Kapitel 50 - New Memories
By Lilly Lucas
Als das Geschirr abgeräumt wurde, knackte das Mikrofon, und der DJ kündigte den Hochzeitstanz an. Ein vorfreudiges Raunen ging durch die Scheune, und alle Augen richteten sich auf Will, der aufgestanden war und Izzy seine Hand hinhielt. Gemeinsam betraten sie die Tanzfläche. Die ersten Takte von A Thousand Years von Christina Perri erklangen, und die Gäste kommentierten es mit verzücktem Gemurmel. Will legte seine Hand an Izzys Taille, und für einen Moment sahen sie sich einfach nur an und lächelten. Dann begannen sie zu tanzen. Langsam bewegten sie sich zur Musik. Es war kein perfekter Tanz. Keine einstudierte Choreografie. Im Gegenteil. Sie gerieten aus dem Takt, und Izzy trat Will auf den Fuß, aber das spielte keine Rolle. Weil sie niemanden beeindrucken mussten. Niemand überzeugen mussten. Jeder in dieser Scheune sah, wie sehr sich diese beiden Menschen liebten. Wie sehr sie ihr Leben miteinander verbringen wollten.
Ich merkte erst, dass meine Augen in Tränen schwammen, als sich eine Hand in mein Blickfeld schob. Blinzelnd hob ich den Kopf, registrierte erst jetzt, dass sich einige Paare von ihren Plätzen erhoben hatten, um sich Izzy und Will anzuschließen. Ich sah wieder zu Ryan, der mich anlächelte, die Hand noch immer ausgestreckt. Zögerlich legte ich meine hinein. Meine Knie zitterten, als ich mich erhob, und einen Moment fürchtete ich, sie würden unter mir wegsacken. Aber irgendwie gelang es mir, ihm zur Tanzfläche zu folgen. Er legte meine Arme um seinen Nacken und zog mich an sich. Wir fingen an, uns zu bewegen. Mehr Wiegen als Tanzen. Erst nach ein paar Sekunden hob ich den Kopf und sah ihm in die Augen. Diese wunderschönen grünen Augen, an denen ich mich nie sattsehen würde. Ich legte den Kopf an seine Brust. Hörte sein Herz schlagen. Atmete seinen Duft ein. Seine Hand übte etwas Druck auf meine Taille aus und zog mich noch näher.
»Das war eine tolle Rede«, sagte ich.
»Nah«, machte er. »Deine war besser.«
»Finde ich nicht. Außerdem konntest du deine auswendig.« Ich schickte ein gemurmeltes »Streber« hinterher.
Er lachte, und ich spürte das Vibrieren an meiner Wange. »Ich konnte sie nicht auswendig.«
»Ha!«, stieß ich triumphierend aus. »Also hattest du doch irgendwo einen Spickzettel!«
Sein rechter Mundwinkel zuckte. »Hatte ich. Aber da stand eine andere Rede drauf.«
Ich löste mich ganz leicht von ihm und zog fragend die Brauen hoch.
»Ich hatte eine Rede vorbereitet, aber irgendwie hab ich’s nicht mehr gefühlt, also … hab ich improvisiert.«
Ich blinzelte. »Ernsthaft?«
Er zuckte mit den Schultern, als wäre es keine große Sache.
»Du hast dir das mal eben aus den Fingern gesogen?«
»Es war gar nicht so schwer«, hauchte er, den Blick auf mein Gesicht gerichtet. »Weil ich die ganze Zeit …«
Bevor er den Satz beenden konnte, verklang die Musik. Der letzte Ton hing noch einen Moment in der Luft, dann setzte Applaus ein. Das Brautpaar küsste sich unter dem Jubel der Gäste. Ryan und ich stimmten mit ein.
Der DJ entschied sich für einen harten Bruch und spielte Can’t Stop the Feeling von Justin Timberlake, um auch die restlichen Gäste auf die Tanzfläche zu locken. Izzy und Will ließen sich sofort auf den neuen Beat ein und klatschten und sangen mit. Im Nu füllte sich die Tanzfläche. Ryan wurde von Annie in die Menge gezogen, und Cole versuchte dasselbe bei mir, aber ich schüttelte lächelnd den Kopf.
Komm schon, sagte er nur mit seinen Augen.
»Frische Luft«, rief ich ihm zu, aber ich war mir nicht sicher, ob er mich verstand, weil in diesem Moment der Refrain einsetzte und alle im Chor grölten. Was mir nur recht war, weil ich mich so einigermaßen unbemerkt davonstehlen konnte.
Es war eine milde Herbstnacht. Die Wärme des Tages lag noch in der Luft. Trotzdem zog ich die Schultern hoch, als ich ins Freie trat. Aus dem Augenwinkel nahm ich eine Bewegung wahr. Ein paar Meter entfernt lehnten Olly und Fynn an der Scheunenwand. Sie tuschelten, lachten, neigten sich zueinander und küssten sich. Ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus.
»Dein Plan ist aufgegangen, wie es scheint«, hörte ich Ryans Stimme hinter mir.
Im nächsten Moment hatte er mir sein Jackett um die Schultern gelegt. Der Stoff war noch warm, der Geruch vertraut. So vertraut.
»Danke«, sagte ich und lehnte mich zögerlich zurück, bis ich seine Brust an meinem Rücken spürte. Wie selbstverständlich legte er die Arme um mich. Ich neigte den Kopf ein Stück zur Seite. Seine Wange streifte meine, und ich bekam eine Gänsehaut. Er schien es zu bemerken und schlang die Arme noch etwas fester um mich.
»Das war ein schöner Hochzeitstanz«, sagte ich.
»Hmm. Obwohl ich den Song brutal kitschig finde.«
»Was erwartest du? Der ist aus Twilight … Außerdem hat mir mal jemand gesagt, Hochzeiten wären der perfekte Anlass für Kitsch.«
Ich spürte sein Schmunzeln an meiner Wange. »Welchen Song würdest du denn wählen?«
Ich versteifte mich, als würde uns das Thema direkt in ein Minenfeld katapultieren. »Für … meinen Hochzeitstanz?«
Er brummte etwas Zustimmendes.
»Ähm … ich weiß nicht. Vielleicht … irgendwas von Noah Kahan?«
»Keine typischen Songs für einen Hochzeitstanz, oder?« Er klang verwundert.
»Wahrscheinlich nicht, nein«, murmelte ich. »Aber für mich klingen sie nach zu Hause.«
Er schaute überrascht drein. »Nach Berlin?«
»Nein.«
Für einen Moment war es still. Nur gedämpftes Gelächter aus der Scheune drang zu uns.
»Nach Green Valley.«
Er atmete langsam aus.
»Nach dir«, flüsterte ich, und plötzlich war es ganz still. »Das, was du in deiner Rede gesagt hast … über diesen Menschen, bei dem man ankommt. Sich geborgen fühlt. Der einen hält, ohne einen aufzuhalten. Das bist du für mich.« Ich hob den Kopf und löste mich etwas aus seinen Armen. Nur so weit, dass ich ihn ansehen konnte. »Du bist mein Zuhause, Ryan.«
Er hielt meinen Blick fest, sah mich sekundenlang an. Dann bewegten sich seine Lippen. »Ich hab an dich gedacht. Als ich das gesagt habe. Ich hab an dich gedacht.«
»Ich weiß«, flüsterte ich und küsste ihn. Ich schlang die Arme um seinen Hals und ließ mich tiefer in den Kuss sinken.
»Also … reden wir«, sagte Ryan, nachdem wir eine Weile Hand in Hand durch die Nacht spaziert waren. Ohne Ziel, einen Feldweg entlang. Der Lärm der Hochzeitsfeier war nur noch Hintergrundrauschen.
»Jetzt?«, fragte ich überrascht.
»Irgendwann müssen wir reden. Du fliegst morgen zurück.«
»Übermorgen«, korrigierte ich ihn.
»Nein, morgen.« Er tippte auf seine Uhr, und mir wurde bewusst, dass es bereits nach Mitternacht war. Ein unsichtbares Gewicht drückte auf meine Brust, aber anstatt dagegen anzukämpfen, hielt ich es aus.
»Okay. Willst du anfangen?«
Er nickte und schwieg einen Moment, als müsste er sich die Worte zurechtlegen. »Ich war lange der Meinung, dass du allein schuld daran bist, dass unsere Beziehung zerbrochen ist.«
Ich schluckte, auch wenn ich das nach seinem Ausbruch auf dem Heuboden geahnt hatte. »Weil ich deinen Antrag abgelehnt habe.«
»Danach war nichts mehr wie zuvor.« Seine Stimme war belegt. »Ich war gekränkt und hatte das Gefühl, du würdest mich nicht so lieben wie ich dich.«
»Das stimmt nicht. Ich …«
»Lass mich kurz ausreden. Ja?« Er setzte erneut an. »Ich hab dir den Antrag nicht wegen der Greencard gemacht. Das war der Auslöser, klar. Aber ich wollte dich. Ein Leben mit dir. Dass du bei mir bleiben kannst.«
»Ich weiß.«
»Du hast dich nicht bereit gefühlt, und du hattest Angst, dich zu stark von mir abhängig zu machen.«
»Ja«, erwiderte ich ein wenig überrascht.
»Aber alles, was ich damals gehört habe, war … nein. Nein zu mir. Zu diesem Leben. Nein zu einer Zukunft mit mir.«
Entschieden schüttelte ich den Kopf. »Ich war so jung, Ryan. In einem anderen Land. Ohne Job. Und plötzlich hieß es: heiraten oder heimfliegen.«
»Also hast du dich fürs Heimfliegen entschieden. Für eine – sorry – zum Scheitern verurteilte Fernbeziehung.«
Ich runzelte die Stirn. »Sie war nicht zum Scheitern verurteilt. Es hätte funktionieren können. Für eine Weile zumindest. Als Überbrückung. Aber zu diesem Zeitpunkt war unsere Beziehung schon zu stark beschädigt. Du konntest mir das mit dem Antrag nicht verzeihen.«
»Ich hab’s versucht, aber … da war einfach so viel Kränkung. So viel … Verbitterung. Und Wut. Darüber, dass du nicht den einfachen Weg gegangen bist. Lieber dieses«, er schnaubte, »wackelige Konstrukt einer Fernbeziehung gewählt hast.«
Ein paar Sekunden lang schwiegen wir.
»Gab es Momente, in denen du … es bereut hast?«, fragte er.
»Viele«, gestand ich. »Vor allem in den ersten Monaten. Als ich zurück in Berlin war und sich alles fremd angefühlt hat. Und während Corona. Als wir uns nicht sehen konnten. Es hat sich ungerecht angefühlt, dass sich die halbe Welt zusammen verkriechen durfte und wir getrennt voneinander waren.«
»Ja«, seufzte er schwer.
»Aber trotzdem war es die richtige Entscheidung.« Meine Stimme wurde wieder fester. »Ich musste erst mal herausfinden, wer ich bin, bevor ich herausfinde, wer ich mit dir bin.«
»Na ja, du hast vor allem herausgefunden, wer du mit ihm bist.« Die Worte waren von Bitterkeit durchdrungen. Er schloss die Augen und rieb sich das Nasenbein. »Vergiss, was ich gesagt habe. Das war nicht fair.«
»Schon okay. Wir haben gesagt, wir reden, also reden wir.«
»Es hat mich gekillt, dass du jemand Neuen hast. Dieses Foto zu sehen, dich … glücklich zu sehen. Mit ihm. Das war brutal. Als hättest du mich … ersetzt.«
»Du warst nie zu ersetzen, Ryan. Nicht für mich.«
»Aber so hat es sich angefühlt.«
Ich nickte bedächtig. »Das verstehe ich. Vielleicht hilft es dir, zu wissen, dass es mich Überwindung gekostet hat, dieses Foto an Izzy zu schicken? Den … letzten Faden zu dir zu durchtrennen?«
»Nicht wirklich.«
»Oder«, ich legte den Kopf schief, »dass Lara meine Beziehung zu Justus eine Situationship genannt hat.«
»Schon eher.« Ein schwaches Schmunzeln hob seine Mundwinkel.
Eine ganze Spur ernster sagte ich: »Ich hab ihn nicht geliebt, Ryan. Nicht mal ansatzweise.«
»Wusste er das?«
»Ich glaube schon.«
»Weißt du, was verrückt ist?« Ein bitterer Laut kam über seine Lippen. »In meiner Vorstellung warst du der glücklichste Mensch mit ihm. Ich dachte, er gibt dir all das, was ich nicht konnte.«
»Ich war nicht unglücklich mit Justus. Aber eben auch nicht glücklich.«
Er rieb sich übers Gesicht und wirkte auf einmal erschöpft.
»Ich hab nie aufgehört, dich zu vermissen, Ryan.«
»Ich hab dich auch vermisst. Und die Version von mir, die ich mit dir war. Den Ryan, der glücklich ist in Green Valley. Der sich regelmäßig nach seinen Freunden und seiner Familie erkundigt. Der nicht ständig auf der Flucht vor seinen Erinnerungen ist.« Sein Brustkorb hob und senkte sich in einem schweren Atemzug. »Es war, als hättest du ihn mit dir nach Berlin genommen.«
»Glaub mir, ich hätte ihn gerne dort bei mir gehabt.« Ich lächelte traurig. »Aber ich glaube, er war die ganze Zeit hier.« Ich presste meine Hand auf sein Herz. »Und hat sich da drin versteckt. Und wer weiß, vielleicht lässt er sich jetzt wieder häufiger blicken?«
Seine Mundwinkel zuckten, aber er sagte nichts. »Hast du es denn rausgefunden?«
»Was?«
»Wer du bist. Ohne mich. Hast du das rausgefunden?«
Ich ließ mir Zeit mit dem Antworten. »Ich denke schon.«
Er hob eine Braue. »Du denkst?«
Ich lächelte kaum merklich. »Weiß man das jemals so ganz?«
Die Frage blieb noch einen Moment in der Luft hängen.
»Und jetzt?«, raunte er.
»Jetzt würde ich gerne rausfinden, wer ich mit dir bin. Wenn … du das noch willst.« Ich straffte die Schultern und versuchte, mich nicht von seinem Schweigen beirren zu lassen. »Ich weiß, es wird nicht leicht. Ich muss meine Angelegenheiten in Berlin regeln, und dann bleibt mir vermutlich erst mal nichts anderes übrig, als mit einem Touristenvisum einzureisen. Oder ich versuche, an ein Arbeitsvisum …«
»Du willst zurückkommen?«, unterbrach er mich, und die Hoffnung in seiner Stimme gab mir Hoffnung.
Ich nickte. »Green Valley ist mein Zuhause. Hier bin ich am glücklichsten.«
»Und … dein Job? Die Wohnung? Lara?«
»An meinem Job hänge ich nicht. Er bezahlt meine Miete, aber er erfüllt mich nicht. Das ist mir in den letzten zwei Wochen so richtig klar geworden. Ich möchte in einem kleinen, familiären Hotel arbeiten. Vielleicht sogar irgendwann«, ich traute mich kaum, es auszusprechen, »in meinem eigenen.«
Zu meiner Überraschung reagierte er kein bisschen verwundert. »Das würde so gut zu dir passen. Dir hat die Arbeit im Leaf immer so viel Spaß gemacht.«
»Jaaa«, entfuhr es mir. Vielleicht eine Spur zu euphorisch. Aber ich freute mich einfach so, dass er mich genauso sah, wie ich mich sah. »Ich weiß, dass das ohne Arbeitsvisum erst mal nicht möglich ist, aber wenn ich könnte, würde ich Amy sofort anbieten, Hannahs Vertretung für die Elternzeit zu übernehmen.«
»Du wärst perfekt dafür.« Ein liebevolles Lächeln erschien auf seinem Gesicht. »Amy würde dir den Laden sofort anvertrauen.«
Wärme stieg in meinem Bauch auf. »Und was die Wohnung betrifft: Lara kann sie problemlos allein finanzieren. Vielleicht würde sie auch zu Kolja ziehen. Die zwei kleben ja sowieso aufeinander.«
»Aber du würdest sie doch wahnsinnig vermissen.«
»Natürlich. Sie ist meine beste Freundin. Aber sie will, dass ich glücklich bin. Sonst hätte sie mir letzte Woche sicher nicht geraten, dir meine Gefühle zu gestehen.«
»Hat sie?«
Ich nickte. »Wenn es nach Lara ginge, hätte ich dir viel früher von meiner Trennung erzählt.«
»Scheiße, ja! Das hättest du wirklich tun sollen. Ich hab mich wie ein Arschloch gefühlt, jedes Mal, wenn ich … an dich gedacht habe.«
Sein Zögern ließ mich die Brauen heben. »Gedacht, hm?«
»Man kann auch an Leute denken und dabei unter der Dusche stehen.« Er grinste, und ich verpasste ihm einen Klaps. Dann wurden wir wieder ernster.
»Ich weiß, es gibt noch unglaublich viele Fragezeichen, aber die machen mir keine Angst mehr. Weil ich zum ersten Mal in meinem Leben genau weiß, was ich will. Und das ist ein Leben mit dir. In Green Valley.« Erwartungsvoll sah ich ihn an. »Sag mir, was du denkst.«
»Auch auf die Gefahr hin, erbärmlich zu klingen, aber …«
Nervös hing ich an seinen Lippen.
»Wenn es um dich geht, um uns, dann nehme ich, was ich kriegen kann, Lena. Weil ich dich liebe. Und ich will mit dir zusammen sein. Ich würde auch meinen Job kündigen und mit dir nach Berlin gehen, wenn das der einzige Weg wäre.«
»Das würde ich niemals zulassen. Du liebst deinen Job.«
»Dich liebe ich aber mehr.« Er nahm meine Hand und drückte seine Lippen auf meine Finger.
»Wir werden eine Lösung finden, da bin ich mir sicher.«
Sein Blick tanzte über mein Gesicht. »Ich auch. Solange wir zusammen sind.«