Kapitel 22: Alice - Halt niemals an
By Chevy Stevens
Die weiße Linie auf dem Highway verschwamm. Alice öffnete ihr Fenster, um sich frische Luft ins Gesicht wehen zu lassen, drehte den Kopf hin und her und dehnte ihre verspannten Nackenmuskeln. Die Scheinwerfer erfassten zwei Paar Augen am Straßenrand. Vermutlich Waschbären. Was immer es war, kauerte dicht am Boden, aber auch Wapitis, Hirsche und möglicherweise Bergziegen könnten nachts die Straße überqueren. Wenn sie etwas Großes erwischten, würde Alice garantiert die Kontrolle über den Camper verlieren. Sie sollte besser aufpassen, aber sie musste ständig an die beiden Jungen im Dairy Queen denken. Dem kleineren war nichts passiert, zumindest körperlich nicht, aber was war mit dem älteren Jungen? Was, wenn er starb? Simon hatte das Telefon aus der Wand gerissen. Wie lange würde es dauern, bis jemand die beiden fand?
Alice schaute kurz zu Simon hinüber, der immer noch ziemlich selbstzufrieden dreinblickte. Während Alice sie zurück auf den Highway gebracht hatte, hatte er ihre Verkleidungen verstaut und mit Jenny zusammen die Beute gezählt. Seinem Lachen nach zu urteilen hatten sie ordentlich abgesahnt, aber nicht genug, um sich alles leisten zu können, was sie wollten. Sie hatten darüber geredet, was für ein Auto sie kaufen sollten, und sich für einen Kombi entschieden. Sie wollten beide einen großen Garten und einen Fernseher. Simon wollte einen Hund. Auf Alice wirkten sie wie Kinder, die Vater-Mutter-Kind spielten. Sie hatten keine Ahnung, wie sehr sich ihr Leben durch ein Baby verändern würde. Jetzt waren sie auf Gedeih und Verderb aneinandergebunden. Ihre Geheimnisse, ihre Verbrechen würden immer da sein, stärker als jeder Eheschwur.
»Ich bin zu müde«, sagte Alice. »Ich sollte nicht mehr fahren.«
»Wir fahren doch erst seit zwanzig Minuten oder so.«
»Ja, aber es ist fast Mitternacht.«
»Ich bin auch müde«, sagte Jenny. Alice schaute in den Rückspiegel und entdeckte den Milchshakebecher, der immer noch vor ihr auf dem Tisch stand. Erneut stieg Ärger in ihr hoch.
»Gut. Wir suchen nach einem Platz für die Nacht«, sagte Simon.
Als sie an eine Abzweigung kamen, folgten sie der Straße, bis der Asphalt aufhörte und eine Schotterpiste zu einer schmalen Brücke über einen Bach führte. Sie parkten auf dem Standstreifen, wo die Straße breiter wurde, damit ein Wagen auf einen anderen warten konnte, der bereits auf der Brücke war.
Alice und Tom bekamen kaum genügend Zeit im Badezimmer, ehe Simon sie wieder aneinanderfesselte. Alice überlegte, wie voll der Grauwassertank inzwischen wohl war und ob ihnen demnächst das saubere Wasser ausgehen würde, aber ihre Gedanken schweiften ab, als die Erschöpfung, die Angst und das Adrenalin des heutigen Tages ihren Tribut forderten. Gnädigerweise blieb sie bis zum nächsten Morgen von alldem verschont, bis ein Chor aus Waldvögeln draußen vor ihren Fenstern zu singen begann.
Nachdem Tom im Bad fertig war, bat er darum, sich an den Tisch setzen zu dürfen.
»Ich brauche etwas Bewegung.«
Simon dachte darüber nach und erlaubte es schließlich, doch Toms Hände und Füße blieben gefesselt. Tom behielt seinen Ärger für sich und wirkte dankbar, sitzen zu können, obwohl Alice wusste, dass er immer noch unter starken Schmerzen litt. In dem Glasfläschchen waren nur noch ein paar Paracetamol übrig. Jenny hatte ihre Vitamine auch noch nicht bekommen. Vielleicht konnte Alice Simon überreden, bei einer Drogerie anzuhalten.
Alice öffnete die Packung Frühstücksflocken, die Jenny in dem Supermarkt gekauft hatte, und schüttete jedem etwas davon in eine Schüssel. Tom und Alice aßen in der Essecke, sodass sie ihm beim Essen helfen konnte, und das jüngere Paar saß auf den Vordersitzen. Simon schien ihren Blick zu spüren, denn er drehte sich um und sah sie an. Sie senkte den Blick und tauchte ihren Löffel in die Milch.
»Nachher hilfst du mir, die Tanks zu entleeren, Alice.«
Sie nickte, aber sie würde nicht »okay« oder »ja« sagen oder irgendein anderes Zeichen der Zustimmung geben. Alles, was sie tat, tat sie unter Zwang, und sie wollte, dass das allen klar war.
Simon saß zur Seite gedreht und wippte mit den Beinen, während er die Frühstücksflocken in sich hineinschaufelte. Dann sprang er auf und stellte die Schale klappernd in die Spüle. Ganz offensichtlich beschäftigte ihn etwas. Ging es um den gestrigen Überfall? Waren es Schuldgefühle? Oder die Angst, geschnappt zu werden? Zu Alice’ Überraschung setzte er sich hinters Lenkrad und ließ den Motor an.
Jenny hörte auf zu essen. »Was tust du da?«
Simon drehte an den Knöpfen des Radios. »Ich will die Nachrichten hören, um rauszukriegen, ob sie etwas über das Dairy Queen bringen.« Als er auf einem Sender lediglich statisches Rauschen hörte, probierte er einen anderen aus, aber er bekam nie mehr rein als ein paar Sekunden blechern klingender Songs und abgehackte Worte, bis wieder nur Rauschen zu hören war.
Er stellte den Motor aus. »Wir müssen irgendwohin, wo der Empfang besser ist.«
Das Geschirr war abgewaschen und weggeräumt, Tom war wieder auf dem Bett gefesselt, und Alice und Simon hatten das Grauwasser – zusammen mit anderem Zeug, das lieber unerwähnt blieb – in ein Loch entleert, das Simon vorher in den weichen Boden gegraben hatte. Jetzt waren sie wieder im Camper, Alice schob sich auf den Fahrersitz, und Simon ließ sich auf den Beifahrersitz fallen.
»Jenny braucht Vitamine«, sagte Alice. »Und wir haben kein Paracetamol mehr.«
Im hinteren Teil des Campers stöhnte Jenny auf. »Das hatte ich ganz vergessen.« Alice beobachtete sie im Rückspiegel. Das Mädchen wirkte schuldbewusst.
»In der nächsten Stadt halten wir an«, sagte Simon.
Kurz darauf erreichten sie Cranbrook. Der Ort war größer als Kimberley und lag in einem Tal, geschützt von den gewaltigen Rocky Mountains. Die Gipfel waren so spitz, dass sie wie Pfeilspitzen in den Himmel ragten, die blaugrauen Schatten wirkten wie gemalt, und die Gipfel waren weiß gepudert.
Rote Backsteinbauten mit Bogenfenstern und flachen Dächern drängten sich an den Straßen zusammen, als versuchten sie, sich in den bitterkalten Wintern gegenseitig zu wärmen. Auf den Bürgersteigen standen mit Blumen bepflanzte Betonkübel, und ein gemauerter Glockenturm posierte stolz im Stadtzentrum und überblickte das Kommen und Gehen.
Die Morgensonne blendete bereits durch die Windschutzscheibe, und Simon reichte Alice ihre Sonnenbrille, als er merkte, dass sie blinzelte. Die süßen Frühstücksflocken brannten ihr im Magen. Sie war diejenige, die Tom seine Brille reichte. Sie war stolz darauf, dass sie immer wusste, wo seine Sachen waren. Es gab ihr das Gefühl, ein Ziel zu haben, ein wichtiger Teil ihrer Beziehung zu sein.
Sie wollte nicht wichtig für Simon sein. Sie wollte nicht, dass er wusste, was sie brauchte. Sie wollte, dass er verschwand. Durch die Sonnenbrille starrte sie finster auf die Straße.
Während der Fahrt hatten sie das Radio angelassen, und Simon wechselte so oft den Sender, dass Alice am liebsten seine Hand weggeschlagen hätte. Bisher gab es keine Meldungen zu den Überfällen. Alice hoffte, dass es schon bald in den Nachrichten kommen würde. Sie wollte, dass die Menschen auf der Hut waren, sobald ihnen etwas verdächtig erschien.
Alice fuhr durch die ruhigen Straßen, bis sie etwas abgelegen vom Stadtzentrum eine Drogerie in einem kleinen Eckladen fanden. Das niedrige Holzhaus hatte blau-weiße Markisen an jeder Seite, das Ladenschild war ordentlich mit Harris Family Drugstore beschriftet. Sie fuhr langsamer, als sie an dem Laden vorbeikamen.
»Okay«, sagte Simon. »Da ist ein Geöffnet-Schild.«
Der Parkplatz neben dem Gebäude war noch leer.
Alice schaute zu Simon. »Soll ich hier parken?«
»Nein. Irgendwo außer Sichtweite.«
Eine Straße weiter fanden sie ein weiteres Gebäude aus rotem Backstein mit einem Parkplatz, doch dieses Mal war es eine Kirche mit spitzem Turm und weißem Lattenzaun, der einen kleinen Friedhof umgab.
»Hier«, sagte Simon.
Alice warf einen kurzen Seitenblick auf Simon. Wollte er seine mordende und raubende Seele wirklich so dicht an einer Kirche haben? Simon machte eine rasche, ungeduldige Geste.
»Halt schon an.«
Also gut. Alice parkte den Camper und sprach ein stummes Stoßgebet. Herr, wenn du mich hören kannst, schick bitte einen Blitz und erschlage diesen Mann, ehe er noch jemandem wehtun kann.
Leider blieb der Himmel friedlich blau. Jenny verließ den Camper. Sie war wahrscheinlich nur zehn oder fünfzehn Minuten fort, aber Simon zappelte die ganze Zeit herum, während er aus dem Fenster schaute. Als Jenny zurückkam, sprang sie die Metallstufen hoch. Sie war so leicht, dass der Camper sich kaum bewegte.
Simon drehte sich mit dem Sitz um, um sie zu begrüßen. »Alles okay?«
»Ja. Ich habe Vitamine und Paracetamol bekommen. Soll ich Tom jetzt gleich eine geben?«
»Zwei Stück«, sagte Tom von hinten. »Bitte.«
Jenny holte eine Flasche Mineralwasser aus dem Kühlschrank und half Tom, die Tabletten zu nehmen. Dann brachte sie Alice das restliche Wasser. »Willst du auch etwas trinken?«
Alice wollte vor allem, dass das Mädchen sich nicht aufführte wie Toms Krankenschwester. Sie nahm die Flasche und kippte die kalte Flüssigkeit herunter.
Mit schmalen Augen starrte Simon durch die Windschutzscheibe. Alice wunderte sich, dass er ihr noch nicht befohlen hatte, loszufahren oder den Motor zu starten. Im Rückspiegel sah sie, dass Jenny eine neue Flasche Wasser aus dem Kühlschrank holte, sich an den Tisch setzte und ihre Vitamine nahm.
»Da ist ein Wasserschlauch«, sagte Simon.
Alice folgte seinem Blick zur Seite der Kirche, wo ein aufgerollter Schlauch auf dem Boden unter einem Wasserhahn mit rotem Griff lag.
»Wir müssen den Wassertank auffüllen«, sagte Simon. »Fahr dichter ran.«
Alice startete den Camper und manövrierte ihn parallel zur Kirchenmauer. Sie versuchte, möglichst so zu parken, dass Tank und Wasserschlauch auf einer Höhe waren.
Simon beugte sich vor und zog den Zündschlüssel aus dem Schloss. »Auf geht’s.«
Alice folgte ihm nach draußen. Sie schraubte den Verschlussdeckel des Wassertanks ab, während Simon den Hahn aufdrehte und den Schlauch zum Wagen zog.
Das Plätschern des Wassers wurde leiser, je höher der Wasserspiegel im Tank stieg. Als der Tank voll war, stellte Simon den Wasserhahn ab. Sie standen noch draußen vor dem Camper, als ein brauner Van scharf auf den Parkplatz der Kirche einbog, hinter ihnen parkte und ihnen somit den Weg versperrte.
»Scheiße«, sagte Simon leise. Er schob seine Hand teilweise in seine vordere Tasche, gab Alice mit einer Kopfbewegung ein Zeichen und ging zur Rückseite des Campers. Sie stellte sich neben ihn.
Im Van lief laute Musik, die abrupt abbrach. Alice konnte den Fahrer durch die Windschutzscheibe nicht erkennen, nur die Spiegelung der Bäume und des Himmels.
Die Tür öffnete sich, und ein hochgewachsener schlanker Mann stieg aus. Er trug eine beige Cordhose und ein weites, tunikaartiges Hemd. Das Haar war goldblond mit einem geraden Pony, und als er lächelte, zeigte er eine Reihe weißer Zähne, die sich von der gebräunten Haut abhoben. Er sah aus wie ein kalifornischer Beach Boy.
Die Beifahrertür öffnete sich, und ein Mädchen sprang heraus, ein zweites direkt hinter ihr. Sie hatten das gleiche Lächeln wie der Mann, als würden sie sich unglaublich freuen, zwei Fremde zu sehen, die sie wortlos anstarrten. Die beiden sahen sich ähnlich, hatten langes dunkelblondes Haar mit Mittelscheitel, trugen kein Make-up, aber ein dünnes geflochtenes Lederband um die Stirn. Unter ihren Stufenröcken mit Blumenmustern lugten nackte Füße hervor. Das kleinere Mädchen hatte winzige Glöckchen an seinem Gürtel, die bei jeder Bewegung klingelten.
»Hallo, Reisende!«, rief der Mann laut.
»Hey«, sagte Simon. »Wir wollten gerade weiter. Könnten Sie bitte den Van wegfahren?«
Das größere Mädchen kam mit einem verträumten Lächeln und braunen, halb geschlossenen Augen auf Simon zu. Ihre Perlenohrringe schwangen im Takt mit ihren Hüften hin und her. Simon wich zurück, aber sie umkreiste ihn und strich mit den Händen über seine Schultern. Sie blieb neben ihm stehen und schlang einen Arm um seinen.
»Du bist so stark!«
Simons Miene verfinsterte sich. Das kleinere Mädchen, es war kurviger und hatte Grübchen in den Wangen, war an Simons andere Seite gegangen. Mit einer Hand umfasste sie seinen Oberarm.
»Oh, du bist wirklich stark. Kannst du uns helfen?«
Der blonde Mann stemmte die Arme in die Hüften. »Was meinst du, Bruder? Kannst du mit anfassen und ein paar Tische für unseren Kirchenbasar auspacken? Im Tausch für das Wasser?«
»Wasser kostet nichts«, sagte Simon.
»Hilfe auch nicht.« Der Mann breitete die Arme aus und lachte.
Simon schüttelte die Mädchen ab. »Wir müssen weiter.«
»Zeit ist nur ein Konstrukt, mein Freund. Du kannst sie ausdehnen und zusammenstauchen.« Er machte eine Handbewegung, als würde er ein Akkordeon spielen, und ging zur Rückseite des Vans. Seine Ledersandalen machten bei jedem Schritt ein klatschendes Geräusch. Die Türen schwangen auf. Alice hörte das Kratzen von Metall.
Die Mädchen hatten von Simon abgelassen, aber sie schienen es nicht eilig zu haben, irgendetwas auszuladen. Die größere der beiden hatte angefangen, der kleineren die Haare zu flechten, und sang mit geneigtem Kopf einen Song von John Lennon. Die kleinere stimmte mit ein, ihre Stimmen verschmolzen harmonisch miteinander. »You may say, I’m a dreamer …«
Simon schaute zwischen den Mädchen und dem Van hin und her, die Hände zu Fäusten geballt, der ganze Körper angespannt. Alice beobachtete ihn. Er würde diesen drei Menschen doch nichts antun, oder? Bestimmt nicht hier, in aller Öffentlichkeit.
»Wir können im Camper warten«, sagte sie leise zu ihm.
Hinter dem Van war ein lautes Krachen zu hören. Alice zuckte zusammen. Dann ein scharrendes Geräusch. Der Mann zerrte einen langen Holztisch mit Metallbeinen heraus. Er ließ ihn auf den Asphalt fallen, lehnte sich an den Van und beobachtete die Mädchen, die immer noch sangen, die Hände zum Himmel emporgestreckt, die Hüften kreisend. Der Mann zündete sich einen Joint an und stieß eine Wolke beißenden Rauchs aus.
Die Mädchen tanzten zu ihm. Sie zogen am Joint und reichten ihn weiter.
»O Mann. Wir werden den ganzen Tag hier festsitzen«, murmelte Simon. Er warf Alice einen warnenden Blick zu, dann winkte er ihr, ihm zum Van zu folgen.
Der Mann hielt Simon den Joint hin, doch der schüttelte den Kopf.
»Ich will nur kurz helfen.«
»Das ist großartig, Bruder.« Der Mann zwickte die Spitze des Joints ab und steckte ihn zurück in seine Tasche. Simon und er hoben den langen Holztisch mit den metallenen Klappbeinen an.
Die Mädchen holten braune Papiertüten aus dem Van. »Das sind alte Klamotten«, sagte die Größere und reichte Alice eine Tüte. Sie nahm selbst auch eine, hakte sich bei Alice unter und führte sie um die Ecke der Kirche über einen gepflasterten Weg und die Vordertreppe hinauf. Das Mädchen roch nach Marihuana, Lagerfeuer und Patschuli.
Sie gingen durch eine kleine Eingangshalle in den Hauptraum der Kirche, die anders aussah als alle Kirchen, in denen Alice je gewesen war.
Bis auf die bunten Kissen, die einen großen Kreis bildeten, war die Kirche leer. In der Kreismitte standen Bongo-Trommeln, Kerzen, Glocken und Metallschalen. Die Luft roch genauso nach Marihuana wie das Mädchen, aber vermengt mit dem süßlichen Geruch von Sandelholz.
Alice bekam Kopfschmerzen.
Die Mädchen stellten die Tüten mit der Kleidung an der Wand ab, wo Simon und der Mann den Tisch absetzten. Alice tat es ihnen gleich.
»Was für eine Kirche ist das?«, fragte sie.
»Wir sind die Kirche des Göttlichen Mondes.« Das große Mädchen presste eine Hand an ihr Herz. »Unser Anführer, Phoenix, hat in Indien studiert. Er ist unglaublich.« Sie fing wieder an, verträumt zu lächeln. Vielleicht war sie nicht nur high von den Drogen. Sie war high vor Hingabe.
»Wo ist er?« Simon versuchte nicht einmal, seinen Argwohn zu verbergen.
Der blonde Mann zuckte die Achseln. »Er fährt dorthin, wo er gebraucht wird. Manchmal ist er hier, oder er ist auf unserer Farm. Möchtet ihr ihn kennenlernen? Ihr könnt euch unserem Trommelkreis heute Abend anschließen.«
»Wir haben andere Pläne.« Simon ging zur Tür.
Sie trugen noch einen Tisch und weitere Kleidung herein. Alice ließ ihre Tüte fallen, während Simon und der Mann einen Tisch aufbauten. Sie merkte, wie Simon eine offen stehende Tür ein paar Schritte weiter ansah. Alice konnte nicht erkennen, was er daran so interessant fand. Was mochte wohl in ihm vorgehen?
Sie liefen noch zweimal. Schließlich war der Van leer.
»Kommt morgen Abend zum Basar«, sagte der Mann, als er die Türen schloss. »Wir verkaufen auch Obst und Gemüse, und die Mädchen machen Ziegenmilchsuppe.«
»Wir haben auch Stricksachen«, sagte die Kurvigere. »Die Wolle färben wir selbst.«
Als Simon nichts erwiderte, wurde das Schweigen rasch peinlich, und Alice sagte: »Klar, warum nicht.«
Simon ging zurück zum Camper. Alice folgte ihm, doch er blieb neben der hinteren Stoßstange stehen, drehte sich um und sah zu, wie die anderen davonfuhren.
Der Van setzte auf die Straße zurück. Das größere Mädchen winkte aus dem Fenster, und der Mann hupte. Alice winkte halbherzig zurück.
Sobald der Van außer Sichtweite war, ging Simon zur Campertür und riss sie auf. Er stand auf der untersten Stufe und steckte den Kopf hinein.
»Alles okay bei dir, Babe?«
»Ja, aber wer waren diese Leute?«
»Gib mir eine Minute.« Er schloss die Tür, bevor Jenny die Chance hatte, noch etwas zu sagen, und bedeutete Alice mitzukommen.
»Was ist los?«
Er lief schnell. Sie musste sich beeilen, um mit ihm mitzuhalten, als er um die Ecke lief und die Stufen hinaufrannte. Er betrat die Kirche und ging rasch zur Wand. Alice wusste immer noch nicht, was er vorhatte oder wonach er suchte. Er griff nach einer der Tüten mit der Kleidung und kippte sie aus.
»Schnapp dir auch eine«, sagte er zu ihr, und sie nahm sich verwirrt eine Tasche und leerte sie aus. Eine bunte Mischung aus Männerhemden, Damenblusen und Hosen.
»Komm mit.« Simon schob sich durch die offene Tür in den Raum dahinter.
Eine Küche mit Holzschränken, gelbem Tresen, weißem Kühlschrank und einem Herd. Ein kleiner Tisch am Fenster. Zwei Stühle. Alice sah sich in dem Raum um, dann fiel ihr Blick auf die Einmachgläser auf dem Tresen, gefüllt mit getrocknetem grünem Marihuana. Sie runzelte die Stirn. Das verhieß nichts Gutes.
Simon nahm eines der Gläser und verstaute es in seiner leeren Tüte.
Alice stellte ihre Tüte neben seine. Ordentlich aufgereiht neben den Gläsern standen alle möglichen Gerätschaften, bei denen es sich um Rauchzubehör zu handeln schien – Wasserpfeifen, Glasröhren, Keramikteekannen, Dekanter und Vasen mit Tüllen. Eine davon sah aus wie ein alter Mann mit einem Bart. Alice hob sie auf und fragte sich, wie sie wohl funktionierte.
»Die Dinger sind mir egal«, sagte Simon. »Schnapp dir die Gläser.«
Plötzlich öffnete sich die Tür hinter ihnen. Alice wirbelte herum und sah einen hochgewachsenen Mann mit langem schwarzem Haar, bronzefarbener Haut und gekleidet in eine weiße Tunika.
»Sorry«, sagte er lächelnd. »Ich wollte euch nicht erschrecken.« Er ging zum Tresen und stellte dort eine Thermoskanne aus Metall ab, legte ein paar Schlüssel und eine zusammengefaltete Zeitung auf die Arbeitsplatte. »Seid ihr Freunde von Tasha und Misty?«
Simon stand stocksteif da, die Hand umklammerte die Papiertüte.
»Wir haben ihnen geholfen, den Van auszuladen«, sagte Alice.
»Ach ja?« Der Mann wandte sich vom Tresen ab. »Wollt ihr euch uns anschließen? Mein Name ist Phoenix. Ich leite die Gebetssessions.« Er machte zwei Schritte auf Alice zu, griff nach ihrer Hand und umschloss sie mit seinen Händen. Er lächelte sie an; der Blick seiner braunen Augen war warm und aufrichtig, doch dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Er neigte den Kopf zur Seite und runzelte besorgt die Stirn. »Ist alles in Ordnung, Schwester?«
»Mir geht es gut.« Sie entzog ihm ihre Hand.
Phoenix sah zu Simon, und zum ersten Mal schienen ihm die braunen Papiertüten aufzufallen. Er starrte sie an und blickte dann wieder zu Simon. Alice’ Magen sackte nach unten. Die Stille schien sich immer weiter auszudehnen. Phoenix sah immer noch Simon an.
Musterte ihn.
O nein. Die Zeitung.
Phoenix blinzelte und schüttelte den Kopf. »Oh, hey, mir fällt gerade ein, dass ich mein Frühstück im Auto vergessen habe.« Er wandte sich zur Tür.
»Und die Schlüssel?« Simon streckte den Arm aus; die Schlüssel baumelten an einem Finger.
Phoenix zögerte, dann drehte er sich wieder um. In dem Moment, in dem er die Schlüssel berührte, schnappte sich Simon mit der anderen Hand die Thermoskanne und zielte damit auf Phoenix’ Kopf. Phoenix duckte sich zur Seite weg, und Simon erwischte ihn mit einem dumpfen Geräusch an der Schulter.
Im Nu waren die beiden Männer in einen Kampf verwickelt; sie schwangen die Fäuste und schlugen zu, stolperten gegen die Wand und den Kühlschrank, der gefährlich hin und her schwankte. Phoenix war größer, aber Simon war flink, er wich aus und duckte sich vor den Schlägen, während er mit der schweren Thermoskanne auf den Mann einhämmerte.
Alice drückte sich gegen die Schränke. Sie wusste nicht, was sie tun oder wohin sie gehen sollte. Die beiden Männer waren überall, ohne voneinander abzulassen. Sie krachten gegen Alice. Ihr Arm wurde zur Seite geschleudert und knallte gegen die Wasserpfeifensammlung. Ein paar rollten vom Tresen und zersplitterten auf dem Fußboden. Braune Flüssigkeit spritzte heraus.
Simon drückte Phoenix nach hinten über den Herd und würgte ihn mit dem Unterarm. Phoenix schob eine Hand unter Simons Kinn und versuchte, mit der anderen Simons Arm von seinem Hals wegzubekommen. Er wand sich und trat um sich, doch seine Füße rutschten auf den glatten Fliesen weg. Seine Zehensandalen quietschten.
»Stopp! Simon, hör auf!«, schrie Alice.
Mit einem schrecklichen knackenden Geräusch donnerte Simon die Thermoskanne in Phoenix’ Gesicht. Er hob die Kanne erneut und hielt mitten in der Bewegung inne. Phoenix’ Nase war nur noch blutiger Matsch. Seine Lippe war aufgeplatzt. Er gab ein wimmerndes Geräusch von sich, sein Gesicht war ganz dunkel, die Augen traten hervor.
Alice packte Simon und zerrte an seinem Arm.
»Stopp! Hör auf!«
Er holte weit aus und traf Alice hart an der Brust. Der Boden der Thermoskanne erwischte ihren Arm. Schwarze Punkte tanzten vor ihren Augen, an den Rändern sah sie nur noch verschwommen.
Keuchend sank sie auf die Knie.
Sie hörte das Geräusch von weiteren Schlägen. Harte, dumpfe Schläge. Blut spritzte auf den Boden, gegen die Wände, auf Simons Hemd. Sein Gesicht war mit roten Spritzern übersät. Etwas Weißes rollte über die Fliesen auf Alice zu.
Etwas kleines Weißes. Sie starrte es an.
Ein Zahn. Ein abgebrochener Zahn.
Phoenix hatte aufgehört zu kämpfen. Er trat nicht länger um sich, doch Simon hielt ihn immer noch mit dem Unterarm am Hals auf dem Herd fest. In der anderen Hand hielt er die Thermoskanne, die jetzt voller Dellen und Blut war. Schließlich ließ er sie fallen und trat schwer atmend zurück.
Phoenix sackte seitwärts auf den Boden, eine Wange landete auf den Fliesen. Sein Mund war geöffnet, die Lippen aufgerissen; das Gesicht war geschwollen und bestand nur noch aus offenen Wunden.
Alice kroch zu ihm. Sie suchte nach einer Stelle an seinem Handgelenk. Ein schwaches Flattern.
»Wir müssen Hilfe holen.«
»Wir müssen von hier verschwinden.«
»Wir können ihn nicht einfach hier liegen lassen, nicht in diesem Zustand!«
Sie schrie auf, als Simon sie am Handgelenk hochriss und aus der Küche zerrte. Taumelnd stolperte sie hinter ihm her. Ihr Gesicht war heiß, ihr Herz hämmerte. Nie zuvor hatte sie so eine Gewalt gesehen, so eine Raserei. Die Luft war voll davon. Simon ließ sie los, und sie folgte ihm wie betäubt durch die Kirche. Vorbei an dem Kreis aus Trommeln und Kissen.
Dann waren sie draußen, auf der Treppe. Auf der letzten Stufe verlor sie das Gleichgewicht und stürzte mit einem Knie auf den gepflasterten Weg. Schmerz explodierte in ihrem Bein, und sie schrie auf. Simon packte sie unter den Achseln und zog sie hoch. Sie gingen um die Ecke, sein Arm um ihre Hüfte.
Dann waren sie auf dem Parkplatz. Die Rückseite des Campers kam in Sicht. Alice humpelte neben Simon, ihr Haar hing ihr in die Augen. Sie hoffte, jemand würde vorbeifahren und das Blut in Simons Gesicht und auf seinem Hemd sehen. Klebte das Blut auch an ihr? Es war so weit gespritzt.
Ihr Magen hob sich, und ihr Mund füllte sich mit saurer, bitterer Galle. Sie stolperte. Simons Arm an ihrer Hüfte packte fester zu.
Stimmen auf der anderen Straßenseite. Kamen sie vom Bürgersteig? Vielleicht waren sie ganz nah. Alice versuchte hinzuschauen, aber Simon riss bereits die Tür des Campers auf und stieß sie hinein.
Sie stand auf der obersten Stufe. Jenny war da und schlug die Hand vor den Mund. Hinter ihr strengte Tom sich an, sich aufzusetzen.
»Alice«, sagte er. »O mein Gott.«
Simon knallte die Tür zu und drückte Alice auf den Fahrersitz. Sie umklammerte das Lenkrad mit zitternden Händen. Simon riss sich das Hemd über den Kopf und warf es nach hinten in den Camper. Er sprang auf den Beifahrersitz.
»Fahr los.«
Sie sah sich selbst im Rückspiegel an und schnappte scharf nach Luft, als sie die roten Schlieren auf ihren Wangen bemerkte. Sie wischte mit dem Handrücken darüber, aber das machte es nur noch schlimmer. Sie weinte jetzt, und die Tränen liefen ihr übers Gesicht.
»Verdammt noch mal!« Simon sprang auf, schnappte sich ein Handtuch aus der Küche, machte es nass und reichte es Alice. Sie säuberte sich das Gesicht, wischte die Tropfen von ihren Armen und Beinen. Sie hatte immer noch diesen säuerlich bitteren Geschmack im Mund. Sie musste würgen und schluckte den Speichel herunter.
»Was ist passiert?« Jennys Stimme klang panisch. Simon antwortete nicht. »Ist das dein Blut, Alice? Simon? Bist du verletzt?«
»Mir geht es gut. Alles ist gut.« Simon nahm Alice das Tuch ab, ging in die Küche, spritzte sich Wasser ins Gesicht und seifte sich die Hände ein. »Fahr los, Alice.«
Sie fummelte an den Schlüsseln herum; alles, was sich vor der Windschutzscheibe befand, konnte sie wegen der Tränen nur verschwommen erkennen.
»Wessen Blut ist es dann?«
»Beruhig dich, Jenny. Ich erzähl’s dir später.« Er ließ sich auf den Beifahrersitz fallen. »Fahr endlich!«
Alice schaffte es, den Rückwärtsgang einzulegen, den Camper aus der Parklücke zu manövrieren und auf die Straße zu fahren. Sie hörte schniefende Geräusche, die ihr eigenes Weinen übertönten. Jenny weinte am Tisch.
»Gut. Bleib bei dieser Geschwindigkeit«, sagte Simon. »Verhalte dich ganz normal.«
Sie schaute in die Spiegel. Keine Blaulichter. Simon kam schon wieder davon. Niemand würde ihn jemals aufhalten. Er würde weiter töten. Ihre Brust war so eng, dass das Atmen wehtat.
Sobald sie den Highway erreicht hatten, fuhr Alice schneller. Ihr Knie tat weh. Ihr Arm pochte, dort, wo Simon sie mit der Thermoskanne getroffen hatte. Die Prellung war eine lange Linie und bereits blau angelaufen. Sie hoffte, dass die Kirchenmitglieder mit dem Van inzwischen zurück waren. Aber was, wenn sie nicht in die Küche gingen? Wenn der Mann nicht bald gefunden wurde, könnte es zu spät sein. Tränen liefen Alice über die Wangen und den Mund.
Simon schüttelte die Karte aus und verfolgte ihre Route mit dem Finger. »Wir sind auf dem Crowsnest Highway. An der nächsten Abzweigung hältst du dich rechts.«
Der Highway führte sie abwechselnd durch Wälder, offenes Flachland und felsiges Gelände. Die Berge in der Ferne waren allgegenwärtig. Aus verquollenen Augen starrte Alice wie betäubt auf die Straße. Sie versuchte, nicht zu denken, versuchte, sich nicht an die Geräusche zu erinnern.
Sie überquerten den breiten, trüb-grünen Kootenay River, und wenige Meilen später führte der Highway an einem weiteren Fluss entlang. Zwanzig Meilen später passierten sie ein Schild, das sie in Fernie willkommen hieß.
»Scheiße.« Simon schob seinen Sitz ein Stück zurück, als versuchte er, vor etwas zurückzuweichen. Es machte Alice so nervös, dass sie auf die Bremse trat.
»Nein! Nicht anhalten!«, schrie Simon.
Dann begriff Alice, was er gesehen hatte. Ein schwarz-weißer Streifenwagen parkte vor ihnen am Straßenrand. Der Officer stand neben einem Truck, der ebenfalls an der Seite parkte, aber er hatte sein Blaulicht nicht eingeschaltet. Der Officer und der Fahrer des Trucks lehnten an der Motorhaube und unterhielten sich.
»Bieg hier ab. Sofort.« Simon deutete auf eine Straße rechts von ihnen, und Alice bog so scharf ab, dass die losen Gegenstände hinten im Camper herumrutschten und die Flaschen im Kühlschrank klapperten.
Sie bogen noch ein paarmal ab, und Simon schaute auf die Karte. Er wurde immer frustrierter und blaffte seine Befehle heraus. Auf einer geraden, freien Strecke mit nichts als Wald zu beiden Seiten befahl er Alice anzuhalten. Er sammelte den Cowboyhut, die Overalls, die Kostümbrillen, Tücher, Handschuhe und Spielzeugpistolen ein und warf alles ins Unterholz.
Sie fuhren weiter. Die Straße wurde schmaler, der Asphalt wurde rauer und war mit Rissen und Schlaglöchern übersät. Das war keine Hauptstraße. Sie kamen an einer Reihe Briefkästen vorbei. Lange Auffahrten. Eingezäunte Felder.
Simon schlug mit der Faust auf das Armaturenbrett. »Wir sind falsch abgebogen. Wende auf dem Feld da.« Er deutete auf die linke Seite der Straße, auf das offene Gatter und die hügelige Wiese mit langem, trockenem Gras, die in der Ferne sanft anstieg. Alice vermutete, dass es in der Nähe auch ein Farmhaus geben musste.
Sie war noch nicht weit auf die Wiese gefahren, als sie merkte, wie die Hinterreifen wegrutschten und dann einsanken. Der Camper neigte sich zur Seite, die Reifen drehten durch, und der Motor heulte auf. Sie nahm den Fuß vom Gas.
»Was machst du?«, fragte Simon.
»Wir stecken fest.«
»Gottverdammte Scheiße. Stell den Motor aus.« Alice gehorchte. Er riss die Schlüssel aus dem Zündschloss, stand auf und reichte Jenny die Pistole. »Pass auf, dass Alice sich nicht rührt.«
Er riss die Tür auf und sprang die Stufen hinunter.
Alice hörte den Motor knacken, während sie wartete. Vielleicht hätte sie versuchen sollen, den Camper aus dem Graben zu fahren. Dann hätte sich der Motor überhitzt, und sie hätten auf jeden Fall festgesteckt.
Kurz darauf kehrte Simon zurück und wischte sich mit dem Arm Schweiß und Staub aus dem geröteten Gesicht. »Ich muss uns hier rausgraben.«
Im Rückspiegel sah Alice zu, wie Simon zu Jenny ging und die Hand nach der Pistole ausstreckte, aber sie wollte sie ihm nicht geben. Was war das Problem? Alice drehte sich um.
Jenny starrte auf Simons Schuhe, hob den Blick und sah ihn an. »Deine Schuhe sind ganz blutig.«