Kapitel 19: Alice - Halt niemals an
By Chevy Stevens
»Muss ich alle meine Sachen ausziehen?«
Jenny klang so entsetzt, dass Alice das Gefühl hatte, wenn sie Ja sagen würde, würde sie auf der Stelle ohnmächtig werden.
»Nein.« Alice deutete auf die Untersuchungsliege. »Leg dich hin und zieh dein Top ein Stückchen hoch, damit er deinen Bauch sehen kann.«
»Mehr nicht?«
»Mehr nicht.« Sie stand auf, nahm den Vorhang, der an der Wand gerafft war, und zog ihn zu, bis Jenny dahinter verborgen war.
Alice ging zu dem Stuhl, auf dem Jenny vorher gesessen hatte. Auf dem Schreibtisch des Arztes herrschte ein einziges Durcheinander aus Patientenakten und Formularen. Im Hintergrund knisterte Papier, als Jenny sich auf die Liege setzte.
»Muss ich sitzen oder liegen?«, flüsterte Jenny.
»Leg dich hin«, sagte Alice. »Sieh einfach an die Decke oder so.« Wo hatte der Arzt nur seine Stifte? Er schien nirgendwo einen Stifthalter zu haben. Wahrscheinlich waren sie in der obersten Schublade. Alice rang mit sich, ob sie die Schublade leise aufziehen sollte, als der Arzt anklopfte und den Raum betrat. Er nickte Alice mit seinem immer noch freundlichen Lächeln zu, sodass Alice davon ausging, dass er in den letzten paar Minuten nicht herausgefunden hatte, dass er im Begriff war, eine Verbrecherin zu untersuchen.
»Also gut. Ocean, sind Sie so weit?« Er legte sein Klemmbrett ab – und darauf befand sich ein Stift.
»Ja.«
Das Rascheln des Vorhangs, das Gleiten der Metallrollen in der Schiene. Die beruhigend professionelle Stimme des Arztes. »Ich werde Sie zuerst abhören, okay? Das Stethoskop ist ein wenig kalt, das werden Sie merken.«
Alice griff über den Schreibtisch, wobei sie nur den Arm bewegte, damit der Stuhl nicht über den Boden scharrte oder quietschte. Ihre Fingerspitze berührte den Stift. Sie beugte sich vor, bis sie den Stift mit der Fingerkuppe näher zu sich rollen konnte. Jetzt brauchte sie noch Papier.
»Möchten Sie den Herzschlag hören?«, fragte der Arzt.
»Sie können ihn hören?« In Jennys Stimme schwangen reine Freude und Erleichterung mit.
»Ja, in der Tat. Stecken Sie sich das in die Ohren.«
Alice schloss die Augen und wünschte, sie hätte einen geistigen Vorhang, um die Erinnerungen an ihre Untersuchungen vor der Geburt abzublocken; an das Hochgefühl, als sie diese winzigen, schnellen Herzschläge hörte, und dann die Fahrten in die Notaufnahme, mit zusammengepressten Beinen, als könnte das ihren Körper davon abhalten, das Leben, das in ihr wuchs, wieder abzustoßen. Denk nicht daran. Blende es aus. Such einfach ein Stück Papier.
Alice öffnete die Augen und musterte den Schreibtisch. Der Rezeptblock. Nein, sie könnte kein Blatt abreißen, ohne dass es zu hören wäre. Sie entdeckte etwas Weißes, Rechtwinkliges. Einen Briefumschlag. Ganz leise zog sie ihn näher zu sich, schaute kurz über die Schulter zum Vorhang und vergewisserte sich, dass er zugezogen war.
Was sollte sie schreiben? Sie musste schnell sein. Sie versuchte, ihre Schreibbewegungen der Stimme des Arztes anzupassen, rutschte hin und her, hustete – alles Mögliche, um das Geräusch des Stifts auf dem Papier zu überdecken.
Hilfe! Wir werden in unserem Winnebago gefangen gehalten. Dieses Mädchen wird wegen Mordes gesucht.
Ihr Name ist Jenny Perron, und ihr Freund ist Simon Gray. Wir fahren Richtung Osten. Rufen Sie die Polizei!
Alice wünschte, sie wüsste das neue Kennzeichen, mit dem der Camper jetzt unterwegs war. Wie sollte die Polizei sie jemals finden? Es war der Sommer der Olympischen Spiele – die Straßen und Campingplätze waren voll von Wohnmobilen.
»Jetzt werde ich vorsichtig Ihren Bauch abtasten.«
Alice schob den Briefumschlag unter das Klemmbrett, aber dann zögerte sie. Er könnte das Klemmbrett hochnehmen, solange sie noch im Zimmer waren. Sie zog den Umschlag wieder hervor und schob ihn unter eine Patientenakte. Nur eine weiße Ecke schaute noch hervor.
Im Hintergrund überprüfte der Arzt Jennys Blutdruck, während Alice das Telefon auf dem Schreibtisch betrachtete. Wenn sie doch einfach zum Hörer greifen könnte! Es juckte sie in den Fingern. Jetzt erzählte der Arzt etwas über Vitamine. Schüchtern und unsicher stellte Jenny ein paar Fragen.
»Wir sind fertig. Sie können wieder nach vorn kommen, wenn Sie so weit sind.«
Der Vorhang wurde aufgezogen, dann kam der Arzt heraus und schloss den Vorhang wieder. Er setzte sich an seinen Schreibtisch und machte sich Notizen auf seinem Klemmbrett.
»Genießen Sie Ihre Ferien?«, fragte er. Alice brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass er mit ihr sprach, nicht mit Jenny, die noch hinter dem Vorhang war und sich fertig machte. »Meine Krankenschwester erwähnte, dass Sie auf Reisen sind«, sagte er. »Schrecklich, dass Ihnen die Handtaschen gestohlen wurden.«
»Ja«, brachte Alice heraus. »Es war ein … Abenteuer.«
Der Arzt blickte auf. »Höre ich da einen US-amerikanischen Akzent?«
Alice erschrak. »Ich habe einige Zeit in den USA gelebt. Meine Eltern stammen aus Kalifornien.« Dort war Alice auch geboren und hatte ihre frühe Kindheit verbracht, bis ihre älteste Schwester mit ihrem Mann an den Nordwestpazifik gezogen war. Alice war ihr umgehend gefolgt, erst nur für einen kurzen Aufenthalt, dann, als sie einen Job als Schulsekretärin gefunden hatte, für länger. Der Rest war, wie es so schön hieß, Geschichte.
»Aber jetzt leben Sie in Kanada?«
Was sollte sie darauf antworten? »Ja.«
Der Vorhang wurde aufgezogen, und Jenny tauchte auf.
»Bitte setzen Sie sich«, sagte der Arzt zu Jenny, und Alice begriff, dass sie sich bewegen musste, weil Jenny näher beim Arzt sitzen sollte. Alice stand auf und ging zum Stuhl an der anderen Seite des Zimmers zurück. Jenny setzte sich. Ihre Wangen waren rosig, sie schaute kurz zum Arzt, dann wieder weg. Alice überlegte, ob Jenny vielleicht religiös erzogen worden war, aber sie hatte sie noch nie von Gott oder Jesus reden hören, und sie betete nicht vor dem Essen. In Anbetracht der Tatsache, dass sie eine Verbrecherin und unverheiratet schwanger war, hatte sie sich offenbar von der Herde entfernt, selbst wenn sie einmal religiös gewesen war.
Der Arzt sprach mit Jenny über Vitamine. »Ich glaube, ich habe hier irgendwo eine Broschüre.« Er hob ein paar Papiere auf seinem Schreibtisch an, schob alles hin und her. Alice hielt den Atem an. »Hm. Ich hole Ihnen eine.« Er stand auf und bedeutete Alice und Jenny, zu warten. »Bin gleich wieder da.«
Alice musste sich zusammenreißen, um nicht zum Schreibtisch zu schauen. Lag der Briefumschlag jetzt offen sichtbar? Im Moment starrte Jenny auf ihren Schoß, aber Alice musste sie unbedingt ablenken.
»Es gibt also gute Neuigkeiten. Dem Baby geht es gut.«
»Ja.« Jenny hob den Kopf. »Ich habe seinen Herzschlag gehört.« Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich von verlegen zu ehrfürchtig. »Es war unglaublich.« Sie schwieg und fügte leise hinzu: »Ich glaube, es wird ein Mädchen.«
»Das ist wunderbar.« Wie lange blieb der Arzt denn noch weg?«
»Ja.« Sie zupfte an der Haut eines Nagels herum, dann, als würde sie sich selbst bei einer Unart ertappen – vielleicht der Widerhall eines vertrauten Tadels –, nahm sie die Hände auseinander und legte eine auf die Ecke des Schreibtisches, um der Versuchung zu widerstehen. Aber jetzt lag ihre Hand näher am Briefumschlag.
Sie schaute zu Alice, dann schien sie zu zögern, betrachtete ihr Gesicht, als würde sie dort etwas erkennen, als würde sie die Angst sehen. Alice versuchte zu lächeln und begriff zu spät, dass das noch schlimmer war. Wenn sie Jenny anlächelte, machte sie sich nur noch verdächtiger. Sie hatte sich bisher immer komplett anders verhalten. Jenny schaute auf Alice’ Schoß und sah sich dann im Zimmer um, auf der Suche nach der Quelle von Alice’ merkwürdigem Verhalten. Ihr Blick flog über die Bücherregale und landete auf dem Schreibtisch. Alice versuchte, ihren Augenbewegungen zu folgen. Vielleicht sah sie es nicht. Vielleicht wirkte es für sie nur wie eine Notiz des Arztes.
Jenny legte einen Finger auf die Ecke des Briefumschlags, zog ihn zu sich und hielt inne, um zu lesen. Schritte im Korridor. Der Arzt kam zurück. Jenny nahm den Umschlag, faltete ihn zusammen und verbarg die Hand in dem Moment in ihrem Schoß, als die Tür geöffnet wurde.
»Hier drin stehen jede Menge guter Informationen.« Der Arzt reichte Jenny ein paar Broschüren. Sie nahm sie mit der freien Hand entgegen. »Die Vitamine sollten Sie in jeder Drogerie bekommen.«
»Vielen Dank«, sagte Jenny. »Sie sind sehr freundlich.«
»Es ist immer eine Freude, gute Nachrichten überbringen zu können. Aber denken Sie daran, Sie brauchen Ruhe, und wenn die Blutungen oder die Schmerzen stärker werden, fahren Sie in die nächste Notaufnahme. Ich weiß, dass Sie auf Reisen sind, doch vielleicht sollten Sie überlegen, für ein, zwei Nächte an einem Ort zu bleiben.«
»Okay.«
Der Arzt wandte sich zu Alice um. »Passen Sie gut auf das Mädchen auf.«
Alice nickte und zwang sich zu lächeln.
»Essen Sie viel Obst und Gemüse«, sagte er zu Jenny. »Sie haben Glück, im Moment hat vieles Saison.«
»Wir werden an einem Bauernmarkt halten«, sagte Alice so entspannt, wie sie es in ihrem herrlichen Urlaub nur sein konnte.
Jenny ließ sie nicht aus den Augen und sagte: »Das ist eine gute Idee.« Sie drehte sich wieder zum Arzt um. »Meine Tante ist eine wunderbare Köchin. Wir sind jeden Tag gesegnet, es ist immer eine Überraschung.«
War Jenny etwa sarkastisch? Alice war verblüfft. Jenny war defensiv, ängstlich, ungehalten und verzweifelt gewesen, aber noch nie beißend.
Jenny stand auf, und Alice tat es ihr gleich. Sie liefen hinter dem Arzt zum Wartezimmer, wo sie die letzten Höflichkeitsfloskeln austauschten. Jenny stieß die Tür auf, und sie standen blinzelnd in der Sonne. Die bayerische Szenerie um sie herum wirkte jetzt noch unpassender.
»Er sagte, ich könnte die Vitamine in einer Drogerie kaufen.« Jennys Stimme klang irgendwie abwesend, was Alice beunruhigte. Dabei machte sie sich schon genug Sorgen.
»Willst du eine suchen?«
»Nicht jetzt. Ich will keine Leute mehr sehen.«
Jenny setzte sich auf dem Bürgersteig in Bewegung, und Alice lief neben ihr. An einem Mülleimer blieb Jenny stehen. Sie schob die Broschüren in ihre Handtasche und riss den Umschlag mit Alice’ Nachricht ein paarmal in der Mitte durch, bis er nur noch Konfetti war, das sie in den Mülleimer rieseln ließ. Sie sah Alice an.
»Deswegen hast du angeboten mitzukommen. Du wolltest eine Möglichkeit finden zu entkommen.«
Der Beweis stand auf dem Papier, das jetzt im Mülleimer lag, zusammen mit ihrer Chance auf Freiheit.
»Du hasst mich«, sagte Jenny.
Alice hatte das Gefühl, ehrlich darauf antworten zu können. »Nein, ich hasse dich nicht.«
»Das solltest du aber.« Jenny drehte sich um. »Komm schon. Simon wird sich Sorgen machen, wenn wir zu lange wegbleiben.«
»Wirst du es ihm sagen?«
Jenny ging weiter. »Nein.«
Sie nannte keinen Grund, und vielleicht kannte sie ihn selbst nicht, doch Alice fühlte sich dadurch kein bisschen sicherer.