Kapitel 44 - New Memories
By Lilly Lucas
Die sind viel weicher, als ich dachte.« Er lag neben mir, den Kopf auf den Arm gestützt, und spielte mit meinen Ponyfransen.
Unwillkürlich musste ich lächeln. »Der ist auch weicher, als ich dachte.« Mit meinen Fingern strich ich seinen stoppeligen Kiefer entlang. »Wie kam es eigentlich dazu?«
»Faulheit. Zumindest am Anfang. Dann meinte jemand, es würde mir gut stehen, also …«
Ich hob eine Braue. »Jemand, hm?«
Er schmunzelte nur.
»Gut, dass du auf jemand gehört hast.«
»Und der Pony? War das so ein … Trennungsding?«
Ich schmunzelte. »Weil Frauen angeblich gerne zum Friseur gehen, wenn sie abserviert werden?«
»Du wurdest …?«
»Nein. Ich hab es beendet.«
Da war eine verräterische Regung in seinem Gesicht. Ich wäre nicht so weit gegangen, es Genugtuung zu nennen, aber meine Antwort stimmte ihn eindeutig zufrieden. Auch seine Schultern schienen sich zu entspannen.
»Warum?«, fragte er geradeheraus.
»Justus hatte das Gefühl, dass ich ihn auf Abstand halte. Mich nicht komplett auf ihn einlasse.«
»War es so?«
Ich nickte.
»Also … ging die Trennung auch von ihm aus?«
»Nein. Er hätte es gerne noch mal versucht.« Ich dachte zurück an das Gespräch an jenem Morgen und hätte schwören können, dass es länger zurücklag als sieben Wochen.
»Aber du wolltest das nicht«, holte mich Ryan zurück ins Jetzt.
»Es wäre ihm gegenüber nicht fair gewesen. Weil … ich tief in mir drin gewusst hab, dass ich nie so für ihn empfinden würde wie …«, ich stockte, »… er es verdient hat.«
Er lächelte, als wüsste er genau, was ich eigentlich hatte sagen wollen. Dann wurde seine Miene ernster. »Und … akzeptiert er es?«
Ich nickte. »Wir haben keinen Kontakt mehr seit der Trennung.«
Ryan reagierte komisch, und mir wurde bewusst, dass er mit seiner Frage auf die Sprachnachricht von Justus angespielt hatte. »Das war das erste Mal, dass ich wieder etwas von ihm gehört habe. Wobei, nein, das stimmt nicht ganz. Er hat mir vor dem Abflug geschrieben, dass er noch einen Pullover von mir hat, und ich hab vergessen, ihm zu antworten.«
»Es klang nicht so, als hätte er schon damit abgeschlossen.«
»Er hat gefragt, ob wir noch mal reden können, wenn ich nach Hause komme«, räumte ich ein.
Seine Miene wirkte plötzlich angespannt. »Wie hast du reagiert?«
»Noch gar nicht, um ehrlich zu sein.«
»Heißt das, du denkst darüber nach?« Er klang, als wäre er sich nicht sicher, ob er die Antwort hören wollte.
Ich sah ihm in die Augen. »Das mit Justus und mir ist vorbei.«
Erleichterung huschte über seine Züge. »Diese Sprachnachricht von ihm hat mich echt kalt erwischt. Mit anhören zu müssen, wie er dich … vermisst. Das war brutal.« Der Schmerz in seiner Stimme schickte einen Schauer durch meinen Körper. »Deswegen bin ich auch so ausgetickt. Im Auto. Als du mir diese Fragen zu Willa und Grayson gestellt hast. Wie es mir damit geht. Ich war wütend auf dich. Weil dein Leben einfach ohne mich weitergegangen ist.«
»Dein Leben ist auch ohne mich weitergegangen«, flüsterte ich traurig.
»Ja, aber … nicht so.«
Überrascht blinzelte ich. »Hattest du niemanden seit … uns?«
»Nein, da war niemand«, sagte er ohne Bedauern. »Ich hatte Dates, aber … es hat sich nie richtig angefühlt. Anfangs dachte ich, ich wäre einfach noch nicht bereit für was Neues, aber … daran lag es nicht.« Er schwieg mehrere Sekunden, und als er etwas sagte, kam es mit einem Seufzen aus seinem Mund. »Sie waren einfach nicht du.« Kurz wirkte er selbst verwundert über seine Offenheit.
Ich hob meinen Kopf und gab ihm einen einzelnen Kuss auf den Mund, aber er umfasste mein Gesicht und hielt es fest. Seine Zunge schob sich sanft zwischen meine Lippen, während seine Hand unter die Bettdecke glitt. Hitze rauschte zwischen meine Beine, als seine Finger auf Wanderschaft gingen.
»Warte.«
Er hörte sofort auf. »Was ist?«
Sanft schob ich ihn ein Stück von mir. Sein Haar war auf niedliche Weise verstrubbelt, und mir wurde bewusst, dass das mein Werk war. »Es ist gleich Mitternacht, und wir müssen noch zurückfahren.«
»Müssen wir nicht.« Auf mein fragendes Stirnrunzeln hin ergänzte er: »Wir können auch bleiben.«
»Über Nacht?«
»Warum nicht?«, erwiderte er mit absolut entspannter Miene.
»Morgen ist die Hochzeit.«
»Ja, aber doch erst am Nachmittag. Bis dahin sind wir längst zurück.«
Ich schnaubte. »Dir ist schon bewusst, dass es nicht bei jedem damit getan ist, unter die Dusche zu springen und einen Anzug anzuziehen.«
»Hm?«
In harmlosem Spott verdrehte ich die Augen. »Wir Mädels treffen uns alle um zehn bei Izzy zum Getting Ready. Außerdem sollten wir als Trauzeugen vor Ort sein, findest du nicht? Falls irgendwas ist …«
»Was soll denn sein?«
»Keine Ahnung. Izzys Reißverschluss könnte kaputtgehen … die falschen Blumen könnten geliefert werden … oder«, ich gestikulierte mit den Händen, »einer von beiden bekommt doch noch kalte Füße.«
Er nickte, als würde er es einsehen. »Dann stellen wir uns eben einen Wecker und brechen zeitig auf.«
Der Protest lag mir bereits auf der Zunge. Ich wollte ihm all die Gründe aufzählen, die dagegen sprachen, aber ich brachte kein Wort heraus. Da war dieser Ausdruck in seinen Augen. Diese stumme Bitte, die ohne Druck daherkam. Noch nicht. Noch ein bisschen. Ich stellte mir vor, wie es wäre, die ganze Nacht mit ihm zu verbringen. Mich an ihn zu schmiegen und die Nase in seiner Halsbeuge zu vergraben. Seine Nähe und Wärme zu spüren. Noch ein paar Stunden so zu tun, als gäbe es kein Morgen. Kein Danach.
»Wie früh?«
Ein für meinen Geschmack zu voreiliges Lächeln huschte über sein Gesicht. »Acht?«
Mein Widerstand bröckelte. Um nicht zu sagen: Er stürzte in sich zusammen. »Halb acht!«
Sein Lächeln wurde breiter. »Okay. Dann halb acht.«
»Unter einer Bedingung«, schob ich hinterher. »Wir schlafen jetzt.«
»Hmmm«, machte er und streichelte meinen Bauch.
Spielerisch schüttelte ich seine Hand ab. »Ich mein das ernst. Ich brauch meinen Schönheitsschlaf.«
Er betrachtete mich ausgiebig. »Nein. Brauchst du nicht.«
»Hast du vergessen, wie ich morgens aussehe, wenn ich zu wenig Schlaf bekommen habe?«
»So wie heute früh. Also«, er drückte mir einen Kuss auf die Nasenspitze, »wunderschön.«
»Pfff …«
»Also gut. Nur schlafen.« In einer Geste der Kapitulation hob er die Hände und drehte sich auf den Rücken. Mit einem zufriedenen Lächeln rückte ich so nah wie möglich an ihn heran und bettete meinen Kopf auf seine Schulter. Meine Hand fand seinen Brustkorb und blieb dort liegen. Er zog die Decke über meine Schulter und löschte das Licht.
»Gute Nacht«, flüsterte er und hauchte mir einen Kuss auf den Scheitel. Wärme durchströmte meine Brust.
»Ich muss dir noch was gestehen.«
»Hm?«, brummte er.
»Letzte Nacht, da … hab ich nicht versucht, dich zu wecken. Als du geschlafen hast.« Ich presste die Lippen aufeinander. »Das war gelogen.«
Ich hörte ihn lächeln. »Ich weiß.«
»Woher?«
»Weil ich nicht geschlafen habe.«
Mit einem seligen Lächeln im Gesicht schlief ich ein.