Kapitel 12: Jenny - Halt niemals an
By Chevy Stevens
Es roch nach Pommes und warmem Brot. Jenny schloss die Augen und atmete den Duft ein, bis das Geräusch von Reifen auf Asphalt sie aufschreckte. Sie drehte sich um und sah ein rotes Auto vorbeirasen und dann scharf zum Selbstbedienungsrestaurant abbiegen. Sie starrte dem Wagen nach und dachte daran, wie sie früher darauf gewartet hatte, dass der kirschrote Volvo ihrer Mom bei ihrer Schule um die Ecke bog. Ihr Magen war wie verknotet gewesen, der Lärm der anderen Kinder verblasste. Sie selbst lachte oder spielte nicht. Alles verengte sich auf den Moment, in dem sie ihre Mutter durch die Windschutzscheibe sehen konnte. Wenn ihre Mutter hellen Lippenstift trug und die Haare gewellt waren, war alles in Ordnung. Aber wenn ihre Mutter ihre große Sonnenbrille aufhatte und die Haare unter einem Tuch versteckte, wagte Jenny es nicht, auch nur einen Laut von sich zu geben.
Sie durfte nicht schniefen, nicht mit den Büchern oder Kleidern rascheln und niemals eine Bemerkung darüber verlieren, dass ihre Mutter zu spät war. Es war egal, ob sie eine Stunde im strömenden Regen gestanden hatte.
Sobald sie irgendeine dieser Regeln brach, schoss die Hand ihrer Mutter vor und versetzte Jenny einen schnellen Schlag auf den Hinterkopf, den Arm oder den nackten Schenkel, wenn sie Shorts oder einen Rock trug.
Jetzt streckte Simon die Hand nach ihr aus, riss sie aus ihren Erinnerungen und ging mit ihr in den Schatten eines Baumes am Fluss. Er drehte sie in seine Richtung und hielt sie fest, die warme Haut seiner nackten Arme umschloss ihre Hüfte, und sein Daumen rieb über ihren Oberarm.
»Was ist los?«, fragte er.
Sie hob ihr Kinn, um zu ihm aufzuschauen, immer noch verdutzt, wie anders er mit der neuen Haarfarbe und Frisur aussah. »Ich will ihnen nicht ihr ganzes Geld stehlen.«
»Wieso das denn nicht?«
Forschend betrachtete sie sein Gesicht, aus Sorge, er könnte wütend auf sie sein, doch er wirkte nur überrascht.
»Wie sollen sie nach Hause kommen, wenn wir fertig sind? Sie werden Geld brauchen.« Aber sie wusste nicht, was fertig genau bedeutete. Wann war das alles zu Ende? Sie konnten Tom und Alice nicht zurücklassen und den Camper mitnehmen. Jenny war bisher nur mit dem Auto ihrer Mom durch ihre Stadt gefahren – und auch das nur selten. Gelbe Ampeln, Stoppschilder und Rückwärtsfahren machten sie nervös. Nachts war sie noch nie gefahren.
Es war Monate her, seit sie ein Lenkrad auch nur angerührt hatte. Ihre Mutter hatte ihr die Schlüssel weggenommen, weil sie zu oft mit den Reifen seitlich am Bordstein vorbeigeschrammt war.
Simons Dad hatte ihnen seinen Truck nie geliehen, nicht einmal, damit Simon den Führerschein machen konnte. Manchmal konnte Simon sich den Wagen von einem Freund ausleihen, um zu üben, aber mit der Miete für die Wohnung am Hafen und den Einkäufen für sie beide, die er bezahlen musste, war er zu pleite, um die Prüfung abzulegen. Sie wusste, dass er ein schlechtes Gewissen hatte, weil sein Boot ihr einziges Transportmittel war, aber sie hatte dieses kleine, offene Metallboot gemocht, und sie hasste es, dass sie es zurücklassen mussten, sobald sie den Fraser River hochgefahren waren.
Sie vermisste es, ihn dabei zu beobachten, wie er über das Wasser steuerte, und mit ihm zu lachen, wenn sie über die Wellen flogen. Zusammen hatten sie geheime Strände und Buchten entdeckt, wo sie Steine und Meerglas gesammelt hatten, aus denen sie Schmuck herstellen konnte. Tränen brannten ihr in den Augen, als sie an diese Zeit dachte.
»Warum machst du dir solche Sorgen um die?«, sagte Simon. »Wahrscheinlich sind sie reich, und sie haben eine Familie, die ihnen Geld schicken kann. Wir sind diejenigen, die mit nichts neu anfangen müssen, Jenny.«
Er hatte recht, trotzdem wusste sie, dass es nicht richtig war. »Und wenn wir es ihnen zurückzahlen?«
»Wie denn?«
»Irgendwann. Wenn wir einen Platz für uns gefunden haben.«
»Willst du ihnen eine Dankeskarte schicken?« Er lächelte, um seinen Worten die Schärfe zu nehmen, und fügte hinzu: »Vielleicht können wir es eines Tages wiedergutmachen, okay?«
Das war eine vage Aussage, nichts Konkretes, auf das sie bauen konnte, aber es musste reichen. Sie musste daran glauben, dass sie Alice’ und Toms Leben nicht für immer zerstörten.
»Du wusstest, dass wir würden stehlen müssen, als wir White Cliff verlassen haben«, sagte Simon. »Zum Teufel, am ersten Abend haben wir die Rucksäcke und die Schlafsäcke aus einem der Boote geklaut.«
Es stimmte, dass sie nicht viel hatten, nur ein paar Dollar, aber bei ihrer panischen Flucht war das Konzept von Diebstahl sehr verschwommen gewesen, und es war dabei stets um namenlose Personen gegangen.
»Es fühlt sich an, als wäre alles aus dem Ruder gelaufen.«
»Ich weiß, Babe. Darum dürfen wir uns auch nicht vor den beiden streiten. Alice ist schlau. Sie bekommt alles mit. Also mach einfach, was ich sage, egal, was es ist.«
Früher hatte er sich gerne ihre Gedanken zu allem Möglichen angehört. Er hätte gewartet, bis sie ihre eigenen Ideen geäußert hatte. Sie dachte an ihre Mutter, die manchmal einfach weggegangen war, wenn Jenny noch mitten im Satz gewesen war, aber das war nicht das Gleiche. Simon tat das alles, um sie zu beschützen.
Ein beigefarbener Kombi mit Holzverkleidung bog auf den Rastplatz und hielt nicht weit vom Camper an. Die Tür öffnete sich, und zwei Kinder sprangen heraus und rannten an ihnen vorbei zu den Toiletten.
Simon drehte sich um, sodass er mit dem Rücken zum Kombi stand und den Blick auf Jenny versperrte. »Wir gehen direkt zurück in den Camper«, flüsterte er. »Unterhalte dich mit mir und lächle.«
Sie drehten sich um, setzten sich in Bewegung und kamen dabei näher an den Kombi heran. Alle Türen standen weit offen. Eine abgehetzt wirkende Mutter saß auf dem Beifahrersitz, ein Baby auf dem Schoß. Sie fütterte es mit einem Fläschchen. Ihr Gesicht war rot, und sie wirkte erhitzt und schenkte ihnen ein schwaches Lächeln.
Auf der Fahrerseite stieg ein Mann aus, lehnte sich an den Kombi und beobachtete Simon und Jenny. Sein orange kariertes Hemd war aufgeknöpft, sodass seine behaarte Brust und der Bauch zu sehen waren.
»Hey«, rief er laut, doch Simon ging mit Jenny einfach weiter. Der Mann wiederholte seinen Ruf. »Hey, ihr zwei! Ich muss euch was sagen.«
Simon blieb stehen, verzog das Gesicht und schaute zu dem Mann zurück. »Und das wäre?«
»Habt ihr irgendwelche Anhalter gesehen?«
Simon schüttelte den Kopf.
»Da sind zwei Killer auf der Flucht.«
Jenny spürte, wie Simon ihre Hand umklammerte. Sie mussten etwas sagen, alles andere wäre merkwürdig, aber sie geriet in Panik. Sollte sie so tun, als hätte sie Angst? Sie hatte Angst.
Simon sagte: »Davon haben wir auch schon gehört. Wir passen auf.«
»Die beiden sind echt wahnsinnig. Die haben die Mutter der Frau aufgeschlitzt.«
Jenny schnappte nach Luft, ein unterdrückter Laut, aber der Mann schien es nur für ein Anzeichen ihres aufrichtigen Entsetzens zu halten und nickte ihr ernst zu. »Passt auf euch auf.«
»Danke für die Warnung«, sagte Simon. Dann waren sie beim Camper.
Der Mann stieß sich von seinem Kombi ab und machte ein paar Schritte in ihre Richtung, als wollte er weiter mit ihnen reden. Wenn er zur Tür kam, würde er dann Alice auf dem Boden sehen?
Die Kinder kamen von den Toiletten zurückgerannt. Die Mutter lächelte und tätschelte einem davon die Wange, dann zeigte sie auf den Spielplatz. Die Kinder rannten wieder davon und schrien ihrem Vater zu, er solle mitkommen und ihnen zusehen. Er schaute ein letztes Mal zu Simon und Jenny, dann folgte er den Kindern.
Die Frau stieg aus dem Kombi, redete in Kindersprache mit dem glucksenden Baby und zog alberne Grimassen. Jenny sah fasziniert zu. So könnte sie auch werden. Sie könnte eine lustige Mutter sein, die ihr Baby mit Küssen auf den Bauch weckte, die lächelte, wenn das Baby die Arme nach ihr ausstreckte oder nach ihrem Haar griff. Es würde ihr nichts ausmachen, wenn das Kind klebrige Finger hatte oder sie anspuckte.
Simon blieb an der untersten Stufe zum Camper stehen. Er zog an ihrer Hand, bis sie ihn ansah, und flüsterte dann: »Ist alles wieder gut? Verstehst du, warum?«
Jenny nickte. Das Baby. Für ihr Baby würde sie alles tun.