Kapitel 51 - New Memories
By Lilly Lucas
Die Sonne war bereits am Aufgehen, als Fynn und Olly uns am Golden Leaf absetzten. Alle vier hatten wir zu den letzten Gästen gezählt und noch ein bisschen mit aufgeräumt. Wir bedankten uns für den Fahrservice und beeilten uns, die Tür aufzuschließen. Es war kalt geworden, und wir waren todmüde. Vor der Treppe blieb ich stehen und zog meine Schuhe aus.
»Ich spür meine Füße nicht mehr«, stöhnte ich und lief barfuß hinter Ryan die Treppe hinauf. Er hatte mir wieder sein Sakko überlassen, mich während der Fahrt von der Ranch hierher damit zugedeckt.
Als er seine Zimmertür aufschloss und zur Seite trat, zögerte ich kurz.
»Was ist?«, fragte er und verengte die Augen.
»Mir ist gerade aufgefallen, dass ich nie in deinem Zimmer war.«
»Stimmt.«
Ich trat ein und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Es war nicht unordentlich, aber es sah bewohnt aus. Ein paar Klamotten lagen achtlos auf einem Stuhl, ein Ladekabel hing an der Steckdose neben dem Bett, und auf dem Tisch standen eine Flasche Dr. Pepper und eine angerissene Packung Froot Loops.
»Was machst du mit denen?«
»Na, essen.« Er hatte seine Krawatte gelockert und zog sie sich in einer trägen Bewegung über den Kopf. Dann begann er, die Knöpfe seines Hemds zu öffnen.
»Ohne Milch?«
Er zuckte mit den Schultern. »Die schmecken auch so.«
Ich verzog das Gesicht, dabei hätte es mich nicht wundern sollen. Seit ich ihn kannte, liebte Ryan die zuckersüßen Kringel. Wir hatten immer einen Jahresvorrat davon gehabt, als wir zusammengewohnt hatten.
Er warf sein Hemd auf den Stuhl und machte sich an seiner Anzughose zu schaffen, und ich setzte mich auf die Bettkante und beobachtete ihn dabei.
Er hob eine Braue. »Sollte ich Eintritt verlangen?«
Ehe ich etwas erwidern konnte, musste ich gähnen, und Ryan lachte. Erschöpft ließ ich mich auf die Matratze fallen und schloss einen Moment die Augen.
»Willst du das Kleid nicht lieber ausziehen?«
»Ich weiß genau, was du vorhast, Ryan Cooper. Wird nicht passieren.«
Wieder lachte er. »Es sieht nur nicht so aus, als wäre es dafür gemacht, darin zu schlafen.«
Da hatte er wohl recht. Trotzdem brachte ich es nicht fertig, mich auf den Bauch zu drehen und nach dem Reißverschluss zu greifen. Ich hörte, wie er die Schranktür aufzog. Ein T-Shirt landete auf meinem Gesicht.
»Ey!«, protestierte ich nur halb ernst.
Ryan ging sich die Zähne putzen. Als er aus dem Bad kam, lag ich immer noch wie ein Seestern auf seinem Bett.
»Soll ich dir mit dem Kleid helfen?«
»Hmmm.«
Er kletterte zu mir aufs Bett. »Dreh dich um«, sagte er sanft.
Ich rollte mich auf den Bauch und spürte seine Hände an meinem Rücken. Behutsam zog er den Reißverschluss auf. Das Geräusch durchschnitt die Stille und lenkte mich einen Moment davon ab, dass er gleich den unsexyesten Shapewear-Body der Welt zu sehen bekommen würde. Er half mir aus den Ärmeln heraus, und ich hob unelegant das Becken, damit er mir das Kleid komplett abstreifen konnte.
»Das … ähm … sieht auch nicht aus, als wäre es dafür gemacht worden, darin zu schlafen«, kommentierte er meine Shapewear.
»Nein, das ist dafür gemacht worden, uns einzureden, wir müssten uns in Form pressen, um schön zu sein«, murrte ich.
Er lachte. »Willst du es anlassen, oder soll ich dir Boxershorts leihen?«
»Boxershorts«, nuschelte ich ins Kissen.
Er erhob sich vom Bett, und ich raffte mich auf und zog den Body aus. Weil ich mich plötzlich sehr nackt fühlte – und sehr nackt war –, stülpte ich mir rasch das T-Shirt über den Kopf. Es roch nach Waschmittel und nach ihm.
»Hier.«
Ich nahm die Boxershorts entgegen und schlüpfte hinein. Gemeinsam krochen wir unter die Bettdecke. Wie selbstverständlich zog er mich an sich und schlang den Arm um mich.
»Ich liebe dich«, hauchte er an mein Ohr.
»Ich liebe dich auch.«
Bevor ich einschlief, blitzte ein Gedanke in meinem Kopf auf. Dass man sich vielleicht manchmal verlaufen musste, um wieder dort anzukommen, wo man hingehörte.
* * *
Keine fünf Stunden später wurde ich von einem Bellen auf dem Flur geweckt. Ich versuchte, noch einmal einzuschlafen, musste aber einsehen, dass mein Körper vielleicht noch müde, mein Kopf aber wach war. Fast neidisch blickte ich auf Ryan, der völlig unbeeindruckt neben mir döste und Schnarchgeräusche von sich gab. Früher hatte es mich zur Weißglut gebracht, jetzt war ich überglücklich darüber. A thousand years wollte ich ihn neben mir schnarchen hören. Ich kicherte im Stillen, weil es so albern war. Allerdings … der Gedanke dahinter … war es nicht. Mein Herz schlug etwas schneller, und auf einmal hatte ich das Gefühl, mich aufsetzen zu müssen. Ich schwang die Beine über die Bettkante und tapste zum Tisch. So leise wie möglich griff ich in die Packung Froot Loops. Mein Blick huschte zu Ryan, aber er schlummerte selig. Als ich fand, wonach ich gesucht hatte, umrundete ich das Bett und rüttelte sachte an seinem Arm.
»Ryan … hey.«
Er rührte sich nicht.
»Wach auf!«
»Hm?« Seine Augen öffneten sich einen Spalt. Bevor er sie wieder schloss, als wäre ihm die Welt zu grell.
»Hey! Aufwachen!«
»Noch schlafen«, nuschelte er.
»Es ist aber wichtig.« Ich nahm seine Hand und öffnete sie ganz leicht. Dann legte ich den Froot Loop hinein.
»Wassisdas?«
»Ein Ring.«
Er öffnete nur ein Auge. »Sieht eher aus wie ein Froot Loop.«
»Ich hab auf die Schnelle nichts anderes gefunden.«
»Wofür?«
Ich nahm einen tiefen Atemzug. »Ryan Cooper«, begann ich mit zittriger Stimme. »Willst du mich in zwei Jahren heiraten?«
Schlagartig richtete er sich im Bett auf und starrte mich an. »Was?«
Mein Herz pochte wie wild in meiner Brust. »Ob du mich in zwei …«
»Das hab ich verstanden, aber … warum in zwei Jahren?«
Hitze kroch mir in die Wangen. »Na ja, alles andere wäre ein bisschen hollywoodmäßig, oder?«
Er hob die Brauen.
»Ich meine, das sind doch diese typischen Stellen in Liebesfilmen, bei denen man den Kopf schüttelt und sich denkt: Hä? Sie kennen sich erst seit zwei Wochen, und jetzt wollen sie gleich heiraten?«
»Wir kennen uns nicht erst seit zwei Wochen«, bemerkte er stirnrunzelnd.
»Nein, tun wir nicht. Aber wir hatten lange keinen Kontakt und wissen nicht mehr alles voneinander.«
»Also ist das ein Antrag mit Probezeit?«
»Nein! Ich will nur nichts … überstürzen. Uns Zeit geben. Wir müssen uns erst wieder neu kennenlernen und … herausfinden, wie unser gemeinsames Leben hier aussehen könnte.«
Seine Miene wurde ernst. Nachdenklich sah er auf den gelben Weizenkringel in seiner Hand. »Ich kann das nicht, Lena.«
Mein Herz wurde bleischwer. »Mich … heiraten?«, krächzte ich.
Er ließ mich eine Sekunde zappeln, dann grinste er. »Zwei Jahre warten, Dummerchen.«
»Oh … du …« Mir lagen tausend Schimpfwörter auf der Zunge, aber ich begnügte mich damit, ihn gegen die Schulter zu boxen. »Das war gemein.« Eine Gänsehaut aus Erleichterung, Aufregung und Freude überzog meine Arme.
»Ich will keine zwei Jahre warten. Eigentlich will ich nicht mal zwei Tage warten.«
Tränen der Rührung stiegen mir in die Augen.
»Aber ich verstehe, was du meinst. Und wenn du willst, dass wir warten, dann warten wir.«
»Ich will’s einfach richtig machen diesmal«, schniefte ich und wischte mir die Tränen von den Wangen.
»Du hast mir einen Antrag mit einem Froot Loop gemacht. Was soll jetzt noch schiefgehen?«
Ein unkontrolliertes Lachen brach aus mir heraus.
»Ich bin nur unsicher, ob ich ihn essen soll oder …«
Ich holte zu einem weiteren Klaps aus, aber diesmal fing er meine Hand ab und führte sie zu seinem Mund. Küsste sie auf die zärtlichste Weise. Dann blickte er mir tief in die Augen. »Ja. Ich will.«