Kapitel 15: Jenny - Halt niemals an
By Chevy Stevens
Simons Gesicht veränderte sich im Schatten der Laterne. Vertraut und liebevoll, der Junge mit dem freundlichen Lächeln, der am Jachthafen nebenan wohnte – dann wurden die Augen plötzlich düster und das Kinn hart, und er war der Junge, mit dem sie davongelaufen war.
Sie hatten ein kleines Feuer gemacht. Simon wollte keine Aufmerksamkeit auf sie lenken, deshalb konnten sie kein Spaltholz im Laden beim Büro kaufen. Sie hatten den Waldboden nach trockenen Zweigen und Ästen abgesucht, die Jenny jetzt auf das Feuer legte. Die heißen Flammen leckten an ihren Fingerspitzen. Sie hielt die Hand jedes Mal ein wenig länger hin, bis sie die Hitze nicht mehr ertrug und die Hand zurückriss. Sie mochte das Knacken und die orangeroten Funken, die ohne Vorwarnung aufflogen. Sie trampelten sie aus, wischten sie von ihrer Kleidung und führten dabei eine Art ruckhaften Tanz auf. Später würde ihr Haar nach Rauch riechen, und sie würde sich die Strähnen an die Nase halten und den Duft einatmen. Sie war noch nie zelten gewesen. Nicht, als ihr Vater noch lebte. Nicht mit Freunden oder als Teil eines Schulausflugs. Sie hatte so viele Dinge verpasst.
»Wir haben nicht genug Bargeld«, sagte Simon. »Es wird noch eine Woche reichen. Zwei, wenn es hochkommt.«
»Was machen wir dann?«
»Ich werde einen kleinen Laden ausrauben müssen. Vielleicht eine Tankstelle.«
»Nein, das ist zu riskant! Wir können uns Jobs besorgen. Das dauert vielleicht länger, aber …«
»Du kannst nicht arbeiten, wenn du schwanger bist. Außerdem wollen die Leute, dass du dich irgendwie ausweist.«
Er hatte recht. Doch sie konnte es nicht sagen. Sie konnte diese Entscheidung nicht treffen. Er rückte näher, legte ihr den Arm um die Schultern und zog sie sanft an sich.
»Was, wenn du festgenommen wirst? Was würde dann passieren?« Sie stellte sich vor, wie er in Handschellen weggezerrt wurde, während sie hilflos vom Camper aus zusehen musste.
»Sie würden herausfinden, wer ich bin, und dann würden sie mich wahrscheinlich ins Zuchthaus nach Kingston schicken.«
»Wo ist das?«
»In Ontario. Einer der Deckshelfer meines Vaters war ein Exknacki. Er hat dort gesessen.«
»Wo ist das Frauengefängnis?«
»Keine Ahnung. Vielleicht auch in Ontario. Aber wir werden nicht erwischt, okay?«, sagte Simon. »Du wirst dieses Baby nicht im Gefängnis bekommen.« Er beugte sich vor und legte seine Hand auf ihren Bauch. Sie legte ihre Hand auf seine. »Denk nicht einmal daran«, sagte er.
Sie versuchte seit Tagen, sich einzureden, dass sie nicht gefasst werden würden, aber seit sie White Cliff verlassen hatten, malte sie sich immer wieder aus, wie es wohl im Gefängnis sein würde. Sie stellte sich den grauen Beton und die Stahlgitter vor, dachte an grausame Gefängniskrankenschwestern, die ihr das Baby wegnahmen. Es hatte ihr gar nicht gefallen, dass Alice vor der Bank die Sprache darauf gebracht hatte. Zum ersten Mal war sie wütend auf die Frau gewesen.
»Jemand könnte verletzt werden.« Das hatte Alice ebenfalls vorhergesagt. Hatte sie recht?
»Niemand wird verletzt.« Simon zog seine Hand weg und nahm einen Schluck aus der Weinflasche, die er im Camper gefunden hatte. Sein Dad war ein gemeiner Säufer, deshalb rührte Simon Alkohol kaum an. Vielleicht ein paar Bier am Strand. Wein hatte sie ihn noch nie trinken sehen. Was hatte das zu bedeuten?
»Das hast du auch gesagt, als du den Motorradfahrer bestohlen hast.«
»Er hat uns verfolgt.«
Sie senkte den Kopf und wühlte mit den Fußspitzen im Boden. Ihre Beine taten weh. Ihre Wadenmuskeln waren immerzu verkrampft, seit sie schwanger war. Es war eine Woche her, seit sie zuletzt getanzt hatte. Ihre Füße wollten ganz natürlich die ausgestellte Position einnehmen. Sie zwang sich, sie gerade zu halten. Sie krümmte eine Zehe und rieb sich den Knöchel. Simon hob ihren Fuß in seinen Schoß und begann, das Gewölbe zu massieren.
»Ich werde Alice zwingen, es zusammen mit mir zu machen«, sagte er. »Die Zeitungen haben dich und mich beschrieben, also ist es gut, dass Alice älter ist. Sie kann das Geld einsammeln, während ich Wache halte.«
Jenny empfand einen Hauch von Erleichterung, weil sie nicht Teil seines Plans war. Sie glaubte nicht, dass sie mit Simon einen Laden überfallen könnte. Sie hätte viel zu große Angst. »Was, wenn Alice sich weigert?«
»Dann drohe ich ihr.«
»Ich fand es gar nicht gut, als du gesagt hast, du würdest Tom töten.«
»Ich meinte es doch nicht ernst. Ich würde ihn irgendwo zurücklassen.«
Sie wusste, dass Alice nur versucht hatte, ihr Angst zu machen, als sie sagte, dass es Simon gefiel, anderen Menschen wehzutun. Er war nicht böse. Er tat nur, was nötig war. Zum Beispiel, den Motorradfahrer mit dem Camper überrollen. Aber was, wenn Tom und Alice versuchen würden abzuhauen? Tom könnte Simon angreifen, wie in dem Moment, als sie um die Waffe gekämpft hatten. Würde Simon dann finden, dass es nötig sei? Sie schob die unangenehmen Gedanken beiseite. Dazu würde es nicht kommen; Simon war viel zu vorsichtig.
»Wenn wir gefasst werden, sag der Polizei, dass alles meine Idee war. Sag, dass du Angst vor mir hattest.«
»Alice und Tom wissen, dass das nicht stimmt.«
»Mach dir deswegen keine Sorgen, okay? Dazu wird es nicht kommen. Morgen gehen wir in einen Secondhandladen, um uns Klamotten zur Tarnung zu holen. Dann sehen wir uns ein paar Läden an. Irgendwas, was abseits unserer Strecke liegt.«
»Hast du das schon mal gemacht?«
»Glaubst du, ich hätte Häuser in White Cliff ausgeraubt?« Seine Augenbrauen berührten sich fast, er wirkte verletzt.
»Entschuldige.« Sie berührte seinen Arm. »Aber du klingst so zuversichtlich.«
»Dieser Deckshelfer, von dem ich dir erzählt habe. Der Exknacki. Der hat gerne mit seinen Raubüberfällen angegeben und mir seine Tricks verraten. Er hat sich die Geschäfte spätabends oder gleich als Erstes am Morgen vorgenommen, wenn keine Kunden da waren und nur eine Person dort gearbeitet hat.«
»Er wurde trotzdem erwischt.«
»Sein Auto hat den Geist aufgegeben. Aber wir werden ganz einfach entkommen. Wir parken den Camper irgendwo in der Nähe, sodass ich hinlaufen kann. Niemand wird auf die Idee kommen, dass die Räuber mit einem Camper da sind.«
»Bist du sicher?«
»Absolut.« Er beugte sich vor und küsste sie. Er roch nach dem Rauch des Holzfeuers, seine Haut war warm und die Lippen weich, doch er schmeckte nach Wein. Sie entzog sich ihm und warf weitere Zweige ins Feuer.
* * *
Sie blieben auf, bis ihnen das Feuerholz ausging und der Campingplatz zur Ruhe gekommen war. Keine Kinder auf Fahrrädern mehr, keine bellenden Hunde, kein Lachen in der Ferne, keine Musik. Das einzige Geräusch war das Rauschen des Flusses.
»Ich beeile mich«, flüsterte Simon, ehe er in der Dunkelheit verschwand. Er hatte ihr gesagt, sie solle im Camper warten, aber sie weigerte sich. Sie musste sehen, dass er zurückkam.
Sie ließ ihren Blick durch die Dunkelheit schweifen, starrte jeden Schatten an, lauschte auf seine Schritte. Er war so leise, dass sie beinahe aufschrie, als er plötzlich an der Vorderseite des Campers auftauchte. Er hielt den Finger an die Lippen, doch er lächelte, als er ihr kurz das Nummernschild zeigte, das er unter seinem Hemd versteckt hatte.
»Ich schraube es morgen an«, sagte er, »sobald wir vom Campingplatz runter sind.« Er nahm ihre Hand und half ihr beim Aufstehen. Wie es wohl erst sein würde, wenn sie ganz dick und rund war? Ihre Mom hatte es gehasst, schwanger zu sein, daran hatte sie Jenny regelmäßig erinnert und dass es ihren Körper ruiniert habe. Jenny gefiel die Vorstellung, sich zu verändern. Ihr Körper hatte sich ohnehin niemals wie ihr eigener angefühlt.
Lange nachdem Simon an Jennys Seite zu schnarchen begonnen hatte und Toms Schnarchen wie ein Echo von hinten zu hören war, blieb sie noch wach. Sie dachte an ihren Vater. Früher war sie immer zum Geräusch seines Schnarchens eingeschlafen, das durch die dünnen Wände ihrer Wohnung zu hören war. Nach seinem Tod war es unerträglich ruhig gewesen.
Innerhalb weniger Wochen hatte ihre Mutter all seine Habseligkeiten weggegeben oder verkauft. Alles, was Jenny geblieben war, waren Fotos und eine Schachtel mit Steinen, die ihr Vater und sie gesammelt hatten. Sie war erst elf gewesen, als er starb, und sie hatte ihn so sehr vermisst. Wenn sie nicht schlafen konnte, holte sie einen der Steine hervor, hielt ihn in der Hand und dachte an die Fältchen an seinen grünen Augen, wenn er lachte, oder daran, dass er immer nach irischer Frühlingsseife gerochen hatte. Er hatte ihr alles Mögliche über Steine und Mineralien beigebracht und ihr Fotos in Büchern gezeigt.
Tom erinnerte sie an ihren Dad. Sie hatten beide diese atemlose Art, von den Dingen zu erzählen, für die sie sich interessierten. Vielleicht hätten sie Freunde werden können. Sie glaubte nicht, dass Alice ihre Mutter gemocht hätte. Sie stellte sich ein Treffen zwischen den beiden vor. Vielleicht in einem Buchladen, nach einer von Roberts Lesungen. Sie hatte so viele Unterhaltungen ihrer Mutter mit angehört, dass sie selbst ein Buch darüber schreiben könnte.
Ihre Mutter würde mit einem Kompliment beginnen, wahrscheinlich einer Bemerkung über Alice’ Locken und wie mutig es sei, sie so natürlich zu tragen. Dann würde sie über Robert reden und dass sein letztes Buch ein Bestseller war. Zwölf Wochen im The Globe and Mail! Und dann Finalist für den Governor General’s Award. Welch eine Ehre. Sein neues Buch würde unglaublich sein, noch besser als das erste. Er war fast fertig. Jeden Tag konnte es so weit sein. Sie würde einen Weg finden zu erwähnen, dass sie Vancouver verlassen hatten, damit Robert sich von dem Frieden und der Ruhe einer Kleinstadt inspirieren lassen konnte, und dass sie ein wunderbares Haus an den Klippen gekauft hatten, damit er jeden Tag auf den Ozean blicken konnte.
Sie hätte nicht erwähnt, wie langweilig und eintönig sie White Cliff fand oder dass sie einem Umzug nur zugestimmt hatte, weil Robert ihr ein Tanzstudio gekauft hatte. Sie würde niemals zugeben, dass seitdem vier Jahre vergangen waren und dass Robert sich jeden Tag in seinem Arbeitszimmer einschloss und die Seiten seines neuen Manuskripts zerriss.
Den nächsten Teil hasste Jenny am meisten. Ihre Mom würde sich vorbeugen und mit gesenkter Stimme berichten, dass ihr erster Mann bei einem schrecklichen, entsetzlichen Unfall in der Fabrik, in der er arbeitete, gestorben sei. Der arme Mann wurde von einer Maschine zerquetscht. Dabei hatte sie ihn angefleht, nicht so lange zu arbeiten.
Manchmal dachte Jenny, dass ihre Mom ihre Lügen womöglich selbst glaubte, so überzeugend brachte sie sie vor, doch Jenny würde niemals vergessen, wie ihre Mom auf ihrem Dad herumgehackt hatte. Warum fragst du nicht nach einer Gehaltserhöhung? Wie sollen wir so leben? Du musst mehr arbeiten.
Nachdem ihre Mom ihrem Gegenüber von dem Unfall erzählt hatte, würde sie tief seufzen und sagen, wie schwer es gewesen sei, ihre Tochter allein großzuziehen. Bei ihr klang es, als sei sie mittellos zurückgeblieben, aber Jenny wusste, dass es Geld von der Versicherung gegeben hatte. Genug, damit ihre Mom sich Kleider und Schminkzeug kaufen und sie in eine bessere Wohnung ziehen konnten. Genug, damit sie ausgehen und sich einen neuen Mann suchen konnte, während sie Jenny allein ließ, manchmal über Nacht, manchmal tagelang. Einmal, als Jenny erkältet war, lag sie sogar mit ihrem Bettzeug auf dem Rücksitz des Autos, während ihre Mom in einem Restaurant war.
Normalerweise endete die Geschichte damit, dass ihre Mutter ihr Herz berührte und mit verträumtem Lächeln sagte, sie habe geglaubt, sie würde nie wieder lieben können, bis Robert sie im Sturm erobert hatte.
Doch Alice würde sich niemals mit Jennys Mutter unterhalten. Sie und Robert waren nicht in ihrem Haus auf den Klippen, tranken Cocktails und hörten Platten von Frank Sinatra. Wahrscheinlich lagen sie im Leichenschauhaus. Würde man sie beerdigen? Wer würde dort sein? Die ganze Stadt würde über Simon und Jenny reden. Wir wussten, dass sie nichts taugen. Sobald sie mit dem Jungen zusammen war …
Jennys Herz schlug zu schnell, als die Erinnerungen in ihr aufwallten. Sie drehte sich auf die Seite. Das Baby bewegte sich. Ein sanftes Flattern. Sie strich mit der Hand über ihren Bauch und fragte sich, ob es sie spürte. Simon war überzeugt, dass es ein Junge war, aber sie hatte das Gefühl, es war ein Mädchen. Ihre Tochter. Wie würde sie sie nennen? Nicole? Amy? Heather? Sie dachte über Babynamen nach, bis ihr die Augen schwer wurden.
Am Morgen wechselten Simon und sie sich im Bad ab, dann zog Jenny ein lavendelfarbenes Sommerkleid an. Es hatte Puffärmel und fiel locker um ihren Bauch. Der Großteil ihrer Kleidung müsste inzwischen gewaschen werden. Simon und sie hatten so überstürzt die Flucht ergriffen, dass sie kaum Zeit gehabt hatte, irgendetwas einzupacken. Sie musste duschen. Alice würde das bestimmt auch gerne wollen.
»Wir müssen Alice und Tom duschen lassen«, sagte sie zu Simon.
»Wenn wir alle im Camper duschen, ist der Grauwassertank bald voll.«
»Du und ich können die Waschräume benutzen.« Simon öffnete den Mund, als wollte er widersprechen, also fügte sie rasch hinzu: »Wir können getrennt hingehen.«
Er rieb sich die Stirn und schaute aus dem vorderen Fenster. »Okay.«
Jenny setzte sich an den Esstisch und strich nervös mit den Fingern über die Falten in ihrem Kleid, während Simon Alice losmachte. Sie sammelte ein paar Kleidungsstücke ein und ging ins Badezimmer.
»Mach nicht zu lange«, sagte Simon.
Alice schaute ihn oder Jenny nicht an und schloss die Tür mit einem, wie Jenny fand, wütenden Klicken. Als sie wieder herauskam, sah sie besser aus. Ihre Wange hatten einen rosigen Schimmer, und sie trug ein Oberteil mit Sonnenblumenmuster und grüne Shorts mit Bundfalten. Doch ihr Blick war immer noch düster, und das nasse Haar trocknete rasch zu Locken, die in alle Richtungen abstanden.
»Ich kann dir die Haare flechten«, sagte Jenny, doch dann spürte sie, wie ihre Wangen heiß wurden, als Alice sie anstarrte. Jenny wusste, was sie dachte. Sie waren keine Schwestern oder Freundinnen. Trotzdem wollte sie unbedingt, dass die ältere Frau sie mochte, sie sollte begreifen, dass Jenny kein schlechter Mensch war. Sie vermisste es, wie es vorher gewesen war. Als Alice ihr mit dem Pflaster ausgeholfen, ihnen Wasser und Decken gebracht und gelächelt hatte, als Jenny ihre Pancakes heruntergeschlungen hatte. Als würde es sie glücklich machen.
Simon ging nach hinten und half Tom aus dem Bett.
»Ich muss ihm helfen, sich auszuziehen«, sagte Alice. »Er könnte stürzen.«
»Lass die Tür auf.«
Während das Paar im Badezimmer war, durchwühlte Simon die Schränke und den Kühlschrank. Jenny machte es verlegen, Alice und Tom zu hören. Ihr Gemurmel. Kleider, die zu Boden fielen. Die schlurfenden Schritte und die gelegentlichen dumpfen Schläge, wenn einer von ihnen gegen die Wand oder das Waschbecken stieß. Jenny schaute aus dem Fenster, als hätten sie dadurch etwas mehr Privatsphäre. Nach Seife duftender Dampf erfüllte den Camper.
Die Dusche ging aus. Mehr Bewegung. Tom keuchte vor Schmerz auf, dann eine Entschuldigung. Alice kam mit Tom heraus, der immer noch sein Tanktop als Schlinge benutzte, jetzt aber rote Nylonshorts trug. Die Blutergüsse an seinen Beinen und dem Oberkörper schimmerten blau und violett. Das musste ziemlich wehtun. Alice hatte den Arm um seine Hüfte gelegt, während sie ihn zum Bett führte und ihm half, sich zu setzen. Sein Gesicht war angespannt und blass. Jenny verzog das Gesicht. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie es sich anfühlte, ein gebrochenes Schlüsselbein zu haben. Der Bereich von seinem Hals bis zur Schulter war schrecklich geschwollen und so dunkelviolett, dass es aussah wie bemalt.
Alice nahm zwei Tabletten aus dem Glas mit den Paracetamol, half Tom, etwas Wasser zu trinken, und ersetzte dann den Beutel mit dem tiefgekühlten Gemüse.
»Alice, komm her und mach Frühstück.«
»Eine Sekunde.« Alice’ Stimme klang angespannt, als würde sie Dinge zurückhalten, die sie am liebsten gesagt hätte. Jenny gefiel es nicht, wie Simon Alice herumkommandierte. Dieser gemeine Tonfall. Er warf sich auf die andere Bank in der Essecke und fing ihren besorgten Blick auf.
»Was ist?«
»Musst du so unhöflich sein?«, flüsterte sie.
Er beugte sich über den Tisch. »Denk dran, sie müssen Angst vor uns haben.«
Sie hatte es nicht vergessen, trotzdem fühlte sie sich unbehaglich. Zu ihr war er auch schon ein paarmal kurz angebunden gewesen. Sie sagte sich, dass er einfach nur zu gestresst war.
»Ich mache Frühstück.« Sie stand auf. Simon sah aus, als wollte er noch etwas sagen, aber dieses Mal schwieg er. Sie überlegte, was einfach zuzubereiten war. Spiegelei?
»Ich kann das machen.« Alice trat zu ihr.
»Nein. Ich will es machen.« Jenny stellte eine Bratpfanne auf den Herd und holte eine Packung Eier aus dem Kühlschrank. Sie schlug eines in die Pfanne. Teile der Schale landeten auf dem Eigelb. Sie pickte die Teile heraus und versuchte es mit dem nächsten Ei. Es zerbrach ebenfalls in kleine Stücke. Sie nahm ein drittes Ei, doch dann stand sie wie erstarrt da. Was sollten sie essen, wenn sie sie alle zerschlug? Sie hatte den Herd noch gar nicht eingeschaltet. Hätte sie das als Erstes machen müssen, um die Pfanne zu erhitzen? Sie konnte sich nicht erinnern. Sie starrte die Herdknöpfe an.
Nicht lange nachdem Robert und ihre Mom geheiratet hatten, hatte Jenny versucht, für sie Frühstück im Bett zu machen. Seit sie im selben Haus lebten, verhielt Robert sich Jenny gegenüber kühler, und sie machte sich Sorgen, dass er es bereute. Vielleicht wollte er ja doch kein Kind um sich haben.
Sie hatte ein Kochbuch gefunden und sich für Omelett entschieden, doch das Omelett zerfiel, das Öl spritzte über den ganzen Herd, und ein Geschirrtuch fing an zu brennen. Sie geriet in Panik und warf es auf den Boden, wo es weiterbrannte, bis die Küche sich mit Rauch füllte. Der schrille Alarm des Feuermelders weckten Robert und ihre Mutter, und sie kamen angerannt. Robert trampelte auf dem Handtuch herum, während ihre Mutter die Pfanne vom Herd nahm und das verkohlte Omelett im Mülleimer entsorgte.
An diesem Abend servierte ihre Mutter zwei perfekte Omeletts. Hellgelb, bestreut mit hauchdünn geschnittenem Schnittlauch, dazu einen kleinen Salat. Eines für sich selbst, das andere für Robert. Jenny bekam nur Salat. Als Strafe für das Chaos. Für den Rauchgeruch. Dafür, dass sie den Morgen ruiniert hatte.
Jenny konnte sich nicht mehr rühren. Dann war Alice neben ihr, nahm ihr das Ei aus der Hand, stellte die Pfanne beiseite und machte den Herd an. Blaue Flammen flackerten auf.
»Das geht so.« Alice schlug das Ei am Pfannenrand an und zeigte ihr, wie man die beiden Hälften teilte. Jenny versuchte, sich zu konzentrieren, aber am liebsten hätte sie geweint. In den alltäglichsten Dingen war sie völlig unfähig. Wie sollte sie sich je um ein Baby kümmern? Sie musste so viel lernen. Sie würde alles lernen, was sie konnte. Sie würde sich Bücher kaufen. Sie würde die beste Köchin werden. Die beste Mom. Sie holte tief Luft und richtete sich auf.
»Kannst du mir zeigen, wie man sie brät? Mein Dad mochte sie immer gern mit dem Eigelb nach oben.«
Alice sah sich erst den Schlamassel in der Pfanne an und dann zu Jenny. »Lass uns lieber mit Rührei anfangen.«
»Ja, klar. In Ordnung.«
Nach dem Frühstück ging Jenny als Erste zu den Waschräumen. Sie hielt den Kopf gesenkt und mied den Kontakt zu den anderen Campinggästen. Es war noch früh, doch die Luft roch bereits nach Lagerfeuer, Kaffee und Bacon. Die Leute liefen bei ihren Stellplätzen herum, bereiteten das Frühstück vor oder bauten ihre Zelte ab.
Sie duschte fast die ganze Zeit kalt, weil sie nicht warten wollte, bis das Wasser heiß war. Als sie fertig war, zog sie sich rasch an und eilte zurück. Während Simon beim Duschen war, kauerte sie sich auf einen der Gartenstühle vor dem Camper, ein Handtuch wie einen Turban um den Kopf geschlungen. Alice und Tom waren gefesselt, und Jenny konnte das Gefühl nicht ertragen, dass die beiden sie hassten und insgeheim wahrscheinlich Fluchtpläne schmiedeten.
Es war bereits heiß, als sie den Campingplatz verließen, und die Sonne brannte durch die Windschutzscheibe. Alice klappte ihre Sonnenblende herunter und versuchte, ihre Sonnenbrille vom Armaturenbrett zu nehmen, aber sie erwischte nur eine Ecke, und die Brille rutschte weg und fiel fast aus dem Beifahrerfenster.
Simon fing sie auf und reichte sie Alice.
Von ihrem Platz hinten in der Essecke konnte Jenny Alice’ Profil sehen, als sie Simon anblickte. Sie zögerte, bevor sie die Brille nahm und aufsetzte.
Simon lotste Alice durch die Innenstadt. Er kauerte sich tief in den Sitz und stützte den Ellenbogen auf die Armlehne, sodass er sein Gesicht mit der Hand verbergen konnte. Jenny tat es ihm gleich und zog den Vorhang in der Essecke halb vor das Fenster, damit sie hinausschauen, aber niemand sie sehen konnte.
»Was suchst du?«, fragte Alice.
»Einen Secondhandladen«, sagte Simon. Jenny konnte Alice’ Miene nicht sehen, deswegen wusste sie nicht, ob ihr das merkwürdig vorkam, doch Alice stellte keine weiteren Fragen.
Simons Befehle an Alice wurden schroffer, als sie Mühe hatte, den Camper durch die engen Straßen zu manövrieren, die Kurven zu weit nahm und einmal fast ein Stoppschild übersah. Jenny packte die Tischkante, und Simon schlug so heftig auf das Armaturenbrett, dass Alice und Jenny zusammenzuckten.
»Pass doch auf!«, schrie er.
Alice tat ihr leid. Vielleicht könnte sie beim Navigieren helfen. Sie rutschte zum Ende der Bank, sodass sie durch die Windschutzscheibe schauen konnte. Ein blaues Schild vor ihnen fiel ihr ins Auge.
»Ist das da ein Secondhandladen, am Ende des Blocks?«
Simon beugte sich vor, wartete, bis sie näher dran waren, und sagte: »Stimmt, das ist einer. Gut gemacht, Babe.« Er lächelte ihr über die Schulter zu, und sie empfand Stolz. Sie schaffte das.
Sie hielten in einer Parklücke in der Nähe. Alice stellte den Motor ab, und in der plötzlichen Stille hörte Jenny Alice’ tiefe Atemzüge und sah, wie sie sich die Hände an den Shorts abrieb.
Simon gab Jenny Geld, das sie in ihre Hosentasche schob.
»Hol ein paar Klamotten, die zu groß für uns sind, Brillen, Hüte – und Handschuhe. Die werden wir brauchen.«
Jenny verschränkte die Arme vor der Brust und umfasste ihre Schultern mit den Händen, als sie die Straße entlangging. Hoffentlich suchte sie die richtigen Sachen aus. Sie musste klug vorgehen und nachdenken. Wenn sie einen Fehler machte, könnte Simon erkannt werden. Wie es wohl wäre, eines Tages nur für sich selbst shoppen zu gehen? Etwas im Schaufenster oder an einem Kleiderbügel zu sehen, das ihr gefiel, und es einfach zu kaufen? Ihre Mom hatte Jennys gesamte Garderobe ausgesucht. Sie ließ Jenny ein Outfit nach dem anderen anprobieren, gab leise enttäuschte Töne von sich, ein Schnauben oder ein Seufzen, oder rümpfte die Nase, bis sie etwas Annehmbares fand.
Jenny stieß die Tür auf und blieb wie angewurzelt stehen, als eine Klingel ertönte. Sie hielt den Atem an und fasste sich ans Herz. Es war nur eine Türglocke. Sie musste sich beruhigen. Eine ältere Frau, deren silbernes Haar hochtoupiert war wie ein Bienenstock, lächelte ihr von ihrem Platz hinter dem Tresen freundlich zu. Jenny versuchte, das Lächeln zu erwidern, ohne der Frau in die Augen zu schauen. Während sie sich umsah, hielt sie den Kopf gesenkt.
Sie ging die Männerhemden und Anzugjacken durch. Die Kleiderbügel auf den Metallstangen waren so laut. Schnarr, schnarr, schnarr. Sie zog ein blaues Seidenhemd hervor und hängte es wieder zurück. Zu schick. Simon wollte doch nicht in die Disco gehen. Aber was, wenn er Kleidung haben wollte, die ablenkte? Sie wünschte, er hätte ihr genauere Anweisungen gegeben.
Vor einem Regal mit Babysachen blieb Jenny stehen und zog einen buttergelben Strampler mit winzigem Entenmuster und Druckknöpfen an den Beinen heraus. Sie schaute kurz über die Schulter. Die Frau war damit beschäftigt, einen Karton auszupacken. Jenny nahm den Strampler in den Arm und stellte sich vor, ihr Baby zu wiegen wie die Mutter, die sie auf dem Rastplatz gesehen hatte. Dann kam sie sich albern vor und legte den Strampler zurück. Sie betrachtete die winzigen Schuhe, Mützen und Decken. Sie strich mit dem Finger über ein gestricktes Paar Babysocken. Wie unglaublich klein die waren! Am anderen Ende des Ladens entdeckte sie Kinderbetten und Hochstühle. Während sie sie betrachtete, streichelte sie sich den Bauch. Wann waren Babys groß genug für den Hochstuhl? Sie musste noch so viel lernen. Sie hielt nach einem Babybuch Ausschau, aber es standen keine in den Regalen.
Sie machte sich wieder auf die Suche nach Kleidung und fand zwei fleckige und geflickte Jeanslatzhosen und zwei Karohemden, die sie sich über den Arm legte. Sie entdeckte zwei karierte Kopftücher, eine Baseballkappe, gestrickte Handschuhe und einen schwarzen Cowboyhut. In einem Karton mit Halloweendekoration kramte Jenny zwei Kostümbrillen hervor. Eine mit einer Fassung aus Strass und gelben Gläsern, die andere mit einer Knollennase und Schnurrbart. Sie stopfte die kleineren Sachen in den Cowboyhut.
Sie ging weiter zur Spielzeugabteilung und entdeckte zwei Spielzeugpistolen. Sahen sie realistisch aus? Simon hatte eine echte Pistole, aber vielleicht brauchte Alice auch eine. Selbst wenn sie nicht echt war.
Jenny fügte die Spielzeugpistolen ihrer Sammlung hinzu und brachte alles zum Tresen. Sie bezahlte und zählte dafür sorgfältig die zerknitterten Banknoten auf den Tresen. Die Frau lächelte weiter, während sie die Kleidung zusammenlegte und dabei über das Wetter plauderte. Jenny gab murmelnd Antwort und tat, als würde sie in ihrer Handtasche nach etwas suchen.
Schließlich reichte ihr die Frau eine große braune Papiertüte.
»Brauchen Sie Hilfe, um alles zu Ihrem Wagen zu tragen?«
»Nein, danke.«
Sie zwang sich, den Laden langsam zu verlassen, doch sobald sie draußen war, lief sie schneller, die Arme um die schwere Tasche geschlungen, deren Boden auf ihrem Bauch ruhte.
Als sie in Sichtweite des Campers kam, schwang die Tür auf.
Simon wartete auf sie.