Kapitel 14: Alice - Halt niemals an
By Chevy Stevens
Während der Fahrt herrschte Schweigen, was Alice ganz recht war. Sie hielt das Lenkrad mit beiden Händen fest umklammert, die Zähne zusammengebissen, der Nacken steif. Ein Soldat, der Befehle ausführte. Der Camper erklomm den schmalen, gewundenen Highway durch den Glacier National Park und über den Rogers Pass. Sobald Alice zu lange über die steilen Abhänge nachdachte und wie leicht der Camper über die Kante und in die Schlucht darunter stürzen könnte, brach ihr der kalte Schweiß aus. Sie konzentrierte sich auf den grauen Asphalt, der sich vor ihr abspulte, und die zerklüfteten Berge in der Ferne, die so hoch waren, dass sie mit den Wolken zu ringen schienen und immer noch mit makellos weißen Schneespitzen bedeckt waren.
Sie erreichten Golden just in dem Moment, als die Sonne unterging und das Land in ein warmes, bernsteinfarbenes Licht tauchte. Der ganze Himmel leuchtete violett und orangerot.
Sie fanden den Campingplatz neben dem Kicking Horse River und parkten neben dem Büro in der Finnhütte. Alice wartete auf Simons Anweisungen und schaute sich um. Sie hoffte, dass ihr Stellplatz in der Nähe von anderen sein würde, mit Blick auf den türkisfarbenen Fluss. Es gab nicht viele Bäume, die Schutz boten, und die Stellplätze waren in alle Richtungen offen, sodass man seine Nachbarn gut sehen konnte, wenn sie in ihren Campingstühlen saßen oder an den Picknicktischen aßen. Sie brauchten nur eine einzige neugierige Person mit Adleraugen, die den Zeitungsartikel gelesen hatte und sich nicht von Simons und Jennys neuen Frisuren täuschen ließ.
Doch Simon sah sich ebenfalls um, und sein nachdenklicher Gesichtsausdruck gefiel Alice gar nicht. Er drehte sich auf seinem Sitz um und schaute zu Jenny nach hinten.
»Wir sollten die Nacht durchfahren. Je mehr Abstand, desto besser.«
Abstand war schlecht. Auf dem Weg nach Banff würden sie durch Alberta kommen. Würde irgendjemand in dieser Provinz von den Morden gehört haben? In den meisten Medien auf der ganzen Welt ging es nur noch um die Olympischen Spiele. Alice befürchtete, die Chance, dass Jenny und Simon wiedererkannt und gefasst wurden, schwand umso mehr, je weiter sie sich vom Tatort entfernten. Sie musste dafür sorgen, dass sie langsamer reisten.
»Nachts zu fahren, ist riskant«, sagte sie. »Ich bin jetzt schon erschöpft.«
»Das nächste Teilstück führt durch den Kicking Horse Canyon.« Toms heisere Stimme ertönte hinten im Camper. »Die Route ist steil, mit vielen Abhängen. Die Bremsen werden überhitzen.«
Simon faltete die Karte auseinander und starrte stirnrunzelnd darauf.
»Es gibt da auch keine Tankstellen«, fügte Alice hinzu. »Und wir verbrauchen ziemlich viel.«
»Ich will auf dem Campingplatz bleiben«, sagte Jenny. »Ich bin auch müde.«
»Du kannst während der Fahrt schlafen.«
»Davon wird mir schlecht.«
Simon rieb sich das Kinn, kratzte mit einem schabenden Geräusch über die Bartstoppeln. »Also gut. Ich muss ohnehin ein Nummernschild klauen.«
Simon befahl Alice, außer Sichtweite des Büros zu parken, reichte ihr ein paar Banknoten – zusammen mit einer erneuten Warnung, keine Dummheiten zu machen – und schickte sie mit Jenny hinein.
Das Büro entpuppte sich als kleiner Laden mit einem Kühlschrank voll Limonade und Regalen mit kleinen Packungen Frühstücksflocken, Gewürzen, Konserven, Hygieneartikeln und anderen Dingen des täglichen Bedarfs.
Als sie an einem Drehständer mit Plüschtieren vorbeikamen, blieb Jenny stehen und lächelte über die Schwarzbären mit RCMP-Hüten und roten Uniformjacken und die Elche in Pullovern mit einem Ahornblatt. Sie nahm einen, drückte ihn behutsam und sah auf das Preisschild. Alice wusste nicht, was das sollte – sie waren schließlich keine Touristen auf der Suche nach Souvenirs. Dann wurde ihr klar, dass Jenny vielleicht an ein Geschenk für ihr Baby dachte. Alice lief steifbeinig weiter, so schnell, dass Jenny sich beeilen musste, um sie einzuholen.
Die Campingplatzangestellte war ein freundliches Mädchen im Teenageralter. Ihre langen braunen Haare waren in der Mitte gescheitelt. In den Khakishorts und der dazu passenden Bluse sah sie aus wie ein Parkranger, und sie entschuldigte sich mehrmals, als sie sie in den Waschräumen herumführte. »Tut mir leid, aber für die Waschmaschinen benötigen Sie Münzen, und die Duschen brauchen einen Moment, bis sie warm sind. Und keine Musik nach elf Uhr, tut mir leid.«
Während Alice die Papiere unterschrieb und für ihren Stellplatz bezahlte, überlegte sie, eine Notiz hinzuzufügen. Hilfe! Wir werden von Mördern als Geiseln gehalten! Ihre Hand schwebte über dem Blatt. Sie wartete darauf, dass Jenny den Blick abwandte, dass sie sich umdrehte, dass sie irgendetwas tat, aber sie rührte sich nicht, und die Angestellte des Campingplatzes zog das Formular bereits zu sich zurück. Sie lächelte Jenny über den Tresen an.
»Im Pavillon gibt es heute Abend eine Grillparty. Da musst du unbedingt hingehen; es kommen jede Menge Jungs.«
Jenny errötete, schaute kurz zu Alice und dann wieder zu dem Mädchen. »Ich habe einen Freund.«
Das Mädchen zuckte die Achseln. »Bring ihn doch einfach mit.«
Jenny murmelte ein Dankeschön, und sie gingen wieder nach draußen. Mit jedem Schritt, den sie sich vom Büro entfernten, wuchs Alice’ Bedauern. Sie hätte Jenny irgendwie ablenken sollen. Sie hätte sie bitten sollen, ein paar Getränke aus dem Kühlschrank oder etwas zu essen zu holen. Warum hatte sie nicht daran gedacht?
Sie waren schon in Sichtweite des Campers, als Jenny sagte: »Ich habe keine Freundinnen.«
Alice blieb unvermittelt stehen und warf dem Mädchen einen Blick zu. Jenny hatte kaum ein Wort gesprochen, seit Alice vergeblich versucht hatte, sie dazu zu bringen, sich gegen Simon zu wenden. Vielleicht hatte sie über alles nachgedacht, was Alice gesagt hatte. Vielleicht war sie bereit, sich ihr anzuvertrauen. Alice ging weiter, aber langsamer.
»Keine einzige?«
»Ich hatte eine beste Freundin, als ich in White Cliff in die Schule kam – da war ich vierzehn. Sie hat das hier für mich gemacht.« Sie hob ihre Häkeltasche an und zeigte sie Alice. »Dann hat sie eines Tages nicht mehr mit mir geredet. Beim Ballett hat sie auch aufgehört. Ich glaube, meine Mom steckte dahinter.«
»Warum?«
Sie zuckte die Achseln. »Meine Mom hat alle möglichen gemeinen Sachen gemacht. Hannahs Mom war hübsch, und meine Mom hasste hübsche Frauen. Sie mochte es auch nicht, wenn ich beim Ballett abgelenkt wurde. Sie dachte, Hannah würde mich davon abhalten.« Sie seufzte. »Ich habe versucht, mich mit einem anderen Mädchen anzufreunden, aber sie hat dann ebenfalls den Kontakt abgebrochen. Danach habe ich es nicht noch einmal versucht.« Sie sah Alice an. »Hast du viele Freundinnen?«
»Ein paar. Wenn man verheiratet ist, ist es anders.«
Jenny blieb stehen. »Für Typen auch?«
Es war schwierig, an ein Leben außerhalb dieses Albtraums zu denken, in dem sie gerade gefangen war, aber Alice zwang sich, über eine Antwort nachzudenken. War es für Tom anders? Er spielte immer noch Golf und ging in die Bar, um sich mit seinen Freunden ein Footballspiel anzusehen. Sie ging zu Tupperpartys und zum Fondue, aber im letzten Jahr hatte sie sich immer mehr zurückgezogen. Es schmerzte, die anderen Frauen über ihre Kinder reden zu hören, die einen Meilenstein nach dem anderen hinter sich ließen, die ihr Sohn niemals erreichen würde.
»Nicht so sehr.«
Simon riss die Tür auf. »Was ist los?«
»Das Mädchen im Laden hat uns zu einer Grillparty eingeladen«, sagte Jenny.
»Wir können nicht hingehen.« Simon klang verärgert, als könnte er nicht fassen, dass sie das ernsthaft in Erwägung zog. »Warum hast du überhaupt mit ihr geredet? Das war Alice’ Job.«
»Ich weiß. Ich war nur höflich.« Jenny schob sich an ihm vorbei in den Camper, den Kopf gesenkt, als würde sie sich weigern, ihn anzusehen. Verlegen oder verärgert? Alice konnte es nicht sagen.
* * *
Simon beschloss, dass er Hamburger zum Abendessen wollte, und Jenny stimmte mit leiser Stimme zu. Alice versuchte, sich auf diese alltägliche Aufgabe zu konzentrieren, etwas, das sie schon unzählige Male getan hatte, aber sie war sich nur zu bewusst, dass sie beobachtet wurde. Jenny schien ein besonderes Interesse an allem zu haben, was Alice tat. Als würde sie versuchen, sich jeden Schritt und alle Zutaten einzuprägen, als Alice das Fleisch für die Pattys vermengte.
»Was ist das für ein Puderzeug?«, fragte Jenny.
Alice wollte immer noch nicht nett zu Jenny sein, doch die junge Frau schien ganz erpicht darauf, irgendeine Art von Beziehung zu ihr aufbauen. Und vielleicht hätte sie dann die Chance, zu ihr durchzudringen.
»Französische Zwiebelsuppenmischung. Das Paniermehl kannst du auch kaufen, aber ich mache es selbst. Dann kommen noch zwei Eier dazu, damit alles gut zusammenklebt. Willst du die Pattys formen?«
Jennys Augen leuchtete, und sie sprang auf, doch Simon, der nebenan in der Essecke saß, musterte Alice’ Gesicht, als könnte er ihre Absichten direkt erkennen. Sie behielt einen nichtssagenden Gesichtsausdruck bei.
Jenny veranstaltete ein ziemliches Chaos, aber nach ein paar Minuten hatte sie den Dreh raus, wie man die Pattys formte. Alice zeigte ihr, wie man sie auf dem Grill briet und wendete.
Simon hatte die Markise ausgefahren und den Grill und die Stühle so aufgestellt, dass sie mit dem Rücken zum Weg saßen. Der Camper neben ihnen parkte genauso, sodass die Leute nicht zu sehen waren und sie wahrscheinlich auch nicht hören konnten. Wann immer jemand vorbeikam, zog Simon das Kinn ein und die Schultern hoch. Alice konnte die Ausbuchtung vom Griff der Pistole unter seinem Shirt erkennen.
Sobald die Pattys fertig waren, kam Simon herein und schnitt die Brötchen, die Zwiebeln und die Gurken mit seinem Jagdmesser. Es war beunruhigend, wie flink und geschickt er mit dem Messer war, und Alice musste den Blick abwenden.
»Wir haben noch Tomaten übrig.« Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, hätte Alice sich am liebsten selbst geohrfeigt. Die Bemerkung war ihr aus lauter Gewohnheit herausgerutscht – sie war so sehr daran gewöhnt, dass sie die Mahlzeiten zubereitete. Aber die beiden waren keine Gäste, mit denen sie nach dem Abendessen noch zusammensitzen und etwas trinken würden.
»Jenny hasst Tomaten.«
Alice sah zu der jungen Frau, die verlegen nickte.
»Davon wird mir schlecht.«
Als alles vorbereitet war, setzten Simon und Jenny sich an den Tisch, während Alice sich zu Tom auf die Matratze setzte und ihn vorsichtig mit Hamburgerhappen fütterte. Normalerweise hätte Tom mit Leichtigkeit zwei Stück gegessen, doch jetzt bekam er kaum drei Viertel von einem Hamburger herunter. Dann schüttelte er den Kopf, als sie ihm ein weiteres Stück anbot. »Ich bin satt.«
»Du musst zu Kräften kommen.«
»Ein Burger wird einen gebrochenen Knochen nicht heilen.«
Tom war ihr gegenüber normalerweise nicht sarkastisch, und sie blinzelte überrascht, aber er merkte es nicht. Mit schmerzverzerrtem Gesicht schaute er zur Decke hoch.
»Du brauchst mehr Wasser.«
Er stöhnte auf und hob den Kopf, damit sie ihm das Glas hinhalten konnte. Unter Simons wachsamen Blicken half sie ihm ins Badezimmer. Es gefiel ihr gar nicht, dass Tom jedes Mal, wenn er mit dem Arm irgendwo anstieß, das Gesicht verzog. Wie unbeholfen er sich den Ellenbogen hielt!
Als sie im Badezimmer fertig waren, drängte sie ihn, sich auf das Bett zu setzen, und zog ihm vorsichtig und ganz langsam das Trägerhemd aus. Entsetzt starrte sie auf den dunkelroten Bluterguss, der von seiner Schulter bis zum Brustkorb reichte. Sie zog die Halsöffnung des Hemds über den Kopf und ließ es vor seinem Körper hängen, damit er die Armlöcher als Schlinge benutzen konnte. Als das geschafft war, atmeten sie beide ein wenig auf, und sie half ihm, sich wieder hinzulegen.
Simon gestattete Tom noch mehr Paracetamol und einen frischen Beutel tiefgefrorenes Gemüse für seine Schulter, doch er weigerte sich, auch nur ein Fenster zu öffnen, um frische Luft hereinzulassen. Tom trug nur noch seine Sportshorts, auf ein Shirt verzichtete er. Die Flecken an seinen Beinen schillerten übel in Rot- und Blautönen. Alice brachte ihm Eiswürfel in Tüten und legte sie ihm überall an den Körper. Sie feuchtete ein Tuch mit dem schmelzenden Eis an und legte es auf seine Stirn. Binnen weniger Minuten war es warm, und sie drehte es auf die kühle Seite.
Jenny summte eine Melodie, während sie die Küche aufräumte, und sang so leise vor sich hin, dass Alice die Worte nicht verstehen konnte. Genoss sie das hier etwa? Jenny schaute zu Alice; sie musste etwas in ihrem Blick gesehen haben, denn sie hörte auf zu singen und räumte schweigend zu Ende auf.
Simon befahl Alice, sich neben Tom zu legen, dann fesselte er ihre Füße und Hände in einer komplizierten, verschlungenen Acht. Als er damit fertig war, nahm er sich Tom vor, der aufstöhnte, als Simon an seinem verletzten Arm zog. Doch das genügte Simon noch nicht. Er nahm zwei weitere Seilstücke und fesselte Alice an Armen und Beinen an Tom.
»Ich lasse euch noch einmal ins Bad, bevor wir uns schlafen legen, aber wenn ich sehe, dass die Seile gelockert sind, werde ich euch trennen.«
Simon und Jenny verschwanden nach draußen. Ihre Stimmen waren lediglich ein Murmeln im Hintergrund, niemals laut genug, um irgendetwas zu verstehen. Simon war es wahrscheinlich leid, sich um sie kümmern zu müssen. Für ihn wäre es einfacher, wenn sie tot wären.
Sie spürte, dass Tom seine Position veränderte, um sie anzusehen. »Ich habe nachgedacht«, sagte er. »Wenn ich meine Beine um seinen Hals bekäme, könnte ich ihn wie ein Ringer zerquetschen.«
»Er hätte immer noch die Hände frei.«
»Und er hat die Pistole, ich weiß.«
»Selbst wenn wir es schaffen würden, Simon zu entwaffnen, was ist mit Jenny?«
Sie verfielen in Schweigen.
»Ich hasse es, dass er dich zwingt, alles zu machen, während ich hier nutzlos herumliege.«
Alice sagte nichts. Ihr ging zu viel durch den Kopf.
»Es tut mir leid«, flüsterte er. »Ich habe dich zu dieser Reise überredet und einen Kredit für den Camper aufgenommen. Und jetzt können wir von Glück reden, wenn er am Ende nicht völliger Schrott ist.« Alice begriff nicht, wie er sich Gedanken über Geld machen konnte. War ihm nicht klar, dass sie von Glück reden konnten, wenn sie lebend aus der Sache herauskamen? Sie hielt den Atem an. Natürlich war ihm das klar, aber Tom hatte Angst. So viel Angst, dass er nicht einmal den Gedanken zuließ, dass sie es vielleicht nicht überleben würden. Es war einfacher, sich auf praktische Probleme zu konzentrieren.
»Ich kann mir einen Job suchen.«
»Nein. Mir wird schon etwas einfallen. Ich könnte ein paar Extrakurse übernehmen.«
Er glaubte nicht, dass sie schon so weit war. Hatte er recht? Nachdem sie ihr Baby verloren hatten, hatte sie viele Tage im Bett verbracht. Vielleicht sogar Wochen. Sie wusste es nicht. Morgens hatte sie Tom Frühstück gemacht, dann war sie erneut ins Bett gefallen, nur um sich irgendwann herauszuquälen und das Abendessen zuzubereiten, bevor er wieder zu Hause war. Manchmal vergaß sie sogar zu duschen, steckte ihr Haar zu einem lockeren Dutt hoch und lief nur noch im Morgenmantel herum. Er verlor nie ein Wort darüber, nicht einmal, wenn das Abendessen zu spät auf dem Tisch stand. Er schalt sie nie und stellte nie irgendwelche Fragen. Er brachte ihr Tee ans Bett, saß still bei ihr und las ein Buch oder korrigierte Klassenarbeiten.
Sie drehte den Kopf zu ihm. Im schwachen Licht konnte sie kaum die Konturen seines hübschen Gesichts erkennen, das Leuchten in seinen Augen.
»Es tut mir leid«, flüsterte sie. »Du hättest dich nicht so auf mich fixieren dürfen.«
Einen Moment sagt er nichts, als würde er seinen eigenen Erinnerungen nachhängen. »Es könnte auch meine Schuld sein«, sagte er schließlich. »Vielleicht liegt es an mir, dass wir kein Baby bekommen können.«
»Tommy hatte ein Herzproblem.« Sein kleines, winziges Herz. Es hatte die ganzen Monate über in ihr geschlagen, und als es aufgehört hatte, war auch ihres stehen geblieben. Sie hatten ihn nach Tom benannt und einen Engel auf seinen Grabstein eingravieren lassen. Sie musste glauben, dass er irgendwo war, dass er über sie wachte und dass sie sich eines Tages wiedersehen würden. Wenn Alice sein Grab besuchte, ließ sie stets kleine Spielzeuge dort, Metallautos oder eine Eisenbahn.
»Und auch die anderen Fehlgeburten. Jedes Mal sah ich, wie das Leuchten in deinen Augen erlosch. Du hast mir nie gesagt, wie ich dir helfen kann. Ich wusste nicht, was ich sagen oder tun sollte.«
»Du hast nicht gefragt.«
»Ich habe immer gedacht, wenn du bereit bist, würden wir darüber reden, aber bis dahin wollte ich, dass sich alles normal anfühlt.«
»Was ist normal?«
»Na ja, das hier jedenfalls nicht.« Er sagte es so ironisch, dass Alice kurz lachen musste. Er rieb seinen Daumen an ihrem.
»Ich habe das Gefühl, dich im Stich gelassen zu haben«, sagte sie.
»Das hast du nie.«
»Du wolltest eine Familie.«
»Du bist genug für mich. Ich hoffe, das weißt du. Solange wir einander haben.«
Hatte er ihr das je zuvor gesagt? Alice glaubte nicht. Aber sie hatte auch nichts gesagt. Sie hatte sich so sehr auf das konzentriert, was fehlte. Jetzt würde sie alles dafür geben, ihr Leben zurückzubekommen, ganz egal, wie kaputt es war.
Tom drehte den Kopf zur Seite und versuchte, näher an sie heranzurücken. Sie tat es ihm gleich. Nur ihre Schultern berührten sich, ihre Köpfe waren immer noch zu weit auseinander, aber immerhin. Alice schloss die Augen, dankbar für diesen Moment. Dafür, ihn zu berühren, ihn neben sich zu spüren.
Sie würden gestärkt nach Hause kommen. Sie würde sich auf ihren Mann konzentrieren. Sie würde sich eine Aufgabe suchen. Sie hoffte nur, dass sie die Chance dazu bekommen würden.