Kapitel 2: Jenny - Halt niemals an
By Chevy Stevens
Sie schlossen ihre Schlafsäcke mit den Reißverschlüssen zusammen, sie legte den Kopf auf seine Brust, und er schlang den Arm um sie und malte sanfte Muster auf ihre Haut. Die Nachtluft war immer noch warm genug, damit sie in ihren T-Shirts und Unterwäsche schlafen konnten, doch ihre Hosen und Schuhe waren ganz in der Nähe, für den Fall, dass sie sich schnell anziehen mussten. Sie hatten ihre Rucksäcke nicht ausgepackt.
Simons Stimme war leise und ganz nah an ihrem Ohr. »Blue und Ocean?«
»Ich habe nicht richtig nachgedacht. Die Namen sind einfach so in meinem Kopf aufgetaucht.«
»Mir gefallen sie.« Simon bewegte seine Hand, um ihren unteren Rücken zu streicheln, und kratzte sie sanft. Am Strand waren sie so oft von Insekten gestochen worden, dass sie beide mit Schwellungen übersät waren. Alice hatte ihnen eine lindernde Salbe und eine rote Thermosflasche voll Wasser gegeben, und als sie gemerkt hatte, dass sie keine Kissen dabeihatten, hatte sie darauf bestanden, dass sie ein paar von den Dekokissen aus dem Camper mitnahmen. Sie waren fest, und der Stoff war rau, aber Jenny war dankbar, dass sie nicht wieder ihre Rucksäcke benutzen mussten.
»Sollen wir sie fragen, ob sie uns mitnehmen?«, fragte Jenny.
»Ich weiß nicht … Tom stellt eine Menge Fragen.«
»Ich finde sie nett.« Jenny krümmte ihre Zehen und versuchte, die verspannten Muskeln in ihren Waden zu lockern. Simon und sie waren seit Tagen ständig in Bewegung. Zuerst waren sie mit dem kleinen, offenen Boot im Stockdunkeln an der Küste entlanggetuckert und hatten bei Tagesanbruch in einer versteckten Bucht festgemacht. In der nächsten Nacht waren sie den Fluss hochgefahren, aber die Stromschnellen hatten sie aufgehalten. Sie hatten das Boot an einem Steg zurückgelassen und am Strand geschlafen. Eigentlich wollten sie auf der Straße in die nächste Stadt laufen und an einer Tankstelle einen Trucker ansprechen, der eine lange Strecke fuhr und sie hoffentlich mitnehmen würde, am besten bis in die nächste Provinz. Doch dann hatten Jennys Füße zu sehr geschmerzt.
»Ist dir aufgefallen, dass alles, was sie haben, ganz neu ist?«, fragte Simon.
»Vielleicht sind sie reich.«
»Wahrscheinlich haben sie Bargeld dabei.«
Sie begriff, was er dachte. »Nein.«
»Wir müssen irgendwie an Geld kommen.«
»Aber nicht so.« Das waren gute Menschen – das hatte sie sofort gemerkt. Tom hatte diese zuversichtliche, ermutigende Stimme eines Sportlehrers, und Alice war hübsch mit ihren haselnussbraunen Augen, den braunen Locken und den Wangen mit den Grübchen. Schade, dass sie keine Kinder hatten. Alice wäre bestimmt eine gute Mom. Nicht so wie ihre eigene. Jenny drehte sich auf die Seite, damit Simon ihre Tränen nicht spürte.
Simon wandte sich ebenfalls um, umfasste ihren Bauch mit der Hand und streichelte sie zärtlich mit dem Daumen. Er war so aufgeregt wegen des Babys, überlegte sich schon Namen und redete davon, dass sie auf einer Farm leben würden oder dass er sich Arbeit auf einem Fischerboot in Nova Scotia suchen könnte. Sie würde Schmuck machen, den sie in Läden verkaufen könnte.
»Ich habe versprochen, dass ich mich um dich kümmere«, sagte er.
»Ich will nicht, dass noch jemand verletzt wird.«
»Also gut. Wir fragen sie, ob sie uns mitnehmen.« Simon küsste ihre Halsbeuge. »Wenn es dich glücklich macht, Babe. Ich würde alles für dich tun.«
Manchmal machten seine Bereitwilligkeit und seine Loyalität ihr Angst, auf eine Art und Weise, die sie nicht recht verstand. Seine Entschlossenheit, sie zu beschützen. Sie war nicht immer sicher, ob sie das verdient hatte. Aber er hatte es verdient. Er hatte sie gerettet, und das würde sie niemals vergessen. Sie verdankte ihm alles.
* * *
Sie wurden von Alice’ und Toms gedämpften Stimmen geweckt, die vor dem Zelt herumliefen. Der Rauchgeruch des Lagerfeuers stieg ihnen in die Nase. Als Simon und Jenny aus dem Zelt krochen, empfing Alice sie mit einer Kanne Kaffee. Sie sah aus, als sei sie bereit für den Tag, ihr lockiges Haar hatte sie mit einem weißen Seidenschal zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie trug blaue Nadelstreifen-Shorts und eine ärmellose Bluse mit weißem Kragen. Tom war legerer gekleidet, hatte ein lilafarbenes Tanktop der University of Washington und goldene Sportshorts an.
Jenny und Simon verschwanden in den Waschräumen und setzten sich anschließend zum Frühstücken an den Picknicktisch. Jenny nahm sich ein paar Pfannkuchen mit Ahornsirup und genoss jeden Bissen. Alice schien nicht viel zu essen, aber Tom hatte die Hälfte seines Stapels bereits vertilgt. Er hielt inne, um an seinem Kaffee zu nippen. Der heiße Dampf stieg in sein Gesicht.
»Wollt ihr auch heute Morgen weiterziehen?«, fragte er.
Simon stellte den Sirup ab, von dem er sich gerade genommen hatte, und wischte sich gemächlich die klebrigen Finger ab. »Das hoffen wir. Könntet ihr uns eventuell mitnehmen?«
»Wo wollt ihr denn hin?«
»Wir würden uns schon freuen, wenn ihr uns in die nächste Stadt bringen könntet.«
Tom holte seine Karte, breitete sie auf dem Tisch aus und summte vor sich her, während er sie mit zusammengekniffenen Augen musterte. »Das wäre Lytton.« Er sah auf den Maßstab und streckte die Finger zwischen den beiden Städten aus. »Das werden etwa siebzig Meilen sein. Wäre das okay?«
»Ja, klingt super.«
Jenny nickte. Sie wusste nichts über Lytton, aber das war egal.
»Wir würden uns über etwas Gesellschaft freuen«, sagte Tom. »Stimmt’s, Schatz?«
Alice wirkte eher erschrocken und wurde rot. Freute sie sich womöglich überhaupt nicht? Doch sie sagte: »Je mehr, desto besser«, und legte ihm noch einen Pfannkuchen auf den Teller.
Nach dem Frühstück bauten Tom und Simon das Lager ab, während Jenny Alice im Camper beim Abwaschen half. Alice wollte, dass Jenny sich ausruhte, aber Jenny meinte, dass sie das gern mache. Sie musterte Alice, die die Teller so schnell abtrocknete, als würde sie ein Auto polieren.
»Bist du sicher, dass es okay ist, wenn ihr uns mitnehmt?«
»Natürlich.« Alice lächelte, wirkte dabei aber eher höflich als aufrichtig. War sie sauer, weil sie ihre Reisepläne ihretwegen änderten?
»Wir wissen das sehr zu schätzen.« Jenny legte eine Hand auf ihren Bauch, und Alice warf ihr einen raschen Blick zu. »Das Baby bewegt sich. Es fühlt sich an, als würde es flattern.«
»Das ist wunderbar.« Alice wandte sich ab. »Ich muss im Badezimmer alles sichern.«
Jenny starrte ihr nach. Hatte sie etwas Falsches gesagt? Als Alice im Badezimmer fertig war, kam sie wieder heraus und fing an, die Gläser wegzuräumen. Es schien ihr gut zu gehen, aber Jenny wollte sie nicht noch einmal verärgern, also spülte sie den letzten Teller ab und schlüpfte hinaus.
Während Jenny ihren Rucksack packte, hörte sie, wie Tom Simon von dem Winnebago erzählte. »Es ist das kleinste Modell, nur sieben Meter lang, aber für uns reicht es. Siehst du die Windschutzscheibe? Sie ist um sechs Grad geneigt, sodass sie mit den Seitenfenstern abschließt und dir einen Rundumblick ermöglicht. Ich habe einen Reservetank und einen V8-Motor. Damit kommen wir auf jeden Fall die Berge hoch.«
Simon entdeckte Toms Angelrute, und sie wechselten das Thema. Tom wollte das Fliegenfischen lernen, und Simon wusste alles übers Angeln und Fischen, in sämtlichen Arten von Gewässern. Als Tom ihn fragte, woher er so viel darüber wüsste, versteifte Jenny sich, doch Simon murmelte nur: »Von meinem Dad.«
Nachdem sie ihre Ausrüstung in den Camper geladen hatten, zeigte Tom ihnen das Innere. Simon fragte, was es mit dem mit Teppich bezogenen Buckel zwischen den beiden Vordersitzen auf sich hatte, und Tom erklärte, dass sich darunter der Motor verbarg. Er zeigte ihnen, dass man den Beifahrersitz umdrehen konnte, aber nicht den Fahrersitz, weil der von der Essecke blockiert wurde, dann ließ er sie probeweise Platz nehmen, damit sie sahen, wie bequem die Sitze waren.
Als sie bereit zum Aufbruch waren, rannte Simon noch einmal zu den Waschräumen, während Tom und Alice sich auf den beiden Vordersitzen niederließen, sich über die Karte beugten und den Tag planten – wo sie zum Mittagessen anhalten, wo sie tanken sollten. Jenny wartete am Tisch, den Blick nach vorn gerichtet, damit sie nach Simon Ausschau halten konnte.
Der Motor des Campers lief bereits, als Simon zurückgejoggt kam. Seine Augen strahlten, und er wirkte aufgeregt. Er setzte sich neben Jenny an den Tisch und ließ einen Arm auf ihre Schulter fallen. Tom fuhr langsam vom Campingplatz. Als sie bei den Waschräumen vorbeikamen, gab Alice einen überraschten Laut von sich.
»Ich dachte, diese Typen müssten noch ihren Rausch ausschlafen.«
Jenny schaute aus dem Fenster. Zwei der Motorräder mit den hohen Lenkern standen im Schatten neben der Waschbaracke.
Alice drehte sich in ihrem Sitz um. »Haben sie dir Ärger gemacht, Blue? Sie sehen ziemlich rau aus.«
»Ich muss sie knapp verpasst haben.«
Als Tom und Alice wieder miteinander zu reden begannen, beugte Simon sich näher zu Jenny und flüsterte ihr ins Ohr: »Ich habe etwas Kohle in einer ihrer Satteltaschen gefunden.«
Jenny starrte Simon an. Warum war er dieses Risiko eingegangen? Er hätte erwischt, vielleicht sogar verletzt werden können.
»Und das hier.« Simon hob sein Shirt an, um ihr das Jagdmesser zu zeigen, das an seinem Hosenbund steckte. Ein großes Messer mit einem Griff aus geschnitztem Geweih, dessen Klinge in einer Lederscheide mit einem aufwendigen Rankenmuster steckte. Es sah wichtig aus. Als würde es jemandem viel bedeuten.
Jenny wandte sich ab und versuchte, tief durchzuatmen. Sie bedauerte, dass sie so viel gefrühstückt hatte, diesen übertrieben süßen Kaffee und die Pfannkuchen, die ihr jetzt schwer im Magen lagen.
»Niemand hat mich gesehen«, murmelte Simon, und sie nickte, aber sie konnte ihn nicht ansehen, zu groß war ihre Angst, dass er merken würde, wie sauer sie war. Er könnte glauben, dass sie an ihm zweifelte oder, noch schlimmer, dass sie mit ihrem neuen Leben auf der Flucht nicht zurechtkam. Vorne im Camper drehte Alice am Senderknopf des Radios. Neue Ängste überkamen Jenny. Sie hatte nicht an das Radio gedacht. Würde etwas über sie in den Nachrichten kommen? Man würde ihre Personenbeschreibungen verbreiten. Alice und Tom würden es herausfinden. Sie würden sie melden.
»Ich habe Kopfschmerzen«, sagte Jenny. »Würde es euch etwas ausmachen, wenn wir keine Musik hören?«
»Natürlich nicht.« Alice beugte sich vor und schaltete das Radio aus.