Kapitel 5 - New Memories
By Lilly Lucas
Ich döste noch, als es am nächsten Morgen an meiner Zimmertür klopfte.
»Ja?«, brummte ich und ging davon aus, dass es Lara war.
Stattdessen betrat Justus mit zwei Coffee-to-go-Bechern das Zimmer. Er trug wieder seine übliche Kombi aus Jeans und Strickpullover, darüber den Parka, den er bei unserer ersten Begegnung angehabt hatte.
»Guten Morgen«, sagte er mit einem zurückhaltenden Lächeln.
»Morgen«, murmelte ich überrascht und richtete mich im Bett auf. »Wie bist du …«
»Lara hat mich reingelassen. Ich hoffe, das war okay.« Ein Hauch Unsicherheit schwang in seiner Stimme mit.
»Ja … natürlich.« Ich rieb mir den Schlaf aus den Augen. »Wie spät ist es?«
»Kurz vor acht.«
»Musst du heute nicht ins Büro?«
»Doch, aber ich hab Bescheid gegeben, dass ich ein bisschen später komme.« Ich bemerkte die Schatten unter seinen Augen. Offenbar hatte er genauso schlecht geschlafen wie ich. Die halbe Nacht hatte ich wach gelegen und über unseren Streit nachgedacht. Mein Gespräch mit Lara. Ich hatte mich hinterfragt und verteidigt, hatte gedanklich Pro- und Kontra-Listen erstellt, Punkte ergänzt, verschoben und gestrichen. Bis es irgendwann still in meinem Kopf geworden war. Und in dieser Stille hatte ich eine Entscheidung getroffen. Eine, die sich auch jetzt, bei Tageslicht, noch richtig anfühlte. Nicht gut oder leicht. Aber richtig. Nur hätte ich gerne etwas mehr Zeit gehabt, mich an den Gedanken zu gewöhnen. Mir die passenden Worte zurechtzulegen.
»Ist … einer davon für mich?«, fragte ich vorsichtig.
»Ach so, ja.« Er trat an mein Bett heran und reichte mir einen Becher. Der Duft von Espresso und Karamell drang an meine Nase. Er hatte mir meinen Lieblingskaffee besorgt. Das machte es nicht einfacher.
»Danke.« Ich lächelte schwach und nahm einen Schluck. »Willst du dich nicht setzen?«
Er nahm auf der Bettkante Platz. Hielt kurz inne, als unter ihm Papier raschelte. Es war die Einladungskarte. Ohne Notiz davon zu nehmen, legte er sie zur Antwortkarte auf den Nachttisch. Dann richteten sich seine Augen wieder auf mich. »Ich denke, wir sollten reden.«
»Ja«, hauchte ich fast erleichtert.
Er ließ den Blick durch den Raum wandern, bevor er wieder zu mir sah. »Aber erst möchte ich mich entschuldigen.«
Ich konnte meine Überraschung nicht verbergen.
»Dafür, dass ich den Abend ruiniert habe.«
»Du musst dich nicht entschuldigen. Du hast nur gesagt, was du denkst.«
»Ja, aber ich hab dich total überfallen damit.«
»Es … kam überraschend«, gab ich zu.
Seine Miene blieb ernst. »Für mich auch. Ich meine, ich hatte nicht vor, es zum Thema zu machen. Die Begegnung mit Semir und Felix hat was in mir … ausgelöst.«
»Ich glaube, es war diese Bemerkung. Dass du mich ja doch nicht erfunden hättest. Ab dem Moment ist die Stimmung gekippt.«
»Es war auch deine Reaktion darauf. Die Tatsache, dass es dir überhaupt nichts ausgemacht hat. Du warst nicht ansatzweise gekränkt oder irritiert.«
»Für mich war es nur ein Scherz«, sagte ich schulterzuckend. »Ich hab nicht verstanden, warum du plötzlich eine Grundsatzdiskussion angezettelt hast. Im einen Moment war noch alles gut, und im nächsten hast du unsere ganze Beziehung infrage gestellt.«
»Ich glaube, das tue ich schon länger.«
Ich schluckte. Mit einem fast schuldbewussten Ausdruck im Gesicht sagte er: »Ich hätte es früher ansprechen sollen, aber … ich wollte dich nicht unter Druck setzen. Das will ich nach wie vor nicht, aber«, er suchte meinen Blick, »ich muss wissen, wo wir stehen, Lena. Und … ob wir dasselbe wollen.« Er klang traurig. Ein wenig ratlos.
»Ich weiß es nicht.«
»Du weißt nicht, wo wir stehen oder ob wir dasselbe wollen?«
Bedauernd sah ich ihn an. »Beides.«
»Willst du es denn herausfinden?«
»Ich …« Meine Stimme brach, und ich schwieg.
Er nickte, als wäre das die Reaktion, die er erwartet hatte. Aber nicht die, die er sich gewünscht hatte. Mein Herz wurde schwer.
»Es liegt nicht an dir, Justus. Du bist …«
»Nicht«, sagte er und verzog gequält das Gesicht. »Bitte.«
Ich suchte nach den richtigen Worten. »Ich bin einfach noch nicht bereit für eine neue Beziehung.«
»Und wenn ich dir mehr Zeit gebe? Wenn wir … Druck rausnehmen? Noch mal einen Schritt zurückgehen?«
Etwas in mir geriet ins Wanken, weil er es nicht hinnahm und um uns kämpfte. Trotzdem blieb ich standhaft. »Das Problem ist doch, dass wir nie wirklich vorwärtsgekommen sind. Und das ist meine Schuld. Ich hab es verhindert. Nicht bewusst. Aber … du hast recht. Ich halte dich auf Abstand. Und das hast du nicht verdient.«
»Also war’s das …?«
Mein Atem stockte, und für einen Moment wollte ich den Kopf schütteln. Nein sagen. Aber das wäre nicht fair gewesen. »Es tut mir leid.«
Er nickte mechanisch. Dann veränderte sich etwas in seinem Blick. »Hat es was mit ihm zu tun?«
Sein Zeigefinger deutete auf die Einladung auf meinem Nachttisch. Er hatte also doch genauer hingesehen.
»Du fliegst ja offenbar zu ihm.« Etwas Bitteres haftete seinen Worten an.
»Ich fliege zur Hochzeit von Izzy und Will.«
»Und das ist nicht dasselbe?« Es klang zynisch.
»Ryan hat abgesagt«, erwiderte ich so ruhig wie möglich. »Er wird nicht da sein.«
»Danach hast du dich also schon erkundigt.«
Die Stimmung kippte, aber ich bemühte mich um einen sachlichen Ton. »Natürlich hab ich mich danach erkundigt, ob mein Ex-Freund da sein wird. Das würde jeder tun.«
Es widerstrebte ihm ganz offensichtlich, mir zuzustimmen. Die Sekunden verstrichen.
»Ich sollte jetzt gehen«, sagte er und erhob sich.
»Ist es zu früh, um dich zu fragen, ob wir Freunde bleiben können?«
Er hielt inne, und ich zögerte einen Augenblick.
»Ich weiß, das ist das Letzte, was du gerade hören willst, aber ich hab dich wirklich gern, Justus, und … ich wünschte … ich wünschte, es hätte geklappt.«
Seine Schultern senkten sich ein Stück, und ein schweres Seufzen kam über seine Lippen. Er drehte sich nur halb zu mir um. »Gib mir ein bisschen Zeit, okay?«
Ich nickte, aber er sah es nicht mehr. Die Tür fiel ins Schloss, und ich hörte seine Schritte im Flur. Bis ich sie nicht mehr hörte. Reglos saß ich da. In meiner Brust breitete sich Traurigkeit aus. Aber da war auch noch etwas anderes. Erleichterung. Ein Gefühl des Aufatmens. Als hätte ich etwas Schweres abgestellt, das ich zu lange mit mir herumgetragen hatte.
Keine zwei Minuten später klopfte es erneut an meiner Tür, und für den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich, dass es Justus war. Stattdessen steckte Lara den Kopf herein. Kurz wunderte ich mich darüber, dass sie überhaupt noch zu Hause war. Normalerweise war sie um diese Uhrzeit längst auf dem Weg zur Arbeit.
»Hey«, sagte sie sanft. »Ich wollte mal nach dir sehen.«
Ich saß noch immer auf meinem Bett, den Rücken gegen das Kopfteil gelehnt, die Arme um die Knie geschlungen. »Hast du mit Justus gesprochen?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich hab nur gehört, dass er gegangen ist.«
»Wir haben Schluss gemacht. Ich hab Schluss gemacht.«
Ein betrübtes Seufzen kam über ihre Lippen, aber überrascht wirkte sie nicht. Ich rutschte ein Stück zur Seite, damit sie neben mir Platz nehmen konnte. Sie zögerte nicht und legte den Arm um mich. Ein Schwall ihres Tom Ford-Parfums drang an meine Nase.
»Wie hat er es aufgenommen?«
Unschlüssig neigte ich den Kopf. Mit einer vagen Handbewegung zum Nachttisch antwortete ich: »Er hat die Hochzeitseinladung gesehen und vermutet, dass Ryan der Grund ist.«
»Hast du ihm nicht gesagt, dass er gar nicht kommt?«
»Doch, aber das hat es eher schlimmer gemacht, fürchte ich.«
Lara runzelte die Stirn, aber ich ging nicht näher darauf ein.
»Bist du okay?«
»Ja, es war die richtige Entscheidung. Ich bin einfach noch nicht bereit, mich wieder voll und ganz auf jemanden einzulassen.« Betrübt seufzte ich: »Vielleicht werd ich’s nie wieder sein.«
»Quatsch!« Sie drückte meine Schulter. »Du musst dir nur Zeit geben.«
»Manchmal hab ich Angst, dass ich nie wieder jemanden so lieben werde wie … ihn.«
»Lena«, setzte sie an, aber ich kam ihr zuvor.
»Ich weiß, dass Ryan nicht perfekt war. Dass er seine Fehler hatte.«
»Die Sache mit den Froot Loops.«
Ich schmunzelte schwach und ergänzte: »Sein Faible für Peanut-Butter-Jelly-Sandwiches.«
Gespielt angewidert verzogen wir das Gesicht.
»Er konnte auch ziemlich grumpy sein«, warf sie ein.
»Und er war ein Deckendieb.« Was egal gewesen war, weil wir immer dicht aneinandergekuschelt geschlafen hatten. Ohne Vorwarnung zog sich mein Herz zusammen. »Aber ich hab selbst seine Fehler geliebt.«
»Ich weiß«, flüsterte sie und ließ ihren Kopf auf meine Schulter sinken. »Und so jemanden wirst du auch wieder finden. Ganz bestimmt.«
Ein paar Sekunden lang saßen wir einfach nur so da.
»Also hab ich das vorhin richtig verstanden?«, fragte sie. »Du hast dich entschieden, zur Hochzeit zu fliegen?«
»Ach so … ja«, murmelte ich. Als wäre mir kurzzeitig entfallen, dass ich auch diese Entscheidung letzte Nacht getroffen hatte. »Ich würde es mir nicht verzeihen, diesen Moment in Izzys Leben zu verpassen. Und vielleicht hattest du recht und«, ich lächelte, »es ist an der Zeit für neue Erinnerungen.«