Kapitel 3: Alice - Halt niemals an
By Chevy Stevens
Alice hörte zu, wie Blue und Ocean am Tisch hinter ihr Uno spielten, aber Ocean schien keinen Spaß dabei zu haben. Sie sprach so leise, dass Alice sie kaum verstehen konnte. Sie sollte Ocean etwas gegen die Kopfschmerzen anbieten, sie überreden, mehr Wasser zu trinken. Wahrscheinlich gab sie den beiden das Gefühl, nicht willkommen zu sein. Als das Paar schließlich komplett verstummte, schaute Alice über die Schulter nach hinten.
Ocean hatte den Kopf an Blues Oberarm gelehnt, ihre Augen waren geschlossen. Ihr trägerloser Frotteehosenanzug zeigte ihre zierlichen Schlüsselbeine und Schultern und den flachen oberen Brustkorb. Wenn Alice nicht gesehen hätte, dass Ocean zwei Portionen Pfannkuchen gegessen hatte, hätte sie sich ernsthaft um ihre Gesundheit gesorgt. Sie musste von Natur aus so schlank sein.
Alice drehte sich wieder um. Toms Ellenbogen ruhte auf dem offenen Seitenfenster, und er lächelte zufrieden. Er hatte nicht einmal bemerkt, dass Alice verärgert war, aber das war in Ordnung. Wirklich. Tom half gern anderen Menschen, und er war spontan. Er hatte ihr nicht einmal den Camper gezeigt, bevor er damit nach Hause gekommen war. Er hatte einfach eine Schleife um die Schlüssel gebunden und sie ihr mit einem Grinsen überreicht.
Sie würden einfach noch etwas länger Gesellschaft haben, und danach wären sie wieder allein, nur sie zwei. Alice ließ sich in ihren Sitz sinken und konzentrierte sich auf die atemberaubende Landschaft. Das war leicht. Bergketten erstreckten sich in alle Richtungen, ragten schroff aus der Erde empor und teilten die Schlucht. Manche der Berge waren bewaldet – ein in der Ferne verschwommenes Blau und Grün mit einem Hauch von schneebedeckten Gipfeln. Andere waren felsig und zerklüftet, nackter Stein fiel steil zum Fluss ab und ragte auf der anderen Seite ebenso steil wieder empor. Vereinzelte Bäume und Sträucher klammerten sich verbissen an den grauen Felsen, während Wasserfälle sich ihren Weg durch Ritzen und Spalten suchten. Der zweispurige Highway schlängelte sich hoch über alldem entlang, und nur eine niedrige Betonbrüstung an der Seite bewahrte sie davor, über den Rand zu stürzen.
»Treibst du irgendwelchen Sport, Blue?« Das unvermittelte Geräusch von Toms Stimme schreckte Alice auf. Sie blickte über die Schulter zu Blue und wartete auf seine Antwort.
»Ich hatte nie die Zeit dafür«, antwortete er. »Ich habe gearbeitet.«
»Gar nichts?«, fragte Tom. »Nicht einmal Hockey?« Alice lächelte angesichts der Überraschung in seiner Stimme. Ihr Mann glaubte fest daran, dass jedes Kind in einem Team spielen sollte, so, wie er selbst es erlebt hatte.
Blue zuckte die Achseln. »Manchmal im Winter, wenn der See zugefroren war.«
»Was ist mit dir, Ocean?«, fragte Tom.
»Meine Mom fand, Mädchen sollten keinen Sport treiben.«
»Hatte sie Angst, du könntest dich verletzen?«, fragte Alice.
»So ähnlich.« Ocean senkte den Blick auf den Tisch, und ein leicht roter Schimmer legte sich auf ihre Wangen.
Alice bereute ihre Frage. Das war offenkundig ein heikles Thema. Sie drehte sich wieder um.
»Nun, die Zeiten ändern sich«, sagte Tom. »Bei den Olympischen Spielen geht das erste Mal ein Ruderteam der Frauen an den Start. Beim Handball und Basketball auch.«
Alice dachte darüber nach. Die Welt veränderte sich in der Tat. Frauen kämpften für ihre Überzeugungen. Sie wollten Gleichberechtigung, aber was bedeutete das für sie persönlich? Sie hatte sich noch nie ungleich gefühlt. Sie hatte sich ihr ganzes Leben lang vorgestellt, dass sie eines Tages Hausfrau und Mutter sein würde. Tom mochte es gern, wenn ein warmes Abendessen und ein sauberes Haus auf ihn warteten, wenn seine Kleidung für den nächsten Tag gewaschen und gebügelt war. Deswegen hatte sie immer nur Aushilfsjobs übernommen, war hier und da eingesprungen. Warum hätte sie einen Beruf erlernen sollen?
»Wie heißt diese Gegend noch mal?«, fragte Blue von hinten, und Alice hatte das deutliche Gefühl, dass er versuchte, das Thema zu wechseln.
»Das hier gehört alles zum Fraser Canyon Gold Rush.« Tom deutete nach links, auf den Fluss tief unter ihnen. »Hell’s Gate soll besonders spektakulär sein. Das Höllentor. Die Wände der Schlucht ragen mehr als neunhundert Meter über den Stromschnellen auf. Für den Bau dieses Highways musste man in massive Felsvorsprünge schneiden.«
Dieser Mann wäre ein großartiger Vater, dachte sie, als sie Tom zum ersten Mal beim Training mit dem Footballteam der Schule gesehen hatte. Die Spieler schauten zu ihm auf, als wäre er ihr Held. Er hatte am lautesten von allen gejubelt. Seine ausgefallenen, nicht zusammenpassenden Socken und die bunten Krawatten hatten sie fasziniert, sein gewaltiges Geschichtswissen hatte sie beeindruckt und seine Begeisterung für Brettspiele amüsiert.
Alice’ Mutter hatte vier gesunde Kinder zur Welt gebracht, und ihre Schwestern, die beide jünger waren als sie, hatten bereits eigene Kinder. Alice dagegen hatte drei Fehlgeburten gehabt, und ihr süßer kleiner Junge war tot geboren worden. Der Arzt hatte sie gewarnt, sie sei inzwischen zu alt und könnte selbst sterben, wenn sie noch einmal schwanger würde. Tom hatte darauf bestanden, dass sie aufhörten, es zu versuchen. Manchmal fragte sie sich, ob Tom sie für eine andere Frau verlassen würde. Eine jüngere, fröhliche Frau, die ihm die Familie schenken konnte, die er sich immer gewünscht hatte. Sie hatte ihm nie etwas von ihren Befürchtungen erzählt, wie gelähmt von dem Aberglauben, dass Tom, wenn sie ihre Ängste ausspräche, ihr versprechen würde, sie nie zu verlassen, und dass der Schmerz, wenn er es dann doch täte, doppelt so heftig sein würde.
Der Highway war in der Tat in den Berg hineingeschnitten worden, und sie mussten durch eine ganze Reihe Tunnel fahren. Tom verkündete laut den jeweiligen Namen, sobald sie näher kamen – Saddle Rock, Sailor Bar, Alexandra, Hell’s Gate, Ferrabee und China Bar. Alice mochte die plötzliche Dunkelheit nicht, die flackernden Lichter, das Summen ihrer Reifen, das von den Betonwänden zurückgeworfen wurde, und das Gefühl, als könnte ihr Dach jeden Moment abrasiert werden. Jedes Mal, wenn der Camper wieder ans Tageslicht kam, stieß sie einen Seufzer der Erleichterung aus.
Als sie Lytton erreichten, entpuppte sich der Ort als wesentlich kleiner als gedacht. Sie beschlossen weiterzufahren, bis sie eine belebtere Stadt fanden, in der sie Ocean und Blue absetzen konnten. Einen Ort mit einem netten Campingplatz und hoffentlich der Möglichkeit, dass sie sicher weiterreisen konnten. Sie fuhren noch eine Stunde, kamen durch einen kleinen Ort nach dem anderen, bis Tom auf ein Schild deutete, das eine Abzweigung zu einem See ankündigte.
»Da gibt es einen Rastplatz. Was haltet ihr von einer Pause? Wir könnten ein wenig angeln.« Im Rückspiegel schaute er zu dem jungen Paar. »Du könntest mir ein paar Dinge beibringen, Blue.«
»Haben wir denn genug Zeit dafür?«, fragte Blue.
»Das ist doch das Tolle an einer Campingtour. Wir können anhalten, wo immer wir wollen.« Tom war bereits dabei, abzubiegen. Alice starrte auf die Karte in ihrem Schoß, verwirrt von dem flatternden Angstgefühl in ihrer Magengrube. Warum machte es sie derart nervös, den Highway zu verlassen? War sie so eine Spielverderberin geworden? Der See war nicht weit weg vom Highway, und es wäre schön, dort auf die Toilette gehen zu können.
Rauer Asphalt wurde von Schotter abgelöst, und kurz darauf kamen sie an einem weiteren Hinweisschild auf den See vorbei. Tom rollte auf den Parkplatz – der bis auf einen Pick-up und einen blauen Trans Am leer war – und parkte den Camper parallel zum See, damit sie das Vordach ausfahren konnten. Alice stieg aus und schirmte die Augen mit der Hand vor der Sonne ab. Das Wasser war dunkelblau und so ruhig, dass sich der wolkenlose Himmel darin spiegelte. Überall wuchsen Bäume bis dicht ans Ufer, außer bei dem kleinen Strand am Rastplatz. In der Ferne konnte Alice die Silhouetten von zwei Männern mit Angelruten in einem roten Kanu erkennen. Die einzigen anderen Menschen waren ein Mann und eine Frau, die am anderen Ende des Strands im See schwammen. Alice vermutete, dass der blaue Trans Am ihnen gehörte. Von ihrem Platz aus konnte sie die Motorhaube und die Fahrertür mit dem geöffneten Fenster erkennen, ein lächelnder Smiley baumelte am Rückspiegel.
Blue und Tom nahmen den Angelkasten und die Ruten mit hinunter zum Strand. Ocean folgte ihnen mit ihrem Rucksack und Getränken. Alice wollte lieber im Schatten des Campers bleiben. Als Ocean ihr anbot, ihr Gesellschaft zu leisten, drängte Alice sie, mitzugehen und sich am und im Wasser zu amüsieren.
»Du kannst dir gerne im Camper den Badeanzug anziehen.«
»Mal sehen. Ich schaue erst einmal, wie kalt es ist.«
Alice setzte sich in ihren Campingstuhl, um Erma Bombecks Ich stell’ mein Herz auf Sommerzeit zu lesen. Ihre Nachbarin hatte davon geschwärmt, wie witzig es sei, doch Alice stellte fest, dass sie denselben Satz immer wieder las. Schließlich benutzte sie das Buch als Fächer, um ihr Gesicht zu kühlen.
Ocean watete am Ufer im Wasser. Hin und wieder bückte sie sich und sammelte etwas aus dem Wasser auf. Steine, vermutete Alice. Ocean betrachtete sie auf der ausgestreckten Hand, schob ein paar in die Tasche ihres Hosenanzugs und warf die anderen zurück in den See.
Schließlich hatte sie genug vom Wasser und ging zu ihrem Rucksack. Sie zog ein Handtuch heraus, breitete es im Sand aus und legte sich auf den Rücken; ihr kleiner Bauch ragte in die Höhe. Alice schaute zu Blue und Tom. Mit einer raschen Bewegung des Handgelenks warfen sie ihre Angelschnüre aus.
Von der Hitze wurde Alice ganz schläfrig. Sie schloss die Augen und nickte immer wieder ein. Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie so gedöst hatte, als sie Stimmen und das Schlagen einer Autotür hörte. Das Paar aus dem Trans Am war zurückgekommen. Der Mann startete den Motor, aber sie blieben noch eine Weile im Wagen sitzen, unterhielten sich und hörten Musik. Alice erkannte den penetranten Geruch von Marihuana und rümpfte die Nase. Sie fächelte sich frische Luft zu und wandte sich ab. Der Fahrer wechselte von einem Radiosender zum nächsten. Statisches Rauschen, ein paar Sekunden Gitarrenmusik, dann die Stimme eines Nachrichtensprechers.
Simon Gray ist einundzwanzig Jahre alt und wird als hochgewachsen und schlank beschrieben. Er hat braunes Haar und braune Augen. Jenny Perron ist achtzehn Jahre alt, hat lange blonde Haare und blaue Augen. Sie könnten per Anhalter unterwegs sein.
Anhalter? War etwas passiert? Alice drehte den Kopf, um besser hören zu können, doch das Auto setzte bereits zurück, und der Auspuff röhrte laut. Sie bekam nur noch den Rest der Meldung mit.
Jeder, der Informationen über ihren Aufenthaltsort hat, wird dringend gebeten, sich mit der Polizei in Verbindung zu setzen.
In einer Staubwolke fuhr das Auto davon. Stirnrunzelnd schaute Alice zurück zum See. Blue stand bis zu den Knien im Wasser, und Ocean sonnte sich am Strand. Blue hatte braunes Haar und braune Augen. Ocean war blond, ihre Augen waren blau. Es konnten doch nicht die beiden sein, oder? Schweiß rann Alice den Nacken herunter. Sie wischte sich die Stirn ab. Warum die Polizei wohl nach dem Paar suchte? Vielleicht waren sie davongelaufen, und ihre Familien versuchten verzweifelt, sie zu finden. Nein, das ergab keinen Sinn. Auch hier in Kanada war man mit achtzehn und einundzwanzig nicht mehr minderjährig. Allerdings hatten sie im Radio nichts davon gesagt, dass das Mädchen schwanger sei. Das war ein wichtiges Detail. Es ging also um ein anderes Paar. Aber merkwürdig war es schon, dass sie nicht einmal ein Zelt dabeihatten. Blue redete nur ungern darüber, wo er lebte. Sie hatten seltsame Namen. Nein. Sie machte sich lächerlich. Wahrscheinlich waren gerade unzählige junge Leute unterwegs, auf die die Beschreibung passte.
Alice sah zu, wie Ocean aufstand und noch einmal in den See watete. Sie redete kurz mit Blue und Tom, dann machte sie kehrt, sammelte ihre Habseligkeiten am Strand ein und kehrte zum Camper zurück.
»Sie haben mich geschickt, damit ich dir beim Mittagessen helfe«, erklärte sie, als sie bei Alice ankam.
»Mittagessen? Jetzt schon?«
»Sie haben Hunger.« Mit einem schüchternen Lächeln zuckte sie die Achseln. Ihre Nase und die Wangen waren hübsch sonnengebräunt, auf den Schultern zeigten sich Sommersprossen. »Ich bin eine miserable Köchin. Aber ich kann gut Sandwiches machen.«
»Sandwiches sind prima.«
Im Camper holte Alice zwei Limonaden aus dem Kühlschrank und bot Ocean eine davon an. Sie trank ein paar Schlucke, dann drückte sie die kalte Flasche an ihre heißen Wangen. »Mir ist nach Ofenkartoffeln. Ich muss mich nur noch kurz abkühlen. Könntest du inzwischen die Brotscheiben auslegen?«
»Klar.« Ocean nahm den Brotlaib, aber dann merkte sie, dass er noch nicht aufgeschnitten war, und starrte die Messer im hölzernen Messerblock an.
»Das Sägemesser ist das beste.«
Ocean begann zu schneiden, aber sie drückte das Messer nur in das Brot, anstatt es tatsächlich zu schneiden, sodass jede Scheibe zerquetscht und unterschiedlich dick wurde. Sie schaute Alice an.
»Ich vermurkse es total.«
»Schon in Ordnung. Ich mache es gleich.«
»Tut mir leid.« Mit hängenden Schultern trat Ocean vom Brot zurück.
»Das braucht dir nicht leidzutun. Du könntest Limonade machen. Wir haben eine Dose Sirupkonzentrat dabei.« Sie deutete auf den Kühlschrank. »Und im Geschirrschrank steht ein Krug.«
»Das kriege ich hin.« Ocean suchte alles zusammen, während Alice das Brot fertig aufschnitt, eine Dose Thunfisch öffnete und sie in eine Schüssel leerte.
Ocean beobachtete sie von ihrem Platz neben der Spüle. »Was machst du da?«
»Thunfischsalat.« Als Ocean sie neugierig ansah, erklärte Alice: »Ich mag ihn gerne mit gewürfelten Gurken, Sellerie, Mayonnaise, Zitronensaft und einem Teelöffel Senf. Wenn du keine Gurken hast, kannst du auch Würzsoße nehmen. Thunfisch mit Käse überbacken ist auch lecker.«
»Das habe ich noch nie gegessen.«
»Nicht? Das geht ganz schnell und einfach.«
»Ich würde es wahrscheinlich anbrennen lassen«, sagte Ocean fast entschuldigend. »Meine Mom hat immer gekocht. Ich wollte es lernen, aber sie mochte es nicht, wenn ich alles in Unordnung gebracht habe. Blue versucht jetzt, es mir beizubringen.«
Alice vermischte die Zutaten mit dem Thunfisch und dachte über das nach, was Ocean gerade gesagt hatte. Jetzt hatte sie schon zum zweiten Mal erwähnt, ihre Mom habe ihr etwas nicht erlaubt. Alice konnte verstehen, wenn eine Mutter Angst hatte, ihre Tochter könnte sich beim Sport verletzen, aber sie begriff nicht, warum sie ihrer Tochter nicht beigebracht hatte zu kochen – nur wegen etwas Unordnung. Vielleicht war Ocean zu jung gewesen.
»Darf ich dich etwas fragen?«, sagte Alice. »Wann hast du deine Eltern verloren?«
Ein paar Atemzüge lang sagte Ocean nichts. »Letztes Jahr. Ein Autounfall.«
Sie war also kein Kind mehr gewesen. Ihre Mutter musste ziemlich speziell gewesen sein. »Das tut mir sehr leid.«
»Danke.« Ocean rührte weiter die Limonade um, die sehr blass und dünn aussah, als hätte sie zu viel Wasser genommen, aber Alice wollte nicht, dass sie sich noch schlechter fühlte, indem sie sie darauf hinwies.
Toms und Blues Stimmen wurden lauter, als sie vom Strand zurückkamen. Als sie den Camper betraten, rochen sie nach See und Sonne. Toms lächelndes Gesicht war gerötet, das Haar feucht und zerzaust, und der Ausschnitt seines kurzärmeligen Hemdes war nass, als hätte er den Kopf in das kalte Wasser getaucht.
»Wie war das Angeln?«
»Wir haben ein paar erwischt, aber sie wieder zurückgeworfen«, sagte er. »Zu klein.«
Die Männer setzten sich an den Tisch, und Alice und Jenny trugen das Essen auf. Die Mahlzeit war unterhaltsam, denn Tom beschrieb, wie er ihre Angelschnüre verheddert und Blue mit einem Köder aufgespießt hatte. Alice musste lachen, doch dann hielt sie überrascht inne. Wann hatte sie das letzte Mal so gelacht? Vielleicht kam sie langsam aus dem dunklen Loch herausgekrochen, das sie verschluckt hatte.
Blue schien ebenfalls lockerer geworden zu sein und kommentierte Toms Geschichte, neckte ihn, weil er beim Auswerfen der Schnur fast ins Wasser gefallen wäre. Als Tom ihm freundschaftlich auf den Rücken klopfte und ihn ein Angelgenie nannte, lächelte Blue und setzte sich ein wenig aufrechter hin.
Nach dem Essen räumten Alice und Ocean auf, während Tom und Blue in Toms Karte schauten.
»Kamloops scheint die nächste größere Stadt zu sein«, sagte Tom.
»Dort könnt ihr uns rauslassen«, sagte Blue.
»Warum fahrt ihr nicht bis Salmon Arm mit uns?«, schlug Tom vor. »Das ist nur zwei Stunden weiter, und wir haben da einen netten Campingplatz am Shuswap Lake.«
Alice wandte sich von der Spüle ab; vom Schwamm lief das Seifenwasser an ihrem Arm hinunter. Lud er die beiden etwa schon wieder ein, bei ihnen zu übernachten, ohne vorher mit ihr darüber zu reden?
»Ihr habt uns bereits viel zu viel geholfen«, sagte Blue. »Wir kommen schon zurecht.«
»Da in der Nähe gibt es Weingüter. Hausboote. Vielleicht findet ihr dort für die Saison Arbeit.«
»Es wäre nett, etwas Geld zu verdienen«, sagte Ocean mit Blick auf Blue.
»Macht es dir wirklich nichts aus, Tom?«
»Ich helfe gerne. Wir können im Shuswap angeln. Vielleicht fangen wir das nächste Mal einen!« Tom lachte, und Alice lächelte unwillkürlich, als sie sich umdrehte, um den Rest des Geschirrs zu spülen. Es war schwierig, Tom länger böse zu sein, wenn er so begeistert war, jemanden gefunden zu haben, der seine Interessen teilte.
»Ich zeige dir, wie man den Fisch mit Butter in der Pfanne brät«, sagte Blue, und Alice fiel erneut auf, wie schnell er sich von dem stillen, argwöhnischen Jungen, den sie auf dem Campingplatz kennengelernt hatten, in diesen freundlichen jungen Mann verwandelt hatte.
»Alice? Ist alles in Ordnung?«, fragte Ocean.
»Es wäre schön, wenn ihr noch eine Nacht bleiben würdet.« Und dieses Mal meinte sie es ernst. Die Gegenwart des jungen Paares entpuppte sich als gute Ablenkung.
»Wunderbar.« Tom strahlte sie an. »Das Abenteuer geht weiter.«
* * *
Als sie wieder auf dem Highway waren, fragte Blue Tom über Seattle aus, und er erzählte ihnen vom Pike Place Market, von der Space Needle und der Boeing-Fabrik, was in einer Diskussion über das Militär und den Vietnamkrieg mündete. Blue fragte Tom, ob er gedient habe, doch zum Glück war er nie eingezogen worden. Aber Tom war zutiefst erschüttert gewesen, als zwei ehemalige Schüler von ihm getötet worden waren.
Als sie sich Kamloops näherten, veränderte sich die Landschaft. Weites Grasland und mit Salbei bewachsene sanfte Hügel empfingen sie. Tom und Blue redeten wieder davon, im Shuswap Lake zu angeln, der laut Tom fünfundfünfzig Meilen lang war und vier verschieden Arme hatte. Sie überlegten gerade, welche Ausrüstung am besten wäre, als Alice an Blues Versprechen dachte, einen Fisch für das Abendessen zu braten. Und was sollte sie zum Frühstück machen? Schon wieder Pfannkuchen? Vielleicht waren ihnen Getreideflocken lieber? Alice entdeckte einen Eckladen mit einer rot-weiß gestreiften Markise und Körben mit frischem Obst vor der Tür.
»Können wir anhalten?«, bat sie. »Wir brauchen Milch.«
Tom schaute kurz in ihre Richtung. »Klar.«
Er fuhr auf den Parkplatz, und Alice nahm ihre Handtasche. »Bin gleich wieder da.«
Eine Glocke klingelte, als sie die Tür aufstieß. Der blonde Teenager, der am Tresen arbeitete, hatte eine frische Gesichtsfarbe und diesen typischen Kleinstadt-Bürstenhaarschnitt. Die Nase war mit Sommersprossen übersät, die Arme in der kurzärmligen roten Uniform sonnengebräunt. Er blätterte durch eine Zeitschrift, offenbar ein Automagazin.
Er blickte auf. »Willkommen im Sam’s.«
Alice nickte, und ihr Blick fiel auf den Zeitungsständer. Auf der Titelseite prangte ein Bild einiger Olympia-Athleten, darunter die Schlagzeile über einen afrikanischen Boykott. Würde das den Wettkampfplan durcheinanderbringen? Sie nahm eine Ausgabe und überflog den Artikel. Der Junge räusperte sich vernehmlich.
Alice schob fünfundzwanzig Cent über den Tresen und lief zerstreut den Gang hinunter zu den Kühlregalen mit den Milchprodukten im hinteren Teil des Ladens, immer noch lesend. Tansania hatte seine Mannschaft aus Protest gegen das neuseeländische Rugbyteam zurückgezogen, das durch den Apartheidstaat Südafrika getourt war. Sie blätterte die Seite um und blieb stehen, als ihr eine andere Schlagzeile auf der gegenüberliegenden Seite ins Auge fiel.
Verdächtige im Doppelmord von White Cliff gesucht.
Darunter waren zwei Schwarz-Weiß-Fotos abgedruckt. Förmliche Shorts, wie man sie in der Highschool für das Foto im Jahrbuch trägt, steife Körperhaltung, das Haar säuberlich zurückgekämmt, ein leichter Schimmer von Lipgloss auf den Lippen des Mädchens, dessen Wimpern von der Wimperntusche ganz spitz waren. Sie trug kleine goldene Ohrringe, ihr helles Haar in der Mitte gescheitelt. Der Junge lächelte nicht in die Kamera, sondern schaute stur geradeaus, seine dunklen Augen blickten ernst.
Ocean und Blue.