Kapitel 23: Jenny - Halt niemals an
By Chevy Stevens
Simon nahm ihr die Waffe ab, legte sie auf die Arbeitsplatte und rieb seine Schuhe mit dem feuchten Tuch ab. Jennys Augen brannten, und ihre Kehle schmerzte von den zurückgehaltenen Tränen. Warum erzählte er ihr nicht, was passiert war? Er behauptete, alles sei gut, aber das war es offensichtlich nicht.
Sie hatte den Van ankommen und die Leute aussteigen sehen. Als die Mädchen Simon angefasst hatten, war sie fuchsteufelswild geworden. Ihre Wut hatte sich in Angst verwandelt, als sie alle zusammen in die Kirche gegangen waren, doch dann waren die Leute wieder weggefahren. Sie begriff nicht, warum Simon mit Alice erneut hineingegangen war. Sie blieben eine Ewigkeit dort drin, während Jenny nutzlos hier herumsaß.
In der Ferne bellte ein Hund. Simon spähte aus dem kleinen Fenster über der Spüle. Er kramte ein sauberes T-Shirt aus seinem Rucksack und zog es über.
Alice saß seitwärts gedreht auf dem Fahrersitz.
Das Bellen wurde lauter. Dann war die Stimme einer Frau zu hören. Sie rief dem Hund etwas zu. Die Worte wurden verständlicher, als der Hund und die Frau den Camper erreichten.
»Bones! Hör sofort damit auf!«
Simon versteckte die Pistole unter seinem Shirt und sah sie an. »Cool bleiben.«
Er öffnete die Tür, stellte sich auf die erste Stufe und hielt sich am Türrahmen fest. Jenny konnte seine Schulter und den Rücken sehen.
»Guten Morgen«, sagte er zu der Frau da draußen.
»Morgen«, sagte die Frau. »Haben Sie sich verfahren?«
»Ja, Ma’am. Wir wollten wenden, aber jetzt stecken wir fest. Ich grabe uns gleich wieder frei.«
»Wer ist denn noch bei Ihnen?« Die Frau klang bereits misstrauisch. Jenny rieb sich ihre zitternden Beine. Alles ging schief.
»Meine Schwester und meine Freundin.« Er steckte den Kopf in den Camper. »Alice, Ocean, kommt her und sagt Hallo.«
Jenny ging zur Tür. Simon war ausgestiegen und stand jetzt vor einer alten Frau in einem blauen Baumwollkleid mit Spitzenkragen. Sie hatte ein rundes Gesicht und rosige Wangen. Aus ihrem geflochtenen und hochgesteckten Zopf hatten sich silberne Strähnchen gelöst.
Der Hund hatte ein rötlich braunes zerzaustes Fell und sah ebenfalls alt aus. Um die Augen und die Schnauze war er bereits weiß. Hechelnd stand er zwischen Simon und der Frau, sein wedelnder Schwanz schlug gegen ihre Beine.
»Hi.« Jenny verließ den Wagen und stellte sich neben Simon.
Die Frau lächelte ihr freundlich zu. Jenny versuchte, ihr Lächeln zu erwidern, doch ihre Lippen fühlten sich trocken und fest an, und sie hatte immer noch einen Kloß in der Kehle. Sie streichelte den Hund am Kopf.
Als Letzte kam Alice heraus und wischte sich die Hände an den Shorts ab. Ihr Pferdeschwanz hatte sich gelöst, sodass die Locken wild in alle Richtungen abstanden. Jenny hoffte, dass Alice’ Augen vor lauter Müdigkeit so geschwollen und blutunterlaufen waren.
»Es tut mir leid. Ich hoffe, wir haben keinen Schaden an Ihrer Wiese angerichtet.« Alice strich sich die Haare aus dem Gesicht, und ihr Ehering blitzte golden im Sonnenlicht auf. Jenny hätte sich ebenfalls entschuldigen sollen. Sie hatte nicht daran gedacht. Sie dachte nie so schnell wie Simon und Alice.
Die Frau spähte über Alice’ Schulter in den Camper.
»Ihr Mann schläft noch?«
»Oh. Äh …« Alice sah zu Simon. Die alte Frau runzelte die Stirn, während sie wartete. Sie wirkte eher verwirrt als argwöhnisch, doch Jenny hielt den Atem an.
»Mein Schwager ist krank.« Simon senkte die Stimme. »Er konnte nicht mit uns auf die Reise kommen.«
»Ich verstehe. Das ist sehr schade.« Die Frau schwieg kurz. »Nun, machen Sie sich keine Sorgen wegen dem Ausgraben. Mein Mann kann Sie mit dem Traktor herausziehen. Kommen Sie mit hoch zum Haus.«
»Wir möchten Ihre Familie nicht stören«, sagte Alice, und Jenny bemerkte den verärgerten Blick, den Simon Alice zuwarf – so, dass die Frau ihn nicht sehen konnte.
»Es gibt nur William und mich, und wir sind schon seit Tagesanbruch auf den Beinen.«
»In diesem Fall nehmen wir die Einladung gerne an.« Simon streckte die Hand aus. »Mein Name ist Blue.«
Die Frau schüttelte kurz seine Hand. »Ruth Polanski.«
Simon deutete auf Jenny. »Das sind meine Freundin Ocean und meine Schwester Alice.«
»Blue und Ocean? Seid ihr Hippies?«
»So ähnlich.« Simon lächelte. »Wir sind gerne unterwegs und treffen so gute Menschen wie Sie.« Einen Moment lang glaubte Jenny, er hätte es mit seiner Freundlichkeit übertrieben, denn Ruth machte erneut ein verwirrtes Gesicht, aber dann drehte sie sich um und ging über die Wiese zurück, den Hund an ihrer Seite.
»Also gut, kommen Sie.«
* * *
Den ganzen Weg die Auffahrt hoch bis nach oben, wo der Boden wieder eben wurde, starrte Jenny auf Simons Rücken. Er drehte sich nicht um, um sie anzusehen. Kein einziges Mal. Ihr Herz schlug zu schnell, ihr Blut schien überall gleichzeitig in ihrem Körper zu rauschen. Sie musste sich beruhigen. Sie blieb stehen, um tief Luft zu holen.
Das Farmhaus mit einem weißen, abgeblätterten Anstrich stand auf der rechten Seite des Hügels und überblickte das Weideland. An dem Geländer der Veranda hingen Blumenkästen, dahinter standen zwei Schaukelstühle. Neben dem Haus befand sich eine Garage, die aussah, als wäre sie aus bunt zusammengewürfelten Holzresten errichtet worden.
Auf der anderen Seite der Auffahrt schmiegte sich ein verwitterter Stall an den Hügel, und daneben parkte ein grüner Traktor unter einem Carport. Auf den Wiesen standen Kühe, und in einem Paddock grasten zwei Pferde. Überall liefen Hühner herum. Sie scharrten im Dreck, und in den Beeten wuchsen üppig blühende Sträucher und Rosen. Ihr süßer Duft wehte Jenny entgegen.
Sie standen vor dem Stall, als ein alter Mann in ausgebeulter Hose herauskam. Er musterte sie unter dem Rand seiner abgetragenen roten Baseballkappe.
»Guten Morgen.«
Sie erwiderten den Gruß in einem unstimmigen Chor. Simons Stimme klang fröhlich, Alice’ ausdruckslos und Jennys war so leise, dass sie nicht einmal sicher war, ob sie überhaupt etwas gesagt hatte.
»William, mein Lieber, diese Leute stecken mit ihrem Reisemobil auf unserer Wiese fest.«
»In der unteren Wiese?«
»In einem Graben«, sagte Simon. »Wir haben versucht, wieder rauszukommen, aber es bewegt sich nicht.«
»Klingt, als müsstet ihr abgeschleppt werden.« Der Mann hakte die Finger hinter seine Hosenträger und wippte mit einem erfreuten Lächeln in seinen Gummistiefeln vor und zurück.
»Ja, Sir. Das wäre wirklich sehr freundlich. Wir sind erst ein paar Tage unterwegs und haben bereits einen Wapiti mit dem Camper erwischt. Und jetzt haben wir uns verfahren.«
»Das kann passieren«, sagte William. »Sobald man auf diesen alten Landstraßen unterwegs ist, sehen alle Wiesen gleich aus. Aber keine Sorge, ich hab euch da in null Komma nichts wieder draußen.«
»Sie können gerne im Haus warten«, sagte Ruth. »Dort ist es angenehm kühl.«
Alice schaute zu Simon. »Ich bin mir nicht sicher.«
»Wir sollten zusammenbleiben«, sagte Simon. »Vielleicht brauchen wir noch jemanden, der mit anpackt.«
Ruth zuckte die Achseln, als wäre es ihr egal. William ging zum Traktor, und der Motor sprang mit einem lauten Rumpeln an, das sämtliche Hühner aufscheuchte und in wildes Gegacker ausbrechen ließ. Er setzte rückwärts aus dem Carport zurück, wendete in der Auffahrt und bedeutete ihnen, ihm zu folgen. Simon, Alice und Jenny setzten sich in Bewegung, doch Ruth blieb zurück und stieg die Vordertreppe zum Haus hoch.
Simon blieb stehen. »Kommen Sie nicht mit?«
»Ich komme in einer Minute nach.« Ruth öffnete die Fliegengittertür und verschwand im Inneren des Hauses. Jenny drehte sich zu Simon um, der Ruth immer noch hinterhersah. Alice war ebenfalls stehen geblieben.
»Was ist los?«, fragte Jenny.
»Was, wenn sie uns erkannt hat? Sie könnte die Bullen rufen.«
»Dann hätte sie uns einfach im Graben stecken lassen«, sagte Alice.
Alice klang so bestimmt, als wollte sie unbedingt, dass Simon auf sie hörte. Jenny sah zwischen den beiden hin und her.
»Sie haben den Camper gesehen«, sagte Simon.
»Sie sind Farmer. Wahrscheinlich hören sie sich die Nachrichten nur für den Wetterbericht an.«
Jenny konnte ihnen nicht ganz folgen. Ihr fehlte ein entscheidendes Teil, aber sie konnte es sich zusammenreimen. Sie hatten vor der Kirche geparkt – und die Leute aus dem Van hatten sie gesehen. Dann hatte Simon etwas in der Kirche getan. Er wusste, dass die Polizei nach dem Camper suchen würde.
Simon starrte die Fliegengittertür noch einen Moment an, dann griff er nach Jennys Hand. Sie drückte seine Hand fest, brauchte dieses Gefühl seiner Stärke. Ihre Verbindung war immer noch da.
»Also los.«
Zu dritt gingen sie die Auffahrt hinunter, wobei sie weit genug hinter dem Traktor blieben, um dem Staub und den Abgasen zu entgehen. Bones trottete hinter ihnen her und bellte in die Luft. Als sie den Camper erreichten, erklärte William Simon, wie er das Abschleppseil befestigen sollte.
Alice und Jenny sahen aus der Nähe zu. Mit gerunzelter Stirn musterte Alice den Camper.
Sobald das Abschleppseil des Traktors an der Vorderachse eingehakt war, rutschte Simon schlängelnd unter dem Camper hervor. Er stand auf, wischte sich die Hände an der Jeans ab und schaute blinzelnd zum Haus.
Jenny folgte seinem Blick. Ruth kam die Auffahrt herunter. Als sie sie erreichte, stellte Jenny fest, dass sie einen Karton mit Eiern und zwei große Zucchini trug.
»Eine Kleinigkeit für unterwegs.«
Simon nahm ihr die Eier und die Zucchini ab. »Das ist sehr freundlich von Ihnen.« Er reichte die Lebensmittel an Jenny weiter. »Kannst du sie reinbringen, Babe?«
Jenny murmelte Ruth einen Dank zu, bevor sie in den Camper kletterte. Sie verstaute die Sachen im Kühlschrank. Tom beobachtete sie vom Bett aus.
»Wasser. Bitte«, flüsterte er.
Simon würde sauer werden, wenn sie zu lange im Wagen blieb, aber Toms Gesicht war rot und seine Stirn schweißgebadet. Sie füllte ein Glas und hielt es Tom hin, der alles in einem Zug austrank. Dann nahm sie eine Tüte Erbsen und eine Tüte Mais aus dem Tiefkühlfach. Sie legte die Erbsen auf Toms verletzte Schulter und den Mais auf seine Stirn. Er schloss die Augen und sah so dankbar aus, dass sie hätte weinen können.
»Ich öffne das Fenster«, flüsterte sie. »Aber du darfst kein Geräusch machen.«
Er nickte, und sie schob leise und behutsam das Fenster auf. Ein schwacher Luftzug wehte herein.
Als sie wieder ausstieg, saß William bereits auf dem Traktor.
»Tut mir leid. Ich musste unbedingt etwas trinken«, sagte sie. Simon musterte sie, und Jenny tat, als würde sie sich das Abschleppseil ansehen.
»Okay, los geht’s. Alle zurücktreten, bitte«, rief William.
Die Gruppe bewegte sich nach hinten und beobachtete, wie der Traktor zu ziehen begann. Fette Reifen rollten über die Wiese. Das Abschleppseil straffte sich, der Traktormotor wurde lauter. Es sah nicht so aus, als würde der Camper sich auch nur einen Zoll bewegen. Simon begann, auf und ab zu laufen, doch schließlich machte der Camper einen Satz nach vorn.
William schleppte den Camper in die Auffahrt und lenkte den Traktor auf das Haus zu. Er rief, dass er oben wenden würde. Simon joggte hinter ihm her, während Alice, Jenny und Ruth ihm langsam folgten. Ruth fragte Alice nach ihrer Reise, wohin es gehen sollte, und irgendwie schaffte es Alice, ihr zu antworten. Jenny war froh, dass Ruth sie nichts fragte.
Als sie das Haus erreichten, fuhr der Traktor gerade um einen unbefestigten Wendeplatz weiter oben auf dem Hügel. Als er mit der Schnauze in ihre Richtung zeigte und der Camper im Schatten einiger großer Ahornbäume stand, hielt er an.
William sprang vom Traktor und redete mit Simon, der in der Mitte des Wendeplatzes gewartet hatte. Die Frauen blieben neben der Garage stehen, wo sie etwas Schutz vor der Sonne fanden. Bones war zum Stall getrottet und trank geräuschvoll von dem Wasser für die Pferde.
Simon schob sich unter den Camper, um das Abschleppseil auszuhaken, und William wickelte es auf.
Nachdem Simon unter dem Wagen hervorgerobbt und wieder auf die Beine gekommen war, wischte er sich mit dem Arm über die verschwitzte Stirn und stemmte dann die Hände in die Hüften. Er schaute zu den Frauen.
»Wow. Hier draußen ist es brütend heiß.«
»Möchten Sie noch auf ein Glas Eistee bleiben?«, fragte Ruth.
»Wir möchten Ihnen nicht zur Last fallen, aber ich bin am Verdursten«, sagte Simon.
Jenny starrte ihn an. Was machte er da? Sie mussten weiter. Was wollte er mit diesen alten Leuten? Sie schaute zu Alice, die ganz blass geworden war.
»Ihr fallt uns keineswegs zur Last«, sagte William. »Wir haben gerne etwas Gesellschaft.«
»Wenn das so ist, wäre ein Glas Eistee klasse.«