Kapitel 9 - New Memories
By Lilly Lucas
Ryan ist hier«, war das Erste, was ich sagte, als Izzy ans Telefon ging. Ich hatte gerade erst die Zimmertür hinter mir zugezogen, mich nicht einmal damit aufgehalten, meine Schuhe auszuziehen.
»Was?!« Den Hintergrundgeräuschen nach saß sie im Auto.
»Ryan ist hier«, wiederholte ich immer noch ein wenig atemlos. »In Green Valley.«
»Das kann nicht sein. Er …«
»Ich hab vor fünf Minuten mit ihm gesprochen.«
»Du hast … Wo?!«
»Im Golden Leaf.«
Ein, zwei Sekunden verstrichen.
»Aber Ryan ist in Österreich.«
Ein leicht hysterisches Lachen kam über meine Lippen. »Offensichtlich nicht.«
»Moment, ich muss rechts ranfahren.« Ich hörte, wie sie den Blinker setzte, und ein Hupen ertönte. »Ist ja schon gut«, murrte sie, bevor sie sich wieder an mich wandte. »Also … noch mal von vorne. Du bist Ryan im Golden Leaf begegnet?!«
»Ja«, erwiderte ich fast ungeduldig. »Direkt nach dem Einchecken. Ich find’s übrigens nicht okay, dass ihr mein Zimmer bezahlt habt.«
»Wir haben dein Zimmer nicht bezahlt.«
Sie klang aufrichtig, und ich stutzte. »Aber die Rechnung ist beglichen.«
»Nicht von Will und mir.«
»Bist du sicher?«
»Wobei ich jetzt irgendwie ein schlechtes Gewissen habe«, überging sie meine Nachfrage. »Immerhin bist du so weit für uns …«
»Nein! Ich will nicht, dass irgendwer mein Zimmer bezahlt.«
»Vielleicht war es ein Missverständnis? Ein Fehler im Buchungssystem?«
Mir wurde bewusst, dass wir vom eigentlichen Thema abgekommen waren. »Ich werd später noch mal nachfragen. Na ja, jedenfalls hab ich meinen Koffer die Treppe hinaufgetragen, und dann war da plötzlich Ryan.« Und hat mich aufgefangen. Keine Ahnung, warum ich diesen Teil wegließ. Vielleicht weil er klang wie aus einem schlechten Hollywoodfilm.
»Und dann? Was hast du gesagt? Was hat er gesagt?«
In Gedanken ließ ich unsere Begegnung noch einmal Revue passieren, aber meine Erinnerungen daran waren seltsam verschwommen. Hatte er zuerst gesprochen? Ich? Hatte er seine Hände davor oder danach von meiner Taille genommen?
»Ich weiß es nicht mehr genau. Es kam so … so … unerwartet. Ich war überhaupt nicht darauf vorbereitet, ihn zu sehen.«
»Natürlich nicht«, erwiderte Izzy in einem verständnisvollen Ton.
»Er war … geschockt. Es klang, als hätte er keine Ahnung, dass ich zu eurer Hochzeit komme.«
Ein verdächtig zerknirschter Laut drang an mein Ohr und bestätigte meine schlimmsten Befürchtungen.
»Ihr habt es ihm nicht gesagt?!«
»Will wollte es ihm sagen, aber nachdem feststand, dass er sowieso nicht kommt … gab es in meinen Augen keinen Anlass dafür. Zumal er sowieso nie … Er will nie …«
»Über mich reden«, führte ich ihren Satz zu Ende und hörte meiner Stimme an, wie sehr der Gedanke schmerzte.
»Du musst das verstehen, Lena. Er hat gelitten wie ein Hund nach eurer Trennung.«
»Als ob es mir besser gegangen wäre«, entgegnete ich mit einem Hauch Kränkung und spürte, wie der dunkle Schatten dieser Zeit auf mich fiel. Ich dachte an all die durchweinten Nächte. Wie oft ich wach gelegen und an die Decke gestarrt hatte. Mein Handy angelassen hatte, nur für den Fall, dass er sich meldete.
»Ich weiß, tut mir leid.«
Kraftlos ließ ich mich auf die Bettkante sinken.
»Hat er denn gesagt, warum er hier ist?«, fragte Izzy.
»Nein, er war zu sehr damit beschäftigt, die Flucht zu ergreifen.« Ich gab ihr eine Zusammenfassung der Ereignisse.
»Er ist einfach gegangen?«, fragte sie ungläubig. »Ohne ein Wort?«
»Yep. Und ich bin ihm wie eine Idiotin hinterhergerannt.« Ein bitteres Lachen kam über meine Lippen. »Diese Isabella dürfte sich auch ihren Teil gedacht haben.«
»Isabella?«
»Vom Empfang.«
»Ah, Bella Nordstrom.«
Ich stutzte. »Nordstrom? Ist sie …?«
»Willas jüngere Schwester, ja. Sie macht seit Kurzem eine Ausbildung im Leaf. Hat Ryan eingetütet.«
»Dann war er ihretwegen dort«, dachte ich laut vor mich hin. Ich hatte mich schon gefragt, warum er überhaupt im Golden Leaf gewesen war.
»Äh … nein«, sagte Izzy in einem Tonfall, der mich vermuten ließ, dass mir eine wesentliche Info fehlte. Und dass sie nicht wusste, wie sie mir diese Info am besten beibrachte. »Er … wohnt dort.«
»Wie? Er wohnt dort?«, fragte ich, als hätte ich mich verhört.
»Er wohnt im Golden Leaf, wenn er in der Stadt ist.«
Ich runzelte die Stirn. »Was ist mit unserer …«, ich stockte, »mit seiner Wohnung?«
»Er ist ausgezogen. Schon vor einer ganzen Weile.«
»Nach unserer Trennung«, folgerte ich.
»Es hat sich nicht gelohnt, sie zu behalten. Er ist ja viel unterwegs.«
Das ergab Sinn. Und trotzdem tat es ein bisschen weh. Dass er die Wohnung aufgegeben hatte, in der wir so glücklich gewesen waren.
Ein Tuten in der Leitung signalisierte einen zweiten Anrufer.
»Das ist Will. Vielleicht hat er was von Ryan gehört. Ich geh mal ran und melde mich wieder, ja?«
»Okay.«
Wir legten auf, und ich starrte auf mein Display, bis es schwarz wurde. Versuchte, meine Gedanken zu sortieren. Aber sie flogen wie lose Blätter durch meinen Kopf. Kurz überlegte ich, Lara anzurufen, ließ es aber bleiben, weil ich keine Lust hatte, alles noch mal von vorne zu erzählen. Und weil immer noch zu viele Fragen offen waren. Warum Ryan hier war. Warum er nicht in Europa war. Wie lange er bleiben würde und ob …
Das Vibrieren meines Smartphones riss mich aus meinen Gedanken. Es war Izzy, und sie sprach geradeheraus.
»Ryan ist direkt zu Will gefahren. Er ist sauer, weil wir ihm nicht erzählt haben, dass du zu unserer Hochzeit kommst.«
»Ich kann ihn ein bisschen verstehen.«
»Ja, ich auch«, erwiderte sie zerknirscht. »Aber es konnte ja niemand ahnen, dass Willa sich das Bein bricht und er …«
»Was?!«
»Ach so, ja. Willa ist beim Training gestürzt und hat sich das Schienbein gebrochen. Sie wurde bereits operiert.«
»Oh nein!«
»Die Saison ist für sie gelaufen. Und somit auch … für Ryan.«
Die Puzzleteile fügten sich erstaunlich schnell zusammen. »Also kann er doch zu eurer Hochzeit kommen.«
»Yep«, bemerkte sie trocken. »Er wollte uns überraschen.«
»Und wurde selbst überrascht.« Ich blies die Backen auf und ließ mich nach hinten auf die Matratze sinken.
»Hör zu, ich muss jetzt leider Schluss machen. Hab gleich eine Kajaktour und bin super spät dran. Aber ich meld mich danach, und dann überlegen wir uns was, okay?«
»Überlegen?«
Sie zögerte. »Na ja, unter diesen Umständen sollten wir vielleicht darüber nachdenken, ob du … woanders unterkommst.«
Woanders als im Golden Leaf. Wo Ryan wohnte. Hatte er darum gebeten? Es vielleicht sogar gefordert?
»Ich meld mich nach der Arbeit.«
»Okay«, murmelte ich aufgewühlt.
Ich stierte noch ein paar Sekunden ins Nichts, nachdem wir aufgelegt hatten. Mein Blick fiel auf meinen Koffer, der noch immer an der Tür stand. Ich spielte mit dem Gedanken, ihn auszupacken, ließ es aber bleiben, weil ich ja vielleicht wieder auschecken würde. Seufzend presste ich mir die Handballen gegen die Augen. Sofort setzte sich das Gedankenkarussell in Gang. Immer und immer wieder ging ich die Begegnung mit Ryan in meinem Kopf durch. Sah den Schock in seinen Augen. Hörte die Kälte in seiner Stimme. Als ich es nicht mehr aushielt, tigerte ich eine Weile im Zimmer umher. Fragte mich, wie ich die Zeit überbrücken sollte, bis Izzy sich wieder meldete. Nach einem flüchtigen Blick in den Garderobenspiegel beschloss ich zu duschen. Ich wusch mir die Strapazen der Anreise vom Körper, frischte mein Make-up auf und schlüpfte in frische Klamotten. Danach wusste ich wieder nichts mit mir anzufangen. Am Ende entschied ich mich für einen Spaziergang. Ein bisschen frische Luft würde mir guttun und dem Jetlag entgegenwirken. Außerdem konnte ich es nicht erwarten, mit eigenen Augen zu sehen, was sich in Green Valley in den letzten drei Jahren verändert hatte.
Bevor ich mein Zimmer verließ, spitzte ich in den Flur und versicherte mich, dass die Luft rein war. Das Letzte, was ich jetzt gebrauchen konnte, war ein weiteres spontanes Aufeinandertreffen mit Ryan.
Als ich am Empfangstresen vorbeikam, sprach Isabella gerade mit einem Gast, weshalb ich beschloss, sie bei meiner Rückkehr noch einmal auf die Sache mit der beglichenen Rechnung anzusprechen. Ich trat hinaus auf die Veranda, schloss einen Moment die Augen und ließ mir das Gesicht von der Mittagssonne wärmen. Dann machte ich mich auf den Weg nach Green Valley.