Kapitel 41 - New Memories
By Lilly Lucas
Den restlichen Nachmittag verbrachte ich im Bett und sah mir einen Film an. Meinen Kater hatte ich mit Aspirin, Wasser und einer Packung Chips in den Griff bekommen. Trotzdem hatte ich keinerlei Absichten, heute noch mein Zimmer zu verlassen. Umso größer war die Überwindung, die Beine über die Bettkante zu schwingen, als es an der Tür klopfte. Ich ging davon aus, dass es die Pizza war, die ich bestellt hatte. Stattdessen stand Ryan vor mir.
»Hey«, sagte er mit einem zaghaften Lächeln.
»Hey.«
Reflexartig wischte ich mir über den Mund, fest davon überzeugt, dass sich dort noch jede Menge Chipskrümel befanden. »Wenn du über heute Morgen reden willst …«
Abwehrend hob er die Hand. »Will ich nicht. Ich hab gerade einen Anruf von Will bekommen. Er fragt, ob wir zur Hütte fahren können, um sicherzustellen, dass alles passt.«
In meinem Kopf poppten mehrere Fragen gleichzeitig auf. Spontan entschied ich mich für: »Alles passt?«
»Na, die Deko und das Essen …«
Verständnislos blinzelte ich.
»Er hat doch diese Eventagentur beauftragt.« Offenbar sah er mir an, dass ich nur Bahnhof verstand, und begann von vorne. »Izzy und Will können sich ja keine Flitterwochen leisten, also hatte er die Idee, sie damit zu überraschen, nach der Hochzeit ein paar Tage zu zweit in der Hütte zu verbringen.«
»Oh«, stieß ich überrascht aus. »Das wusste ich nicht.«
»Er hat irgendeinen Anbieter gefunden, der die Hütte dekoriert, Frühstück anliefert und so weiter …«
»Das klingt schön.«
»Ja, nur ist Will jetzt irgendwie beunruhigt, dass es Izzy nicht gefallen könnte.«
»Warum sollte es ihr nicht gefallen?«
Ryan zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. Seine Nerven liegen generell ziemlich blank.«
»Bekommt er kalte Füße?«, fragte ich alarmiert.
»Im Gegenteil. Er hat Angst, Izzy könnte ihn am Altar stehen lassen.«
Ungläubig lachte ich. »Das hat er gesagt?«
»So was in der Art.«
»Das würde Izzy doch niemals tun. Sie liebt Will über alles.«
»Natürlich tut sie das. Der arme Kerl ist einfach nervös.«
»Okay. Und … wir sollen jetzt …?«
»Zur Hütte fahren und nach dem Rechten sehen. Ach ja, und die Heizung aufdrehen. Sonst wird das mit den kalten Füßen anderweitig zum Problem.« Er schnitt eine Grimasse, und ich war geneigt zu lächeln. Aber dann fiel mir wieder ein, wie die Dinge zwischen uns standen.
»Kannst du das nicht allein machen? Ich bin total erledigt von letzter Nacht und hab mir eine Pizza bestellt.«
Etwas in seinem Blick wurde weicher. »So wie ich das verstanden habe, geht es Will vor allem um die Deko. Er hat Angst, es könnte Izzy zu kitschig sein. Und das kannst du besser einschätzen als ich.«
Ich stieß die Luft aus.
»Na schön. Ich komme mit.«
Ich glaubte, ein kleines Lächeln über sein Gesicht huschen zu sehen.
»Unter zwei Bedingungen«, schob ich nach. »Wir warten noch auf meine Pizza, und wir reden weiterhin nicht über heute Morgen.«
»Einverstanden«, sagte er, wirkte aber nicht glücklich dabei.
»Gib mir zehn Minuten, um das hier in den Griff zu kriegen.« Ich zeigte auf mich. »Wir treffen uns in der Lobby.«
Ehe er etwas erwidern konnte, zog ich ihm die Tür vor der Nase zu. Vielleicht war es ein wenig albern, aber für den Augenblick verschaffte es mir Genugtuung.
* * *
»Also … wie war’s gestern so?«, fragte Ryan in einem sehr offensichtlichen Versuch, mich zum Reden zu bewegen. Seit wir am Golden Leaf losgefahren waren, hatte ich mich hauptsächlich mit meiner Pizza beschäftigt.
»Gut.«
Er gab noch nicht auf. »Für unter der Woche ging es ziemlich lang, oder?«
»Nur für mich und Fynn.«
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sein Kopf in meine Richtung schnellte. Gelassen begegnete ich seinem Blick. »Wir haben uns verquatscht.«
Etwas wie Erleichterung stahl sich auf seine Züge.
»Er hat früher bei Starbucks gearbeitet. Wusstest du das?«
Ryan schüttelte den Kopf. »Ergibt aber Sinn.«
»Nicht im Verkauf. Im …«, ich kramte in meiner Erinnerung und rümpfte die Nase, »Real Estate oder so? Ich erinnere mich nicht mehr.«
Er schmunzelte und raunte etwas, das wie »Kein Wunder« klang.
»Hm?«
»Du … warst ziemlich betrunken.« Ohne die Augen von der Fahrbahn zu nehmen, hob er die Hand. »Kein Vorwurf.«
»Na ja, du hättest das Recht, mir einen zu machen«, räumte ich ein. »Immerhin hab ich dich mitten in der Nacht aus dem Bett geholt. Um dann meinen kompletten Mageninhalt vor dir zu entleeren.« Reumütig rümpfte ich die Nase. »Sorry übrigens noch mal.«
»Du hast dich letzte Nacht schon dafür entschuldigt.«
»Hab ich?«
Er lächelte amüsiert. »Mehrfach.«
»Ich hab ein paar Lücken«, gab ich zu.
»Soll ich dir helfen, sie zu füllen?«
Ich spannte mich unwillkürlich an, weil mir das Gespräch mit Izzy wieder in den Sinn kam.
»Nicht nötig«, murmelte ich, um mich eine Sekunde später umzuentscheiden. »Oder doch: Was genau wollte ich von dir? Heute Nacht. Warum … hab ich geklopft?«
»Du hast nicht geklopft.«
Ich blinzelte. »Nicht?«
»Dein Schlüssel hat nicht gepasst, weil du dich in der Tür geirrt hast. Davon bin ich wach geworden.«
»Das war’s?«
»Im Großen und Ganzen schon, ja.«
»Oh, Gott sei Dank«, stieß ich todeserleichtert hervor.
Er hob die Brauen. »Was dachtest du denn, warum …«
»Wie wär’s, wenn wir die Nicht-über-heute-Morgen-reden-Regel etwas großzügiger auslegen?«, krächzte ich.