossenen Augen tastete ich nach dem Gerät und fischte es vom Nachttisch.
»Ja?«, krächzte ich, ohne darauf zu achten, wer anrief. Es war Izzy, und sie plapperte ungebremst drauflos. »Hey, ich wollte fragen, ob du Lust hast, mit mir ins …«
»Nicht so laut!«, stöhnte ich und hielt mir das Handy vom Ohr weg.
»Ich sprech ganz normal. Was ist denn los?«
»Ich fühl mich nicht gut.«
»Bist du krank?«
»Nein, verkatert.«
Sie stutzte hörbar. »Du hattest doch höchstens zwei Margaritas gestern Abend.«
»Das war, bevor Fynn mich abgefüllt hat.«
»Fynn hat … was?!«
»Er kann nichts dafür, ich hab es darauf angelegt«, gab ich zerknirscht zurück.
Kurz wurde es still am anderen Ende der Leitung. »Also bist du noch länger geblieben?«
»Hmmm«, brummte ich, wobei ich feststellte, dass ich keine Ahnung hatte, wie lange genau.
»Und hast dich mit Fynn betrunken?«
»Nein, nur ich hab getrunken.«
»Okay«, kam es gedehnt zurück.
»Ich hab Mist gebaut, Izzy.«
»Oh nein. Bitte erzähl mir jetzt nicht, dass du mit Fynn geschlafen hast.«
»Was? Nein! Doch nicht mit Fynn«, unterbrach ich sie und schüttelte so heftig den Kopf, dass ich vor Schmerz aufstöhnte.
»Mit Ryan …?!«
»Nein! Aber … ich bin heute Morgen neben ihm aufgewacht.«
»Hä?!«, keifte sie mir ins Ohr.
»Es ist nichts passiert. Wir haben nur im selben Bett geschlafen.«
»Hattet ihr was an?«
»Natürlich hatten wir was an!«
Ich gab ihr eine ausführliche Zusammenfassung, wobei ich mich an manches nur noch bruchstückhaft erinnerte. Zum Beispiel wusste ich nicht mehr, wie ich nach Hause gekommen war. Hatte Fynn mich gefahren? War ich gelaufen? Und warum hatte ich überhaupt an Ryans Tür geklopft? Was hatte ich von ihm gewollt? Was hatte ich gesagt?
»Hast du mal in deine Anrufliste geschaut?«
»Wieso?«
»Na ja, vielleicht hast du Ryan angerufen, bevor du bei ihm geklopft hast.«
Ich konnte ihr nicht folgen.
»So eine Art … Booty Call«, warf sie vorsichtig in den Raum.
Ich stutzte. »Booty Call? Du denkst, ich hab bei ihm geklopft, weil ich …?«
»Keine Ahnung, nur so eine Idee.«
»Oh Gott, bitte nicht«, stöhnte ich und rief parallel meine Anrufliste auf. Zu meiner Erleichterung hatte ich Ryan letzte Nacht nicht angerufen. Sicherheitshalber checkte ich noch rasch meine Nachrichten, aber auch hier entdeckte ich keinen verdächtigen Chat.
»Ich denke, das hätte er dir auch gesagt. Apropos … wie hat er eigentlich reagiert?«
»Es war ihm super unangenehm. Die Morgenlatte hat auch nicht gerade geholfen.«
Izzy prustete los.
»Er ist ziemlich schnell abgehauen.«
Kurz spielte ich mit dem Gedanken, ihr von dem Gespräch zwischen Ryan und Grayson zu erzählen, das ich mit angehört hatte. Von Ryans Reaktion vorhin. Aber es war der Tag vor ihrer Hochzeit, und ich wollte nicht, dass sie sich Sorgen um die Stimmung machte. Stattdessen wechselte ich das Thema. »Wie geht es dir denn überhaupt?«
»Ich bin super müde. Konnte ewig nicht einschlafen. So langsam steigt die Aufregung.«
»Das ist ja auch total verständlich. Morgen um diese Uhrzeit bist du schon fast verheiratet.«
Ein wenig zittrig stieß sie die Luft aus. »Ja.«
»Was steht denn heute noch an bei euch?«
»Nicht viel. Will und ich fahren nachher noch mal raus auf die Ranch und sehen nach dem Rechten, aber ansonsten …«
»Das klingt gut.«
»Und du? Pläne für heute?«
»Kopfschmerztabletten einwerfen.«
Sie lachte. »Ich glaube, ich muss morgen mal ein ernstes Wörtchen mit Fynn reden. Meine Trauzeugin so abzufüllen … tsss.«
»Morgen? Wieso morgen?«
»Na, auf der Hochzeit.«
»Fynn ist eingeladen?«, fragte ich erstaunt.
»Seit gestern, ja.« Sie lachte. »War eine spontane Entscheidung. Ich fand’s so nett von ihm, dass er uns das Cozy Cup zur Verfügung gestellt hat.«
»Hmmm«, machte ich, weil mir plötzlich eine geniale Idee kam.